
Maya - Fidus der letzte Löwe Simmerings
Es gab eine Zeit, da erzählten sich die Tiere rund um Simmering Geschichten. Von geheimnisvollen Orten, mutigen Tieren und vertrauenswürdigen Menschen. Die meisten klangen wie Märchen. Doch eine war wahr.
Sie handelte von Fidus, einem Löwen. Niemand wusste, wie alt er war. Sein goldenes Fell glänzte selbst an grauen Tagen, seine bernsteinfarbenen Augen strahlten Ruhe und Wachsamkeit aus. Wer ihn sah, spürte sofort: Dieser Löwe hatte vielerlebt. Er war stark, aber nicht stolz. Vorsichtig, doch nie feige. Obwohl er der König der Tiere hätte sein können, begegnete er jedem Lebewesen mit Respekt.
Fidus war der letzte Löwe in Simmering. Doch das war nicht immer so. Vor Jahren lebte er mit seiner Familie in einem kleinen Tierpark in einem großen Wald in Ungarn. Der Park war einst ein liebevoll geführter Zoo: gepflegte Gehege, frisches Wasser, reichlich Futter und Menschen, die sich kümmerten.
Kinder lachten, wenn sie die Löwen sahen. Die Pfleger kannten jedes Tier beim Namen. Doch eines Tages änderte sich alles. Der Besitzer des Zoos geriet in finanzielle Not. Nach und nach verließen die Angestellten den Park. Das Futter kam unregelmäßig, Reparaturen blieben aus. Zäune rosteten, Dächer wurden undicht, Wasserleitungen brachen. Schließlich schloss der Zoo.
Niemand fühlte sich mehr verantwortlich. Viele Tiere warteten vergeblich auf Hilfe. Sie verhungerten oder starben an Krankheiten. Manche Gehege standen offen, andere blieben verschlossen. Einige Tiere flohen, viele nicht. Zu allem Unglück erkrankten die Löwen an einer seltsamen Krankheit. Zuerst verlor ein Tier den Appetit, dann bekam es Fieber, wurde schwächer und starb binnen weniger Tage. Niemand wusste, was die Krankheit auslöste. Bald war fast das gesamte Rudel betroffen.
Fidus musste zusehen, wie seine Eltern, Geschwister und die anderen Löwen starben. Oft blieb er an ihrer Seite, legte sich zu ihnen und hoffte, sie würden genesen. Doch einer nach dem anderen erlag der Krankheit. Warum Fidus selbst verschont blieb, blieb ein Rätsel. Vielleicht war es Widerstandskraft, vielleicht ein Wunder. Als auch die letzten Pfleger verschwanden, blieb Fidus allein zurück. Hungrig, erschöpft und schwach schien sein Ende nah.
Doch manchmal entscheidet ein Zufall über das Schicksal. Eines Morgens fuhr ein Geländewagen durch den Wald. Am Steuer saß Dr. Honimus, ein Tierarzt mit ruhiger Stimme, freundlichen Augen und unermüdlichem Einsatz für Tiere. Er leitete seit Kurzem eine besondere Tierklinik im Schloss Neugebäude. Das historische Gebäude war zu einer modernen Klinik umgebaut worden, die verletzte, kranke oder geschwächte Wildtiere aufnahm, behandelte und pflegte.
Sobald sie gesund waren, brachte Dr. Honimus sie zurück in die Natur. Als er vom verlassenen Zoo hörte, machte er sich sofort auf den Weg. Was er dort vorfand, erschütterte ihn. Leere Gehege, verlassene Spuren, verfallene Anlagen. Zwischen überwucherten Wegen entdeckte er schließlich einen ausgemergelten Löwen. Fidus. Der Löwe hob kaum den Kopf. Seine Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab, die Mähne war ungepflegt. Doch als sich ihre Blicke trafen, erkannte Dr. Honimus:
Dieser Löwe hatte nicht aufgegeben. Vorsichtig näherte er sich, sprach beruhigend auf ihn ein und stellte frisches Wasser bereit. Mit seinem kleinen Rettungsteam organisierte er den schwierigen Transport. Nicht nur Fidus wurde gerettet, auch andere Tiere konnten befreit werden. Im Schloss Neugebäude begann für Fidus ein neues Leben. Wo einst Angst herrschte, fand er nun Sicherheit.
Dr.Honimus untersuchte ihn gründlich, nahm Blutproben, kontrollierte sein Herz. Fidus erhielt Medikamente, Vitamine und gutes Futter. Tag für Tag gewann er an Kraft. Bald lief er wieder stolz durch das große Freigehege. Sein Fell glänzte, die Mähne wurde dichter, seine Schritte kräftiger. Doch in stillen Momenten dachte er oft an seine Familie. Abends saß er auf einem Hügel und blickte in die Ferne. Er vergaß nie, woher er kam. Vielleicht machte ihn gerade das so freundlich.
Im Schloss lebten immer mehr Tiere: verletzte Rehe, junge Füchse, Eulen mit gebrochenen Flügeln, Hasen, Igel, Waschbären, Marder, Wildkatzen, Störche, Greifvögel, Schildkröten, Schwäne, Eichhörnchen.
Jeden Morgen begann Dr.Honimus seinen Tag vor Sonnenaufgang. Er ging von Gehege zu Gehege, sprach mit den Tieren, verstand ihre Blicke, Bewegungen, ihr Verhalten. Oft wusste er, was ihnen fehlte, bevor die Untersuchung begann. Seine Arbeit sprach sich herum. Die Tiere erzählten von ihm. Ein verletzter Rabe berichtete den Krähen, die Krähen den Tauben, die Tauben den Spatzen, die Spatzen den Eichhörnchen. Bald wusste jedes Tier in der Umgebung: Das Schloss Neugebäude war ein sicherer Ort.
Auch Maya, eine kleine Chihuahua-Hündin, hörte davon. Neugierig, mutig und klüger, als viele dachten, lebte sie mit ihrer Familie in der Nähe des Schlosses. Sie liebte Spaziergänge und kam oft am Schloss vorbei. Eines Nachmittags blieb sie am Tor stehen. Sie beobachtete das Treiben: Ein Reh wurde verbunden, ein Igel gefüttert, eine verletzte Eule saß ruhig auf einem Ast. Alles wirkte friedlich. Dann sah sie Fidus. Der Löwe bemerkte die kleine Hündin sofort. Für einen Moment blickten sie einander an. Viele Hunde hätten Angst gehabt, doch Maya blieb stehen. Auch Fidus blieb ruhig. Langsam näherte er sich dem Zaun. Maya setzte sich hin. Keiner drohte, im Gegenteil:
Es war, als würden sich zwei völlig unterschiedliche Wesen auf Anhieb verstehen. Fidus legte sich hinter den Zaun, Maya wedelte vorsichtig mit dem Schwanz. Dr. Honimus beobachtete die Szene und lächelte.
„Das habe ich noch nie gesehen“, sagte er leise.
Von diesem Tag an kam Maya fast täglich. Sie setzte sich an den Zaun und erzählte Fidus mit fröhlichem Bellen von ihren Spaziergängen. Natürlich verstand der Löwe nicht jedes Geräusch, doch irgendwie verstanden sie sich. Nach einigen Wochen durfte Maya das Gelände betreten. Alle waren gespannt. Vorsichtig näherte sie sich Fidus. DerLöwe senkte den Kopf, Maya schnupperte an seiner Pranke. Dann stupste sie seine Nase an. Fidus schloss kurz die Augen. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft. Bald verbrachten sie jede freie Minute zusammen. Während Fidus in der Sonne lag, kletterte Maya über Baumstämme, jagte Schmetterlingen hinterher oder beobachtete die anderen Tiere.
Abends saßen sie oft gemeinsam auf dem Hügel und sahen schweigend den Sonnenuntergang. Für Fidus war Maya die erste Freundin, seit er seine Familie verloren hatte. Und Maya ahnte nicht, dass ihre Freundschaft bald auf eine harte Probe gestellt würde. Denn tief im Verborgenen lauerte eine unsichtbare Gefahr. Eine Krankheit, wie sie niemand zuvor erlebt hatte. Noch ahnte im Schloss niemand, dass diese Bedrohung alles verändern würde.
Der Sommer tauchte Simmering in warmes Licht. Rund um das Schloss blühten Wiesen, Bienen summten, Eidechsen sonnten sich auf den Mauern. Für viele Tiere war das Schloss ein Ort ohne Angst geworden. Wie immer begann Dr.Honimus seinen Rundgang vor Sonnenaufgang. Er kontrollierte Gehege, wechselte Verbände, bereitete Futter vor und untersuchte die Tiere. Unterstützt wurde er von Pflegern und freiwilligen Helfern, die seine Liebe zu den Tieren teilten.
Maya war fast täglich im Schloss. Die Eichhörnchen begrüßten sie, die Hasen hüpften ihr entgegen, selbst die scheuen Rehe hatten sich an sie gewöhnt. Und Fidus wartete jeden Morgen auf sie. Sobald sie durch das Tor kam, hob er den Kopf und brummte tief. Für andere klang es wie ein Knurren, doch Maya wusste: Es war sein „Guten Morgen“.
„Da bin ich wieder! “, bellte sie fröhlich.
Fidus schüttelte seine Mähne.
„Ich habe schon auf dich gewartet. “
Ihre Freundschaft wuchs. Wenn Maya mit Dr. Honimus über das Gelände lief, begleitete Fidus sie von der anderen Seite des Geheges. Es wirkte, als spazierten sie zusammen. Viele Tiere beobachteten die beiden bewundernd.
„Wer hätte gedacht, dass ein Löwe und ein Chihuahua beste Freunde werden? “, fragte ein alter Uhu.
„Freundschaft kennt keine Größe“, antwortete eine kluge Hirschkuh.
Dr. Honimus hörte diese Worte nicht. Hätte er sie verstanden, hätte er genickt. Eines Morgens brachte ein Förster ein verletztes Reh in die Klinik. Es hatte sich an einem alten Stacheldraht schwer verletzt. Mit ruhiger Hand versorgte Dr.Honimus die tiefen Wunden. Maya saß während der Behandlung neben dem Reh. Vorsichtig legte sie ihre kleine Pfote auf dessen Vorderbein. Das verängstigte Tier beruhigte sich sofort.
„Du bist wirklich eine kleine Helferin“, sagte Dr. Honimus lächelnd.
Von diesem Tag an durfte Maya ihn noch öfter begleiten. Sie störte nie. Im Gegenteil: Oft bemerkte sie Dinge, die den Menschen entgingen. Einmal fand sie einen jungen Igel unter einem Busch. Ein anderes Mal hörte sie das leise Piepsen eines verletzten Vogels, den niemand entdeckt hätte. Dr. Honimus begann, ihrer feinen Nase und ihrem Gespür zu vertrauen.
„Du bist vielleicht keine Tierärztin“, sagte er schmunzelnd, „aber ohne dich würde ich manche Patienten gar nicht finden.“
Maya wedelte stolz mit dem Schwanz. Sie war glücklich. Nicht nur Fidus hatte eine neue Familie gefunden. Auch sie fühlte sich im Schloss zu Hause. Doch während alle glaubten, der Frieden sei endlich zurückgekehrt, geschah etwas Merkwürdiges. Zunächst fiel es kaum auf. Ein Fuchs fraß plötzlich wenig. Einige Tage später wirkte eine junge Wildkatze müde. Dann bekam ein Waschbär hohes Fieber. Dr. Honimus runzelte die Stirn.
„Das gefällt mir nicht. “
Er untersuchte die Tiere gründlich, fand aber keine Ursache. Die Blutwerte waren ungewöhnlich, passten jedoch zu keiner bekannten Krankheit.
„Vielleicht nur ein Zufall“, meinte eine Pflegerin.
Dr. Honimus schüttelte den Kopf.
„Ich hoffe es. “
Am nächsten Tag meldeten sich weitere Patienten. Eine Eule konnte kaum noch fliegen. Ein Dachs war schwach. Zwei junge Rehe lagen apathisch im Gras. Jetzt wurde Dr. Honimus ernst. Er richtete sofort einen Quarantänebereich ein. Kranke Tiere wurden von gesunden getrennt. Gehege wurden gereinigt, Werkzeuge desinfiziert. Niemand durfte ohne Schutzkleidung zu den erkrankten Tieren. Maya beobachtete alles aufmerksam.
„Ist etwas Schlimmes passiert? “, fragte sie Fidus.
Der Löwe blickte nachdenklich über das Gelände.
„Ich weiß es nicht. Aber ich habe ein ungutes Gefühl. “
Maya dachte an Fidus’ Geschichte. An den verlassenen Zoo. An die Krankheit, die seine Familie ausgelöscht hatte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Glaubst du…“
Fidus schwieg lange.
„Ich hoffe, es ist nicht dieselbe Krankheit. “
Dr. Honimus arbeitete fast ohne Schlaf. Er schickte Proben an Labore, telefonierte mit Tierärzten aus Österreich, Deutschland und Ungarn. Niemand konnte ihm sagen, womit er es zu tun hatte. Währenddessen sprach sich im Ort herum, dass viele Tiere im Schloss krank waren. Anfangs sorgten sich die Menschen.
„Der Doktor ist erfahren. “
„Er wird das schaffen. “
Doch nicht alle dachten so. Einige tuschelten.
„Vielleicht hätte man die Wildtiere gar nicht aufnehmen dürfen. “
„Wer weiß, welche Krankheiten sie eingeschleppt haben. “
„Vielleicht ist das Schloss gefährlich. “
Die Gerüchte verbreiteten sich schneller als die Wahrheit. Ein Mann behauptete auf dem Marktplatz, das Schloss sei eine Gefahr für Simmering. Eine Frau warnte, die Krankheit könne auf Haustiere übergehen. Andere forderten, die Tiere einzuschläfern. Niemand wusste, ob etwas davon stimmte. Doch Angst ließ viele nicht mehr klar denken. Im Schloss bemerkten die Tiere die Veränderung. Spaziergänger blieben vor dem Tor stehen. Manche schauten besorgt, andere misstrauisch. Einige machten Fotos und diskutierten laut.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Maya.
Fidus nickte.
„Die Menschen haben Angst. “
„Aber Dr. Honimus tut doch alles. “
„Ja. “
„Warum glauben sie ihm nicht? “
Fidus antwortete leise:
„Weil Angst lauter ist als Vernunft. “
Die Krankheit breitete sich aus. Zum Glück starb kein Tier, doch immer mehr wurden schwach. Dr. Honimus arbeitete Tag und Nacht. Seine Augen waren gerötet, er vergaß oft zu essen. Maya brachte ihm Wasser oder setzte sich schweigend neben ihn.
„Du musst auf dich achten“, sagte sie eines Abends.
Der Tierarzt lächelte müde.
„Wenn du krank wirst, kannst du niemandem mehr helfen. “
Diese Worte ließen ihn innehalten. Zum ersten Mal machte er eine Pause. Er setzte sich auf eine Holzbank im Innenhof. Fidus legte sich neben ihn, Maya sprang auf die Bank. Für einen Moment schwiegen alle drei. Nur das Zwitschern der Vögel war zu hören.
„Egal, was passiert“, sagte Dr. Honimus schließlich, „ich werde kein Tier aufgeben. “
Fidus sah ihn ernst an.
„Und wir lassen dich nicht allein. “
Natürlich verstand Dr. Honimus diese Worte nicht. Doch er spürte, was der Löwe meinte. Wenige Tage später traf der erste Laborbericht ein. Mit zitternden Händen öffnete Dr. Honimus den Umschlag. Sein Gesicht wurde ernst.
„Das… das kann nicht sein. “
Eine Pflegerin trat näher.
„Was steht drin? “
„Es ist ein kaum erforschter Erreger. “
„Ist er gefährlich? “
„Ja. Sehr gefährlich. “
„Aber…“ „…wir wissen nicht, woher er kommt. “
Draußen wurden Stimmen laut. Vor dem Schlosstor hatte sich eine Gruppe versammelt. Einige trugen Schilder, andere riefen durcheinander.
„Schließt die Tierklinik! “
„Die Tiere müssen weg! “
„Ihr bringt Krankheiten nach Simmering! “
Maya erschrak. Fidus sprang auf. Dr. Honimus eilte zum Tor. Er ahnte nicht, dass dies erst der Anfang eines Konflikts war, der das Schicksal aller Tiere im Schloss verändern würde.
Am nächsten Morgen lag eine bedrückende Stille über Schloss Neugebäude. Normalerweise weckten Amseln, Spechte und Spatzen den Tierarzt. Doch an diesem Morgen klangen selbst die Vögel vorsichtig. Die Ereignisse des Vortags hatten alle erschüttert. Vor dem Tor hatten Menschen lautstark gefordert, die Klinik zu schließen. Sie beschimpften Dr. Honimus, obwohl niemand ihm eine Schuld nachweisen konnte. Maya hatte kaum geschlafen. Sie lag zusammengerollt auf ihrer Decke und dachte an die wütenden Gesichter.
„Warum sind Menschen so gemein? “, fragte sie leise.
Fidus, der im Freigehege wach geblieben war, blickte in den heller werdenden Himmel.
„Nicht alle Menschen sind böse“, sagte er ruhig.
„Viele haben Angst. Und Angst verändert sie. “
„Aber Dr. Honimus hilft doch allen. “
„Das wissen wir. “
„Warum glauben sie ihm nicht? “
Fidus dachte nach.
„Weil manche schneller auf Gerüchte hören als auf die Wahrheit. “
Maya schwieg. Sie wollte das nicht verstehen. Für sie war Dr. Honimus der freundlichste Mensch, den sie kannte. Er half jedem Tier, egal ob groß, klein, wild oder scheu. Nie fragte er, ob sich seine Arbeit lohnte. Für ihn war jedes Leben wertvoll. Kurz nach Sonnenaufgang begann er erneut mit seinen Untersuchungen. Müde, mit tief liegenden Augen, arbeitete er konzentriert weiter.
„Wie geht es dem Dachs? “
„Das Fieber ist etwas gesunken“, berichtete eine Pflegerin.
„Und die Wildkatze? “
„Sie hat heute Morgen zum ersten Mal wieder etwas gefressen. “
Dr. Honimus nickte erleichtert.
„Das ist ein gutes Zeichen. “
Gleichzeitig brachten Helfer zwei neue Tiere. Ein Bussard lag völlig entkräftet da. Außerdem brachte ein Förster ein junges Rehkitz, das kaum noch stehen konnte.
„Noch zwei Patienten“, murmelte der Tierarzt.
„Die Krankheit breitet sich weiter aus. “
Er untersuchte beide Tiere sofort. Er verglich ihre Blutwerte mit den bisherigen Ergebnissen. Allmählich erkannte er ein Muster. Die Krankheit schien ansteckend, verlief aber bei jeder Tierart anders. Einige Tiere bekamen hohes Fieber, andere litten unter Schwäche, wieder andere verloren vorübergehend ihren Orientierungssinn. Doch eines verband sie: Alle hatten sich in den vergangenen Tagen in der Nähe eines kleinen Waldstücks südlich des Schlosses aufgehalten.
„Das ist interessant“, sagte Dr. Honimus nachdenklich.
Er markierte den Ort auf einer großen Karte.
„Vielleicht liegt dort die Ursache. “
Maya beobachtete ihn aufmerksam. Als Dr. Honimus kurz das Behandlungszimmer verließ, sprang sie auf den Stuhl und betrachtete ebenfalls die Karte.
„Fidus! “
Der Löwe kam langsam näher.
„Siehst du den roten Kreis? “
„Ja. “
„Dort waren offenbar alle kranken Tiere. “
Fidus legte nachdenklich die Ohren an.
„Dann sollten wir uns diesen Ort ansehen. “
„Aber allein? “
„Natürlich nicht. “
Am Nachmittag bat Dr. Honimus zwei Förster, das Waldstück zu untersuchen. Auch sie fanden zunächst nichts Auffälliges. Keine verletzten Tiere, keine verdorbenen Pflanzen, keine giftigen Stoffe, keine abgestellten Fässer. Alleswirkte völlig normal.
„Merkwürdig“, sagte einer der Förster.
„Hier sieht alles gesund aus. “
Doch Fidus blieb skeptisch. Löwen besitzen einen ausgezeichneten Geruchssinn. Schon seit einigen Tagen nahm er einen seltsamen Geruch wahr. Sehr schwach, fast unmerklich.
„Riechst du das? “, fragte er Maya.
Die kleine Chihuahua-Hündin schnupperte aufmerksam. Sie drehte den Kopf nach links, dann nach rechts. Plötzlich blieb sie stehen.
„Ja. “
„Da ist etwas. “
„Es riecht irgendwie… metallisch. “
„Und gleichzeitig bitter. “
Fidus nickte.
„Genau. “
Die beiden beschlossen, den Waldrand genauer zu untersuchen. Sie mussten vorsichtig sein. Dr. Honimus hätte nie erlaubt, dass Maya allein durch den Wald streift. Deshalb blieb sie immer in Sichtweite des Schlosses. Währenddessen suchte Fidus vom Gehege aus aufmerksam die Umgebung ab. Plötzlich entdeckte Maya etwas. Zwischen dichtem Gebüsch verlief ein schmaler Trampelpfad. Er wirkte frisch benutzt.
„Hier war jemand. “
Sie folgte vorsichtig den Spuren. Nach wenigen Metern fand sie mehrere Reifenspuren im weichen Boden.
„Autos? “
In diesem Teil des Waldes fuhren normalerweise keine Fahrzeuge. Das machte Maya stutzig. Gerade als sie weitergehen wollte, hörte sie Stimmen. Schnell versteckte sie sich hinter einem umgestürzten Baum. Zwei Männer standen einige Meter entfernt.
„Hat jemand etwas bemerkt? “, fragte der eine.
„Noch nicht. “
„Gut. “
„Wir dürfen auf keinen Fall entdeckt werden. “
„Die Tiere werden ohnehin für alles verantwortlich gemacht. “
„Deswegen interessiert sich auch niemand für uns. “
Maya hielt den Atem an. Wovon redeten die beiden? Bevor sie mehr hören konnte, stiegen sie in einen Lieferwagen und fuhren davon. Maya prägte sich das Fahrzeug genau ein. Es war weiß, an der Seite prangte ein grünes Firmenlogo. Doch aus ihrer Entfernung konnte sie den Namen nicht lesen. Sofort lief sie zurück zum Schloss.
„Fidus! “
Der Löwe blickte sie aufmerksam an.
„Ich glaube, ich habe etwas Wichtiges entdeckt. “
Sie erzählte ihm alles: von den Reifenspuren, den Männern, ihren geheimnisvollen Worten. Fidus wurde ernst.
„Wenn das stimmt, dann hat die Krankheit vielleicht gar nichts mit dem Schloss zu tun. “
„Genau das habe ich auch gedacht. “
„Aber wir brauchen Beweise. “
Am Abend setzte sich Dr. Honimus erschöpft an seinen Schreibtisch. Vor ihm lagen Laborberichte aus Österreich, Deutschland und Ungarn. Alle bestätigten dasselbe: Der Erreger war äußerst ungewöhnlich. Doch niemand wusste, woher er kam. Plötzlich klopfte es an der Tür. Zwei Beamte der Veterinärbehörde traten ein.
„Guten Abend, Herr Doktor. “
„Guten Abend. “
„Wir müssen einige Fragen stellen. “
„Natürlich. “
„Uns liegen Beschwerden aus der Bevölkerung vor. “
Dr. Honimus nickte langsam. Damit hatte er gerechnet.
„Uns wurde berichtet, dass Ihre Klinik möglicherweise der Ursprung der Krankheit sein könnte. “
„Das ist nicht richtig. “
„Können Sie das beweisen? “
Dr. Honimus schwieg einen Moment.
„Noch nicht. “
„Aber ich arbeite Tag und Nacht daran. “
Die Beamten sahen sich im Behandlungsraum um. Sie prüften die Hygienevorschriften, kontrollierten die Quarantänestation, betrachteten sämtliche Unterlagen. Schließlich sagte einer von ihnen:
„Nach dem derzeitigen Stand finden wir keine Hinweise darauf, dass Sie fahrlässig gehandelt haben. “
Dr. Honimus atmete erleichtert auf. Doch der zweite Beamte ergänzte:
„Trotzdem müssen wir die Untersuchungen fortsetzen. “
„Bis die Ursache eindeutig geklärt ist. “
Nachdem die Beamten gegangen waren, ließ sich Dr. Honimus müde auf seinen Stuhl sinken.
„Ich hoffe nur, dass wir die Wahrheit rechtzeitig finden. “
Draußen wurde es bereits dunkel. Maya legte sich vor seine Füße. Fidus beobachtete die Szene vom Freigehege aus. Alle drei wussten, dass die kommenden Tage entscheidend sein würden. Doch noch ahnte niemand, dass sich im Wald ein Geheimnis verbarg, das weit größer war als eine unbekannte Krankheit.
Über dem Schloss Neugebäude hingen schwere, dunkle Wolken. Ein kühler Wind strich durch die alten Bäume, und selbst die Vögel sangen nur noch selten. Die Tiere spürten, dass sich etwas Entscheidendes anbahnte. Dr. Honimus hatte in den vergangenen Tagen kaum noch Zeit zum Ausruhen gefunden. Jede freie Minute widmete er Untersuchungen, Laborberichten und Gesprächen mit Fachleuten. Obwohl einige Tiere inzwischen erste Anzeichen einer Besserung zeigten, erkrankten immer wieder neue Patienten. Die Quarantänestation war fast vollständig belegt. Trotzdem gab Dr.Honimus die Hoffnung nicht auf.
„Solange auch nur ein Tier Hilfe braucht, werde ich weitermachen“, sagte er eines Morgens zu seinem Pflegepersonal.
Alle nickten. Sie wussten, dass sie einen außergewöhnlichen Tierarzt vor sich hatten. Doch außerhalb der Schlossmauern wuchs die Anspannung. Vor dem Eingang standen inzwischen fast täglich Menschen. Einige wollten nur wissen, wie es den Tieren ging. Andere brachten sogar Futterspenden oder Decken vorbei.
„Lasst euch nicht unterkriegen! “, rief eine ältere Frau den Pflegern zu.
„Ihr macht eine wunderbare Arbeit. “
Solche Worte gaben allen neue Kraft. Doch es gab auch jene, die das Gegenteil wollten. Immer wieder erschienen Menschen mit Schildern.
„Schließt die Tierklinik! “
„Keine Wildtiere mehr im Schloss! “
„Unsere Sicherheit geht vor! “
Manche schrien so laut, dass selbst die Rehe im Gehege erschrocken davonliefen. Maya beobachtete alles mit traurigem Blick.
„Warum können die Menschen nicht erst die Wahrheit abwarten? “
Fidus antwortete ruhig:
„Weil Geduld schwerfällt, wenn Angst das Herz beherrscht. “
Am selben Nachmittag beschloss Maya, noch einmal zu dem kleinen Waldstück zu gehen, in dem sie die geheimnisvollen Reifenspuren entdeckt hatte. Sie wollte vorsichtig sein. Sie wartete, bis Dr. Honimus mit einer Untersuchung beschäftigt war. Dann schlüpfte sie durch einen kleinen Seitenausgang des Schlossparks. Fidus konnte ihr wegen seines großen Freigeheges nicht folgen. Doch er rief ihr nach:
„Pass gut auf dich auf! “
„Versprochen! “
Maya lief den bekannten Weg entlang. Schon bald erreichte sie den Waldrand. Alles schien ruhig. Doch plötzlich nahm sie wieder denselben merkwürdigen Geruch wahr: metallisch, bitter, irgendwie künstlich. Sie folgte ihrer feinen Nase. Immer tiefer führte sie der Geruch zwischen die Bäume. Nach einigen Minuten entdeckte sie etwas Seltsames. Hinter dichtem Gebüsch lag ein alter, halb verfallener Schuppen.
Von außen wirkte er verlassen. Die Fenster waren verschmutzt, das Dach an mehreren Stellen eingestürzt. Doch vor der Tür lagen frische Reifenspuren.
„Hier stimmt etwas nicht“, dachte Maya.
Vorsichtig schlich sie näher. Durch einen Spalt in der Holzwand spähte sie ins Innere. Dort standen mehrere große Kunststoffbehälter, einige mit Warnsymbolen versehen. Daneben lagen Schläuche, Kanister und Werkzeuge.
Plötzlich hörte Maya Stimmen. Sie duckte sich sofort. Die beiden Männer, die sie schon einmal gesehen hatte, betraten den Schuppen.
„Wir müssen den Rest heute Nacht wegbringen“, sagte der größere der beiden.
„Bevor jemand etwas merkt. “
„Und wenn doch? “
„Keine Sorge. “
„Alle glauben ohnehin, dass die Tiere im Schloss die Krankheit verbreiten. “
„Niemand wird nach uns suchen. “
Maya erschrak. Jetzt war sie sich sicher: Diese Männer hatten etwas mit der ganzen Sache zu tun. Doch sie musste mehr erfahren. Leise kroch sie um den Schuppen herum. Auf der Rückseite entdeckte sie ein dünnes Rohr. Aus ihm tropfte langsam eine trübe Flüssigkeit. Sie floss direkt in einen kleinen Bach. Maya erinnerte sich sofort daran, dass viele Tiere genau an diesem Bach tranken.
„Das ist es! “
Ihr Herz schlug schneller.
„Deshalb sind so viele Tiere krank geworden. “
Sie wagte sich noch etwas näher heran. Dabei bemerkte sie einen Aufkleber auf einem der Behälter. Sie konnte die Buchstaben zwar nicht lesen, aber sie erkannte ein großes Gefahrensymbol. Im selben Augenblick knackte ein Ast unter ihrer Pfote.
„Hast du das gehört? “, fragte einer der Männer.
„Da draußen ist etwas! “
Die Tür wurde aufgerissen. Maya rannte los.
„Da ist ein Hund! “
„Schnappt ihn! “
Die Männer jagten hinter ihr her. Maya war klein und wendig. Sie schlüpfte unter umgestürzten Ästen hindurch, sprang über Wurzeln, raste durch dichtes Gebüsch. Doch die Männer kamen immer näher.
„Bleib stehen! “
Natürlich dachte Maya nicht daran. Endlich erreichte sie eine Lichtung. In der Ferne sah sie bereits das Schloss. Doch zwischen ihr und dem Schloss lag noch ein freies Feld. Jetzt konnten die Männer sie deutlich sehen.
„Da vorne! “
„Sie darf nicht entkommen! “
Maya gab alles. Ihre kleinen Beine liefen so schnell, wie sie nur konnten. Im Schloss bemerkte Fidus die Aufregung. Er hörte Mayas Bellen. Sofort sprang er auf. Auch Dr. Honimus blickte zum Tor.
„Das klingt nach Maya! “
Im nächsten Augenblick schoss die kleine Chihuahua-Hündin durch das offene Eingangstor. Keuchend blieb sie vor Dr.Honimus stehen. Sie bellte immer wieder in Richtung Wald.
„Was ist denn los? “
Maya drehte sich um, bellte erneut, lief ein paar Meter, kam wieder zurück. Dr. Honimus kannte dieses Verhalten. Immer wenn Maya etwas Wichtiges entdeckt hatte, versuchte sie ihn so aufmerksam zu machen.
„Du möchtest, dass ich dir folge? “
Maya bellte laut.
„Dann los! “
Zusammen mit zwei Förstern machte sich Dr. Honimus sofort auf den Weg. Fidus beobachtete die Gruppe angespannt aus seinem Gehege. Er hätte am liebsten mitgeholfen. Wenig später erreichten sie den alten Schuppen. Doch die beiden Männer waren verschwunden. Nur ihre Reifenspuren blieben zurück. Dr. Honimus untersuchte die Behälter. Sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Das darf doch nicht wahr sein. “
„Was ist passiert? “, fragte einer der Förster.
„Hier wurden offenbar chemische Abfälle gelagert. “
„Und sie sind ausgelaufen. “
Er kniete sich an den kleinen Bach und nahm eine Wasserprobe. Nach wenigen Minuten sah er ernst auf.
„Jetzt ergibt alles einen Sinn. “
„Die Tiere haben aus diesem Bach getrunken. “
„Dadurch wurden sie geschwächt. “
„Und der seltene Krankheitserreger konnte sich viel leichter ausbreiten. “
„Das Schloss war nie der Ursprung. “
„Die Tiere waren Opfer. “
Die Förster verständigten sofort Polizei und Umweltbehörden. Das Gebiet wurde abgesperrt. Man entnahm Wasserproben und stellte die Behälter sicher. Noch in derselben Nacht begannen die Ermittlungen. Dr. Honimus kehrte mit Maya ins Schloss zurück. Er kniete sich vor die kleine Chihuahua-Hündin.
„Du hast heute vermutlich unzählige Tiere gerettet. “
Maya wedelte verlegen mit dem Schwanz. Fidus sah sie voller Stolz an.
„Ich wusste, dass du nicht aufgeben würdest. “
Doch obwohl endlich erste Beweise gefunden waren, war die Gefahr noch nicht vorbei. Die Verantwortlichen waren geflohen. Noch wusste niemand, wer sie waren. Und schon am nächsten Morgen sollte eine wichtige Entscheidung über die Zukunft der Tierklinik fallen, obwohl die Untersuchung noch nicht abgeschlossen war. Wenn die Behörden den Beweisen nicht glaubten oder die Schuldigen nicht rechtzeitig gefunden wurden, konnte das Schloss trotzdem geschlossen werden.
Für Dr. Honimus, Fidus, Maya und alle Tiere begann nun das bange Warten. Sie wussten, dass der nächste Tag über ihre Zukunft entscheiden würde. Niemand konnte sagen, ob am Ende Hoffnung oder Verzweiflung siegen würde. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als im Schloss Neugebäude schon hektische Betriebsamkeit herrschte. Niemand hatte in dieser Nacht richtig geschlafen.
Dr. Honimus saß bis in die frühen Morgenstunden an seinem Schreibtisch und schrieb Berichte über den Fund im Wald. Die Wasserproben, die Bodenproben und die Fotos der Behälter lagen ordentlich vor ihm. Er wollte für die bevorstehende Sitzung der Behörden auf jede Frage vorbereitet sein. Draußen war es ungewöhnlich still. Selbst die Tiere verhielten sich ruhig, als spürten sie, dass dieser Tag über ihre Zukunft entscheiden würde.
Maya lag zusammengerollt vor der Tür des Behandlungsraums. Obwohl sie erschöpft war, hielt sie die Ohren aufmerksam aufgerichtet. Fidus stand im ersten Licht des Morgens auf dem kleinen Hügel seines Geheges. Er blickte über das Schloss. Noch nie hatte er einen Ort so sehr sein Zuhause genannt wie diesen. Hier hatte er nach dem Verlust seiner Familie wieder Hoffnung gefunden. Hier hatte er Freunde gefunden. Hier hatte er gelernt, dass selbst nach großem Leid neues Glück entstehen konnte. Er wollte dieses Zuhause nicht verlieren.
Kurz nach acht Uhr fuhren mehrere Fahrzeuge durch das Schlosstor: Polizeiautos, Fahrzeuge der Umweltbehörde, Autos der Veterinärbehörde. Auch mehrere Wissenschaftler trafen ein. Dr. Honimus begrüßte alle freundlich. Man sah ihm seine Müdigkeit an, doch er sprach ruhig und sachlich.
„Vielen Dank, dass Sie so rasch gekommen sind. “
Gemeinsam gingen sie zum Besprechungsraum. Maya und Fidus warteten draußen.
„Meinst du, sie glauben ihm? “, fragte Maya leise.
Fidus schwieg einen Moment.
„Die Wahrheit braucht manchmal Zeit. Aber am Ende findet sie meistens ihren Weg. “
Während der Besprechung erklärten die Ermittler ihre ersten Ergebnisse. Die Wasserproben bestätigten den Verdacht. Im Bach fanden sie tatsächlich giftige chemische Rückstände. Diese Stoffe hatten das Immunsystem vieler Tiere geschwächt. Dadurch konnten sich Krankheitserreger leichter ausbreiten. Die Tierklinik selbst war jedoch nicht die Ursache. Im Gegenteil: Die Tiere waren bereits krank oder geschwächt ins Schloss gebracht worden. Erst dort konnten sie behandelt werden. Dr. Honimus hatte also unzähligen Tieren das Leben gerettet.
Ein Ermittler berichtete:
„Außerdem konnten wir in der Nacht die beiden Männer identifizieren, die sich gestern am Schuppen aufgehalten haben. “
Alle blickten gespannt zu ihm.
„Es handelt sich um Mitarbeiter einer Firma, die illegal gefährliche Abfälle entsorgt hat. Sie haben die Behälter bewusst im Wald versteckt. Durch ein beschädigtes Rohrgelangten die Schadstoffe in den Bach. Als erste Tiere erkrankten, schwiegen sie aus Angst vor einer Bestrafung. Sie hofften sogar, dass die Tierklinik für alles verantwortlich gemacht würde. “
Im Raum wurde es still. Dr. Honimus schloss für einen Moment die Augen. Nicht nur aus Erleichterung. Sondern auch, weil nun endlich feststand, dass die Wahrheit ans Licht gekommen war. Kurz darauf meldete sich ein Polizeibeamter.
„Die beiden Männer wurden heute früh festgenommen. Gegen sie wird nun wegen schwerer Umweltkriminalität, unerlaubter Entsorgung gefährlicher Stoffe und Tierquälerei ermittelt. “
Dr. Honimus nickte langsam.
„Ich hoffe, so etwas passiert nie wieder. “
Nach mehreren Stunden verließen alle den Besprechungsraum. Maya sprang sofort auf. Sie suchte in Dr. Honimus’ Gesicht nach einer Antwort. Diesmal lächelte er. Zum ersten Mal seit vielen Tagen. Er kniete sich zu Maya hinunter.
„Wir haben es geschafft. “
Maya bellte voller Freude. Fidus stieß ein tiefes, kraftvolles Brüllen aus, das weit über die Schlossmauern zu hören war. Viele Tiere antworteten ihm. Es klang fast wie ein großes gemeinsames Lied der Erleichterung. Noch am selben Nachmittag versammelten sich zahlreiche Menschen vor dem Schloss. Diesmal war die Stimmung völlig anders. Viele hatten in den Nachrichten erfahren, was wirklich geschehen war. Sie wussten nun, dass Dr. Honimus die Tiere nicht in Gefahr gebracht hatte. Er hatte sie gerettet. Eine ältere Frau trat als Erste nach vorn.
„Herr Doktor“, sagte sie mit bewegter Stimme, „bitte entschuldigen Sie, dass wir an Ihnen gezweifelt haben. “
Ein Mann, der zuvor laut gegen die Tierklinik protestiert hatte, senkte beschämt den Blick.
„Es tut mir leid. Ich habe Gerüchte geglaubt, ohne die Wahrheit zu kennen. “
Nach und nach entschuldigten sich immer mehr Menschen. Nicht jeder hatte gegen die Klinik protestiert. Viele waren ihr von Anfang an treu geblieben. Doch nun standen sie alle gemeinsam vor dem Schloss. Ein kleines Mädchen trat vorsichtig zu Maya. Es streichelte die Chihuahua-Hündin behutsam.
„Du bist eine richtige Heldin. “
Maya wurde ganz verlegen. Fidus beobachtete die Szene aus seinem Gehege. Er freute sich. Nicht über Ruhm. Nicht über Aufmerksamkeit. Sondern darüber, dass Frieden zurückkehrte. Wenige Tage später lagen die endgültigen Untersuchungsergebnisse vor. Dank der schnellen Behandlung hatten sich fast alle Tiere vollständig erholt. Einige konnten bereits wieder in die Freiheit entlassen werden.
Als der erste junge Fuchs den Wald erreichte, blieb er noch einmal stehen. Er blickte zurück zum Schloss. Dann verschwand er zwischen den Bäumen. Nach und nach kehrten auch die anderen gesunden Tiere in ihre natürliche Heimat zurück. Jedes Mal winkte Maya ihnen nach. Und jedes Mal lächelte Dr. Honimus zufrieden. Denn genau dafür hatte er die Tierklinik gegründet. Nicht um Tiere einzusperren. Sondern um ihnen zu helfen, bis sie wieder frei leben konnten.
Eines Abends saßen Maya, Fidus und Dr. Honimus wieder auf dem kleinen Hügel hinter dem Schloss. Die Sonne färbte den Himmel golden. Ein leichter Wind bewegte die alten Bäume.
„Weißt du“, sagte Dr. Honimus und strich Maya sanft über den Rücken, „ohne dich hätten wir den Schuppen wahrscheinlich nie gefunden. “
Maya wedelte fröhlich. Fidus blickte lächelnd zu ihr.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du mutiger bist, als du glaubst. “
„Allein hätte ich es aber niemals geschafft“, antwortete Maya.
„Du hast immer an mich geglaubt. “
Der Löwe nickte.
„Freunde halten zusammen. “
In den folgenden Monaten wurde das Schloss Neugebäude noch bekannter als zuvor. Immer mehr Menschen unterstützten die Tierklinik. Schulen besuchten das Schloss. Kinder lernten dort, wie wichtig der Schutz von Tieren und der Natur war. Viele Erwachsene meldeten sich freiwillig als Helfer. Man pflanzte Bäume, versorgte verletzte Wildtiere und baute neue Gehege. Die Ereignisse hatten den Menschen gezeigt, wie gefährlich Vorurteile sein konnten. Aber sie hatten auch gezeigt, dass Ehrlichkeit, Mut und Zusammenhalt stärker waren.
Fidus blieb im Schloss. Als ehemaliges Zootier konnte er nicht mehr selbstständig in der Wildnis leben. Deshalb erhielt er dort ein großes, naturnahes Zuhause. Er wurde zum friedlichen Wahrzeichen des Schlosses. Viele Besucher kamen, um den letzten Löwen Simmerings zu sehen. Noch mehr beeindruckte sie aber seine Geschichte: die Geschichte eines Löwen, der trotz schwerer Verluste nie seine Güte verloren hatte.
Maya blieb selbstverständlich an seiner Seite. Fast jeden Morgen lief sie durch das Schloss und begrüßte alle Tiere. Wenn neue Patienten ankamen, war sie oft die Erste, die ihnen Mut machte.
Die Eichhörnchen nannten sie liebevoll die „kleine Schwester des Schlosses“.
Die Rehe nannten sie „die mutige Hündin“.
Die Vögel erzählten ihre Geschichte bis weit über Simmering hinaus. Und Dr. Honimus? Er arbeitete weiter mit derselben Hingabe wie am ersten Tag. Für ihn war jedes gerettete Tier ein kleiner Sieg. Jeder geheilte Patient erinnerte ihn daran, warum er Tierarzt geworden war. Viele Jahre später erzählten sich die Tiere rund um Simmering diese Geschichte noch immer. Sie erzählten vom letzten Löwen. Von der kleinen Chihuahua-Hündin. Von einem Tierarzt, der niemals aufgab. Und von einem Schloss, das für Hoffnung stand.
Wenn an warmen Sommerabenden der Wind durch die alten Mauern des Schlosses strich, glaubten manche Besucher, in der Ferne ein tiefes, ruhiges Löwengebrüll zu hören. Vielleicht war es Fidus. Vielleicht erinnerte er die Welt daran, dass wahre Stärke nicht in Kraft oder Größe liegt. Sondern in Mitgefühl. In Freundschaft. Und im Mut, selbst dann das Richtige zu tun, wenn andere nicht daran glauben.
**Schlusswort**
Freundschaft, Mut und Zusammenhalt können selbst die größten Herausforderungen überwinden. Möge die Geschichte von Fidus, Maya und Dr. Honimus daran erinnern, dass Mitgefühl und Hoffnung am Ende stärker sind als Angst und Vorurteile.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)