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Der Schuss im Nebel von Simmering

Der Wind fegte kalt über das weite Gelände des Truppenübungsplatzes in der Haidestraße, Wien-Simmering. Es war kurz nach Mitternacht, der 15. März 1971. Feuchter Nebel hing über den betonierten Wegen, während die Scheinwerfer der Militärfahrzeuge die Dunkelheit wie Messer zerschnitten. Aus der Ferne hallten vereinzelte Schüsse, dumpf und rhythmisch. Für Außenstehende wirkte es wie ein gewöhnliches Training.

Doch in dieser Nacht geschah etwas, das Jahre später als einer der rätselhaftesten Fälle der Wiener Kriminalgeschichte gelten sollte. Auf dem Übungsplatz liefen zwei Lehrgänge parallel. Die Polizei trainierte Präzisionsschützen, das Bundesheer übte Nachtmanöver. Normalerweise kein Problem: Die Abläufe waren streng geregelt, jeder Schuss dokumentiert, jeder Bereich abgesperrt. Umso unglaublicher schien das, was wenig später geschah.

Um 00:47 Uhr zerriss ein einzelner Schrei die Nacht. Dann Stille. Sekunden später eilte jemand über den Schotterplatz.

„Sanitäter! Hierher! Schnell! “

Mehrere Männer stürmten zu Schießbahn drei. Dort lag ein junger Mann reglos am Boden. Blut sickerte unter seinem Körper hervor. Neben ihm ein Präzisionsgewehr. Theo Militsch. Einundzwanzig Jahre alt. Polizei-Aspirant. Die Kugel hatte ihn oberhalb des rechten Auges getroffen. Er war sofort tot. Als die ersten Streifenwagen eintrafen, begann es leicht zu regnen. Die Scheinwerfer spiegelten sich auf dem nassen Asphalt.

Uniformierte sperrten das Gelände ab, während nervöse Polizeischüler in kleinen Gruppen flüsterten. Einige rauchten mit zitternden Händen, andere starrten schweigend in die Dunkelheit. Polizeipräsident Gustav Reininger erschien persönlich. Er sprach leise mit einem Arzt, dann wandte er sich an einen Beamten.

„Die jungen Männer stehen unter Schock. Organisieren Sie das Kriseninterventionsteam. “

Der Beamte nickte. Etwas abseits stand ein junger Kriminalbeamter im Regen und bemühte sich, ruhig zu wirken. Artur Späne. Er hatte seine Ausbildung erst vor drei Wochen abgeschlossen. Vierundzwanzig Jahre alt, schmal gebaut, ernste graue Augen – und das unangenehme Gefühl, dass jeder seine Unerfahrenheit bemerkte. Sein neuer Mantel war bereits durchnässt. Neben ihm zog Oberinspektor Franz Hobel an einer Zigarette. Eine Legende bei der Wiener Kriminalpolizei: Ende vierzig, massiges Gesicht, tiefe Stimme, bekannt dafür, jeden Täter irgendwann zu brechen.

 „Nicht so steif stehen, Späne“, murmelte Hobel. „Du wirkst wie ein Schüler vor der Matura. “

Artur versuchte ein Lächeln.

„Jawohl. “

„Und hör auf mit dem Jawohl. Wir sind nicht beim Heer. “

Artur nickte verlegen. In Wahrheit kämpfte er gegen Übelkeit. Es war seine erste Leiche. Und was für eine. Theo Militsch lag noch immer unter einer Plane, während Fotografen jeden Zentimeter der Umgebung dokumentierten. Wenig später traf der neue Staatsanwalt Peter Wirbel ein. Anfang dreißig, erst seit kurzem in Wien, schlank, mit eleganten Bewegungen und einem präzisen Blick. Er wirkte ruhig – fast zu ruhig.

„Was wissen wir? “, fragte Wirbel.

Hobel blies Rauch aus.

„Polizeiübung. Schuss aus unbekannter Richtung. Opfer sofort tot. “

„Zeugen? “

„Zu viele. “

„Verdächtige? “

„Noch keine. “

Hobel blickte zu Artur.

„Der Junge hier wird die Aussagen aufnehmen. “

Artur erstarrte.

„Ich? “

„Natürlich du. Oder willst du gleich wieder zurück in die Schreibstube? “

Artur schluckte.

„Nein. “

Hobel grinste schwach.

„Dann lern schwimmen. “

Die ersten Befragungen verliefen chaotisch. Viele Aspiranten standen unter Schock. Manche redeten durcheinander, andere behaupteten plötzlich, nichts gesehen zu haben. Artur saß in einem kleinen Betonraum, dessen Glühlampe flackerte. Vor ihm ein blasser Polizeischüler namens Ernst Kovar.

„Sie waren neben Militsch? “

„Ja. “

„Und was ist passiert? “

Kovar zündete sich nervös eine Zigarette an.

„Er hat geschossen. Dann plötzlich dieser Knall. “

„Welcher Knall? “

„Na, der tödliche Schuss. “

„Sie meinen, er klang anders? “

Kovar nickte langsam.

„Nicht wie von unserer Bahn. “

Artur runzelte die Stirn.

„Was meinen Sie damit? “

„Ich weiß nicht… dumpfer vielleicht. “

Artur schrieb alles mit. Dann sagte Kovar etwas, das Artur innehalten ließ.

„Vorher gab’s Streit. “

„Zwischen wem? “

„Theo und einem Soldaten. “

„Namen? “

„Keine Ahnung. “

„Worum ging es? “

Kovar zögerte.

„Eine Frau. “

Natürlich, dachte Artur. Immer eine Frau. Doch bevor er weiterfragen konnte, öffnete sich die Tür. Franz Hobel trat ein.

„Späne. Mitkommen. “

Draußen wartete bereits Staatsanwalt Wirbel.

„Wir haben etwas Seltsames entdeckt“, sagte Wirbel.

Sie gingen zurück zur Schießbahn. Der Regen hatte aufgehört, dichter Nebel lag über dem Platz. Ein Gerichtsmediziner kniete neben der Leiche.

„Die Eintrittswunde passt nicht zur Position des Opfers. “

Artur runzelte die Stirn.

„Wie meinen Sie das? “

Der Mediziner zeigte auf den Körper.

„Wenn der Schütze vor ihm stand, müsste der Winkel anders sein. “

Hobel horchte auf.

„Woher kam die Kugel? “

„Von oben. “

Artur blickte zu den Wachtürmen am Rand des Geländes. Einer war unbeleuchtet.

„Dort oben? “, fragte er leise.

Niemand antwortete sofort. Schließlich sagte Wirbel:

„Möglich. “

Ein Uniformierter rannte heran.

„Herr Oberinspektor! “

„Was gibt’s? “

„Wir haben einen Soldaten gefunden. “

„Und? “

„Er sagt, er habe kurz vor dem Schuss mit Militsch gestritten.

“ Hobel zog die Augenbrauen hoch.

„Name? “

„Korporal Lukas Veith. “

Der Soldat saß später in einem kleinen Bürocontainer. Er wirkte erstaunlich ruhig. Zu ruhig. Lukas Veith war siebenundzwanzig, groß, dunkelhaarig und auffallend attraktiv. Selbst Artur verstand, warum die anderen über ihn und Frauen sprachen. Veith hatte dieses schwer greifbare Charisma: eine Mischung aus Gelassenheit, Selbstsicherheit und gefährlicher Gleichgültigkeit. Er zog an einer Zigarette.

„Ja“, sagte er schließlich. „Wir hatten Streit. “

Artur hob überrascht den Kopf. So direkt hatte er kein Geständnis erwartet.

„Weshalb? “

„Privat. “

„Genauer. “

Veith sah ihn an.

„Eine Frau. “

Hobel verschränkte die Arme.

„Name? “

„Irmgard Leitner. “

Artur schrieb mit.

„Warum der Streit? “

Veith lächelte schwach.

„Weil Theo glaubte, jede Frau gehört ihm. “

„Und? “

„Irmgard war früher mit ihm zusammen. “

„Früher? “

„Jetzt mit mir. “

Artur bemerkte etwas Ungewöhnliches. Veith sprach vollkommen kontrolliert. Zu kontrolliert. Kein Zittern, keine Nervosität. Als hätte er sich auf dieses Gespräch vorbereitet.

„Hat Militsch Ihnen gedroht? “, fragte Artur.

Veith sah ihn direkt an.

„Ja. “

„Womit? “

„Er sagte, ich würde den Morgen nicht erleben. “

Stille.

Hobel musterte den Soldaten.

„Und trotzdem sitzen Sie hier. “

Veith nickte langsam.

„Ja. “

Artur stellte die Frage, die ihm plötzlich in den Sinn kam.

„Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Schusses? “

Zum ersten Mal veränderte sich Veiths Blick. Nur für einen Moment.

„Am Fahrzeugdepot. “

„Allein? “

„Ja. “

Hobel drückte die Zigarette aus.

„Schlecht. “

Später stand Artur allein draußen vor dem Gelände. Der Tote ließ ihn nicht los: das Blut, die Augen, der Einschuss. Er fragte sich, ob er für diesen Beruf gemacht war. Staatsanwalt Wirbel trat neben ihn.

„Erster Mordfall? “

Artur nickte.

„Man gewöhnt sich nie daran“, sagte Wirbel ruhig.

„War es Mord? “

Wirbel zögerte, zog dann Lederhandschuhe an.

„Herr Späne…“

„Ja? “

„Wenn ein Mann wenige Stunden nach einem Streit erschossen wird, denkt jeder sofort an Mord. “

„Und Sie nicht? “

Wirbel blickte in die Dunkelheit des Übungsplatzes.

„Zu offensichtlich. “

Ein Militärjeep fuhr mit quietschenden Reifen auf den Platz. Ein Soldat sprang heraus und rannte zu Hobel.

„Herr Oberinspektor! Wir haben oben im Wachturm etwas gefunden! “

Hobel drehte sich um.

„Was? “

Der Soldat war kreidebleich.

„Ein zweites Gewehr. “

Der Wachturm stand am Rand des Übungsplatzes. Alt, aus grauem Beton, mit schmalen Fensterschlitzen und rostigen Metallstufen, die im Wind klirrten. Der Nebel verschluckte die oberen Stockwerke. Nur eine flackernde Lampe brannte über dem Eingang. Artur blieb davor stehen. Der Turm schien ihn zu beobachten.

„Na los“, knurrte Hobel. „Der Täter wartet nicht, bis du mutig wirst. “

Artur zwang sich weiter. Die Metalltreppe ächzte unter ihren Schritten. Oben roch es nach kaltem Beton, Waffenöl und abgestandenem Rauch. Ein Soldat wartete bereits. Nervös, schweißnass trotz der Kälte.

„Da drüben“, sagte er leise.

Auf einer Holzkiste lag ein Scharfschützengewehr des Bundesheeres. Daneben: ein leeres Patronenmagazin und ein halbvolles Glas Weinbrand. Hobel trat näher.

„Nicht anfassen. “

Der Fotograf machte Bilder. Artur entdeckte Kratzspuren am Fenster. Frische. Als hätte dort ein Gewehrlauf aufgelegen.

„Herr Oberinspektor…“

Hobel trat neben ihn.

„Hm? “

„Hier wurde geschossen. “

Hobel nickte.

„Sieht so aus. “

Der Gerichtsmediziner untersuchte die Waffe.

„Eine Kugel fehlt. “

Arturs Puls beschleunigte sich. Eine Kugel. Ein toter Aspirant. Ein Streit. Ein Soldat ohne Alibi. Es passte zu perfekt. Und genau das machte ihm Angst. Unten wurde Lukas Veith erneut verhört. Härter. Hobel saß ihm gegenüber, Artur schrieb jedes Wort mit.

„Das Gewehr stammt vom Bundesheer. “

„Ja. “

„Ihr Regiment. “

„Ja. “

„Eine Kugel fehlt. “

„Dann hat jemand geschossen. “

Hobel verzog das Gesicht.

„Spielen Sie nicht klug. “

Veith blieb ruhig.

„Ich spiele nicht. “

Artur beobachtete ihn genau. Keine Hektik. Nichts. Keine Angst. Keine Wut. Nur Müdigkeit.

„Wer wusste von Ihrem Streit mit Theo Militsch? “, fragte Artur.

„Viele. “

„Warum? “

„Weil Theo laut wurde. “

„Hat er Sie bedroht? “

„Ja. “

„Vor Zeugen? “

„Ja. “

Hobel beugte sich vor. „Und trotzdem verschweigen Sie uns etwas.

 “ Zum ersten Mal wirkte Veith gereizt.

„Was wollen Sie hören? “

„Die Wahrheit. “

Veith lachte kurz.

„Dann suchen Sie weiter. “

Hobel wollte gerade antworten, als die Tür aufflog. Ein Uniformierter trat ein.

„Herr Oberinspektor… Sie sollten das sehen. “

Im Aufenthaltsraum der Polizei-Aspiranten herrschte bedrückende Stille. Niemand sprach. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Auf einem Tisch lag ein Notizbuch. Theo Militschs Notizbuch.

„Das war in seinem Spind“, erklärte der Beamte.

Hobel nahm es in die Hand. Artur trat näher. Zwischen Telefonnummern und Trainingsnotizen standen einzelne Sätze, unordentlich hingekritzelt:

„ER LÜGT. “ „SIE WEISS ETWAS. “ „WENN MIR ETWAS PASSIERT, WAR ER ES. “

Artur schluckte.

„Das klingt nicht nach Unfall. “

Hobel blätterte weiter. Plötzlich hielt er inne. Eine Seite fehlte. Sauber herausgerissen. Absichtlich.

„Interessant“, murmelte Hobel.

Artur bemerkte etwas anderes. Am unteren Rand der letzten Seite stand ein Name:

„Irmgard. “

Am frühen Morgen suchten sie Irmgard Leitner auf. Sie wohnte in einer kleinen Altbauwohnung im dritten Bezirk. Als sie die Tür öffnete, wirkte sie, als hätte sie mit ihrem Besuch gerechnet. Mitte zwanzig, elegant gekleidet, außergewöhnlich schön. Dunkles Haar, blasse Haut, traurige Augen. Artur verstand sofort, warum sich zwei Männer ihretwegen gestritten hatten.

„Fräulein Leitner“, begann Hobel ruhig, „wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.

“ Sie nickte nur.

Als sie vom Tod Theo Militschs erfuhr, reagierte sie seltsam. Nicht schockiert. Eher erschöpft.

„Es musste irgendwann passieren“, sagte sie leise.

Hobel wurde aufmerksam.

„Was meinen Sie damit? “

Irmgard ging langsam zum Fenster.

„Theo konnte nicht verlieren. “

„Und Lukas Veith? “

Sie schwieg kurz.

„Lukas ist anders. “

„Inwiefern? “, fragte Artur.

„Ruhig. “

„Und Theo? “

Irmgard lachte bitter.

„Theo war gefährlich. “

Artur spürte Unbehagen. Bisher hatte jeder Theo als aggressiv beschrieben. Aber Tote konnten sich nicht verteidigen.

„Hatte Theo Feinde? “

„Viele. “

„Hat er Sie bedroht? “

Diesmal zögerte sie. Dann hob sie langsam den Ärmel ihrer Bluse. Blaue Flecken. Artur erstarrte. Hobel fluchte leise.

„Von Militsch? “

Irmgard nickte.

„Vor drei Tagen. “

„Warum haben Sie ihn nicht angezeigt? “

„Weil Theo Polizist werden sollte. “

Der Satz hing schwer im Raum. Zur selben Zeit untersuchten Techniker den Wachturm genauer. Dabei machten sie eine seltsame Entdeckung: Im Staub des Bodens fanden sich zwei unterschiedliche Schuhabdrücke. Nicht einer. Zwei. Einer gehörte zu Militärstiefeln. Der andere zu eleganten Lederschuhen.

„Lederschuhe? “, fragte Hobel später ungläubig.

 „Hier draußen? “

Der Techniker nickte.

„Keine Armeeschuhe. Keine Polizeistiefel. “

Artur dachte sofort an jemanden.

„Wer trägt hier Lederschuhe? “

Niemand antwortete. Doch plötzlich erinnerte sich Artur: Staatsanwalt Peter Wirbel war die ganze Nacht mit eleganten schwarzen Schuhen unterwegs gewesen. Der Gedanke erschreckte ihn. Unsinn. Ein Staatsanwalt? Aber warum nicht? Artur hasste sich für diesen Gedanken. Er war neu. Unerfahren. Vielleicht paranoid. Trotzdem ließ ihn die Sache nicht los.

Gegen Mittag traf der ballistische Bericht ein. Alle versammelten sich im provisorischen Bürocontainer. Der Gerichtsmediziner legte die Unterlagen auf den Tisch.

„Die Kugel stammt tatsächlich aus dem Gewehr des Wachturms. “

Hobel nickte langsam.

„Also doch Mord. “

„Moment“, sagte der Mediziner.

Alle blickten ihn an.

„Es gibt ein Problem. “

„Welches Problem? “

Der Arzt schob seine Brille zurecht.

„Die Schussbahn passt nicht. “

Artur runzelte die Stirn.

 „Was heißt das? “

„Vom Wachturm aus hätte die Kugel Militsch von links treffen müssen. “

„Und? “

„Der Einschuss war rechts. “

Stille.

Hobel starrte ihn an.

„Sind Sie sicher? “

„Absolut. “

Artur spürte, wie sich der ganze Fall auflöste. Das Gewehr hatte geschossen. Aber nicht auf Theo Militsch.

„Dann war der Turm eine Ablenkung“, murmelte Wirbel.

Hobel sah langsam auf.

„Oder jemand will, dass wir das glauben. “

Später am Abend saß Artur allein in seinem kleinen Büro. Vor ihm lagen Fotos: Theo Militsch. Lukas Veith. Irmgard Leitner. Die Schuhabdrücke. Das Gewehr. Alles passte zusammen. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Dann fiel ihm etwas auf. Etwas Winziges. Auf einem der Tatortfotos spiegelte sich in einer Fensterscheibe des Wachturms eine Gestalt. Ein Mann. Groß. Mit Hut. Artur sprang auf, nahm das Bild und lief durch den Gang.

„Herr Hobel! “

Keine Antwort. Er ging weiter. Dann hörte er Stimmen aus dem Vernehmungsraum. Hobel. Wirbel. Und Lukas Veith. Artur blieb vor der Tür stehen. Drinnen sagte Veith gerade ruhig:

„Ich habe Theo nicht erschossen. “

„Beweisen Sie es“, knurrte Hobel.

Dann sagte Veith etwas, das Artur das Blut in den Adern gefrieren ließ:

„Weil Theo zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. “

Im Vernehmungsraum wurde es totenstill. Artur blieb wie angewurzelt vor der halb geöffneten Tür stehen. Drinnen saß Lukas Veith ruhig auf seinem Stuhl, die Hände gefaltet, der Blick unbeweglich. Franz Hobel dagegen wirkte, als würde er jeden Moment explodieren.

„Wollen Sie uns verarschen? “, knurrte er.

Veith schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. “

Staatsanwalt Peter Wirbel saß schweigend daneben und beobachtete jede Regung des Soldaten.

„Dann erklären Sie diesen Satz“, sagte Wirbel schließlich.

Veith lehnte sich leicht zurück.

„Theo Militsch war schon tot, bevor der Schuss aus dem Wachturm fiel. “

Artur hielt unwillkürlich den Atem an.

„Unmöglich“, sagte Hobel sofort.

„Ist es das? “

„Der Gerichtsmediziner hat eindeutig—“

„Der Gerichtsmediziner hat gesagt, dass die Schussbahn nicht passt. “

Hobel verstummte. Veith sprach ruhig weiter.

„Sie suchen einen Schützen. Aber vielleicht suchen Sie nach dem falschen Todeszeitpunkt. “

Jetzt trat Artur langsam ein. Alle blickten zu ihm. Er hielt das Foto mit der Spiegelung in der Hand.

„Herr Oberinspektor … ich glaube, im Turm war noch jemand. “

Hobel nahm ihm das Bild aus der Hand. Lange sagte niemand etwas. Tatsächlich. In der Fensterscheibe spiegelte sich undeutlich eine dunkle Gestalt. Ein Mann mit Hut. Doch das Foto war unscharf. Zu unscharf.

„Könnte jeder sein“, murmelte Hobel.

Aber Artur bemerkte etwas anderes. Veiths Gesicht. Zum ersten Mal wirkte der Soldat nervös. Nur einen Moment. Aber Artur sah es. Und plötzlich wusste er: Lukas Veith verschwieg etwas. Am nächsten Morgen begann die Obduktion im Gerichtsmedizinischen Institut Wien. Artur war schon blass, bevor er den Raum betrat. Der Geruch allein genügte, um seinen Magen revoltieren zu lassen. Hobel bemerkte es sofort.

„Wenn du umfällst, lach ich dich aus. “

Artur nickte steif.

„Danke. “

Theo Militschs Leiche lag unter grellem Licht auf dem Metalltisch. Der Gerichtsmediziner arbeitete konzentriert. Zwei Assistenten machten Notizen.

„Also“, begann Hobel. „War der Schuss tödlich oder nicht? “

Der Arzt zog vorsichtig die Handschuhe zurecht.

„Ja … und nein. “

„Sehr hilfreich. “

„Die Kugel allein hätte möglicherweise nicht sofort zum Tod geführt. “

Artur blinzelte verwirrt.

„Wie bitte? “

Der Arzt zeigte auf den Hinterkopf des Toten.

„Sehen Sie diese Verletzung? “

Eine dunkle Schwellung zog sich über den Schädel.

„Stumpfe Gewalteinwirkung. “

Hobel wurde ernst.

„Vor dem Schuss? “

„Ja. “

Artur spürte plötzlich Gänsehaut.

„Theo wurde niedergeschlagen? “

„Wahrscheinlich. “

„Und dann erschossen? “

Der Gerichtsmediziner zögerte.

„Vielleicht. “

„Vielleicht? “

„Der Zeitpunkt ist schwer festzustellen. “

Hobel fluchte leise.

„Verdammt. “

Doch der Arzt war noch nicht fertig.

„Außerdem fanden wir etwas Interessantes. “

Er hob eine kleine Metallpinzette. Daran hing ein winziger roter Faden.

„Dieser Stofffetzen steckte unter Militschs Fingernägeln. “

Artur runzelte die Stirn.

„Von einem Kampf? “

„Davon gehe ich aus. “

Hobel dachte sofort laut nach.

„Wer trug rote Kleidung? “

Niemand antwortete. Dann erinnerte sich Artur plötzlich an Irmgard Leitner. Sie hatte am Vorabend einen roten Mantel getragen. Wenig später wurde Irmgard erneut vorgeladen. Diesmal wirkte sie noch nervöser. Sie saß in dem engen Vernehmungszimmer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Artur bemerkte ihre zitternden Hände.

„Fräulein Leitner“, begann Wirbel ruhig, „waren Sie gestern Nacht auf dem Übungsplatz? “

„Nein. “

Zu schnell. Zu glatt. Hobel bemerkte es auch.

„Wir fanden Stoffreste unter Militschs Fingernägeln. “

Irmgard schwieg.

„Roten Stoff. “

Ihre Augen zuckten kurz. Artur sah es sofort.

„Theo hat Sie angegriffen, nicht wahr? “

Sie atmete schwer aus. Dann nickte sie langsam.

„Ja. “

„Wann? “

„Gestern Abend. “

„Wo? “

„Vor dem Eingang des Übungsplatzes. “

„War Lukas Veith dabei? “

„Nein. “

„Was ist passiert? “

Irmgard starrte auf den Tisch.

„Theo war betrunken. “

„Und? “

„Er wollte mit mir reden. “

„Hat er Sie verletzt? “

„Er hat mich gepackt. “

„Und dann? “

Irmgard schluckte.

„Dann kam jemand. “

Alle wurden aufmerksam.

„Wer? “

„Ich weiß es nicht. “

„Sie haben ihn nicht erkannt? “

„Nein. “

„Warum nicht? “

„Er trug einen Mantel … und einen Hut. “

Artur und Hobel wechselten sofort Blicke. Der Mann aus der Spiegelung.

„Was geschah dann? “, fragte Artur leise.

„Die beiden stritten. “

„Theo und der Mann? “

„Ja. “

„Worum? “

„Ich weiß es nicht. “

„Und dann? “

Irmgards Stimme wurde plötzlich leiser.

 „Theo fiel zu Boden. “

Hobel trat näher.

„Geschlagen? “

„Ja. “

„Von wem? “

„Vom Mann mit dem Hut. “

„Und dann? “

Irmgard schloss die Augen.

„Ich bin weggelaufen. “

Nach dem Verhör lag bedrückende Stille im Bürocontainer. Artur saß über den Akten, kämpfte mit dem Chaos. Ein unbekannter Mann. Ein Streit. Ein Schlag auf den Kopf. Ein späterer Schuss. Zwei Tatorte? Oder zwei Täter? Er rieb sich die Augen, erschöpft. Dann fiel ihm etwas auf: Im Einsatzplan des Bundesheeres fehlte ein Name. Ein Soldat, ursprünglich für den Nachtdienst eingetragen, hatte kurzfristig abgesagt.

„Herr Hobel? “

„Was? “

„Wer ist Karl Brenner? “

Hobel nahm den Plan.

„Unteroffizier. “

„Warum wurde sein Name gestrichen? “

„Krankmeldung. “

Artur zeigte auf die Uhrzeit.

„Zwei Stunden vor dem Vorfall. “

Hobel runzelte die Stirn.

„Zufall? “

Artur schwieg. Plötzlich öffnete sich die Tür. Ein Beamter trat ein.

„Wir haben Karl Brenner gefunden. “

„Und? “

Der Beamte zögerte.

„Er ist tot. “

Eine Stunde später standen sie in einer kleinen Wohnung im zweiten Bezirk. Karl Brenner lag tot in seiner Küche. Erhängt. Doch schon beim ersten Blick wusste Hobel: Das war kein Selbstmord. Der Stuhl lag zu weit entfernt. Die Hände des Toten waren aufgeschürft. Im Aschenbecher lagen zwei Zigarettenmarken.

„Jemand war bei ihm“, murmelte Artur.

Hobel nickte. Dann entdeckte Artur etwas am Boden. Eine Patronenhülse. Gleiches Kaliber wie die Tatwaffe. Er hob sie auf und erstarrte. Auf dem Messing war ein winziger Buchstabe eingraviert: ein

„W“.

„Herr Hobel…“

„Was? “

Artur zeigte die Hülse. Hobel nahm sie. Sein Gesicht veränderte sich.

„Verdammt. “

„Was bedeutet das? “

Hobel schwieg. Dann sah er zu Staatsanwalt Wirbel. Der blickte regungslos zurück. Denn der Hersteller dieser Spezialmunition trug nur einen Namen: Wirbel & Co. Waffenfabrik Wien. Regen prasselte gegen die Fenster des Kriminalreferats. Im Bürocontainer herrschte bedrückendes Schweigen. Die Patronenhülse lag auf dem Tisch. Klein. Messingfarben. Plötzlich gefährlicher als jede Waffe. Franz Hobel starrte sie an, als könnte sie explodieren. Artur Späne verstand nicht, warum die Stimmung kippte.

„Diese Waffenfabrik…“, begann er vorsichtig. „Hat das etwas mit Staatsanwalt Wirbel zu tun? “

Niemand antwortete. Peter Wirbel stand am Fenster, rauchte schweigend. Dann sagte Hobel langsam:

„Die Firma gehörte früher seinem Vater. “

Artur blinzelte.

„Früher? “

„Vor dem Konkurs. “

Wirbel drehte sich um.

„Vor acht Jahren. “

Seine Stimme klang kontrolliert. Zu kontrolliert.

„Die Fabrik existiert nicht mehr“, sagte er. „Und diese Munition wird seit Jahren nicht mehr produziert. “

„Aber irgendjemand besitzt sie noch“, murmelte Hobel.

Artur bemerkte etwas. Wirbel wirkte nicht überrascht. Nicht wirklich. Eher angespannt. Als hätte er gehofft, dass genau das niemals gefunden wird. Später am Abend durchsuchten sie Karl Brenners Wohnung genauer. Die Spurensicherung hatte Blutreste unter dem Küchentisch entdeckt. Nicht viel. Aber genug, um zu wissen: Karl Brenner hatte gekämpft. Artur ging langsam durch die kleine Wohnung. Alles wirkte ordentlich. Zu ordentlich. Dann blieb er vor einem Bücherregal stehen. Ein Fach war leer. Staub umriss die Form einer kleinen Metallkassette.

„Hier fehlt etwas. “

Hobel trat neben ihn.

„Woher weißt du das? “

Artur zeigte auf die Staubkante.

„Da stand länger etwas. “

Hobel nickte.

„Nicht schlecht. “

Zum ersten Mal klang es fast wie ein Lob. Artur spürte einen kleinen Stich Stolz. In diesem Moment fiel ihm etwas auf. Unter dem Regal lag ein Stück Papier. Zusammengefaltet. Ein Foto. Darauf zu sehen: Theo Militsch. Lukas Veith. Karl Brenner. Und ein Mann im Anzug. Mit Hut. Das Bild war alt, vermutlich Jahre. Auf der Rückseite stand ein Satz:

„Alles begann in Graz. “

„Graz? “, fragte Wirbel später.

Sie saßen im Besprechungsraum der Kriminalpolizei. Fotos, Berichte, Tatortskizzen lagen überall. Artur verlor langsam den Überblick.

„Was hatten die vier dort gemeinsam? “

Hobel blätterte durch alte Unterlagen. Dann fand er etwas.

„Militärdienst. “

Artur sah auf. „Die waren gemeinsam beim Bundesheer? “

„Vor vier Jahren. “

„Alle vier? “

„Ja. “

„Auch Theo Militsch? “

„Ja. “

„Und der Mann im Anzug? “

Hobel schob ihm ein Dokument hin. Name: Max Dorn. Artur las weiter. Ehemaliger Feldwebel. Vorbestraft wegen illegalen Waffenhandels. Vor zwei Jahren spurlos verschwunden.

„Na wunderbar“, murmelte Hobel.

 In derselben Nacht saß Lukas Veith erneut im Verhörraum. Diesmal wirkte er erschöpft. Nicht nervös. Nicht aggressiv. Einfach müde. Artur saß ihm allein gegenüber. Hobel hatte ihn geschickt.

„Reden Sie mit ihm“, hatte er gesagt. „Vielleicht vertraut er einem Anfänger eher. “

Artur war sich nicht sicher, ob das ein Kompliment war. Eine Zeit lang schwiegen beide. Dann sagte Veith plötzlich:

„Sie glauben nicht, dass ich es war. “

Artur hob den Blick.

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. “

Veith nickte.

„Das ist besser als blinder Ehrgeiz. “

Artur schwieg.

„Hobel denkt nur in Schuldigen“, sagte Veith. „Aber Sie beobachten. “

„Und? “

„Das macht Sie gefährlich. “

Artur wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Dann legte Veith die Hände auf den Tisch.

„Theo hatte Angst. “

„Vor wem? “

„Vor Max Dorn. “

Artur horchte auf.

„Warum? “

„Weil Theo damals etwas getan hat. “

„Was denn? “

Veith schwieg. Lange. Dann sagte er leise:

„In Graz starb ein Mann. “

Arturs Puls raste.

„Ein Unfall? “

Veith lachte bitter.

„Das dachte man damals. “

„Und heute? “

„Heute weiß ich es besser. “

Mitten in der Nacht holte jemand die alte Militärakte aus Graz aus dem Archiv. Artur saß mit Hobel über vergilbten Dokumenten. 1977. Militärübung bei Graz. Ein Soldat starb bei einer Schießübung. Offiziell ein Querschläger. Artur spürte sofort die Parallele.

„Das ist genau wie jetzt. “

Hobel nickte.

„Ja. “

Der Tote damals hieß Johann Dorn. Max Dorns jüngerer Bruder. Artur lehnte sich zurück. Langsam.

„Mein Gott…“

„Theo war damals dabei. “

„Und Veith? “

„Auch. “

Artur begriff.

„Vielleicht war das Rache. “

Hobel schüttelte den Kopf.

„Zu einfach. “

Dann entdeckte Artur etwas in der Akte. Eine Zeugenaussage. Abgegeben von Karl Brenner. Darin stand:

„Ich sah, wie Theo Militsch kurz vor dem Schuss mit Johann Dorn stritt. “

Artur blickte auf.

„Theo war schon einmal in so etwas verwickelt. “

Hobel nickte düster.

„Und jetzt ist Karl Brenner tot. “

Kurz nach Mitternacht geschah etwas Unerwartetes. Staatsanwalt Wirbel verschwand. Einfach so. Sein Wagen war weg. Sein Büro leer. Niemand wusste, wohin er gefahren war. Hobel fluchte.

„Verdammt nochmal. “

Artur spürte Unruhe.

„Glauben Sie, er hat etwas damit zu tun? “

„Ich glaube gar nichts mehr. “

Dann klingelte das Telefon. Hobel hob ab. Sein Gesicht wurde ernst.

„Wo? “

Kurze Pause.

„Wir kommen. “

Er legte auf.

 „Man hat einen Mann gefunden. “

„Tot? “, fragte Artur.

Hobel schüttelte den Kopf.

„Nein. “

„Wer? “

„Max Dorn. “

Sie fanden ihn in einer verlassenen Lagerhalle am Donaukanal. Max Dorn war älter geworden. Narben im Gesicht. Grauer Bart. Misstrauische Augen. Er hielt eine Pistole in der Hand. Als Hobel und Artur eintraten, lachte Dorn kalt.

„Hat lange gedauert. “

Mehrere Beamte richteten ihre Waffen auf ihn.

„Waffe runter! “

Dorn ignorierte sie. Sein Blick fiel auf Artur.

„Du bist neu. “

Artur schwieg.

„Gut“, murmelte Dorn.

„Dann bist du vielleicht noch nicht völlig verdorben. “

Hobel trat vor.

„Sie werden wegen mehrfachen Mordverdachts festgenommen. “

Dorn lachte. Rau und kaputt.

„Mord? “

Er schüttelte den Kopf.

„Ihr versteht gar nichts. “

„Dann erklären Sie es. “

Dorn sah Artur an. Und sagte den Satz, der alles veränderte:

„Theo Militsch wurde nicht ermordet. “

Totenstille.

„Er wurde hingerichtet. “

Bevor jemand reagieren konnte, fiel ein Schuss. Artur zuckte zusammen. Max Dorn sackte nach hinten. Blut spritzte gegen die Betonwand. Chaos brach aus.

„RUNTER! “

Beamte schrien durcheinander. Artur warf sich hinter eine Kiste. Dann hörte er Hobels Stimme:

„Der Schütze oben auf dem Laufsteg! “

Artur blickte hoch. Für einen Moment stand dort eine dunkle Gestalt. Mantel. Hut. Dann verschwand sie in der Dunkelheit. Artur sah noch etwas. Etwas, das ihm das Blut gefrieren ließ. Der Mann hinkte leicht. Genau wie Staatsanwalt Peter Wirbel. Die Halle hallte vom Echo des Schusses wider. Max Dorn lag reglos am Boden. Blut rann zwischen den Betonritzen. Beamte stürmten den Laufsteg. Zu spät. Der Schütze war weg. Artur keuchte hinter der Kiste. Seine Hände zitterten. Sein Herz schlug so laut, dass er kaum die Stimmen um sich herumhörte.

„Absperren! “

„Alle Ausgänge sichern! “

„Sanitäter! “

Doch Artur hörte nur einen Satz in seinem Kopf: Der Mann hinkte. Genau wie Peter Wirbel. Hobel trat neben ihn.

„Alles in Ordnung? “

Artur nickte mechanisch.

„Sie haben es auch gesehen. “

Hobel schwieg. Dann sagte er leise:

„Ja. “

Eine Stunde später war Wirbel verschwunden. Sein Wagen stand leer am Donaukanal. Keine Spur vom Staatsanwalt. Das allein reichte für einen Skandal. Ein Staatsanwalt, der mitten in einer Mordermittlung verschwand, während ein wichtiger Zeuge erschossen wurde. Doch Hobel dachte weiter.

„Er läuft nicht weg“, murmelte er.

Artur sah auf.

„Woher wissen Sie das? “

„Weil Männer wie Wirbel immer glauben, sie sind die Klügsten im Raum. “

Artur schwieg. Hobel zog den Mantel enger.

„Und solche Männer verschwinden nie ohne Grund. “

In den frühen Morgenstunden saßen sie wieder über den Akten. Diesmal wirkte alles anders. Nicht mehr chaotisch. Eher erschreckend klar. Artur betrachtete ein altes Foto aus Graz. Theo Militsch. Karl Brenner. Lukas Veith. Max Dorn. Und Peter Wirbel. Jetzt erkannte er ihn. Jünger. Ohne Bart. Aber eindeutig Wirbel.

„Er war damals dabei“, sagte Artur leise.

Hobel nickte.

„Nicht als Soldat. “

„Sondern? “

„Als Rechtspraktikant des Militärgerichts. “

Artur begriff. Wirbel kannte die Wahrheit seit Jahren. Vielleicht länger als alle anderen. Dann fiel Arturs Blick auf die Aussage von Karl Brenner. Und plötzlich sah er es. Etwas, das bisher niemandem aufgefallen war.

„Herr Hobel…“

„Hm? “

„Die Uhrzeiten. “

Hobel trat näher. Artur zeigte auf das Dokument. Johann Dorns Tod in Graz war offiziell um 23.40 Uhr festgestellt worden. Karl Brenners Aussage war aber schon um23.15 Uhr aufgenommen worden. Fünfundzwanzig Minuten früher. Hobel erstarrte.

„Das ist unmöglich. “

Artur nickte langsam.

„Karl wusste schon vorher, dass Dorn tot war. “

Stille.

Dann sprach Hobel aus, was beide dachten:

„Weil Theo ihn vorher schon erschlagen hatte. “

So setzte sich die Wahrheit Stück für Stück zusammen. Vor vier Jahren hatte es in Graz keinen Unfall gegeben. Johann Dorn hatte herausgefunden, dass Theo Militsch zusammen mit einigen Soldaten Waffen verschwinden ließ. Illegale Verkäufe. Munition. Militärmaterial. Karl Brenner hatte mitgemacht. Auch Max Dorn wusste davon. Als Johann drohte, alles zu melden, kam es in jener Nacht zum Streit. Theo verlor die Kontrolle. Ein Schlag. Johann Dorn stürzte unglücklich. Toter als geplant. Peter Wirbel, damals ein junger Rechtspraktikant, hatte den Fall untersucht. Und vertuscht. Warum? Weil sein eigener Bruder in die Waffengeschäfte verwickelt gewesen war. Ein öffentlicher Skandal hätte die Familie endgültig zerstört. Also erklärte man alles zum Unfall. Max Dorn jedoch akzeptierte die Wahrheit nie. Jahre später setzte er die Beteiligten unter Druck. Zuerst Theo. Dann Brenner. Und schließlich Wirbel.

„Aber wer erschoss Theo wirklich? “, fragte Artur. Hobel antwortete nicht sofort. Dann stand er langsam auf.

„Ich glaube … niemand. “ Artur runzelte die Stirn.

„Was? “

„Denk nach. “

Hobel ging langsam im Raum auf und ab.

„Theo hatte Angst vor Dorn. “

„Ja. “

„Er wusste, dass die Vergangenheit ihn einholt. “

„Ja. “

„Und er wusste vermutlich auch, dass Brenner reden wollte. “

Artur dachte angestrengt nach. Dann begriff er langsam.

„Der Schlag auf den Hinterkopf …“

„War kein Mordversuch. “

„Sondern? “

„Eine Schlägerei. “

Plötzlich ergab alles Sinn. Theo hatte sich vor dem Übungsplatz mit jemandem gestritten. Mit Max Dorn. Dorn schlug ihn nieder. Theo war benommen, vielleicht sogar halb bewusstlos. Und dann geschah der verhängnisvolle Fehler. Artur sprach den Gedanken laut aus:

„Theo hielt sich selbst für beschussbereit. “ Hobel nickte.

„Er schleppte sich zurück zur Übung. “

Benommen. Verletzt. Verwirrt. Während des Präzisionsschützentrainings nahm er Stellung ein. Genau in diesem Moment fiel der Schuss aus dem Wachturm. Nicht auf Theo, sondern auf jemand anderen. Oder vielleicht nur als Warnung. Doch Theo bewegte sich plötzlich in die Schusslinie. Die Kugel traf ihn tödlich. Ein Unfall. Und zugleich die Folge eines Verbrechens, das Jahre zuvor begonnen hatte. Artur sank langsam auf seinen Stuhl.

„Mein Gott …“

 „Und Wirbel? “, fragte er schließlich.

Hobel blickte zum Fenster hinaus. Über Wien dämmerte schon der Morgen.

„Wirbel hat danach alles getan, damit die Wahrheit nie ans Licht kommt. “

Deshalb ließ er Beweise verschwinden. Deshalb die falschen Fährten. Deshalb Karl Brenners Tod. Denn Brenner wollte reden. Und Max Dorn ebenfalls. Aber Theo Militschs Tod? Der war nie geplant gewesen. Das machte alles noch grausamer. Drei Tage später fanden sie Peter Wirbel. Tot. In einem kleinen Jagdhaus außerhalb von Wien. Eine Kugel im Kopf. Neben ihm lag ein Abschiedsbrief. Doch Hobel glaubte keine Sekunde an Selbstmord.

„Zu sauber“, murmelte er. Artur betrachtete schweigend den Brief. Darauf stand nur ein Satz:

„Die Wahrheit zerstört jeden. “

Max Dorn blieb verschwunden. Manche behaupteten später, er sei ins Ausland geflohen. Andere glaubten, er habe Wirbel erschossen und sich anschließend selbst das Leben genommen. Bewiesen wurde nie etwas. Der Fall wurde offiziell abgeschlossen. Todesursache Theo Militsch:

„Tödlicher Schuss infolge fahrlässiger Verkettung mehrerer Ereignisse. “

Kein Mord. Kein Täter. Keine Gerechtigkeit. Wochen später saß Artur Späne allein im Büro der Kriminalpolizei. Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben. Vor ihm lag die letzte Akte des Falls. Er dachte an Theo Militsch. An Karl Brenner. An Johann Dorn. An all die Lügen. Und plötzlich verstand er etwas, das ihm keine Ausbildung beigebracht hatte: Die Wahrheit war selten sauber. Manchmal bestand sie nur aus Schuldigen, die zugleich Opfer waren. Franz Hobel trat leise ins Büro.

„Du siehst beschissen aus. “

Artur lächelte schwach.

„Danke. “

Hobel zündete sich eine Zigarette an.

„Du hast deine Sache gut gemacht. “ Artur sah auf, überrascht. Das war wohl das höchste Lob, das Hobel je aussprach.

„Und jetzt? “, fragte Artur.

Hobel stieß Rauch aus.

„Jetzt gewöhnst du dich daran. “

Artur blickte wieder auf die Akte. Doch tief in seinem Inneren wusste er: An diesen Fall würde er sich nie gewöhnen. Denn irgendwo da draußen lief vielleicht noch immer der Mann mit dem Hut herum. Und manchmal, wenn spät nachts der Wind durch die Straßen von Simmering zog, glaubte Artur Späne noch Jahre später, das Echo jenes einen Schusses zu hören.

 

**Schlusswort**

Der Fall Militsch wurde in den Akten zu einer jener typischen Wiener Randnotizen: kompliziert, widersprüchlich, „nicht eindeutig klärbar“. Ein Eintrag, der mehr beruhigen als erklären sollte. Für die Kriminalstatistik blieb es ein Unfall mit ungeklärten Begleitumständen. Für die Beteiligten war es das nie. Artur Späne begriff erst Jahre später, dass Ermittlungen nicht scheitern, weil Spuren fehlen, sondern weil zu viele in zu viele Richtungen führen. In diesem Fall hatte jede Wahrheit eine zweite Version – und jede klang überzeugend genug, um falsch oder richtig zu sein. Franz Hobel brachte es einmal trocken auf den Punkt, als sie längst andere Fälle bearbeiteten:

„Es gibt Morde, die man aufklärt. Es gibt welche, die sich selbst erledigen. Und dann gibt es die dazwischen. Die bleiben einfach liegen. “

Peter Wirbel wurde nie eines Verbrechens überführt. Sein Tod schloss die Akten schneller, als jede Aussage es gekonnt hätte. Ob er Täter, Mitwisser oder nur der letzte Verlierer einer alten Geschichte war, blieb offen. Max Dorn verschwand aus allen Registern. Manche sagten, er habe seine Rache bekommen. Andere, er habe sie nie wirklich gesucht – nur die Wahrheit, die ihn zerstört hatte. Und Theo Militsch? Er blieb in den Akten das, was er vielleicht immer war: ein junger Mann, gefangen in einer Geschichte, die vor ihm begann und nach ihm weiterging. Artur Späne dachte später oft an seinen ersten Fall. Nicht an die Schüsse, nicht an die Verhöre, nicht an die Leichen. Sondern an den Moment, in dem er begriff, dass Wahrheit im Ermittlungsdienst selten wie ein Ergebnis aussieht. Eher wie ein Kompromiss zwischen dem, was geschah, und dem, was man beweisen kann. Und manchmal, wenn er nachts allein war, fragte er sich, ob irgendwo in dieser Geschichte ein Detail fehlte. Ein kleiner, unscheinbarer Fehler. Der alles hätte ändern können. Doch die Akte blieb geschlossen. Und die Dunkelheit darüber ebenso.

 

Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)                                                                                                                             

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