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Herderpark

„Die Akte der verlorenen Kindheit“

 

Wien-Simmering, Juni 1954

Der Sommer brannte so heiß, dass der Asphalt zu schmelzen schien. Zwischen den Gemeindebauten schrien Kinder, Frauen lehnten aus Fenstern und klopften Teppiche, während Männer in verschwitzten Hemden aus den Fabriken strömten.

Zehn Jahre nach dem Krieg trug Wien noch immer Narben. Manche waren sichtbar. Andere nicht. Der junge Polizeibeamte Franz Hobel stand am Fenster des Wachzimmers und rauchte schweigend seine dritte Zigarette. Mit neunundzwanzig war er noch jung, doch seine Augen wirkten alt. Der Krieg hatte ihnen das Leuchten geraubt.

„Hobel! “

Er drehte sich um. Inspektor Brenner trat aus seinem Büro. Dick, unrasiert, ständig gereizt. Seine Hosenträger spannten über dem Bauch wie Drahtseile.

„Ein Toter im Herderpark. “

„Was für ein Toter? “

„Jung. Weiblich. Mehr wissen wir nicht. “

Brenner griff nach seinem Hut.

„Komm. “

Der Herderpark lag still unter den Bäumen, doch die Stille war falsch. Zu viele Menschen standen herum. Zu viele Gesichter. Neugierige. Schaulustige. Kinder. Frauen mit Einkaufstaschen. Männer in Unterhemden. Ein Streifenpolizist hielt sie zurück. Franz duckte sich unter dem Absperrband hindurch und sah sofort das Blut. Dunkel zog es sich durch das Gras, wie verschüttete Tinte. Die Tote lag halb hinter einem Busch. Ihr Kleid war verrutscht, das Gesicht entstellt, der Schädel eingeschlagen. Franz blieb stehen. Für einen Moment hörte er nichts mehr. Nur das Summen der Fliegen. Der Gerichtsmediziner kniete neben der Leiche.

„Mehr als dreißig Schläge“, murmelte er.

„Mit etwas Schwerem. “

Franz trat näher. Neben der Leiche lag ein Stoffsack, dunkelrot. Darin ein großer, runder Stein. Plötzlich spürte er Kälte. Nicht wegen der Brutalität. Wegen der Wut dahinter. Das war kein Raub. Das war Hass. Oder Liebe. Manchmal gab es keinen Unterschied.

„Wer ist sie? “

„Noch unbekannt“, sagte Brenner.

Ein Beamter kam herbeigeeilt.

„Herr Inspektor! Zwei Jugendliche. Dort hinten, beim Zaun. “

Franz blickte auf. Zwei Gestalten saßen auf einer Bank. Ein Junge und ein Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Das Mädchen trug ein helles Kleid, dunkle Locken umrahmten ihr Gesicht. Sie wirkte ruhig. Zu ruhig. Der Junge zitterte. Franz ging langsam auf sie zu.

„Wie heißt ihr? “

Der Junge antwortete zuerst.

„Paul Kren. “

Seine Stimme brach. Das Mädchen sah Franz direkt an.

„Kerstin Holler. “

Ihre Augen waren ungewöhnlich klar. Fast schön. Fast kalt. Franz setzte sich ihnen gegenüber.

„Was macht ihr hier? “

Paul öffnete den Mund, doch Kerstin legte ihm eine Hand auf den Arm. Eine kleine Bewegung. Besitzergreifend.

„Wir spazieren“, sagte sie.

Franz beobachtete die beiden schweigend. Etwas stimmte nicht. Nicht ihre Kleidung. Nicht ihre Antworten. Es war die Nähe zwischen ihnen. Sie saßen nicht wie Kinder. Sie saßen wie Verschwörer. Eine Stunde später saßen beide getrennt im Polizeirevier. Franz begann mit Paul. Der Junge war nervös, schweißgebadet, bleich.

„Wann wart ihr im Park? “

„Ich… ich weiß nicht. “

„Kennt ihr die Tote? “ Paul schluckte.

„Nein. “

Franz lehnte sich zurück.

„Paul. “

Keine Antwort.

„Du zitterst. “

Der Junge starrte auf seine Hände.

„Ich will nicht ins Gefängnis. “

Franz schwieg. Nicht:

*Ich habe nichts getan. *

Nicht:

*Warum fragen Sie mich das? *

Sondern:

*Ich will nicht ins Gefängnis. *

Franz beugte sich vor.

„Was ist passiert? “

Paul begann zu weinen. Leise zuerst, dann unkontrolliert.

„Sie hat gesagt… sie hat gesagt, es muss sein…“

Franz spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

„Wer hat das gesagt? “

Paul hob den Kopf.

„Kerstin. “

Kerstin Holler saß derweil im Nebenzimmer. Allein. Ruhig. Als Franz eintrat, lächelte sie leicht. Das machte ihm mehr Angst als er dachte.

„Du bist sehr ruhig für jemanden, der neben einer Toten gefunden wurde. “

„Bin ich verdächtig? “

„Vielleicht. “

Sie verschränkte die Hände.

„Dann beweisen Sie es. “

Franz musterte sie lange.

„Paul redet. “

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht. Ein kaum sichtbares Zucken.

„Paul ist schwach. “

„Und du? “

„Ich nicht. “

Draußen donnerte eine Straßenbahn vorbei. Das Fenster vibrierte. Dann sagte Kerstin leise:

„Wissen Sie, Herr Inspektor… Erwachsene verstehen nichts. “

Franz schwieg.

„Sie zerstören alles. “

„Wen meinst du? “

„Seine Mutter. “

Da war sie. Die Wahrheit. Nicht vollständig, aber genug. Kerstin stand langsam auf und trat ans Fenster.

„Sie wollte ihn wegbringen. “

„Nach Frankreich. “

Franz schwieg. Kerstin redete weiter, als spräche sie mit sich selbst.

„Paul gehört zu mir. “

Diese Worte trafen Franz härter als alles andere. Nicht weil sie verrückt klangen. Sondern weil sie ehrlich waren. Vollkommen ehrlich. In derselben Nacht gestand Paul Kren den Mord. Sie hatten das Opfer in den Park gelockt. Den Stein hatten sie vorher bereitgelegt. Kerstin hatte den Plan entworfen. Paul zögerte zunächst. Dann schlug er zu. Einmal. Noch einmal. Und wieder. Bis nichts Menschliches mehr blieb. Franz las das Protokoll schweigend. Als er fertig war, legte er es langsam auf den Tisch. Brenner trat neben ihn.

„Kinder. “

Franz nickte kaum merklich.

„Nein“, sagte er leise.

„Die zwei sind etwas anders als andere Kinder. “

Die Zeitungen tobten.

DAS MÖRDERISCHE LIEBESPAAR VON SIMMERING SCHÜLER ALS BESTIEN DER HERDERPARK-MORD

Ganz Wien sprach über die beiden Jugendlichen. Manche nannten sie Monster. Andere Opfer. Psychiater gaben Interviews. Priester predigten. Politiker forderten härtere Strafen. Doch Franz dachte nur an Kerstins Blick. Diese Ruhe. Diese schreckliche Ruhe. Einige Tage später besuchte Franz Paul Kren in der Zelle. Der Junge wirkte noch jünger. Wie ein verlorenes Kind.

„Hat sie dich dazu gezwungen? “, fragte Franz.

Paul schüttelte sofort den Kopf.

„Nein. “

„Warum hast du es getan? “

Lange Stille. Dann:

„Weil ich sie liebte. “

Franz sah ihn an.

„Liebe tötet nicht. “

Paul hob langsam den Blick.

„Doch. “

Später in dieser Nacht ging Franz allein durch Simmering. Vorbei an den Fabriken. Vorbei an den Häusern. Vorbei an den dunklen Fenstern. Er blieb schließlich vor dem Herderpark stehen. Der Wind bewegte die Bäume. Dort hatte alles begonnen. Oder vielleicht viel früher. Vielleicht in einer kaputten Nachkriegswelt. Vielleicht in Einsamkeit. Vielleicht in zwei jungen Köpfen, die nie gelernt hatten, zwischen Liebe und Besitz zu unterscheiden.

Franz zündete sich eine Zigarette an. Und plötzlich spürte er, dass dieser Fall ihn nie wieder loslassen würde. Er wusste damals noch nicht, dass er recht behalten sollte. Denn der Herderpark war erst der Anfang. Weil manche Fälle nicht sterben. Sie warten. Jahrzehntelang. Bis sie zurückkehren.

Wien, Herbst 1954

Der Prozess begann an einem regnerischen Morgen. Vor dem Landesgericht drängten sich Menschen unter Schirmen. Journalisten schoben sich an Polizisten vorbei, Fotografen schrien durcheinander, Blitzlichter zuckten wie kleine Explosionen. Ganz Wien wollte die Gesichter der Kinder sehen, die gemordet hatten. Franz Hobel blieb kurz vor dem Eingang stehen und betrachtete die Menge.

„Bestien! “

„Sperrt sie für immer weg! “

„Hexe! “

Die Rufe galten vor allem Kerstin. Paul hingegen tat vielen leid. Ein Junge. Verführt. Manipuliert. So wollten die Menschen die Geschichte hören. Ein böser Engel. Ein schwacher Junge. Sauber. Einfach. Doch Franz glaubte nicht an einfache Geschichten. Noch nicht.

Im Gerichtssaal hing stickige Luft. Der Richter wirkte müde, die Geschworenen angespannt. Jeder kannte bereits jedes Detail. Die Zeitungen hatten alles ausgeschlachtet. Der Stein. Der Park. Die Schläge. Die Liebe. Als Kerstin hereinkam, wurde es still. Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid. Ihre Hände lagen ruhig gefaltet, ihr Blick blieb klar. Kein Zittern. Keine Tränen.

Paul hingegen sah aus, als hätte man ihm die Seele aus dem Körper gezogen. Franz beobachtete beide aufmerksam. Kein Blick zwischen ihnen. Nicht ein einziger. Und genau das beunruhigte ihn. Der Staatsanwalt sprach fast zwei Stunden. Von „moralischem Verfall“. Von „entarteter Jugend“. Von „eiskalter Berechnung“.

Die Worte flogen durch den Saal wie schwere Steine. Kerstin hörte regungslos zu. Paul starrte auf den Boden. Dann kam der Moment, der später in allen Zeitungen stand. Der Richter fragte Kerstin Holler:

„Empfinden Sie Reue? “

Ein leises Räuspern ging durch den Saal. Kerstin hob langsam den Kopf.

„Ja. “

Kurze Pause.

„Aber nicht darüber, dass ich Paul geliebt habe. “

Ein Raunen ging durch die Reihen. Jemand fluchte laut. Eine Frau begann zu weinen. Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch. Doch Franz blickte nur Kerstin an. Und zum ersten Mal glaubte er Angst in ihren Augen zu erkennen. Nicht Angst vor Strafe. Angst vor Verlust.

Die Urteile fällte das Gericht zwei Wochen später. Fünf Jahre Haft für beide. Wegen ihres Alters entgingen sie der lebenslangen Haft. Die Öffentlichkeit tobte. Zeitungen nannten das Urteil einen Skandal. Doch Franz wusste: Keine Strafe der Welt machte ungeschehen, was im Herderpark geschehen war.

Jugendgefängnis Schwarzau – Winter 1955

Mehrere Monate später fuhr Franz nach Schwarzau. Offiziell sollte er alte Akten nachreichen. In Wahrheit wollte er Kerstin noch einmal sehen. Vielleicht verstand er selbst nicht warum. Vielleicht hoffte er, irgendwo in ihr doch noch ein gewöhnliches Mädchen zu finden.

Das Gefängnis lag grau und kalt zwischen kahlen Feldern. Hohe Mauern. Nasse Luft. Stille. Eine Wärterin führte ihn in den Besucherraum.

„Sie schreibt jetzt Geschichten“, sagte sie beiläufig.

Franz runzelte die Stirn.

„Geschichten? “

„Für Kinder. “

Er glaubte zuerst, sich verhört zu haben. Dann öffnete sich die Tür. Kerstin trat ein. Dünner als früher. Blasser. Doch dieselben Augen.

„Herr Hobel. “

„Kerstin. “

Sie setzte sich. Ein schwerer Holztisch trennte sie.

„Warum sind Sie hier? “

„Ich weiß es nicht. “

Sie lächelte schwach.

„Dann sind Sie ehrlicher als die meisten Erwachsenen. “

Franz zog eine Zigarette, erinnerte sich an das Rauchverbot und steckte sie wieder ein.

„Die Wärterin sagt, du schreibst. “

„Ja. “ „Märchen. “

„Warum? “

Kerstin überlegte kurz.

„Weil Märchen gerechter sind als das echte Leben. “

Sie zeigte ihm ein Heft. Saubere Handschrift. Kleine Zeichnungen. Die Geschichte erzählte von einem schwarzen Kater, der nachts durch eine zerstörte Stadt streifte und verlorene Kinder beschützte. Franz las schweigend einige Seiten. Der Text überzeugte. Unheimlich gut. Fast zärtlich. Das machte ihn nervös.

„Du hast Talent. “

„Das sagen alle. “

„Und was willst du damit machen? “

Kerstin blickte zum vergitterten Fenster.

„Verschwinden. “

Als Franz später gehen wollte, sagte sie plötzlich:

„Paul schreibt mir Briefe. “

Franz blieb stehen.

„Und? “

„Er wird verrückt dort drüben. “

„Vielleicht seid ihr das beide geworden. “

Kerstin schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. “

Sie sah ihn direkt an.

„Paul zerbricht. “

„Und du? “

Eine lange Pause. Dann sagte sie:

„Ich lerne zu überleben. “

Auf der Rückfahrt nach Wien ließ Franz der Gedanke nicht los. Manche Menschen zerbrechen im Gefängnis. Andere finden dort erst zu sich. Und Kerstin Holler… …verwandelte sich.

Frühjahr 1957

Die Jahre vergingen. Der Fall verschwand langsam aus den Zeitungen. Neue Verbrechen kamen. Neue Skandale. Neue Tote. Doch Franz Hobel vergaß Simmering nie. Ab und zu erhielt er Berichte aus Schwarzau. Paul geriet ständig in Schlägereien. Einmal griff er sogar einen Wärter mit einem Löffel an. Kerstin dagegen blieb ruhig. Diszipliniert. Sie las Bücher. Schrieb Geschichten. Lernte Italienisch. Und sprach kaum mit jemandem.

 „Die Kleine macht uns Angst“, sagte ein Wärter einmal zu Franz.

„Warum? “

„Weil sie nachts manchmal lächelt. “

Im Sommer 1958 durfte Franz Paul Kren erneut verhören. Ein Mitgefangener hatte behauptet, Paul spreche ständig vom Herderpark. Als Franz die Zelle betrat, erkannte er den Jungen kaum wieder. Abgemagert. Hohle Augen. Nervöse Hände. Paul sah ihn an, als sähe er einen Geist.

„Sie. “

„Ja. “

„Sind Sie gekommen, um zu sehen, wie ein Monster aussieht? “

Franz setzte sich langsam.

„Ich glaube nicht an Monster. “

Paul lachte bitter.

„Dann glauben Sie an gar nichts. “

Lange schwieg der Raum. Dann fragte Franz ruhig:

„Liebst du sie noch? “

Paul antwortete sofort.

„Ja. “

„Und sie? “

Diesmal zögerte er lange. Sehr lange. Schließlich sagte Paul:

„Kerstin liebt nur Kerstin. “

Franz spürte einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Paul starrte an die Wand.

„Wissen Sie, was das Schlimmste ist? “

Keine Antwort.

„Ich würde es wieder tun. “

Franz stand langsam auf.

„Warum? “

Paul sah ihn an. Tränen standen in seinen Augen.

„Weil der einzige Moment meines Lebens, in dem ich nicht allein war… der Moment mit ihr war. “

Wien, Frühjahr 1959

Die Entlassung kam früher als viele erwartet hatten. Die Republik wollte den Fall endlich vergessen. Kerstin Holler verließ das Gefängnis an einem grauen Morgen mit nur einem kleinen Koffer in der Hand. Keine Familie wartete auf sie. Keine Freunde. Nur ein Journalist.

„Kerstin! Bereuen Sie die Tat? “

Sie blieb kurz stehen. Dann antwortete sie:

„Jeden Tag. “

Und ging weiter. Franz beobachtete sie aus der Entfernung. Er wusste nicht, warum er gekommen war. Vielleicht aus Pflichtgefühl. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht, weil manche Menschen einen verfolgen, selbst wenn man sie nie wiedersehen will. Kerstin blieb plötzlich stehen. Drehte sich um. Und sah direkt zu ihm. Selbst über die Straße hinweg erkannte sie ihn sofort. Ein kleines, trauriges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Dann verschwand sie im Regen. 

Drei Wochen später erhielt Franz einen Brief ohne Absender. Nur ein Satz stand darin. Manche Menschen verlassen das Gefängnis nie. Keine Unterschrift. Aber Franz wusste sofort, von wem der Brief kam. Er legte ihn in seine Schreibtischlade. Und ahnte nicht, dass genau dieser Satz Jahrzehnte später wieder Bedeutung bekommen würde. Denn während Kerstin Holler aus Wien verschwand… …begann Paul Kren bereits erneut zu fallen. Tiefer als zuvor. Vielleicht wartete irgendwo die Zukunft schon auf beide. Wie ein Schatten. Wie eine Kugel. Wie ein unausweichliches Ende.

Wien, November 1963

Der Regen fiel in dünnen grauen Schleiern über die Stadt, als Franz Hobel die Zeitung aufschlug. Auf Seite sieben, klein zwischen Politik und Sport, stand die Meldung:

BEWAFFNETER ÜBERFALL AUF WAFFENGESCHÄFT IN FAVORITEN

Der Täter: Paul Kren, 25 Jahre alt. Franz las den Artikel zweimal. Dann legte er die Zeitung langsam auf den Tisch. Es hatte also begonnen. Das Waffengeschäft lag in einer engen Seitengasse nahe dem Reumannplatz. Als Franz eintraf, standen schon mehrere Streifenwagen davor. Der Besitzer blutete am Kopf und schrie jeden Polizisten an, der in seine Nähe kam.

„Der Wahnsinnige hat einfach geschossen! “

„Wie viele Waffen fehlen? “, fragte Franz.

„Drei Pistolen! Munition! Bargeld! “

„Hat er etwas gesagt? “

Der Mann wurde plötzlich still.

„Ja. “

„Was? “

„Er hat gefragt, ob ich glaube, dass Menschen sich ändern können. “

Franz spürte sofort diesen alten Druck in der Brust. Simmering. Herderpark. Kerstin. Paul. Alles kroch wieder aus der Vergangenheit hervor. Paul wurde vier Tage später gefasst. Nach zwei weiteren Überfällen auf kleine Supermärkte. Er hatte sich kaum versteckt. Fast wirkte es, als wollte er erwischt werden. Als Franz ihn im Verhörraum wiedersah, erschrak er. Paul war erst fünfundzwanzig, sah aber aus wie vierzig. Tiefe Augenringe. Ein verhärtetes Gesicht. Die frühere Nervosität war verschwunden. Nur Leere blieb.

„Hallo, Herr Hobel. “

„Paul. “

Der Mann grinste schwach.

„Sie altern auch. “

Franz setzte sich.

„Warum die Waffen? “

„Weil man Menschen mit Waffen zuhört. “

„Und warum die Überfälle? “

Paul zuckte mit den Schultern.

„Weil ich nichts anderes kann. “

Franz schwieg lange. Dann fragte er vorsichtig:

„Hast du noch Kontakt zu Kerstin? “

Zum ersten Mal reagierte Paul sichtbar. Sein Blick wurde hart.

„Nennen Sie sie nicht so. “

„Wie dann? “

„Holly. “

Franz runzelte die Stirn.

„Holly? “

Paul nickte langsam.

„Holly Mai. “

Der Name hing seltsam im Raum. Wie etwas Künstliches. Wie eine Maske. Plötzlich begann Paul zu lachen. Ein trockenes, erschöpftes Lachen.

„Wissen Sie, was verrückt ist? “

Keine Antwort.

„Sie schreibt jetzt Bücher. “

Franz starrte ihn an.

„Kinderbücher. “

„Woher weißt du das? “

„Weil ich jedes einzelne gekauft habe. “

Franz wusste nicht, was er sagen sollte. Paul griff langsam in seine Jackentasche. Ein Beamter wollte sofort eingreifen, doch Franz hob die Hand. Paul zog vorsichtig ein zerfleddertes Buch hervor. Auf dem Cover: Ein schwarzer Kater mit grünen Augen. Titel: Sodabob und die Schatten der Nacht Autorin: Holly Mai Franz nahm das Buch langsam entgegen.

„Sie ist berühmt geworden“, sagte Paul leise. In seiner Stimme lag keine Freude. Nur Schmerz.

Italien, Frühjahr 1964

Zum ersten Mal verließ Franz Hobel Österreich wegen eines Falls, der offiziell längst abgeschlossen war. Er wusste selbst nicht genau, warum er nach Italien fuhr. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht, weil ihn der Name Holly Mai nicht losließ. Oder weil dieser Fall ihm verfolgt wie eine Krankheit. Bergamo empfing ihn mit Sonne und warmer Luft. Ganz anders als Wien. Leichter. Fast friedlich. Nach einigen Tagen fand Franz Holly Mais Adresse. Ein kleines Haus am Stadtrand. Weiße Fensterläden. Ein Garten voller Blumen. Kinderfahrräder vor dem Zaun. Es wirkte wie das Zuhause eines völlig normalen Menschen. Und genau das machte ihm Angst. Eine Haushälterin öffnete die Tür.

„Signora Mai? “

„Wer fragt? “

„Franz Hobel. Aus Wien. “

Die Frau wurde sofort nervös.

„Einen Moment. “

Franz wartete. Dann hörte er Schritte. Plötzlich stand sie vor ihm. Älter. Eleganter. Die dunklen Locken kürzer. Doch dieselben Augen. Immer dieselben Augen.

„Herr Hobel. “

Sie sprach seinen Namen ruhig aus. Fast freundlich.

„Darf ich hereinkommen? “

Kurzes Schweigen. Dann trat sie zur Seite. Das Haus war voller Bücher. Kinderzeichnungen. Tierfiguren. An den Wänden Illustrationen des schwarzen Katers Sodabob. Franz betrachtete sie schweigend.

„Seltsam, nicht wahr? “, sagte Holly.

„Was? “

„Dass Menschen ihre Kinder Geschichten von mir lesen lassen. “

Franz antwortete nicht. Sie führte ihn ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lagen Fanbriefe von Kindern aus ganz Europa.

„Du bist erfolgreich geworden. “

„Ja. “

„Warum Italien? “

„Weil hier niemand Kerstin Holler kennt. “

Sie setzte Kaffee auf. Ganz ruhig. Fast häuslich. Franz konnte es kaum ertragen.

„Warum schreiben Sie über Tiere? “, fragte er.

Holly lächelte schwach.

„Tiere urteilen nicht. “

„Menschen schon. “

„Zu Recht. “

Sie stellte die Tassen auf den Tisch.

„Sie sind nicht gekommen, um über Bücher zu reden. “ Franz nickte langsam.

„Nein. “

Lange sagte keiner etwas. Dann fragte Franz direkt:

„Denkst du noch an damals? “

Holly sah aus dem Fenster.

„Jeden Tag. “

„Bereust du es wirklich? “

Diesmal dauerte die Antwort länger.

„Ja. “

„Aber? “

Sie lächelte traurig.

„Es gibt immer ein Aber, nicht wahr? “

Franz schwieg. Holly verschränkte langsam die Hände.

„Ich war fünfzehn. “

„Und? “

„Ich dachte, Liebe bedeutet Besitz. “

Der Satz traf Franz unerwartet hart. Weil darin Wahrheit lag. Keine Entschuldigung. Wahrheit.

„Paul liebt dich noch immer“, sagte Franz schließlich.

Holly erstarrte kaum sichtbar. Dann stand sie auf.

„Bitte gehen Sie. “

„Hat er dir geschrieben? “

„Gehen Sie. “

„Hast du geantwortet? “

Plötzlich drehte sie sich um. Zum ersten Mal verlor sie ihre Ruhe.

„Wissen Sie überhaupt, was er mir geschrieben hat? “

Franz sagte nichts. Hollys Stimme wurde leiser.

„Er schrieb: Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich niemand haben. “

Stille.

Dann:

„Paul ist krank. “

Franz stand langsam auf.

„Und du? “

Holly antwortete nicht. Als Franz das Haus verließ, fiel ihm etwas im Arbeitszimmer auf. Ein eingerahmtes Foto. Zwei Jugendliche. Unscharf. Alt. Paul und Kerstin. Noch vor dem Mord. Noch vor dem Gefängnis. Noch vor allem. Holly bemerkte seinen Blick.

„Warum behalten Sie das? “, fragte Franz.

Sie sah das Bild lange an. Dann sagte sie:

„Damit ich niemals vergesse, wozu Menschen fähig sind, wenn sie Angst haben, allein zu sein. “

Wien, Dezember 1968

Paul Kren kam erneut frei. Und wieder dauerte es nicht lange. Raub. Körperverletzung. Illegaler Waffenhandel. Sein Name tauchte immer wieder in Polizeiakten auf wie eine Krankheit, die nie ganz verschwindet. Franz beobachtete die Entwicklung mit wachsender Unruhe. Etwas an Paul veränderte sich. Die Gewalt wurde gezielter. Die Hinweise wurden kälter. Fast professionell. Immer wieder führten Spuren nach Italien. Beweisen ließ sich nichts. Aber es reichte, um Franz wachzuhalten. Eines Nachts bekam er einen Anruf.

„Herr Inspektor? “

„Ja? “

„Hier spricht Carlo Benedetti aus Bergamo. “

Franz setzte sich sofort auf.

„Woher haben Sie diese Nummer? “

„Von Signora Mai. “

Franz schwieg. Der Mann klang nervös.

„Sie glaubt, jemand beobachtet ihr Haus. “

„Wer? “

„Ein Mann aus Österreich. “

Franzs Herz schlug schneller.

„Hat sie einen Namen genannt? “

Lange blieb es still. Dann sagte der Mann:

„Paul. “ I

n dieser Nacht schlief Franz Hobel nicht. Er saß am Fenster seiner Wohnung in Simmering und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Draußen fuhr die letzte Straßenbahn vorbei.

In Italien saß eine Frau mit neuem Namen in einem hellen Haus voller Kinderbücher. Ein Mann aus ihrer Vergangenheit kam langsam näher. Wie ein Schatten. Wie Schuld. Wie etwas, das nie wirklich vorbei war.

Wien, Februar 1974

Franz Hobel hatte gelernt, mit Geistern zu leben. Mit den eigenen. Und mit denen anderer Menschen. Der Fall Herderpark war offiziell längst abgeschlossen. Junge Polizisten kannten ihn nur noch aus alten Akten. Für die meisten war es eine vergilbte Geschichte aus den fünfziger Jahren. Für Franz lebte der Fall weiter. In jedem Brief. In jedem Zeitungsartikel über Holly Mai. In jedem neuen Überfall von Paul Kren. Wie eine offene Wunde unter der Haut.

Der Winter hielt Wien fest im Griff, als Franz spätabends einen Anruf erhielt.

„Kriminaldirektion. “

„Hobel. “

Am anderen Ende atmete jemand schwer. Dann sagte eine vertraute Stimme:

„Sie hatten recht. “

Franz erstarrte.

„Paul? “

Ein leises Lachen.

„Wussten Sie … dass manche Menschen irgendwann so leer werden, dass sie nachts ihre eigene Stimme nicht mehrerkennen? “

Franz stand auf.

„Wo bist du? “

Keine Antwort. Nur Atmen. Dann:

„Sie hat mich vergessen. “

Die Leitung brach ab. Drei Stunden später fand man in einer Lagerhalle nahe dem Donaukanal einen toten Mann. Es war ein illegaler Waffenhändler. Erschossen. Zeugen hatten Paul Kren gesehen. Doch er war verschwunden. Wieder einmal. Franz betrachtete die Leiche schweigend. Da wusste er: Paul war kein verzweifelter Junge mehr. Er wurde etwas anderes. Etwas Gefährliches.

Bergamo, Italien – Sommer 1975

Holly Mai war inzwischen berühmt. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Kinder schrieben ihr Tausende Briefe. Schulen luden sie zu Lesungen ein. Die Frau, die einst mit einem Stein einen Menschen erschlagen hatte, wurde nun von Kindern geliebt. Die Welt hatte einen seltsamen Humor. Franz reiste erneut nach Italien. Nicht offiziell. Nicht als Ermittler. Sondern als jemand, der spürte, dass sich etwas zusammenzog. Wie ein Netz. Diesmal empfing Holly ihn vorsichtiger.

Sie lebte inzwischen in einer größeren Villa außerhalb Bergamos. Im Garten liefen Katzen zwischen Rosenbüschen umher.

„Sie sehen müde aus“, sagte sie.

„Bin ich auch. “

Sie führte ihn in ihr Arbeitszimmer. An den Wänden hingen Zeichnungen von Sodabob. Doch diesmal fiel Franz noch etwas anderes auf: mehrere Schlösser an den Türen, verdunkelte Fenster und eine Pistole in der Schreibtischlade. Holly bemerkte seinen Blick.

„Italien ist nicht immer freundlich. “

„Oder jemand macht dir Angst. “

Sie antwortete nicht sofort. Dann schenkte sie Wein ein.

„Paul war hier. “

Franz spürte, wie ihm kalt wurde.

„Wann? “

„Vor drei Monaten. “

„Was wollte er? “

Holly stellte das Glas langsam ab.

„Mich wiedersehen. “

Franz sagte nichts. Holly trat ans Fenster.

„Er stand einfach draußen vor dem Haus. “

„Hat er gesprochen? “

„Nur einen Satz. “

„Welchen? “

Sie schloss kurz die Augen.

„Du hast mich zurückgelassen. “

Draußen setzte leichter Regen ein. Franz beobachtete Holly genau. Zum ersten Mal wirkte sie wirklich verängstigt. Nicht wegen ihrer Vergangenheit. Sondern wegen ihrer Zukunft.

„Warum gehst du nicht zur Polizei? “

Holly lachte bitter.

„Und was soll ich sagen? “

Sie drehte sich zu ihm um.

„Dass der Mann, mit dem ich als Kind einen Mord begangen habe, mich beobachtet? “

Franz schwieg. Hollys Stimme wurde leiser.

„Wissen Sie, Herr Hobel … manchmal glaube ich, Paul ist der einzige Mensch auf der Welt, der Kerstin Holler noch sieht. “ Der Satz blieb lange im Raum.

Wien, 1978

Die Jahre wurden schwerer. Franzs Haare wurden grau. Seine Hände zitterten stärker. Seine Ehe zerbrach langsam an seinem Schweigen. Er sprach kaum noch über Gefühle. Kaum noch über sich selbst. Doch nachts dachte er oft an die beiden Jugendlichen im Herderpark. Und daran, wie manche Entscheidungen ein ganzes Leben vergiften konnten.

Paul Kren tauchte inzwischen in internationalen Polizeiberichten auf. Waffenhandel. Raubüberfälle. Kontakte zur italienischen Unterwelt. Immer wieder verschwand er für Monate. Dann tauchte er irgendwo wieder auf. Wie ein Wolf. Allein. Gefährlich. Kaum zu fassen.

1981 erhielt Franz eine Akte aus Mailand.

Es ging um einen bewaffneten Raubüberfall. Zwei Tote. Der Täter hatte falsche Papiere bei sich. Doch ein Zeuge identifizierte ihn später auf einem alten Foto. Paul Kren. Franz saß reglos vor der Akte. Minuten vergingen, bevor er zum Telefon griff.

„Verbinden Sie mich mit Bergamo. “

Holly nahm erst nach dem dritten Klingeln ab.

„Ja? “

„Du musst verschwinden. “

Stille.

Dann:

„Was hat er getan? “

„Er zögert nicht mehr. “

Lange blieb es still. Schließlich fragte sie leise:

„Glauben Sie, er würde mich töten? “

Franz schloss die Augen. Er schwieg.

Wien, 1984

Im Herbst kam der Film heraus: *Junge jämmerliche Kreaturen*. Ein düsteres Drama über den Herderpark-Mord. Ganz Österreich sprach wieder über Kerstin Holler und Paul Kren. Zeitungen druckten alte Fotos. Fernsehdebatten kreisten um jugendliche Gewalt. Holly Mais Vergangenheit explodierte wie eine Bombe.

Reporter belagerten ihr Haus in Italien. Kinder verbrannten ihre Bücher vor laufenden Kameras. Eltern nannten sie ein Monster. Buchhandlungen räumten ihre Werke aus den Regalen. Franz sah die Nachrichten schweigend in seiner Wohnung. Dann klingelte das Telefon. Holly. Er erkannte ihre Stimme sofort. Doch sie klang gebrochen – zum ersten Mal.

„Es ist vorbei. “

„Nein. “

„Doch. “

Plötzlich begann sie zu weinen. Leise, kontrolliert, erschöpft.

„Ich habe so lange versucht, jemand anderes zu sein. “

Franz wusste keine Antwort.

„Und jetzt erinnern sich alle daran, wer ich wirklich bin. “

Einige Tage später flog Franz nach Italien. Holly öffnete ihm selbst die Tür. Sie sah krank aus: blass, abgemagert. Auf dem Wohnzimmertisch stapelten sich Hassbriefe.

*Mörderin. Bestie. Kinderschänderin. Teufel. *

Franz las schweigend einige Zeilen. Dann fiel ihm ein anderer Brief auf. Keine Briefmarke, keine Adresse. Nur ein Satz:

*Niemand entkommt seiner Vergangenheit. *

Franz hob den Blick.

„Paul? “

Holly nickte kaum merklich.

„Er beobachtet mich.“

In derselben Nacht saßen sie lange im Garten. Zwischen ihnen eine Flasche Wein und Jahrzehnte voller Schuld.

„Warum sind Sie immer wieder gekommen? “, fragte Holly irgendwann.

Franz dachte nach. Dann sagte er ehrlich:

„Weil ich verstehen wollte. “

„Und? “

Er sah sie an.

„Ich glaube, manche Menschen werden nicht böse geboren. “

Holly lächelte traurig.

„Aber manche werden böse geliebt. “

Der Wind bewegte die Bäume. Nicht weit entfernt in der Dunkelheit schrie eine Katze. Franz spürte plötzlich ein schreckliches Gefühl. Als würde etwas näherkommen. Langsam. Unaufhaltsam.

Wien, Januar 1989 Paul Kren verschwand.

Keine Sichtungen, keine Überfälle, keine Spur. Fünf Jahre lang. Die meisten hielten ihn für tot. Franz nicht. Menschen wie Paul verschwanden nicht. Sie warteten.

Im Frühjahr 1990 erhielt Franz eine Akte aus Italien.

Fingerabdrücke auf einem Fluchtwagen nach einem Raubüberfall in Verona. Der Name: Paul Kren. Daneben:

*Verdacht auf Verbindung zur organisierten Kriminalität. *

Franz legte die Akte weg und blickte aus dem Fenster seiner Wohnung über Simmering. Er war alt geworden. Sehr alt. Doch plötzlich wusste er mit absoluter Sicherheit: Dieser Fall war nicht zu Ende. Nicht einmal annähernd. In Italien lebten zwei Menschen weiter, die einander nie wirklich verlassen hatten. Verbunden durch Blut, Schuld und eine Liebe, die längst zu etwas Dunklerem geworden war. Etwas, das zurückkehren würde. Mit einer Waffe in der Hand.

Bergamo, Italien – 10. April 1995

Es regnete, als Holly Mai starb. Nicht stark, nur dieser feine Frühlingsregen, der Straßen wie schwarzes Glas glänzen lässt. Die Menschen eilten, hielten Zeitungen über ihre Köpfe oder suchten Schutz unter Vordächern. Niemand ahnte, dass wenige Minuten später eine Frau sterben würde, deren Leben wie ein Roman wirkte.

Holly saß allein in einem kleinen Café nahe der Piazza Pontida. Vor ihr: ein Espresso, eine halb gelesene Zeitung und ein Brief. Der Umschlag war alt, ohne Absender. Sie hatte ihn dreimal gelesen. Immer wieder denselben Satz:

*Manche Menschen verlassen das Gefängnis nie. *

Ihre Hände zitterten leicht. Nicht vor Angst, sondern vor Müdigkeit. Vierzig Jahre hatte sie versucht, Kerstin Holler zu begraben. Doch die Tote in ihr blieb. Seit der Enthüllung ihrer Vergangenheit lebte Holly zurückgezogen. Ihre Bücher verkauften sich kaum noch. Verlage distanzierten sich. Lesungen wurden abgesagt. Nur Kinder schrieben ihr weiterhin Briefe. Kinder urteilten einfacher. Oder menschlicher.

Manchmal glaubte Holly, nur diese Briefe hätten sie am Leben gehalten. Sie bezahlte den Kaffee und ging langsam zur Bank gegenüber. Der Regen wurde stärker. Menschen drängten an ihr vorbei. Eine Mutter zog ihr Kind hinter sich her. Ein Mann schloss hastig seinen Mantel. Alles wirkte gewöhnlich. Bis der erste Schuss fiel. Ein dumpfer Knall. Schreie. Menschen warfen sich zu Boden. Die Glastür der Bank zersplitterte. Ein maskierter Mann stürmte heraus, Pistole in der Hand. Er schoss wild um sich. Panik brach aus. Holly erstarrte. Für einen Moment blickte der Räuber direkt zu ihr. Sie erkannte die Augen. Auch nach vierzig Jahren. Auch hinter der Maske. Paul.

Der zweite Schuss traf sie in die Brust. Holly taumelte zurück. Die Welt wurde still. Keine Schreie, keine Sirenen. Nur Regen. Sie fiel auf die nasse Straße. Und plötzlich war sie wieder fünfzehn. Der Herderpark. Warme Sommerluft. Pauls Hand in ihrer. Das Gefühl, nie wieder allein zu sein. Dann Blut. Viel Blut. Menschen hasteten an ihr vorbei. Der Räuber tauchte in einer Seitengasse unter. Eine Frau kniete sich neben Holly.

„Signora! Signora! “

Doch Holly hörte sie kaum. Ihre Augen suchten den grauen Himmel über Bergamo. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten dachte sie nicht an Schuld. Nicht an Bücher. Nicht an Ruhm. Nur ein Gedanke blieb: Wir hätten Kinder bleiben sollen. Dann hörte ihr Herz auf zu schlagen.

Wien – zwei Tage später Franz Hobel saß allein in seiner Wohnung, als das Telefon klingelte. Er wusste sofort, dass etwas passiert war. Alte Ermittler spüren so etwas.

„Hobel. “

Die Stimme am anderen Ende sprach Italienisch. Langsam. Vorsichtig. Franz verstand jedes Wort. Banküberfall. Schießerei. Tote. Holly Mai. Er legte den Hörer auf. Dann saß er lange regungslos da. Die Uhr tickte. Draußen rumpelte die Straßenbahn 71 durch Simmering. Tief in sich spürte Franz keine Überraschung mehr. Nur Traurigkeit. Als hätte diese Geschichte nie anders enden können. Noch am Abend flog er nach Italien. Bergamo wirkte grau und müde. Vor der Bank lagen Blumen, Kerzen, Zeitungen. Die Schlagzeilen schrien:

KINDERBUCHAUTORIN BEI BANKRAUB ERSCHOSSEN

Doch Franz interessierte nur eines in diesem Moment: die Waffe.

Im Polizeipräsidium erklärte ein italienischer Kommissar die Lage.

„Der Täter verlor die Pistole auf der Flucht. “

„Und? “

Der Kommissar schob ihm eine Akte hin.

„Die Seriennummer wurde rekonstruiert. “

Franz öffnete die Unterlagen. Er erstarrte. Die Waffe stammte aus einem Waffenraub in Wien. 1963. Täter: Paul Kren. Franz schloss die Augen. Natürlich. Natürlich führte alles wieder zu ihm zurück.

„Haben Sie ihn gefunden? “, fragte Franz.

Der Kommissar schüttelte den Kopf.

„Nein. “

„Fotos? Zeugenaussagen? “

„Zu chaotisch. “

Franz nickte langsam. Dann fragte er leise:

„Glauben Sie an Zufälle, Commissario? “

Der Italiener schwieg. Drei Tage später Franz stand allein vor Hollys Grab. Kalter Wind fegte über den Friedhof. Der Regen hatte aufgehört. Auf dem Grabstein stand: Holly Mai 1943 – 1995 Nicht: Kerstin Holler. Franz legte einen kleinen schwarzen Stoffkater auf das Grab. Sodabob. Dann blieb er schweigend stehen. Fast sein ganzes Leben hatte diese Geschichte ihn verfolgt. Vom Herderpark bis hierher. Vierzig Jahre Schuld. Vierzig Jahre Flucht. Vierzig Jahre Liebe, die längst krank geworden war.

„Sie hätte gewollt, dass man sich an Holly erinnert. “

Franz drehte sich um. Ein älterer italienischer Verleger stand hinter ihm.

„Nicht an Kerstin. “

Franz nickte.

„Vielleicht war Holly echter als Kerstin jemals war. “

Der Mann lächelte traurig.

„Oder vielleicht war Holly nur ihr Versuch, sich selbst zu vergeben. “

Am Abend erhielt Franz einen Umschlag im Hotel. Kein Absender. Darin: ein einziges Foto. Alt. Vergilbt. Paul und Kerstin im Sommer 1954. Lächelnd. Arm in Arm. Auf der Rückseite stand handschriftlich: Manche Menschen verlassen das Gefängnis nie. Andere nehmen es mit ins Grab. Keine Unterschrift. Doch Franz wusste sofort, von wem die Nachricht kam. Paul lebte.

Wien – Herbst 1995

Franz Hobel ging inzwischen auf die siebzig zu. Die Knie schmerzten. Die Hände zitterten manchmal. Offiziell arbeitete er längst nicht mehr. Doch fast jeden Abend saß er am Fenster seiner Wohnung in Simmering und blickte auf die Straßen. Die Welt hatte sich verändert. Die Stadt auch. Nur manche Erinnerungen blieben. Eines Nachts glaubte Franz, unten auf der Straße einen Mann zu sehen. Groß. Dunkler Mantel. Hut tief ins Gesicht gezogen. Der Mann blickte direkt zu seinem Fenster hinauf. Franz erstarrte. Für einen Moment war er sicher, Paul Kren zu erkennen. Dann fuhr eine Straßenbahn vorbei. Der Mann war verschwunden. Vielleicht Einbildung. Vielleicht nicht. Franz setzte sich zurück in seinen Sessel.

Vor ihm lag die alte Herderpark-Akte. Vergilbt. Abgenutzt. Fast zerfallen. Er öffnete sie ein letztes Mal. Fotos. Protokolle. Zeitungsausschnitte. Dazwischen ein kleines Blatt Papier. Der Satz, den Kerstin ihm vor Jahrzehnten geschrieben hatte: Manche Menschen verlassen das Gefängnis nie. Franz betrachtete die Worte lange. Dann verstand er. Das Gefängnis waren nie die Mauern gewesen. Sondern Schuld. Liebe. Erinnerung. Angst. Manche Menschen trugen ihre Zellen ein Leben lang in sich. Kerstin. Paul. Und vielleicht auch er selbst. Draußen begann es zu regnen.

Franz schloss die Akte. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren fühlte er, dass die Geschichte vorbei war. Nicht gelöst. Aber beendet. Irgendwo in der Dunkelheit lebte vielleicht noch ein alter Mann namens Paul Kren. Vielleicht tot. Vielleicht wahnsinnig. Vielleicht längst vergessen. Doch Kerstin Holler war endgültig verschwunden. Geblieben war nur Holly Mai. Die Mörderin. Die Schriftstellerin. Das Mädchen aus Simmering. Und eine Geschichte, die nie hätte passieren dürfen.

 

**Schlusswort**

Franz Hobel hatte sein Leben lang nach Klarheit gesucht – nach einem Moment, in dem alles Sinn ergibt, Schuldeindeutig verteilt ist und ein Fall sauber endet. Der Herderpark-Fall lehrte ihn das Gegenteil. Manche Geschichten lassen sich nicht wie Rätsel lösen. Sie bleiben widersprüchlich, selbst wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Zwei Jugendliche, ein Mord, ein Gefängnis, ein Neuanfang, ein erneuter Absturz – und am Ende keine Wahrheit, die sich leicht ertragen lässt. Was bleibt, ist weder das Urteil eines Gerichts noch die nüchterne Aktenlage. Es bleibt das, was Menschen einander antun, wenn Angst, Nähe und Besitz sich vermischen. Und wie schwer es ist, sich daraus zu befreien – selbst nach Jahrzehnten. Franz hätte behaupten können, er habe den Fall verstanden. Doch das wäre gelogen. Er hat ihn nur begleitet – vom ersten Stein im Herderpark bis zur letzten Kugel in Bergamo. Dazwischen lag ein Leben, das sich nicht reparieren ließ, sondern einfach weiterging. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Falls: Manche Verbrechen enden nicht mit der Strafe der Täter. Sie enden erst, wenn niemand mehr da ist, der sich erinnert. Und selbst dann bleibt es ungewiss.

 

Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering

 

Andreas Kmeth                                                                

( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )

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