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Maya – Der magische Zirkus

Der Sommer hatte Wien fest in seinen warmen Händen. Über den Wiesen von Simmering tanzten goldene Sonnenstrahlen, während eine leichte Brise durch die hohen Gräser strich. Die Blumen wiegten sich sanft hin und her, Bienen summten geschäftig von Blüte zu Blüte, sogar einen Specht, der in der Ferne gegen einen alten Baum klopfte, konnte man hören.

Und dann gab es noch Maya eine kleine weiß-schwarze Chihuahua-Hündin, die seit einiger Zeit in der Gartensiedlung Neugebäude lebt. Auf den ersten Blick wirkte sie nicht besonders beeindruckend. Sie war klein, weiß-schwarz gefleckt und hatte kurze Beinchen. Viele Tiere hätten sie wohl für zerbrechlich gehalten. Doch wer Maya kannte, wusste es besser. Denn in ihrer kleinen Brust schlug das Herz eines Löwen.

Maya hatte keine Angst vor Gewittern, sie erschrak nicht vor bellenden Schäferhunden und selbst die frechen Katzen der Nachbarschaft konnten sie nicht einschüchtern. Sie war neugierig, mutig und stets auf der Suche nach etwas Neuem. Trotzdem hatte sie die Gartensiedlung in ihren zwei Lebensjahren noch nie verlassen. Nicht weil sie sich fürchtete. Nein. Sie hatte einfach nie einen Grund dazu gehabt.

Die Siedlung war groß. Es gab Gärten, Hecken, Wege, Blumenbeete und jede Menge Tiere, die sie kannte. Doch an diesem Morgen sollte sich alles ändern. Maya lag gerade unter ihrem Lieblingsfliederbusch und döste vor sich hin, als plötzlich lautes Gekrächze durch die Luft schallte.

„Maaaaayaaaaa!“ „Mayaaa! Wach auf! Sofort!“

Die kleine Hündin öffnete ein Auge. Sie kannte diese Stimmen. Leider. Auf dem Zaun saßen die Krähenzwillinge Faulo und Maulo. Faulo hing halb über dem Zaunpfosten und sah aus, als würde er jeden Moment einschlafen. Seine Federn standen kreuz und quer ab. Maulo hingegen hüpfte aufgeregt hin und her.

„Maya! Du glaubst niemals, was wir gerade gesehen haben!“

„Stimmt!“, krächzte Faulo gähnend. „Obwohl ich es gar nicht gesehen habe.“

„Warum eigentlich nicht?“

„Weil ich geschlafen habe.“

„Natürlich hast du wie immer geschlafen!“

Maya musste lachen. Die beiden waren wirklich seltsam. Faulo war wahrscheinlich die faulste Krähe in ganz Wien. Wenn irgendwo ein Wettbewerb im Nichtstun veranstaltet worden wäre, hätte er garantiert gewonnen. Maulo dagegen konnte keine fünf Minuten verbringen, ohne irgendeine Geschichte zu erfinden. Er log nicht aus Bosheit. Nein. Er tat es einfach gern. Manchmal erzählte er, er habe einen Drachen über der Donau fliegen sehen. Ein anderes Mal behauptete er, der Stephansdom sei in Wahrheit eine Rakete. Und einmal hatte er sogar versucht, allen Tieren einzureden, er sei der König von Simmering. Niemand glaubte ihm. Aber alle hörten ihm trotzdem gerne zu.

„Also?“, fragte Maya. „Was habt ihr gesehen?“

Maulo breitete dramatisch die Flügel aus.

„Einen Zirkus!“

Maya setzte sich sofort auf.

„Einen was?“

„Einen Zirkus!“

„Mit Akrobaten!“

 „Mit Artisten!“

„Mit Musik!“

„Mit Lichtern!“

„Mit Popcorn!“

„Mit Magie!“

Bei diesem Wort wurde Maya besonders aufmerksam.

„Magie?“

Die beiden Krähen nickten gleichzeitig.

„Auf der großen Wiese neben dem Naturlehrpfad“, erklärte Faulo.

„Ganz in der Nähe“, ergänzte Maulo.

„Dort haben sie ihre Zelte aufgebaut.“

„Und ein Magier tritt auf!“

„Der beste Magier überhaupt!“

„Der geheimnisvollste!“

„Der gruseligste!“

„Der berühmteste!“

„Das stimmt wahrscheinlich alles gar nicht“, meinte Faulo.

„Vielleicht.“

„Wahrscheinlich sogar.“

„Bestimmt.“

„Aber ein Magier ist dort.“

Maya spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Ein echter Magier? Sie hatte Geschichten darüber gehört. Von Zauberern, die Dinge verschwinden lassen konnten. Von geheimnisvollen Tricks. Von schimmernden Lichtern. Von Wundern.

„Habt ihr ihn gesehen?“

Die Krähen sahen sich an.

„Nein.“

„Noch nicht.“

„Aber wir haben gehört, dass seine Vorstellung unglaublich sein soll.“

„Man sagt, sie ist wunderschön.“

„Und ein bisschen unheimlich.“

„Und geheimnisvoll.“

„Und magisch.“

„Und vielleicht spukt es dort.“

„Das habe ich erfunden.“

„Ach so.“

Maya konnte ihre Aufregung kaum noch verbergen. Sie sprang vom Boden auf.

„Wann beginnt die Vorstellung?“

„Heute Abend!“

„Bei Sonnenuntergang!“

„Wenn die Lampen angehen!“

„Wenn die Musik spielt!“

„Wenn die Menschen kommen!“

Maya blickte in Richtung der großen Wiese, die hinter den letzten Gärten lag. Dort war sie noch nie gewesen. Eigentlich war das nicht weit. Doch für sie fühlte es sich an wie das Ende der Welt. Ein unbekanntes Abenteuer. Eine Reise ins Ungewisse. Etwas in ihrem Herzen begann zu kribbeln. Es war dieses besondere Gefühl. Das Gefühl, dass etwas Außergewöhnliches bevorstand. Etwas, das ihr Leben verändern würde.

„Ich gehe hin“, sagte sie entschlossen.

Faulo fiel beinahe vom Zaun.

„Wirklich?“

„Alleine?“

„Bis zur großen Wiese?“

„Das ist weit!“

„Sehr weit!“

„Also für eine Chihuahua.“

„Für eine Krähe nicht.“

Maya grinste.

„Natürlich gehe ich, wenn es sein muss sogar alleine.“

Die Krähen starrten sie einen Moment an. Dann lächelten sie. Zumindest so gut Krähen eben lächeln konnten.

„Dann begleiten wir dich!“

„Zumindest ein Stück.“

 „Wenn Faulo unterwegs nicht einschläft.“

„Keine Sorge.“

Faulo schloss bereits die Augen.

„Ich schlafe schon.“

Maya schüttelte lachend den Kopf. Der Tag verging quälend langsam. Die Sonne wanderte über den Himmel. Stunden schienen wie Tage. Immer wieder blickte Maya zur großen Wiese. Immer wieder stellte sie sich vor, wie das Zirkuszelt aussehen würde. Wie der Magier wohl aussah. Ob er einen langen Mantel trug. Ob er einen Zauberstab hatte. Ob seine Magie echt war. Als schließlich der Abend näher rückte, fing der Himmel an sich langsam orange zu färben. Die ersten Schatten wurden länger. Plötzlich erklang in der Ferne Musik. Ganz leise. Fast wie ein Flüstern. Maya hob die Ohren. Sie konnte sie hören. Trommeln. Geigen. Eine Melodie, die über die Wiese getragen wurde. Die Krähen landeten neben ihr.

„Das ist der Zirkus!“

„Die Vorstellung beginnt bald!“

Maya atmete tief durch. Ihr Herz klopfte. Vor ihr lag der Weg zum Naturlehrpfad. Dahinter die große Wiese. Und dort wartete etwas, das sie sich noch nicht einmal vorstellen konnte. Sie ahnte nicht, dass dieser Abend ihr Leben verändern würde. Sie ahnte nicht, dass ganz Simmering schon bald ihren Namen kennen würde. Sie ahnte nicht, dass der geheimnisvolle Magier bereits von ihrer Ankunft wusste. Und sie ahnte ganz bestimmt nicht, dass sich tief im Inneren des Zirkuszeltes etwas befand, das nur auf sie wartete. Etwas, das seit vielen Jahren verborgen gewesen war. Etwas Magisches. Etwas, das schon bald seinen Anfang nehmen würde.

Die Abendsonne versank langsam hinter den Dächern von Simmering und tauchte den Himmel in ein Meer aus Gold, Orange und Purpur. Die letzten warmen Strahlen glitzerten auf den Fenstern der Häuser, während sich die ersten Sterne zaghaft am Himmel zeigten. Maya lief so schnell ihre kleinen Beine sie tragen konnten. Neben ihr flatterten Faulo und Maulo durch die Luft.

„Beeil dich!“, rief Maulo.

„Wir verpassen vielleicht den Anfang!“

„Oder das Ende!“

„Oder die Mitte!“

„Oder alles!“

„Das wäre schlecht.“

Faulo gähnte.

„Ich könnte auch einfach hier schlafen.“

„Du kannst später schlafen!“

„Ich kann immer schlafen.“

Maya musste lachen. Je näher sie dem Naturlehrpfad kamen, desto deutlicher wurde die Musik. Nun hörte sie Trompeten. Trommeln. Geigen. Und das fröhliche Lachen von Kindern. Schon bald erreichten sie den Rand der großen Wiese. Maya blieb abrupt stehen. Ihre Augen wurden groß. Vor ihr erstreckte sich ein Anblick, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Mitten auf der Wiese stand ein riesiges Zirkuszelt. Es war größer als jedes Haus, das Maya kannte. Die Stoffbahnen waren dunkelblau und silbern gestreift. Überall funkelten Lichterketten, die wie Sterne wirkten. Kleine Lampions schwebten zwischen den Wagen des Zirkus. Bunte Fahnen flatterten im Abendwind. Menschen strömten aus allen Richtungen herbei. Kinder liefen aufgeregt herum. Eltern lachten. Musik erfüllte die Luft. Der Duft von Popcorn, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte zog über die Wiese. Maya konnte kaum glauben, dass so etwas nur wenige Minuten von ihrem Zuhause entfernt existierte.

„Wow“, flüsterte sie.

Selbst Maulo war für einen Moment sprachlos. Und das kam äußerst selten vor.

„Das…“

Er schluckte.

„Das sieht tatsächlich genauso aus wie ich erzählt habe.“

Faulo nickte.

„Zum ersten Mal in deinem Leben war es keine Lüge.“

„Danke.“

„Das war kein Kompliment.“

Maya lief vorsichtig näher. Vor dem Eingang standen mehrere bunt bemalte Wagen. Auf einem Wagen saß ein Clown mit einer roten Nase und jonglierte fünf leuchtende Kugeln gleichzeitig. Auf einem anderen spielte ein Musiker Akkordeon. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Doch etwas zog Mayas Aufmerksamkeit besonders an. Ein schwarzer Wagen. Er stand etwas abseits. Während die anderen Wagen bunt und fröhlich waren, wirkte dieser geheimnisvoll. Silberne Sterne waren auf das Holz gemalt. Dunkelviolette Vorhänge verdeckten die Fenster. Und auf der Tür war ein Symbol angebracht. Ein Halbmond. Darunter stand in silbernen Buchstaben: MEISTER DER MAGIE Herr. NOCTURNUS

Maya runzelte die Stirn.

„Wer ist das?“

Faulo landete neben ihr.

„Der Magier.“

„Das glaube ich zumindest.“

„Vielleicht heißt er auch Herbert.“

„Oder Franz.“

„Oder Herr Schnitzel.“

„Herr Schnitzel heißt niemand.“

„Woher willst du das wissen?“

Noch bevor Maya antworten konnte, bewegte sich der Vorhang im Fenster des Wagens. Ganz langsam. Als hätte jemand dahintergestanden. Beobachtend. Wartend. Maya spürte ein Kribbeln im Bauch. Für einen kurzen Augenblick glaubte sie zwei goldene Augen hinter dem Vorhang zu erkennen. Dann war alles wieder still.

„Habt ihr das gesehen?“

Die Krähen schüttelten die Köpfe.

„Nein.“

„Vielleicht war es eine Katze.“

„Oder ein Hamster.“

„Oder Herr Schnitzel.“

„Hör auf mit Herr Schnitzel!“

Die Musik wurde plötzlich lauter. Ein Gong ertönte über die gesamte Wiese. BOOOONG! Sofort liefen die Menschen zum Haupteingang des Zeltes. Die Vorstellung begann. Maya folgte ihnen. Natürlich konnte sie kein Ticket kaufen. Sie war schließlich ein Hund. Doch glücklicherweise entdeckte sie unter dem Zeltstoff eine kleine Öffnung. Perfekt für eine neugierige Chihuahua-Hündin.

„Wir treffen uns später!“, rief Maulo.

„Wir schauen von oben zu!“

„Dort gibt es die besten Plätze.“

„Und man kann Leuten auf den Kopf machen.“

„FAULO!“

„War nur ein Vorschlag.“

Maya schlüpfte durch die Öffnung. Und erstarrte. Das Innere des Zeltes war noch beeindruckender als alles draußen. Tausende kleine Lampen hingen von der Kuppel herab. Sie funkelten wie Sterne. In der Mitte befand sich die Manege. Ein großer runder Platz aus goldenem Sand. Ringsherum saßen Hunderte Zuschauer. Kinder. Eltern. Großeltern. Alle warteten gespannt. Maya versteckte sich hinter einer Holzkiste am Rand. Von dort konnte sie alles beobachten.

Plötzlich wurde es dunkel. Ganz dunkel. Die Musik verstummte. Das Publikum wurde still. Für einen Moment hörte Maya nur ihren eigenen Herzschlag. Dann erschien ein einzelner Lichtstrahl. Mitten in der Manege. Und eine Stimme erklang. Tief. Ruhig. Geheimnisvoll.

„Meine Damen und Herren…“

Die Stimme schien von überall gleichzeitig zu kommen.

„Willkommen im magischen Zirkus der Wunder.“

Blauer Nebel kroch über den Boden. Kinder staunten. Erwachsene beugten sich nach vorne. Die Spannung war beinahe greifbar.

„Heute Abend“, sprach die Stimme weiter, „werden Sie Dinge sehen, die unmöglich erscheinen.“

Plötzlich blitzte silbernes Licht auf. Ein Wirbel aus Sternen entstand mitten in der Manege. Der Nebel begann sich zu drehen. Schneller. Und schneller. Und schneller. Dann erschien plötzlich eine Gestalt. Wie aus dem Nichts. Die Zuschauer rissen erstaunt die Augen auf. Der Magier war da. Er trug einen langen schwarzen Mantel. Silberne Sterne schimmerten darauf. Seine Haare waren schneeweiß. Sein Gesicht wirkte freundlich. Aber gleichzeitig geheimnisvoll. Und seine Augen… Sie leuchteten golden. Genau wie die Augen, die Maya am Wagen gesehen hatte. Der Magier verbeugte sich. Das Publikum applaudierte begeistert.

Doch während die Zuschauer auf die Manege blickten, geschah etwas Merkwürdiges. Der Magier hob langsam den Kopf. Seine goldenen Augen wanderten durch die Menge. Suchend. Als würde er nach jemandem Ausschau halten. Dann blieb sein Blick plötzlich stehen. Direkt bei Maya. Die kleine Chihuahua-Hündin erstarrte. Für einen Moment schien die gesamte Welt stillzustehen. Der Magier lächelte. Ganz leicht. Fast unmerklich. Doch Maya bemerkte es. Und dann geschah etwas noch Seltsameres. In ihrem Kopf erklang eine Stimme. Nicht laut. Eher wie ein Flüstern.

„Endlich bist du da, Maya.“

Die kleine Hündin sprang erschrocken auf. Sie blickte sich hektisch um. Niemand hatte gesprochen. Die Zuschauer bemerkten nichts. Der Magier stand weiterhin in der Manege. Lächelnd. Und wieder hörte sie die Stimme.

„Keine Angst.“

„Ich habe auf dich gewartet.“

Maya spürte, wie ihr Herz raste. Wie konnte dieser fremde Magier ihren Namen kennen? Und warum hatte er auf sie gewartet? Doch bevor sie eine Antwort finden konnte, begann die eigentliche Show. Und Maya hatte keine Ahnung, dass das Unglaublichste erst noch bevorstand. Denn tief unter der Manege verbarg sich ein uraltes Geheimnis. Ein Geheimnis, das seit Jahrzehnten auf genau diesen Moment gewartet hatte. Auf diesen Abend. Auf diesen Zirkus. Und vor allem… auf Maya. Maya konnte ihren Blick nicht vom Magier lösen. Noch immer hallten seine Worte in ihrem Kopf nach.

„Endlich bist du da, Maya.“

Wie konnte er ihren Namen kennen? Sie war ihm noch nie begegnet. Zumindest glaubte sie das. Die kleine Chihuahua-Hündin blickte nervös umher. Die Zuschauer um sie herum lachten, staunten und applaudierten begeistert. Niemand schien bemerkt zu haben, was gerade geschehen war. Niemand außer Maya. Der Magier stand nun mitten in der Manege und hob beide Arme. Sofort begannen die silbernen Sterne auf seinem Mantel zu leuchten. Ein Raunen ging durch das Publikum. Dann zog er langsam ein Kartenspiel aus seiner Tasche.

„Meine Damen und Herren“, sagte er lächelnd, „heute möchte ich Ihnen zeigen, dass nicht alles so ist, wie es scheint.“

Er warf die Karten in die Luft. Doch statt wieder herunterzufallen, blieben sie über der Manege schweben. Die Zuschauer klatschten begeistert. Kinder sprangen auf ihren Sitzen herum. Die Karten begannen sich zu drehen. Immer schneller. Bis sie schließlich einen silbernen Kreis bildeten. Dann verwandelten sie sich plötzlich in weiße Tauben. Mit lautem Flügelschlag flogen die Vögel durch das Zelt. Die Menschen jubelten. Maya staunte ebenfalls. Doch etwas anderes beschäftigte sie. Immer wieder spürte sie den Blick des Magiers. Als würde er sie beobachten. Als würde er auf den richtigen Moment warten. Die Vorstellung ging weiter. Ein Seil erschien aus dem Nichts und schwebte senkrecht in die Höhe. Leuchtende Kugeln tanzten durch die Luft. Spiegel entstanden und verschwanden wieder. Ein riesiger silberner Mond schwebte plötzlich über den Zuschauern. Die Show war wunderschön. Geheimnisvoll. Fast wie ein Traum. Doch je länger Maya zusah, desto deutlicher bemerkte sie etwas Merkwürdiges. Unter den Geräuschen der Musik hörte sie ein anderes Geräusch. Ein tiefes Summen. Ganz leise. Kaum wahrnehmbar. Es schien von unter der Manege zu kommen.

Maya legte den Kopf schief. Da war es wieder. Ein Summen. Wie das Flüstern eines Windes. Oder das Singen einer weit entfernten Stimme. Niemand sonst schien es zu hören. Doch für Maya wurde es immer deutlicher. Fast so, als würde etwas ihren Namen rufen. Sie konnte nicht erklären warum. Aber sie wusste plötzlich: Das Geräusch hatte etwas mit ihr zu tun. Der Magier führte gerade einen weiteren Trick vor. Ein Dutzend silberner Ringe schwebte durch die Luft. Die Zuschauer waren vollkommen abgelenkt. Maya nutzte die Gelegenheit. Vorsichtig schlich sie hinter den Sitzreihen entlang. Dann verschwand sie hinter einem Vorhang am Rand der Manege. Dort war es deutlich dunkler. Die Musik klang nur noch gedämpft. Holzkisten standen übereinander. Seile hingen von der Decke. Überall lagen Requisiten. Niemand bemerkte die kleine Chihuahua-Hündin.

Maya folgte dem geheimnisvollen Summen. Es führte sie immer weiter nach hinten. Dann entdeckte sie etwas. Eine alte Holzklappe im Boden. Sie war halb verborgen unter einem Teppich. Das Summen kam eindeutig von dort. Maya näherte sich vorsichtig. Die Klappe war alt. Sehr alt. Älter als alles andere im Zirkus. Auf ihrer Oberfläche waren seltsame Symbole eingeritzt. Sterne. Monde. Und etwas, das wie eine Pfote aussah. Eine kleine Hundepfote. Maya erstarrte. Die Pfote sah ihrer eigenen erstaunlich ähnlich.

„Das kann kein Zufall sein.“

Plötzlich ertönte hinter ihr eine Stimme.

„Nein.“

Maya fuhr erschrocken herum. Der Magier stand dort. Ganz still. Als wäre er aus dem Schatten selbst hervorgetreten. Sein Mantel bewegte sich kaum. Seine goldenen Augen leuchteten sanft. Maya wollte etwas sagen. Doch sie brachte kein Wort heraus. Der Magier lächelte.

„Du bist mutiger, als ich gehofft hatte.“

„Woher kennst du mich?“, fragte Maya schließlich.

Der Magier kniete sich hin.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Dann erzähl sie.“

Der alte Zauberer schmunzelte.

„Genau deshalb habe ich auf dich gewartet.“

Maya setzte sich. Das Summen unter der Klappe wurde stärker. Fast so, als würde etwas zuhören. Der Magier legte eine Hand auf die alte Holzklappe.

„Vor sehr langer Zeit“, begann er, „bevor du geboren wurdest, bevor ich überhaupt nach Simmering kam, gab es einen Ort, den nur wenige kannten.“

Maya lauschte aufmerksam.

„Einen Ort zwischen Magie und Wirklichkeit.“

„Eine Welt voller Wunder.“

„Eine Welt, die langsam vergessen wurde.“

Der Magier seufzte.

„Als die Menschen aufhörten an Wunder zu glauben, verschwand diese Welt nach und nach.“

„Doch ein kleiner Teil davon blieb zurück.“

Er klopfte gegen die Klappe.

„Hier.“

Das Summen wurde lauter.

„Unter der Manege?“

Der Magier nickte.

„Ein Tor.“

Maya starrte ihn an.

„Ein Tor wohin?“

Der Magier antwortete nicht sofort. Stattdessen blickte er nachdenklich auf die alte Pfote im Holz.

„Zu einem Ort voller Magie.“

„Zu einem Ort, den ich seit vielen Jahren beschütze.“

„Und warum erzählst du mir das?“

Nun lächelte der Magier.

„Weil das Tor auf niemanden reagiert hat.“

„Nicht auf mich.“

„Nicht auf andere Tiere.“

„Nicht auf Menschen.“

„Auf niemanden.“

Er machte eine kurze Pause.

„Bis heute.“

Maya spürte plötzlich ein Kribbeln in ihren Pfoten. Die eingeritzte Hundepfote begann schwach zu leuchten. Erst silbern. Dann golden. Das Summen verwandelte sich in eine Melodie. Eine wunderschöne Melodie. Wie das Läuten kleiner Glocken. Der Magier sah Maya an.

„Als du das Zelt betreten hast, wurde das Tor wieder aktiv.“

Maya schluckte.

„Wegen mir?“

„Ja.“

„Aber warum?“

Der Magier schüttelte langsam den Kopf.

„Das weiß ich nicht.“

Zum ersten Mal wirkte er selbst unsicher.

„Deshalb brauche ich deine Hilfe.“

Plötzlich erbebte der Boden. Ganz leicht. Dann noch einmal. Die Holzklappe begann stärker zu leuchten. Goldene Linien breiteten sich über den Boden aus. Die Luft füllte sich mit funkelnden Lichtpunkten. Maya sprang erschrocken zurück.

„Was passiert da?“

Der Magier blickte auf die Klappe. Seine Augen wurden groß. Sehr groß.

„Das ist unmöglich.“

„Was?“

„Das Tor öffnet sich.“

Ein lautes Knacken ertönte. Dann noch eines. Die alte Klappe begann sich langsam zu bewegen. Staub wirbelte auf. Goldenes Licht strömte aus den Ritzen. Das Summen wurde zu einem mächtigen Klang. Wie tausend Stimmen gleichzeitig. Maya hielt den Atem an. Der Magier ebenfalls. Langsam. Ganz langsam. Öffnete sich die Klappe. Und tief darunter erschien etwas, das eigentlich nicht existieren dürfte. Ein Himmel. Ein echter Himmel. Mit Sternen. Mit schwebenden Inseln. Mit silbernen Wolken. Und einem gewaltigen leuchtenden Schloss in weiter Ferne. Maya konnte ihren Augen kaum trauen. Der Magier flüsterte nur ein einziges Wort:

„Unglaublich…“

Doch bevor jemand etwas tun konnte, schoss plötzlich ein dunkler Schatten aus dem Licht empor. Eine Gestalt. Groß. Unheimlich. Mit glühenden violetten Augen. Sie blickte direkt zu Maya. Und lächelte. Kein freundliches Lächeln. Sondern eines, das Maya sofort frösteln ließ. Dann sprach die Gestalt mit einer Stimme, die wie Donner durch den Raum hallte:

„Endlich habe ich dich gefunden.“

Im selben Augenblick erloschen sämtliche Lichter des Zirkus. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Das Zirkuszelt lag in völliger Dunkelheit. Keine Musik. Kein Applaus. Kein Lachen. Nur das goldene Licht des geöffneten Sternentors schimmerte aus der Tiefe unter der Manege und warf lange Schatten über den Boden. Maya spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug. Vor ihr stand die dunkle Gestalt mit den violetten Augen. Sie war größer als jeder Hund, größer als jeder Mensch und beinahe so hoch wie das Zirkuszelt selbst. Ihr Körper bestand nicht aus Fleisch und Knochen, sondern aus wirbelndem Schatten und schwarzem Nebel. Die violetten Augen glühten wie zwei Monde in der Nacht. Und sie blickten direkt auf Maya.

„Endlich habe ich dich gefunden.“

Die Stimme hallte durch das Zelt. Der Magier stellte sich sofort vor Maya. Sein Mantel begann silbern zu leuchten.

„Bleib hinter mir!“

Maya gehorchte. Zum ersten Mal an diesem Abend spürte sie echte Angst. Der Schatten lachte. Ein tiefes, unheimliches Lachen.

„Du glaubst wirklich, du könntest mich aufhalten, Nocturnus?“

Der Magier antwortete nicht. Stattdessen hob er beide Hände. Goldene Funken erschienen zwischen seinen Fingern.

„Ich habe dich vor vielen Jahren verbannt.“

Der Schatten nickte langsam.

„Ja.“

„Und nun bin ich zurück.“

Die violetten Augen verengten sich.

„Dank ihr.“

Maya schluckte.

„Dank mir?“

Der Schatten wandte seinen Blick zu ihr.

„Natürlich.“

Der Magier blickte erschrocken zu Maya.

„Hör ihm nicht zu.“

Doch die Gestalt sprach weiter.

„Du weißt nicht, wer du wirklich bist, kleine Maya.“

„Ich bin Maya.“

„Du bist viel mehr als das.“

Ein eisiger Wind fegte plötzlich durch das Zelt. Der Nebel begann sich zu drehen. Das Sternentor pulsierte heller. Und plötzlich erschienen Bilder in der Luft. Wie Erinnerungen. Wie Träume. Maya sah eine riesige Wiese voller leuchtender Blumen. Sie sah silberne Bäume. Fliegende Tiere. Kristallene Flüsse. Und ein gewaltiges Schloss aus Sternenlicht.

„Das ist das Sternenreich“, sagte die Gestalt.

„Die Welt hinter dem Tor.“

Maya konnte den Blick nicht abwenden. Es war wunderschön. Wunderschöner als alles, was sie jemals gesehen hatte. Der Schatten deutete auf das Schloss.

„Dort begann alles.“

Der Magier schüttelte den Kopf.

„Genug!“

Ein Blitz aus goldenem Licht schoss aus seiner Hand. Doch der Schatten zerfiel einfach zu Nebel. Der Zauber flog wirkungslos hindurch. Dann formte sich die Gestalt erneut.

„Du kannst mich nicht mehr aufhalten.“

Der Magier wirkte plötzlich besorgt. Wirklich besorgt. Und das erschreckte Maya noch mehr.

„Wer bist du?“, fragte sie.

Die Gestalt lächelte.

„Mein Name wurde längst vergessen.“

„Die Menschen nannten mich einst den Schattenfürsten.“

Die Luft wurde eisig.

„Ich war einst der Hüter des Sternenreichs.“

„Bis die Magie verschwand.“

„Bis die Tore geschlossen wurden.“

„Bis ich verbannt wurde.“

Maya verstand nicht alles. Aber eines verstand sie. Diese Gestalt war gefährlich. Sehr gefährlich. Der Schattenfürst blickte erneut auf sie.

„Und du bist der Schlüssel.“

„Welcher Schlüssel?“

„Der letzte Sternenschlüssel.“

Der Magier schloss für einen Moment die Augen. Als hätte er gehofft, dass diese Wahrheit niemals ans Licht kommen würde.

„Es stimmt, nicht wahr?“, fragte Maya.

Der alte Zauberer antwortete leise:

„Ja.“

Maya starrte ihn an.

„Was stimmt?“

Nocturnus seufzte. Dann kniete er sich vor sie.

„Vor vielen Jahren wurde eine mächtige Magie verborgen.“

„Nicht in einem Schloss.“

„Nicht in einem Schatz.“

„Nicht in einem Zauberbuch.“

Maya hörte aufmerksam zu.

„Sondern in einer Seele.“

„In welcher Seele?“

Der Magier lächelte traurig.

„In deiner.“

Maya glaubte, sich verhört zu haben.

„Was?“

„Als du geboren wurdest, wurde die letzte Sternenmagie in dir versiegelt.“

„Deshalb reagierte das Tor auf dich.“

„Deshalb konnte nur deine Pfote das Siegel öffnen.“

„Deshalb habe ich auf dich gewartet.“

Maya wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war doch nur eine kleine Chihuahua-Hündin aus der Gartensiedlung Neugebäude. Keine Heldin. Keine Zauberin. Keine Auserwählte. Einfach Maya. Doch tief in ihrem Herzen erinnerte sie sich plötzlich an seltsame Dinge. Momente aus ihrer Kindheit. Lichter, die manchmal erschienen waren. Träume von Sternen. Das Gefühl, dass irgendwo etwas auf sie wartete. Der Schattenfürst lachte erneut.

„Nun verstehst du es.“

„Die Magie gehört mir.“

„Sie gehörte immer mir.“

Plötzlich schossen schwarze Nebelschlangen aus seinem Körper. Sie rasten direkt auf Maya zu. Der Magier sprang dazwischen. Goldenes Licht explodierte. Eine gewaltige Druckwelle erschütterte das Zelt. Holzkisten flogen umher. Vorhänge rissen von den Wänden. Sogar draußen hörten die Menschen den Knall. Im Zuschauerraum begannen die ersten Besucher aufzuschreien. Faulo und Maulo, die oben auf einem Zeltmast saßen, blickten erschrocken nach unten.

„War das Teil der Show?“

„Ich hoffe nicht.“

„Vielleicht doch?“

„Nein.“

„Bestimmt nicht.“

„Definitiv nicht.“

„Oh je.“

Unterdessen tobte der Kampf weiter. Goldenes Licht traf auf schwarze Schatten. Funken flogen durch die Luft. Das Sternentor leuchtete immer heller. Der Schattenfürst wurde stärker. Mit jedem Augenblick. Mit jeder Sekunde. Der Magier wurde zurückgedrängt. Schließlich wurde er gegen eine Holzkiste geschleudert. Er blieb schwer atmend liegen. Der Schattenfürst schwebte auf Maya zu. Langsam. Unaufhaltsam.

„Es ist vorbei.“

Maya wich zurück. Doch hinter ihr befand sich nur noch das offene Sternentor. Der Abgrund aus Licht. Die schwebenden Inseln. Das Schloss in der Ferne. Der Schattenfürst streckte die Hand aus.

„Gib mir die Sternenmagie.“

Maya hatte Angst. Mehr Angst als jemals zuvor. Doch dann dachte sie an ihr Zuhause. An die Gärten. An die Menschen. An die Tiere. An Faulo und Maulo. An alles, was sie liebte. Und plötzlich erinnerte sie sich daran, wer sie war. Nicht irgendeine Auserwählte. Nicht irgendein Schlüssel. Nicht irgendeine magische Hüterin. Sondern Maya. Die kleine Chihuahua-Hündin mit dem Herz eines Löwen. Langsam trat sie nach vorne. Direkt auf den Schattenfürsten zu. Der Magier riss die Augen auf.

„Maya! Nein!“

Doch Maya blieb stehen. Sie blickte dem Schattenfürsten direkt in die violetten Augen. Und zum ersten Mal begann etwas in ihrem Inneren zu leuchten. Ein kleines Licht. Warm. Freundlich. Mutig. Dann wurde das Licht größer. Und größer. Und größer. Goldene Funken stiegen aus ihrem Fell auf. Ihre Pfoten hinterließen leuchtende Spuren auf dem Boden. Das Sternentor reagierte sofort. Die schwebenden Inseln begannen zu strahlen. Das Schloss in der Ferne erwachte. Selbst die Sterne hinter dem Tor leuchteten heller. Der Schattenfürst machte einen Schritt zurück. Zum ersten Mal wirkte er unsicher.

„Nein…“

Maya spürte eine Kraft in sich erwachen. Eine uralte Kraft. Doch sie wusste noch nicht, wie sie sie kontrollieren sollte. Und genau in diesem Moment begann sich über dem Sternenschloss etwas zu bewegen. Etwas Gewaltiges. Etwas Altes. Etwas, das selbst den Schattenfürsten plötzlich erschrocken aussehen ließ. Langsam öffneten sich zwei riesige Augen am Himmel des Sternenreichs. Augen aus purem Sternenlicht. Und eine Stimme, älter als die Zeit selbst, sprach:

„Die Hüterin ist erwacht.“

Der Schattenfürst erstarrte. Der Magier ebenfalls. Und Maya ahnte, dass die Entscheidung über das Schicksal zweier Welten unmittelbar bevorstand. Die riesigen Augen aus Sternenlicht schwebten hoch über dem Sternenreich. Sie waren größer als Berge. Größer als Wolken. Größer als alles, was Maya jemals gesehen hatte. Ihr Licht erfüllte den Himmel hinter dem Sternentor. Das gewaltige Sternenschloss leuchtete nun heller als tausend Sonnen, ohne dabei zu blenden.

Die schwebenden Inseln begannen sich langsam zu bewegen, als würden sie nach jahrhundertelangem Schlaf endlich erwachen. Im Zirkuszelt war es vollkommen still. Selbst der Schattenfürst hatte aufgehört sich zu bewegen. Zum ersten Mal wirkte er nicht gefährlich. Sondern verängstigt. Die uralte Stimme erklang erneut.

„Die Hüterin ist erwacht.“

Maya blickte nach oben.

„Wer… wer spricht da?“

Die Antwort kam wie ein sanfter Wind.

„Wir sind die Sternengeister.“

„Die ersten Hüter der Magie.“

„Die Wächter des Sternenreichs.“

Das goldene Licht um Maya wurde stärker. Der Magier Nocturnus trat langsam neben sie. Sein Gesicht zeigte Ehrfurcht.

„Ich hätte nie gedacht, das noch erleben zu dürfen.“

Maya sah ihn an.

„Was soll ich tun?“

Der alte Magier lächelte.

„Das musst du selbst herausfinden.“

Der Schattenfürst begann plötzlich zu lachen. Zuerst leise. Dann lauter. Und schließlich so laut, dass die Manege bebte.

„Selbst jetzt versteht ihr es nicht!“

Seine violetten Augen loderten erneut.

„Die Magie verschwindet!“

„Die Menschen glauben nicht mehr an Wunder!“

„Das Sternenreich stirbt!“

Die Sternengeister antworteten ruhig.

„Das war einst wahr.“

„Doch die Hoffnung ist zurückgekehrt.“

Der Schattenfürst deutete auf Maya.

„Diese kleine Hündin soll Hoffnung sein?“

„Eine Chihuahua?“

Faulo und Maulo, die inzwischen durch ein Loch im Zeltdach hereingeflogen waren, landeten auf einer Kiste.

„Ja!“

„Und eine sehr gute sogar!“

„Die beste Chihuahua überhaupt!“

„Wahrscheinlich sogar die beste Hündin in Simmering!“

„Vielleicht in ganz Wien!“

„Vielleicht auf der ganzen Welt!“

„Das ist möglicherweise übertrieben.“

„Aber nur möglicherweise.“

Trotz der Gefahr musste Maya lächeln. Genau deshalb mochte sie die beiden Krähen. Selbst in den schlimmsten Momenten schafften sie es, Hoffnung zu verbreiten. Der Schattenfürst bemerkte ihr Lächeln.

„Warum lächelst du?“

Maya dachte kurz nach. Dann antwortete sie:

„Weil ich Freunde habe.“

Der Schattenfürst runzelte die Stirn.

„Freunde?“

„Ja.“

„Und weil ich ein Zuhause habe.“

„Und?“

„Und weil ich weiß, dass Magie nicht nur Zauberei ist.“

Die violetten Augen verengten sich.

„Was soll das bedeuten?“

Maya trat einen Schritt vor. Das goldene Licht um sie herum wurde heller.

„Magie ist Mut.“

Ein weiterer Schritt.

„Magie ist Freundschaft.“

Noch ein Schritt.

„Magie ist Hoffnung.“

Der Schattenfürst begann zurückzuweichen. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten.

„Nein.“

Maya ging weiter.

„Magie ist Lachen.“

Faulo hob einen Flügel.

„Da bin ich dabei!“

„Ich auch!“

„Obwohl ich gerade müde bin.“

„Du bist immer müde.“

„Stimmt.“

Die Sternengeister begannen zu leuchten. Der Himmel des Sternenreichs verwandelte sich in ein Meer aus funkelnden Sternen. Überall erschienen Lichtwesen. Tausende. Zehntausende. Vielleicht Millionen. Sie schwebten aus den Wolken herab und umkreisten Maya. Der Schattenfürst blickte sich hektisch um.

„Nein!“

„Das darf nicht sein!“

Maya blieb vor ihm stehen. Die kleine Chihuahua-Hündin war winzig im Vergleich zu ihm. Und dennoch wirkte sie plötzlich größer. Nicht körperlich. Sondern in ihrem Herzen.

„Du hast vergessen, was Magie wirklich ist.“

Der Schattenfürst schwieg. Maya erkannte plötzlich etwas. Die violetten Augen. Die Traurigkeit darin. Die Einsamkeit. Jahrhundertelang hatte er nur an Macht gedacht. An Kontrolle. An Angst. Und dabei hatte er alles verloren.

„Du warst einmal ein Hüter.“

Die Gestalt erstarrte.

„Woher weißt du das?“

„Ich kann es sehen.“

Die violetten Augen begannen schwächer zu leuchten.

„Vor langer Zeit wolltest du das Sternenreich beschützen.“

Der Schattenfürst antwortete nicht.

„Aber irgendwann hattest du Angst.“

Langsam begann sein Körper aus Nebel zu zittern.

„Ich…“

„Du hattest Angst, dass die Magie verschwindet.“

Ein langer Moment verging. Dann senkte der Schattenfürst den Kopf. Zum ersten Mal. Seit Jahrhunderten.

„Ja.“

Das Wort war kaum hörbar.

„Ich wollte sie retten.“

Maya trat noch näher.

„Aber Angst kann keine Magie retten.“

Die Sternengeister leuchteten heller. Der Himmel des Sternenreichs wurde strahlend weiß. Der Schattenfürst schloss die Augen. Langsam begann der schwarze Nebel seinen Körper zu verlassen. Stück für Stück. Wie Dunkelheit, die von der Morgensonne vertrieben wird. Unter dem Nebel erschien eine andere Gestalt. Ein alter Hüter. In silbernen Gewändern. Mit freundlichen Augen. Müde Augen. Traurigen Augen. Doch nicht mehr bösen Augen. Nocturnus lächelte.

„Willkommen zurück, alter Freund.“

Der ehemalige Schattenfürst blickte ihn überrascht an.

„Du… hasst mich nicht?“

Der Magier schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Der alte Hüter sah zu Maya. Tränen glitzerten in seinen Augen.

„Danke.“

Dann löste er sich langsam in tausende Lichtfunken auf. Nicht zerstört. Nicht besiegt. Sondern erlöst. Die Lichtfunken stiegen zum Himmel empor. Und verschwanden zwischen den Sternen. Das Sternentor begann zu beben. Die Sternengeister sprachen ein letztes Mal.

„Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.“

„Die Hüterin hat ihre Aufgabe erfüllt.“

Maya blickte auf.

„Was passiert jetzt?“

„Das Sternenreich wird weiterbestehen.“

„Und du?“

„Du wirst nach Hause zurückkehren.“

Maya lächelte. Ehrlich gesagt klang das gar nicht schlecht. Die Sternengeister schienen ebenfalls zu lächeln.

„Doch bevor du gehst, erhältst du ein Geschenk.“

Ein einzelner Stern löste sich vom Himmel. Langsam schwebte er herab. Direkt vor Maya. Dann verwandelte er sich in ein kleines silbernes Halsband mit einem winzigen Sternenanhänger. Maya betrachtete ihn staunend.

„Solange du ihn trägst, wird immer ein kleines Stück Sternenmagie bei dir bleiben.“

Vorsichtig legte sich das Halsband um ihren Hals. Es passte perfekt. Als wäre es schon immer für sie bestimmt gewesen. Das Sternentor begann sich langsam zu schließen. Die schwebenden Inseln verschwanden. Die Wolken verblassten. Das Sternenschloss wurde immer kleiner. Bis schließlich nur noch ein einzelner Lichtpunkt übrig blieb. Dann war das Tor geschlossen. Stille kehrte zurück. Die Manege war wieder eine gewöhnliche Manege. Das Zelt wieder ein gewöhnliches Zirkuszelt. Doch nichts würde jemals wieder ganz gewöhnlich sein. Wenige Minuten später kehrten die Lichter des Zirkus zurück. Die Zuschauer hatten von all dem kaum etwas verstanden. Sie hatten Lichter gesehen. Unglaubliche Effekte. Wundervolle Magie. Und die kleine Chihuahua-Hündin, die plötzlich mitten in der Manege gestanden hatte.

Sie glaubten, alles sei Teil der Vorstellung gewesen. Und sie liebten es. Der Applaus war gewaltig. Menschen jubelten. Kinder lachten. Und überall wurde über Maya gesprochen. Faulo und Maulo sorgten selbstverständlich dafür, dass wirklich jeder davon erfuhr.

„Sie hat einen Drachen besiegt!“

„Nein, drei Drachen!“

„Mindestens zehn!“

„Und einen Riesen!“

„Und den Bürgermeister von Mars!“

„Maulo!“

„Was denn?“

„Jetzt übertreibst du wieder.“

„Stimmt.“

„Es waren nur neun Drachen.“

So verbreiteten sich die Geschichten durch ganz Simmering. Von Garten zu Garten. Von Straße zu Straße. Von Mensch zu Mensch. Schon bald kannte jeder die kleine weiß-schwarze Chihuahua-Hündin. Die mutige Maya. Die Heldin des magischen Zirkus. Viele Jahre später erzählte man sich die Geschichte noch immer. Man sprach vom geheimnisvollen Magier. Vom Zirkus auf der großen Wiese. Von den Krähenzwillingen. Und von der kleinen Hündin mit dem Herz eines Löwen.

Manche glaubten die Geschichte. Andere hielten sie für ein Märchen. Doch wenn man an klaren Sommerabenden durch die Gegend rund um die Gartensiedlung Neugebäude spazierte, konnte man manchmal etwas Merkwürdiges beobachten. Eine kleine schwarz-weiße Chihuahua-Hündin saß dann auf ihrer Lieblingswiese und blickte zu den Sternen hinauf. An ihrem Hals funkelte ein winziger silberner Stern. Und manchmal… Nur manchmal… Antworteten die Sterne mit einem geheimnisvollen Leuchten. Als würden sie ihrer Hüterin zunicken. Und Maya lächelte dann. Denn sie wusste etwas, das sonst kaum jemand wusste: Die Magie war nie verschwunden. Sie hatte nur auf jemanden gewartet, der wieder an sie glaubte. 

 

**Schlusswort**

Und so wurde Maya, die kleine Chihuahua-Hündin aus Simmering, zur Heldin einer Geschichte, die man noch lange erzählte. Sie lernte, dass wahrer Mut nicht von Größe abhängt und dass die größte Magie in Freundschaft, Hoffnung und einem guten Herzen liegt.

 

Kurzgeschichte aus Simmering

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)         

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