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Maya – Das Geheimnis des Papageis

Der erste Sonnenstrahl glitt langsam über die Dächer der Gartensiedlung Neugebäude. Die Nacht hatte wieder einmal unerträglich heiß gedrückt. Keine Wolke bedeckte den Himmel, kein Windhauch zog durch die kleinen Gassen. Die Luft lag schwer und feucht über dem Boden, als wollte sie einfach nicht weichen.

Die kleine Chihuahua-Hündin Maya fand kaum Schlaf. Immer wieder rollte sie sich von einer Seite auf die andere, streckte die Pfoten aus, zog sie wieder an und gab schließlich auf. Erst als die ersten Vögel sangen und die Sonne langsam über den Horizont kletterte, wurde die Luft etwas angenehmer. Maya trat vor ihre kleine Hundehütte und streckte sich ausgiebig.

„Heute bleibe ich bestimmt nicht zu Hause“, murmelte sie entschlossen.

Sie liebte den Sommer. Sie liebte die Blumen, die Schmetterlinge und das warme Gras unter ihren kleinen Pfoten. Doch diese drückende Schwüle machte ihr schwer zu schaffen. Plötzlich fiel ihr ihr Lieblingsort ein: der Naturgarten beim Wiener Zentralfriedhof. Dort spendeten hohe Bäume angenehmen Schatten.

Bunte Blumen blühten zwischen den Wiesen, Libellen schwirrten über das Wasser, und ein kleines Feuchtbiotop sorgte selbst an den heißesten Tagen für Abkühlung. Maya musste nur die Simmeringer Hauptstraße überqueren. Sie wartete geduldig an der Ampel. Autos rauschten vorbei, Straßenbahnen klingelten, Radfahrer sausten an ihr vorbei. Erst als die Ampel grün wurde, lief Maya vorsichtig über die Straße. Kaum betrat sie den Naturgarten, schien die Welt eine andere zu sein.

Der Lärm der Stadt verstummte fast völlig. Zwischen den hohen Pappeln rauschte der Wind. Die Birkenblätter raschelten leise. Von irgendwo klopfte ein Buntspecht gegen einen Baum. Eine Amsel sang ihr Morgenlied. Der Duft feuchter Erde mischte sich mit dem süßen Geruch blühender Wildblumen. Maya atmete tief ein.

„Genau das habe ich gebraucht. “

Sie lief über einen schmalen Naturpfad, vorbei an kleinen Blumenwiesen, auf denen Hummeln und Wildbienen geschäftig sammelten. Bald erreichte sie das kleine Feuchtbiotop – ihren absoluten Lieblingsplatz. Ein breiter Schilfgürtel umgab das Wasser. Zwischen den Halmen glitzerten Tautropfen wie kleine Diamanten. Weiße Seerosen schwammen auf der Oberfläche. Libellen mit schillernden Flügeln tanzten über das Wasser. Am Rand quakten Frösche, als begrüßten sie den neuen Tag. Ein kleiner Wasserfall plätscherte ununterbrochen über moosbewachsene Steine. Das Geräusch beruhigte Maya jedes Mal.

“Oh, wie wunderbar!”

Ohne zu zögern sprang sie vorsichtig ins seichte Wasser. Das kühle Nass umspülte ihre kleinen Pfoten. Sie watete langsam tiefer, bis das Wasser ihren Bauch berührte. Ein glückliches Seufzen entwich ihr.

“So fühlt sich der Sommer richtig an.”

Nach einigen Minuten legte sie sich auf einen flachen Stein direkt neben dem Wasserfall. Der feine Sprühnebel kühlte ihr Gesicht. Über ihr flatterten Schmetterlinge. Ein Eisvogel schoss wie ein blauer Pfeil über das Wasser. In der Ferne summten unzählige Bienen. Direkt neben dem Biotop standen mehrere große Bienenstöcke. Die Honigbienen flogen unermüdlich ein und aus. Ihr gleichmäßiges Summen wirkte auf Maya fast wie ein Schlaflied. Sie schloss langsam die Augen. Endlich konnte sie den Schlaf nachholen, den ihr die schwüle Nacht geraubt hatte.

Während sie schlief, ging das Leben im Biotop ungestört weiter. Die Frösche veranstalteten ihr morgendliches Konzert. Wasserläufer glitten über die Oberfläche. Eine Ringelnatter schwamm lautlos durch das Schilf. Eine Familie Stockenten zog gemächlich vorbei. Niemand störte Maya. Niemand – außer einer ganz besonderen Besucherin.

Lautlos glitt ein großer Schatten über das Wasser. Kein Flügelschlag war zu hören. Wie aus dem Nichts landete eine wunderschöne Eule auf einem alten Ast direkt über dem Wasserfall. Es war Aura. Die kluge Waldohreule besuchte das Biotop fast jeden Morgen. Sie liebte den kleinen Wasserfall. Vorsichtig breitete sie die Flügel aus und stellte sich direkt unter den herabfallenden Wasserstrahl.

„Ahhh… genau die richtige Erfrischung. “

Das Wasser perlte an ihrem weichen Gefieder ab. Sie schüttelte sich kräftig. Millionen kleiner Tropfen funkelten im Sonnenlicht. Das Plätschern weckte Maya. Sie blinzelte verschlafen.

„Guten Morgen, Aura. “

„Guten Morgen, kleine Schlafmütze. “

Maya musste lachen.

„Die Bienen haben mich wieder in den Schlaf gesummt. “

Aura nickte.

„Das Summen beruhigt auch mich. Es erinnert mich daran, dass selbst die kleinsten Lebewesen Großes leisten können. “

Gemeinsam beobachteten sie einige Minuten schweigend das Biotop. Ein Frosch sprang mit elegantem Satz ins Wasser. Eine Libelle setzte sich auf einen Schilfhalm. Ein Schmetterling landete kurz auf Mayas Nase.

„Du bist heute ungewöhnlich nachdenklich“, bemerkte Maya schließlich.

Aura blickte in den Himmel.

„Ich habe gestern etwas Außergewöhnliches erlebt. “

Sofort wurde Maya neugierig.

„Was denn? “

Aura räusperte sich.

„Kennst du Papageien? “

Maya legte den Kopf schief.

„Papageien? “

„Nein. “

„Noch nie gehört. “

Aura lächelte geheimnisvoll.

„Dann wird es Zeit. “

Maya setzte sich aufrecht hin.

„Erzähl! “

„Papageien sind Vögel. “

„Das allein wäre noch nichts Besonderes. “

„Aber sie besitzen Federn in allen Farben des Regenbogens. “

„Manche sind grün wie frisches Gras. “

„Andere leuchten rot wie Mohnblumen. “

„Es gibt blaue, gelbe, orangefarbene und sogar welche, deren Gefieder aussieht, als hätte ein Maler alle Farbengleichzeitig benutzt. “

Maya staunte.

„So etwas gibt es wirklich? “

Aura nickte.

„Und weißt du, was noch viel erstaunlicher ist? “

„Nein! “

„Viele Papageien können die Sprache der Menschen nachahmen. “

Maya riss die Augen auf.

„Wie bitte? “

„Sie sprechen? “

„Mit Worten? “

„Ganz genau. “

„Sie können Sätze sagen. “

„Sie lachen. “

„Sie pfeifen Melodien. “

„Manche erzählen sogar kleine Geschichten. “

Maya sprang auf.

„Das gibt es doch nicht! “

Aura musste lachen.

„Doch. “

„Ich habe selbst einen getroffen. “

„Sein Name ist Chico. “

„Chico? “

„Ja. “

„Ein Graupapagei. “

„Er lebt mit vielen anderen Papageien in einem besonderen Schutzhaus. “

„Gleich gegenüber vom zweiten Tor des Wiener Zentralfriedhofs. “ „In einem alten Gasthaus. “

„Dort wohnen über zweihundert Papageien, die gerettet wurden.“

Maya rutschte unruhig auf ihrem Platz hin und her.

„Zweihundert? “

„Ja. “

„Viele hatten früher kein schönes Leben. “

„Einige waren einsam. “

„Andere wurden schlecht behandelt. “

„Manche können nicht mehr fliegen. “

„Doch dort kümmern sich liebe Menschen um sie. “

Maya lauschte gespannt.

„Und Chico? “

Aura lächelte.

„Chico ist etwas ganz Besonderes. “

„Er ist unglaublich klug. “

„Er beobachtet alles genau. “

„Er merkt sich jedes Gesicht. “

„Er spricht mit den Menschen. “

„Und manchmal unterhält er sich sogar mit anderen Tieren. “

Maya traute ihren Ohren kaum.

„Ich muss ihn kennenlernen! “

Sie sprang auf einen Stein und rief begeistert in den Himmel:

„Ich muss unbedingt einen Papagei kennenlernen! “

Ihre Stimme hallte über das Wasser. Die Frösche verstummten. Enten flatterten erschrocken davon. Sogar die Bienen summten für einen Moment langsamer. Aura lachte herzlich.

„Ich habe mir schon gedacht, dass du so reagieren würdest. “

„Kannst du mich zu ihm bringen? “

Aura wurde ernst.

„Vielleicht. “

„Aber es gibt etwas, das du wissen musst. “

Maya sah sie fragend an.

„Chico lebt zwar im Schutzhaus…“

Aura hielt inne. „…doch er verbringt die meiste Zeit in einem großen Käfig. “

Maya wurde still.

„Warum? “

 „Darf er nicht hinaus? “

Aura blickte nachdenklich zum Himmel.

„Das hat einen wichtigen Grund. “

„Welchen? “

Die Eule schwieg. Ein leichter Wind bewegte das Schilf. Irgendwo knackte ein Ast. Plötzlich flatterten alle Vögel auf. Die Frösche sprangen ins Wasser. Die Bienen wurden unruhig. Aura drehte ihren Kopf langsam zum Waldrand.

„Seltsam…“

„Was ist denn? “, fragte Maya leise.

Aura flüsterte:

„Wir sind nicht mehr allein. “

Maya spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Zwischen den hohen Gräsern bewegte sich etwas. Ganz langsam. Fast lautlos. Doch niemand konnte erkennen, wer oder was sich dort versteckte.

 Maya konnte in dieser Nacht kaum schlafen. Nicht wegen der Hitze, sondern vor Aufregung. Immer wieder dachte sie an Aura. An ihre geheimnisvollen Worte. An den Papagei Chico. An das alte Gasthaus gegenüber dem zweiten Tor des Wiener Zentralfriedhofs, wo über zweihundert gerettete Papageien lebten.

„Ein Vogel, der sprechen kann“, murmelte sie.

„Das muss ich selbst erleben. “

Noch bevor die Sonne ganz aufgegangen war, stand Maya auf ihren kleinen Pfoten. Der Morgen war kühl. Ein leichter Wind strich durch die Bäume und ließ die Blätter rauschen. Nach einem kleinen Frühstück machte sie sich auf den Weg zum Naturgarten.

Wie fast jeden Morgen wartete Aura auf ihrem Lieblingsast über dem Wasserfall. Ihr Gefieder glänzte im goldenen Licht der aufgehenden Sonne.

„Ich wusste, dass du früh kommen würdest“, sagte Aura lächelnd.

„Ich konnte kaum schlafen“, antwortete Maya.

„Ich möchte Chico unbedingt kennenlernen. “

Aura nickte.

„Dann komm. Heute ist ein guter Tag. “

Gemeinsam verließen sie den Naturgarten. Maya lief über schmale Wege, während Aura lautlos von Baum zu Baum flog. Immer wieder wartete sie auf ihre kleine Freundin, denn Mayas kurze Beine konnten mit den kräftigen Flügeln der Eule nicht mithalten. Bald erreichten sie den Rand des Wiener Zentralfriedhofs. Schon von weitem ragten die alten Bäume in den Himmel. Zwischen ihnen standen kunstvolle Grabdenkmäler, steinerne Engel blickten schweigend über die Wege, und überall zwitscherten Vögel. Maya staunte jedes Mal, wie friedlich dieser Ort war.

„Die Menschen denken oft, ein Friedhof sei traurig“, sagte Aura.

 „Aber für viele Tiere ist er ein Zuhause. “

Maya nickte.

Sie entdeckte Eichhörnchen, die über Äste sprangen, Kaninchen, die zwischen Hecken verschwanden, bunte Schmetterlinge, Singvögel und sogar einen Buntspecht.

„Hier lebt ganz schön viel“, staunte sie.

„Ja“, antwortete Aura.

„Die Tiere wissen, dass sie hier meist ungestört sind. “

Sie überquerten vorsichtig einen kleinen Weg und standen schließlich gegenüber dem zweiten Tor. Dort lag das alte Gasthaus. Das Gebäude wirkte verwittert. Der Putz war stellenweise abgeblättert, die Fensterläden alt, und über der Eingangstür erinnerte nur noch ein verblasstes Schild daran, dass hier früher Gäste ein- und ausgingen. Doch nun war alles anders. Vor dem Haus standen große Blumenkübel. Lavendel duftete. Sonnenblumen reckten ihre Köpfe zur Sonne. An den Fenstern hingen Blumenkästen voller Geranien. Mehrere Volieren waren liebevoll in den Garten integriert. Überall hörte man Vogelstimmen. Nicht nur einzelne Rufe. Es klang wie ein Orchester. Es wurde gepfiffen. Gelacht. Gesungen. Gequiekt. Manche Vögel imitierten Türklingeln. Andere bellten wie Hunde. Wieder andere pfiffen Melodien, die Maya noch nie gehört hatte. Sie blieb mit offenem Maul stehen.

„Das ist unglaublich. “ Aura lächelte.

„Willkommen im Papageienschutzhaus. “

Langsam gingen sie näher. Hinter den großen Gittern der Außenvolieren saßen Papageien in allen Farben. Grüne Amazonen kletterten geschickt an Ästen entlang. Gelbbrustaras spannten ihre riesigen Flügel auf. Kakadus begrüßten sich lautstark. Kleine Sittiche flatterten wie bunte Pfeile durch die Luft. Graupapageien beobachteten jede Bewegung. Maya wusste gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte.

„Sie sind wunderschön“, flüsterte sie.

In diesem Moment hörte sie eine Stimme.

„Guten Morgen! “

Maya erschrak. Sie drehte sich um. Niemand war da.

„Hier oben! “

Maya blickte nach oben. Auf einem dicken Ast saß ein Graupapagei mit silbergrauem Gefieder, schwarzem Schnabel und leuchtend rotem Schwanz. Seine hellen Augen funkelten.

„Du musst Maya sein. “

Die kleine Chihuahua-Hündin blieb wie angewurzelt stehen.

„Du… du kannst wirklich sprechen! “

Der Papagei lachte.

„Natürlich kann ich sprechen. “

„Ich habe lange genug den Menschen zugehört. “

Maya schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das ist ja unglaublich. “

„Du bist also Chico? “

„Ganz genau. “

„Und du bist kleiner, als ich gedacht habe. “

Maya lachte.

„Das sagen alle. “

Chico kletterte geschickt an seinem Ast entlang.

„Aura erzählt viel von dir. “

„Nur Gutes, hoffe ich. “

„Natürlich. “

„Sie sagt, du bist neugierig. “

„Mutig. “

„Hilfsbereit. “

„Und manchmal ein klein wenig ungeduldig. “

Maya wurde rot.

„Das stimmt vielleicht. “

Die beiden lachten. Schon nach wenigen Minuten fühlte es sich an, als würden sie sich lange kennen. Maya erzählte von ihrem geliebten Biotop. Vom Wasserfall. Von den Fröschen. Von den summenden Bienen. Chico hörte aufmerksam zu.

„Davon habe ich oft geträumt. “

„Du warst noch nie dort? “

Der Graupapagei schüttelte traurig den Kopf.

„Nein. “

Maya schaute sich um.

„Aber warum? “

Jetzt wurde Chico still. Er blickte in den Himmel. Hoch über ihnen zog ein Mäusebussard seine Kreise.

„Ich darf das Schutzhaus nicht einfach verlassen. “

„Warum nicht? “

„Weil ich draußen kaum überleben könnte. “

Maya runzelte die Stirn.

„Aber du kannst doch fliegen. “

„Ja, aber ich bin bei Menschen aufgewachsen. Ich kenne die Gefahren nicht. “

„Autos. “

„Greifvögel. “

„Glasscheiben. “

„Giftige Pflanzen. “

„Stromleitungen. “

„Und Menschen, die Papageien stehlen. “

Maya erschrak.

„Das würde wirklich jemand tun? “

Chico nickte traurig.

„Leider ja.

Deshalb passen die Pfleger gut auf uns auf. “

Maya setzte sich ins Gras und dachte nach. Plötzlich begriff sie, dass Freiheit komplizierter sein konnte, als sie gedacht hatte. Während sie Chico beobachtete, fiel ihr sein trauriger Blick auf. Immer wenn ein Schwarm Krähen über das Haus flog, schaute er ihnen lange nach.

„Vermisst du das Fliegen? “

Chico schwieg einen Moment.

„Jeden Tag. “

„Aber ich bin trotzdem dankbar. Hier bin ich sicher. Hier habe ich Freunde. Und hier muss ich keine Angst haben. “

Maya lächelte.

„Jetzt hast du noch eine Freundin mehr. “

Chico grinste.

„Das glaube ich auch. “

Gerade wollte Maya etwas fragen, als ein lautes Krachen vom Dach des Gasthauses ertönte. Alle Papageien verstummten. Niemand rührte sich. Selbst Aura riss die Augen auf.

„Das ist nicht gut“, flüsterte sie.

„Was denn? “, fragte Maya.

Ein älterer Ara breitete nervös die Flügel aus.

„Er ist wieder da…“

„Wer? “, fragte Maya.

Bevor jemand antworten konnte, landete ein großer schwarzer Vogel auf einem kahlen Ast. Er war größer als jede Krähe, die Maya je gesehen hatte. Sein Gefieder glänzte wie polierter Onyx, und seine Augen wirkten klug. Langsam drehte er den Kopf zu den Volieren und krächzte:

„Ich habe Chico endlich gefunden. “

Maya spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Wer war dieser Vogel? Woher kannte er Chico? Und warum hatten alle Papageien Angst vor ihm? Das fröhliche Pfeifen im Schutzhaus war verstummt. Nur der Wind bewegte die Blätter der Kastanienbäume. Selbst die Spatzen hielten inne. Maya musterte den schwarzen Vogel. Sein kräftiger Schnabel wirkte bedrohlich, doch seine Augen strahlten keine Bosheit aus – eher Sorge. Langsam landete er auf dem Zaun vor der Voliere.

„Bitte“, sagte er ruhig.

„Habt keine Angst vor mir. “

Niemand antwortete.

Chico klammerte sich an einen Ast.

„Woher kennst du meinen Namen? “

Der Vogel neigte den Kopf.

„Ich heiße Corvin. Ich bin ein Kolkrabe. Und ich bin nicht hier, um dir zu schaden. “

Maya trat vorsichtig näher.

„Warum bist du dann hier? “

Corvin betrachtete sie.

„Du bist Maya, nicht wahr? Aura hatte recht – du bist mutiger, als du aussiehst. “

Maya schluckte.

„Woher kennst du Aura? “

Die Eule landete lautlos auf einem Zaunpfosten.

„Wir treffen uns manchmal in der Dämmerung“, erklärte sie.

„Corvin hat mir oft geholfen. “

Maya entspannte sich ein wenig.

„Also bist du ein Freund? “

Corvin zögerte.

„Das hoffe ich. Aber zuerst muss ich Chico etwas erzählen. “

Chico blieb misstrauisch.

„Dann erzähl. “

Corvin sah sich um.

„Nicht hier. Zu viele Ohren. “

Ein Kakadu rief:

„Ich höre sowieso alles! “

Einige Papageien kicherten. Die angespannte Stimmung löste sich ein wenig. Auch Chico lächelte.

„Na gut. “

Kurz darauf saßen Maya, Chico, Aura und Corvin in einer ruhigen Ecke des Gartens. Der kleine Teich spiegelte die Wolken, Libellen schwebten über das Wasser, und eine Amsel zog einen Regenwurm aus der Erde. Es war friedlich. Corvin begann:

„Vor ein paar Wochen flog ich über die Donauauen. Dort traf ich einen alten Graupapagei. “

Chico horchte auf.

„Einen Graupapagei? “

„Ja. Er war alt, sein Gefieder grau, eine Kralle verletzt. Aber seine Augen waren wach. Er erzählte mir von einem jungen Papagei, der vor Jahren verschwand. “

Chico schwieg.

Corvin fuhr fort:

„Der alte Papagei kannte nur einen Namen: Chico. “

Maya sah zwischen den beiden hin und her.

„Aber Chico lebt doch hier. “

Corvin nickte.

„Das weiß ich. Doch der alte Papagei sagte, Chico hätte nie verschwinden dürfen. Jemand sucht seit Jahren nach ihm. “

Chico schüttelte den Kopf.

„Ich erinnere mich kaum an meine ersten Jahre. Ich weiß nur, dass ich irgendwann bei Menschen lebte. Später kam ich ins Schutzhaus. Alles davor ist verschwommen. “

Aura legte einen Flügel auf seine Schulter.

„Manchmal schützt uns das Vergessen. “

Corvin nickte.

„Der alte Papagei sprach von einem Wald. Von einem riesigen Feigenbaum. Von Hunderten Papageien. Und von einem Jungvogel, der eines Tages verschwand. “

Chico senkte den Blick.

„Glaubst du… dass ich dieser Jungvogel bin? “

„Ich weiß es nicht. “

„Aber ich glaube, wir müssen es herausfinden. “

Plötzlich mischte sich Maya ein.

„Dann machen wir das gemeinsam! “

Corvin lächelte.

„Genau das habe ich gehofft. “

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Schutzhauses. Eine Tierpflegerin brachte frisches Obst. Sofort wurde es wieder laut. Papageien flatterten aufgeregt durch ihre Volieren.

„Apfel! “

„Banane! “

„Weintrauben! “

„Nüsse! “

„Endlich Frühstück! “

Ein Gelbhaubenkakadu pfiff begeistert eine Melodie. Ein Ara rief laut:

„Nicht drängeln! “

Die Tierpflegerin lachte.

„Immer mit der Ruhe. “

Maya verfolgte das bunte Treiben fasziniert.

„Hier ist immer etwas los. “

Chico lächelte.

„Langweilig wird es nie. “

Während die Papageien fraßen, fiel Maya etwas Merkwürdiges auf. Ganz hinten in einer Voliere saß ein alter, weißer Kakadu. Er hatte bisher geschwiegen. Seine Augen ruhten ununterbrochen auf Corvin.

„Wer ist das? “, flüsterte Maya. Chico drehte sich um.

„Das ist Professor Alfred. “ „Professor? “

„So nennen wir ihn. “

„Er ist der älteste Papagei hier. “

„Fast jeder Vogel sucht ihn auf, wenn er einen Rat braucht. “

„Er weiß unglaublich viel. “

„Und er vergisst fast nichts. “

Der alte Kakadu hob langsam den Kopf. Mit erstaunlich kräftiger Stimme sagte er:

„Corvin…“

Der Rabe trat näher.

„Professor Alfred. “

„Ich hatte gehofft, dich noch anzutreffen. “

Der alte Kakadu nickte.

„Ich habe auf dich gewartet. “

Alle schauten überrascht.

„Du hast auf ihn gewartet? “, fragte Maya.

„Ja. “

„Seit vielen Jahren. “

Jetzt verstand niemand mehr etwas. Professor Alfred blickte Chico lange an. Seine Augen wurden feucht.

„Du bist größer geworden. “

Chico runzelte die Stirn.

„Wir kennen uns? “

Der alte Kakadu lächelte traurig.

„Du erinnerst dich nicht. “

„Aber ich habe dir einmal das Fliegen beigebracht. “

Chico erstarrte.

„Das… kann nicht sein. “

„Doch. “

„Damals warst du noch ein kleiner, neugieriger Jungvogel. “

„Du hattest vor nichts Angst. “

„Du wolltest immer höher fliegen als alle anderen. “

Chicos Herz schlug schneller. Vor seinem inneren Auge tauchten plötzlich verschwommene Bilder auf. Warme Sonne. Ein riesiger Baum. Das Rascheln unzähliger Blätter. Fröhliches Papageiengeschrei. Ein weiter blauer Himmel. Und eine freundliche Stimme, die sagte:

„Breite deine Flügel aus, Chico. Ich bin bei dir. “

„Ich… ich glaube… ich erinnere mich.“

Eine einzelne Träne lief über Chicos Gesicht. Professor Alfred nickte langsam.

„Die Erinnerungen kommen zurück. “

Corvin trat näher.

„Dann stimmt die Geschichte. “

„Ja. “

„Und wenn sie stimmt…“, sagte Professor Alfred leise, „…dann schwebt nicht nur Chico in Gefahr. “

Maya erschrak.

„Wie meinst du das? “

Der alte Kakadu blickte ernst in die Runde.

„Jemand hat damals dafür gesorgt, dass Chico verschwand. “

„Und wenn diese Person erfährt, dass seine Vergangenheit zurückkehrt…“

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Plötzlich ertönte draußen vor dem Schutzhaus ein Motor. Ein Lieferwagen hielt direkt vor dem Eingang. Niemand erkannte das Fahrzeug. Langsam öffnete sich die Fahrertür. Eine unbekannte Gestalt stieg aus. Sie trug eine dunkle Kappe tief ins Gesicht gezogen und blickte sich aufmerksam um. Dann zog sie ein Fernglas aus der Tasche und richtete es auf die Volieren. Professor Alfred flüsterte nur noch:

„Oh nein…“

„Er hat uns gefunden. “

Maya spürte sofort, dass dies kein Zufall war. Vor dem Papageienschutzhaus herrschte plötzlich Stille. Der unbekannte Mann stand regungslos neben seinem Lieferwagen. Seine dunkle Kappe verdeckte das Gesicht, während er mit dem Fernglas jede Voliere absuchte. Es wirkte, als suche er gezielt nach einem bestimmten Vogel. Im Schutzhaus wagte kaum jemand zu atmen. Die sonst so fröhlichen Papageien drängten sich dicht aneinander auf ihre Äste. Selbst die lautesten Kakadus schwiegen. Maya blickte zu Chico. Noch nie hatte sie ihren neuen Freund so ernst gesehen.

„Wer könnte das sein? “, flüsterte sie.

Professor Alfred antwortete leise:

„Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Aber mein Herz sagt mir, dass seine Absichten nichts Gutes bedeuten. “

Corvin nickte.

„Ich habe denselben Lieferwagen schon vor einigen Tagen gesehen. “

Alle schauten ihn überrascht an.

„Warum hast du nichts gesagt? “, fragte Aura.

„Weil ich erst sicher sein wollte. “

„Der Wagen tauchte an verschiedenen Orten auf. Immer dort, wo Papageien leben. “

Chico bekam eine Gänsehaut.

„Glaubst du, jemand beobachtet uns? “

„Ja. “

„Und ich fürchte, nicht erst seit heute. “

In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür des Schutzhauses. Eine Tierpflegerin trat hinaus, um die Blumen zu gießen. Als sie den fremden Mann bemerkte, lächelte sie freundlich.

„Kann ich Ihnen helfen? “

Der Mann setzte sofort ein höfliches Lächeln auf.

„Nein, danke. Ich interessiere mich nur für Vögel. “

„Unsere Papageien können leider nicht besucht werden“, erklärte die Tierpflegerin freundlich.

„Sie brauchen viel Ruhe. “

„Natürlich. “

Der Mann nickte, stieg wieder in seinen Lieferwagen und fuhr langsam davon. Erst als das Fahrzeug hinter der nächsten Kurve verschwand, atmeten alle erleichtert auf.

„Vielleicht war es doch nur ein Besucher“, sagte Maya hoffnungsvoll.

Professor Alfred schüttelte den Kopf.

„Nein. “

„Seine Augen waren nicht die Augen eines Vogelfreundes. “

„Er hat nicht die Tiere angesehen. “

„Er hat nach jemandem gesucht. “

Alle wussten, wen der alte Kakadu meinte. Chico.

Am Abend kehrten Maya und Aura in den Naturgarten zurück. Die untergehende Sonne tauchte das Feuchtbiotop in goldenes Licht. Der kleine Wasserfall plätscherte wie immer. Die Frösche begannen ihr Konzert. Bienen flogen zu ihren Stöcken zurück. Libellen verschwanden langsam zwischen den Schilfhalmen. Eigentlich war dies Mayas liebster Moment des Tages. Doch heute fand sie keine Ruhe. Sie dachte an Chico. An seine verlorene Vergangenheit. An den geheimnisvollen Lieferwagen. Und an Professor Alfreds Warnung.

„Ich mache mir Sorgen“, sagte Maya leise.

Aura nickte.

„Ich auch. “

Plötzlich raschelte es im Schilf. Maya blieb stehen.

„Schon wieder? “

Langsam teilten sich die Halme. Doch diesmal erschien kein unbekanntes Wesen. Ein kleiner Laubfrosch hüpfte hervor.

„Habt ihr schon gehört? “, quakte er aufgeregt.

„Was denn? “, fragte Maya.

„Heute Nachmittag sind zwei fremde Menschen durch den Naturgarten gelaufen. “

Aura spitzte die Ohren.

„Was wollten sie? “

„Sie haben ständig über Papageien gesprochen. “

Der kleine Frosch kratzte sich am Kopf.

„Ich habe nicht alles verstanden. “

„Aber ich habe einen Satz deutlich gehört. “

„Welchen? “, fragte Maya.

„Morgen. “

„Morgen holen wir ihn. “

Maya erschrak.

„Bist du dir sicher? “

„Ganz sicher. “

„Frösche haben hervorragende Ohren. “

Aura blickte sofort zum Himmel.

„Wir dürfen keine Zeit verlieren. “

Noch bevor der Mond ganz aufgegangen war, flogen und liefen die beiden zurück zum Papageienschutzhaus. Als sie ankamen, herrschte dort schon große Aufregung. Corvin wartete auf dem Dachfirst. Professor Alfred war wach. Auch Chico schlief noch nicht.

„Was ist passiert? “, fragte Chico.

Maya erzählte alles, was der kleine Laubfrosch gehört hatte. Keiner sagte zunächst ein Wort. Schließlich sprach Professor Alfred.

„Dann haben wir nur noch diese Nacht. “

„Diese Nacht wofür? “, fragte Maya.

Der alte Kakadu schaute ernst in die Runde.

„Um die Wahrheit zu finden. “

Er öffnete langsam seine Flügel. Zwischen den Federn zog er etwas hervor. Es war ein kleines, uraltes Lederband. Daran hing ein geschnitzter Holzanhänger. Auf dem Holz war ein großer Baum eingraviert. Chico starrte den Anhänger an. Sein Herz schlug schneller.

„Den kenne ich. “

„Woher? “, fragte Maya.

„Ich… ich weiß es nicht. “

„Aber ich habe ihn schon einmal gesehen. “

Professor Alfred lächelte.

„Natürlich. “

„Er gehörte deiner Familie. “

„Seit Generationen. “

„Ich habe ihn all die Jahre für dich aufbewahrt. “

Langsam nahm Chico den Anhänger in seinen Schnabel. In diesem Moment erwachte etwas in seinem Inneren. Er erinnerte sich an Stimmen. An Lachen. An viele bunte Papageien. An einen riesigen Baum. An warme Tropenluft. An einen älteren Papagei, der sagte:

„Egal, wohin dich das Leben führt – dieser Anhänger wird dich immer an dein Zuhause erinnern. “

Eine Träne rollte über Chicos Gesicht.

„Ich erinnere mich…“

Professor Alfred nickte.

„Noch nicht an alles. “

„Aber bald. “

Corvin breitete seine mächtigen Flügel aus.

„Dann müssen wir verhindern, dass jemand Chico mitnimmt, bevor seine Erinnerungen vollständig zurückkehren. “

Maya sprang entschlossen auf.

„Dann beschützen wir ihn. “

„Gemeinsam! “

Alle Tiere nickten. Sogar die kleinen Sperlinge auf dem Dach zwitscherten zustimmend. Die Igel im Garten stellten ihre Stacheln auf. Ein Eichhörnchen bot an, tagsüber Wache zu halten. Die Fledermäuse wollten nachts den Himmel beobachten. Die Frösche würden jeden Fremden sofort melden. Die Bienen versprachen, bei Gefahr laut um ihre Stöcke zu summen. Sogar die sonst so scheuen Kaninchen wollten helfen. Noch nie hatten so viele verschiedene Tiere zusammengehalten. Maya blickte gerührt in die Runde.

„Das alles macht ihr für Chico? “

Professor Alfred lächelte.

„Nein. “

„Für einen Freund. “

In dieser Nacht schlief fast niemand. Der Mond stand hoch über dem Wiener Zentralfriedhof. Zwischen den alten Bäumen zog ein kühler Wind hindurch. Alles wirkte friedlich. Doch kurz vor Sonnenaufgang hörte Corvin plötzlich ein bekanntes Geräusch. Ein Motor. Leise. Langsam. Vorsichtig. Er blickte zum Eingang. Der gleiche dunkle Lieferwagen rollte lautlos auf das Gelände zu. Diesmal fuhr er ohne Licht. Corvin rief sofort laut:

„Alle auf ihre Plätze! “

Maya stellte sich mutig vor Chicos Voliere. Aura breitete ihre Flügel aus. Die Bienen verließen summend ihre Stöcke. Die Frösche sprangen ins Wasser. Die Fledermäuse kreisten über dem Dach. Professor Alfred schloss für einen Moment die Augen.

„Jetzt entscheidet sich alles…“

Der Lieferwagen hielt direkt vor dem Tor. Die Fahrertür öffnete sich langsam. Eine Gestalt stieg aus. Doch diesmal war sie nicht allein. Eine zweite Person folgte ihr. Beide gingen entschlossen auf das Schutzhaus zu. Der erste legte die Hand auf das Eingangstor. Der zweite zog langsam einen großen Schlüsselbund aus seiner Tasche.

Langsam färbte sich der Himmel hellblau über Simmering. Die ersten Sonnenstrahlen berührten die alten Bäume des Wiener Zentralfriedhofs, während der dunkle Lieferwagen regungslos vor dem Papageienschutzhaus stand. Maya stellte sich mutig vor Chicos Voliere. Obwohl sie die kleinste unter allen Tieren war, zitterte sie nicht. Sie wusste, dass wahre Größe nichts mit der Körpergröße zu tun hatte, sondern mit dem Herzen. Neben ihr saß Aura mit weit ausgebreiteten Flügeln. Über ihnen kreiste Corvin. Professor Alfred beobachtete alles aufmerksam. Die Bienen summten nervös um ihre Stöcke. Sogar die Eichhörnchen, Kaninchen und Igel hatten ihre Verstecke verlassen.

Noch nie hatten so viele verschiedene Tiere gemeinsam aufeinander aufgepasst. Langsam öffnete sich das Eingangstor. Die beiden fremden Menschen betraten den Hof. Einer von ihnen hielt einen großen Schlüsselbund in der Hand. Der andere trug eine dicke Ledertasche. Maya knurrte leise.

„Kommt nicht näher. “

Natürlich verstanden die Menschen ihre Worte nicht. Doch sie hörten ihr Knurren. Genau in diesem Moment öffnete sich die Haustür des Schutzhauses. Mehrere Tierpfleger traten hinaus.

„Guten Morgen“, sagte einer freundlich.

„Kann ich Ihnen helfen? “

Der ältere der beiden Fremden lächelte höflich.

„Sehr gerne. “

Er zog langsam einen Ausweis aus seiner Tasche.

„Mein Name ist Dr. Berger. “

„Ich arbeite seit vielen Jahren mit internationalen Papageienschutzorganisationen zusammen. “

Die Tierpfleger schauten sich überrascht an.

„Wir erwarten heute eigentlich keinen Besuch. “

„Das stimmt“, antwortete Dr. Berger.

„Unser Besuch musste geheim bleiben. “

„Warum? “

Der zweite Mann öffnete vorsichtig seine Ledertasche. Er holte mehrere alte Dokumente hervor. Dann legte er vergilbte Fotografien auf den Tisch. Auf einem der Bilder saßen zahlreiche Graupapageien in einem riesigen tropischen Baum. Professor Alfred wurde ganz still.

„Dieser Baum…“

„Das ist der Baum aus meiner Erinnerung“, flüsterte Chico.

Dr. Berger zeigte auf einen kleinen Jungvogel auf dem Foto.

„Diesen Papagei suchen wir seit vielen Jahren. “

Chico trat langsam näher. Der Jungvogel auf dem Bild hatte denselben hellen Blick. Dasselbe silbergraue Gefieder. Und den gleichen roten Schwanz.

„Das… das bin ich. “

Dr. Berger nickte.

„Ja. “

Im Hof wurde es vollkommen still.

„Vor vielen Jahren fing eine Gruppe Tierhändler junge Graupapageien ein. “

„Einige konnten wir retten. “

„Andere verschwanden. “

„Du warst einer von ihnen. “

Chico senkte traurig den Kopf.

„Deshalb erinnere ich mich an fast nichts. “

„Ja“, antwortete Dr. Berger.

Die vielen Besitzerwechsel, der Stress und die Angst haben deine Erinnerungen fast ausgelöscht. Professor Alfred schloss die Augen.

„Ich habe ihn damals verloren. “

„Ich habe jahrelang gehofft, dass er noch lebt. “

Der alte Kakadu konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Langsam kletterte Chico zu ihm.

„Du hast mich nie vergessen? “

Professor Alfred schüttelte den Kopf.

„Keinen einzigen Tag. “

Behutsam legten beide ihre Köpfe aneinander. Selbst Maya wischte sich eine Träne aus den Augen. Doch plötzlich stellte Chico die wichtigste Frage.

„Warum seid ihr wirklich gekommen? “

Dr. Berger lächelte freundlich.

„Nicht um dich mitzunehmen. “

Alle blickten überrascht auf.

„Wie bitte? “

„Wir wollten nur sicher sein, dass du tatsächlich der vermisste Papagei bist. “

„Und wir wollten dem Schutzhaus endlich deine Geschichte erzählen. “

Maya atmete erleichtert aus.

„Also will euch niemand stehlen? “

„Nein. “

„Ganz im Gegenteil. “

„Wir möchten dieses Schutzhaus unterstützen. “

„Damit alle geretteten Papageien weiterhin ein sicheres Zuhause haben. “

Die Tierpfleger atmeten auf und lächelten.

„Das sind wunderbare Nachrichten. “

Dr. Berger öffnete eine zweite Mappe.

„Außerdem haben wir noch etwas gefunden. “

Er zog ein kleines Bild hervor. Darauf saß ein junger Graupapagei neben einem alten Kakadu. Beide lachten in die Kamera. Professor Alfred lächelte.

„Das war dein erster Flug. “

Chico betrachtete das Bild lange.

„Jetzt erinnere ich mich.“

„Du hast immer gesagt:“

„Ein Vogel fliegt nicht nur mit seinen Flügeln. Er fliegt auch mit Mut. “

Professor Alfred nickte gerührt.

„Und heute hast du bewiesen, dass du mutig geworden bist. “

Maya sprang fröhlich im Kreis.

„Dann ist jetzt alles gut! “

Doch Chico blickte zum Himmel. Ein Schwarm Wildgänse zog über den Zentralfriedhof.

„Fast. “

Maya sah ihn an.

„Was fehlt noch? “

Chico lächelte.

„Ich möchte einmal den Naturgarten sehen. “

„Den Wasserfall. “

„Das Feuchtbiotop. “

„Die Frösche. “

„Die Bienen. “

„Alles, was du mir erzählt hast. “

Die Tierpfleger tauschten Blicke. Einer von ihnen lächelte.

„Vielleicht ist heute der richtige Tag. “

Sie öffneten vorsichtig die große Flugvoliere. Alle Tiere hielten den Atem an. Chico trat langsam bis an die Öffnung. Zum ersten Mal seit Jahren lag nichts mehr zwischen ihm und dem Himmel. Er breitete vorsichtig die Flügel aus. Ein leichter Wind strich hindurch.

„Hast du Angst? “, fragte Maya.

„Ein bisschen. “

„Dann fliege nicht allein. “

Corvin stellte sich links neben ihn. Aura rechts.

„Wir begleiten dich. “

Chico nickte dankbar. Mit kräftigem Flügelschlag hob er ab. Er stieg höher. Eine Runde über das Schutzhaus. Noch eine. Dann folgte er mit seinen Freunden über die Straße. Maya lief unten voller Freude mit. Als sie den Naturgarten erreichten, glitzerte das Feuchtbiotop in der Morgensonne. Der kleine Wasserfall rauschte wie immer. Die Frösche begrüßten Chico mit lautem Quaken. Die Libellen tanzten über dem Wasser. Die Bienen summten friedlich. Chico landete auf einem Ast direkt über dem Wasser. Er schloss die Augen.

„Jetzt verstehe ich. “

„Was denn? “, fragte Maya.

„Freiheit bedeutet nicht, irgendwohin fliegen zu können. “

„Freiheit bedeutet, einen Ort zu haben, an den man immer wieder gerne zurückkehrt. “

Maya lächelte.

„Und wirst du ins Schutzhaus zurückkehren? “

Chico nickte ohne zu zögern.

„Ja. “

„Denn dort leben meine Familie und meine Freunde. “

„Und hier habe ich eine zweite Familie gefunden. “

Von diesem Tag an besuchte Chico den Naturgarten regelmäßig – immer in Begleitung einer Tierpflegerin oder eines Tierpflegers, damit er sicher unterwegs war. Maya zeigte ihm jedes Mal etwas Neues: das kühle Feuchtbiotop, denkleinen Wasserfall, die Frösche, die Libellen, die Bienenstöcke und die versteckten Pfade zwischen den Wildblumen. Corvin wurde zum Wächter des Himmels. Aura erzählte den jungen Eulen Geschichten über Mut und Freundschaft. Professor Alfred musste nie wieder fürchten, Chico zu verlieren. Und Maya?

Sie erkannte, dass das größte Abenteuer ihres Lebens nicht darin lag, einer Gefahr zu entkommen. Das größte Abenteuer war, einen Freund zu finden, der ihr Herz für immer veränderte. An warmen Sommerabenden sah man die beiden oft gemeinsam am Feuchtbiotop. Maya planschte fröhlich im Wasser. Chico saß über ihr auf einem Ast, erzählte Geschichten, brachte die Tiere zum Lachen oder ahmte das Quaken der Frösche so gut nach, dass selbst die Frösche verwundert innehielten. Dann lachten alle gemeinsam.

Und wenn Aura in der Abenddämmerung lautlos über das Biotop flog, Corvin hoch über den Baumwipfeln seine Kreise zog und die Bienen in ihre Stöcke zurückkehrten, wusste jedes Tier im Naturgarten: Das größte Glück besteht nicht darin, niemals Angst zu haben. Das größte Glück besteht darin, Freunde zu finden, die einem in den schwersten Momenten zur Seite stehen.

 

**Schlusswort**

Freundschaft, Mut und Zusammenhalt machen selbst die größten Abenteuer möglich. Mögen Maya und Chico euch daran erinnern, dass wahre Freunde immer füreinander da sind.

Kurzgeschichte aus Simmering

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)                                                                                                                             

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