
Der Mann mit dem goldenen Lächeln
Wien-Simmering, Sommer 1978.
Die Luft lag schwer über den Straßen: warm vom Asphalt, süß vom Duft der Linden, abgestanden vom Rauch der Kaffeehäuser. Die Straßenbahnlinie 71 quietschte durch die Simmering Hauptstraße, die Sonne blitzte auf Chrom und Glas in den Schaufenstern.
Hier lebte ein Mann, über den man flüsterte: Julian Möller.
Man bemerkte ihn, bevor er einen Raum betrat. Groß, schlank, dunkles, perfekt frisiertes Haar, Augen, die Vertrauen weckten, und ein Lächeln, das Frauen zu Taten verleitete, die sie später bereuten. Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn den Casanova vom Zentralfriedhof. Julian störte das nicht – er genoss es.
An diesem Abend parkte er seinen silbernen Mercedes-Benz 450 SL Cabrio vor einem kleinen Restaurant nahe der Simmeringer Hauptstraße. Der Motor schnurrte noch, als er ausstieg. Sein Anzug saß wie angegossen, die Uhr an seinem Handgelenk war teurer als drei Monatsgehälter eines Arbeiters. Julian gab Geld aus, als würde es nie versiegen. Woher es kam, wusste niemand genau.
Man munkelte.
Einige sagten, er handle mit Immobilien. Andere meinten, reiche Frauen zahlten für seine Gesellschaft. Und manche flüsterten ein Wort, das man damals nur leise aussprach: Callboy.
Julian lächelte, wenn man ihn fragte. „Ich bin einfach ein Mann mit guten Manieren“, sagte er.
Im Restaurant wartete Katrin Schulze. Sie war 41, zehn Jahre älter als Julian. Keine klassische Schönheit: feine Linien im Gesicht, blondes Haar mit grauen Strähnen. Doch sie hatte etwas anderes – Geld. Viel Geld. Ein Erbe aus der Textilfirma ihres verstorbenen Mannes machte sie zur Millionärin. Doch für Katrin bedeutete Reichtum vor allem eines: Einsamkeit.
Als Julian den Raum betrat, hob sie den Blick.
Da war es wieder, dieses Lächeln.
„Du siehst heute wunderschön aus“, sagte er und küsste ihre Hand. Katrin errötete wie ein junges Mädchen. Sie wusste, dass Julian jünger war, dass Frauen ihm nachsahen. Doch sie wollte glauben, dass er sie liebte. Und Julian verstand es, genau dieses Gefühl zu wecken.
Zwei Monate zuvor hatte Katrin ihr Testament geändert. Ihr gesamtes Vermögen – über fünf Millionen Schilling – sollte Julian erben. Als sie es ihm erzählte, spielte er den Schockierten. „Das kann ich nicht annehmen“, sagte er mit zitternder Stimme. Doch schließlich ließ er sich überzeugen. „Nur, wenn du darauf bestehst. “ Katrin bestand darauf.
Nicht jeder war begeistert von dieser Beziehung.
Franz Hobel, Kriminalbeamter, kannte Julian aus früheren Ermittlungen. Beweise gab es nie, aber genug, um misstrauisch zu sein. Mehrmals warnte er Katrin: „Dieser Mann ist gefährlich. “ Sie lächelte nur. „Sie verstehen ihn nicht. “
Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht auch nicht.
An einem warmen Juliabend saßen Julian und Katrin in ihrer Villa am Stadtrand. Die Fenster standen offen, Grillen zirpten in der Ferne. Julian mixte an der Hausbar zwei Drinks. „Etwas Besonderes für dich“, sagte er. Er goss klare Flüssigkeit in die Gläser – Schnapsvorlauf und reines Methanol. Eine tödliche Mischung.
„Auf uns“, sagte er und reichte ihr das Glas.
Katrin lächelte, hob das Glas und trank.
Als sie wieder aufwachte, war alles dunkel. Zuerst dachte sie, es sei Nacht. Dann hörte sie Stimmen. Ärzte. Geräte. Krankenhaus. „Sie kommt zu sich. “ Langsam begriff sie. Ihr Körper fühlte sich fremd an, ihr Kopf schmerzte, und ihre Augen… Sie konnte kaum noch sehen.
Der Arzt sprach vorsichtig. „Sie hatten eine schwere Methanolvergiftung. “ Vier Tage lag sie im Koma. Die Folgen: fast vollständige Erblindung.
Julian saß an ihrem Bett, als sie erwachte. Seine Augen waren gerötet, er wirkte erschüttert. „Es war ein Versehen“, sagte er leise. „Ich wollte uns nur einen besonderen Drink machen. “ Die Polizei glaubte ihm. Es gab keine Beweise, keine Zeugen – nur ein Glas und einen Mann, der überzeugend wirkte.
Doch Katrin war nicht mehr dieselbe. Blindheit verändert einen Menschen. Irgendwann begann sie zu zweifeln. War es wirklich ein Unfall? Oder wusste Julian genau, was er tat?
Die Beziehung zerbrach. Mit ihr das Testament. Julian verlor das Vermögen, das ihm sicher schien. Doch wer ihn kannte, wusste: Er gab nicht auf.
Die Wochen danach lebte er wie gewohnt: Restaurants, Clubs, Frauen. Hinter seinem Lächeln arbeitete sein Verstand. Er hatte einen Plan. Vielleicht mehrere. Für Julian war Geld nicht nur Luxus – es war Macht. Und fünf Millionen Schilling waren eine Macht, die er nicht aufgab.
Der Herbst legte sich über Wien.
Blätter färbten sich rot und gold, ein kalter Wind fegte durch Simmering.
An einem kühlen Oktoberabend trafen sich Julian und Katrin wieder – auf einer Veranstaltung in der Wiener Innenstadt. Ein Zufall, so schien es. Doch manche Zufälle sind sorgfältig geplant.
Er sah sie in der Menge, und ging auf sie zu. Als er vor ihr stand, flüsterte er ihr gefühlvoll ins Ohr.
In diesem Moment begann ein Spiel. Ein Spiel aus Lügen, Täuschung – und vielleicht Mord. Niemand ahnte, dass der zweite Versuch bereits vorbereitet war. Und dass er grausamer werden würde als der erste.
Julian Möller hatte aus seinem Fehler gelernt.
Das nächste Mal würde er vorsichtiger sein.
Viel vorsichtiger.
Im Schatten beobachtete ein Mann die Szene, sein Misstrauen wuchs.
Kriminalbeamter Franz Hobel.
Er wusste noch nicht, warum, aber Julian Möller ließ ihn nicht los.
Etwas stimmte nicht.
Bald würde etwas geschehen, das den Fall in eine neue Richtung lenkte.
Ein angeblicher Selbstmordversuch.
Der keiner war.
Doch das wusste noch niemand.
Für viele würde diese Zeit einen Neuanfang bedeuten.
Für Julian Möller war sie eine zweite Chance.
Die Veranstaltung fand in einem eleganten Saal in der Wiener Innenstadt statt.
Ein Wohltätigkeitsabend für eine Kunststiftung, organisiert von reichen Geschäftsleuten.
Katrin Schulze war eingeladen, wie so oft.
Reiche wurden immer eingeladen.
Sie kam mit einer Freundin.
Langsam tastete sie sich durch den Saal.
Seit der Vergiftung sah sie nur noch schemenhafte Umrisse.
Gesichter verschwammen zu Schatten, Lichter zu Sternen.
Doch Stimmen erkannte sie sofort.
Als sie diese gefühlsbetonte Stimme hörte, wusste sie sofort zu wem sie gehört.
„Katrin? “
Weich, vertraut.
„Ich habe jeden Tag an dich gedacht. “
Ihr Herz schlug schneller.
„Julian…? “
Für die Gäste wirkte es wie ein romantisches Wiedersehen.
Niemand ahnte, dass Julian genau wusste, dass sie kommen würde.
Er hatte es geplant.
Julian war ein Meister der Inszenierung.
Er änderte plötzlich seine Stimme, sie klang zerbrechlich.
„Ich habe so viel falsch gemacht. “
Katrin schwieg.
„Jeden Tag denke ich daran, was passiert ist“, sagte er leise. „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte…“
Seine Worte brachen ab.
Er wirkte, als kämpfe er mit den Tränen.
Eine beeindruckende Vorstellung.
Und Katrin wollte daran glauben.
Vielleicht, weil Einsamkeit stärker ist als Misstrauen.
Sie trafen sich wieder.
Zuerst vorsichtig.
Ein Kaffee hier, ein Spaziergang dort.
Julian führte sie durch den Park, sie hielt sich an seinem Arm fest.
„Du bist der Einzige, der mich noch versteht“, sagte sie einmal.
Julian lächelte.
„Ich werde immer für dich da sein. “
Bald waren sie wieder ein Paar.
Und dann geschah etwas, das für Julian alles änderte.
Das Testament wurde erneut geändert.
Er war wieder Alleinerbe.
Fünf Millionen Schilling trennten ihn von einem sorgenfreien Leben.
Doch diesmal wollte er kein Risiko eingehen.
Der erste Versuch war zu auffällig gewesen.
Zu chaotisch.
Zu gefährlich.
Jetzt brauchte er etwas Saubereres.
Etwas, das wie Katrins eigene Entscheidung aussah.
Eines Abends kam ihm eine Idee.
Es regnete, als Julian bei Katrin in der Villa erschien.
Er brachte Essen mit.
„Damit du nicht kochen musst“, sagte er.
Sie saßen im Wohnzimmer, der Regen prasselte gegen die Fenster.
Julian ging in die Küche.
Als er zurückkam, stellte er einen kleinen Teller neben ihren.
Darauf lagen Tabletten.
„Nahrungsergänzungsmittel“, erklärte er. „Gut für die Nerven. “
Katrin lachte leise.
„Du kümmerst dich zu gut um mich.“
„Jemand muss es ja tun. “
Sie nahm die Tabletten.
Ohne zu wissen, dass es starke Schlafmittel und Antidepressiva waren.
Eine Stunde später begann alles zu verschwimmen.
Der Raum drehte sich.
„Julian… mir ist schwindelig…“
„Du bist nur müde“, sagte er beruhigend.
Doch die Müdigkeit wurde zu etwas anderem.
Ihre Gedanken zerfielen, die Stimmen wurden fern.
Dann wurde alles schwarz.
Als Katrin wieder zu sich kam, lag sie im Krankenhaus.
Schon wieder.
Ihr Kopf fühlte sich schwer an, ein Verband umschloss ihren linken Arm.
Ein Arzt stand neben dem Bett.
„Sie hatten Glück“, sagte er.
„Glück? “
„Der Schnitt war nicht tief genug. “
Katrin verstand nicht.
„Welcher Schnitt? “
Der Arzt sah sie verwirrt an.
„Der Selbstmordversuch. “
Julian hatte der Polizei alles erklärt.
Katrin sei depressiv gewesen, verzweifelt wegen ihrer Blindheit.
Sie habe sogar von einer Trennung gesprochen.
An diesem Abend, so Julian, habe er sie bewusstlos im Badezimmer gefunden.
Mit einer Rasierklinge.
Blut auf dem Boden.
Ein klassischer Selbstmordversuch.
Zumindest auf den ersten Blick.
Doch nicht jeder glaubte ihm.
Kriminalbeamter Franz Hobel saß in seinem Büro und starrte auf den Bericht.
Neben ihm stand sein Kollege Artur Späne.
„Was denkst du? “, fragte Späne.
Hobel zündete sich eine Zigarette an.
„Etwas stimmt hier nicht. “
„Was genau? “
Hobel blätterte durch die Akte.
„Die Frau ist fast blind. “
Späne runzelte die Stirn.
„Und? “
Hobel sah ihn an.
„Versuch mal, mit fast vollständiger Blindheit eine Rasierklinge zu nehmen und dir präzise die Pulsader aufzuschneiden. “
Stille.
Dann sagte Späne:
„Du meinst, jemand hat nachgeholfen. “
Hobel nickte langsam.
„Oder jemand wollte, dass es so aussieht. “
Als Katrin das Krankenhaus verließ, war ihr Vertrauen endgültig zerstört.
Sie erinnerte sich an nichts.
Nicht an eine Rasierklinge.
Nicht an einen Selbstmordversuch.
Nur an die Tabletten.
Und an das beklemmende Gefühl, dass etwas grundlegend falsch war.
Sie trennte sich erneut von Julian. Diesmal änderte sie sofort ihr Testament.
Julian Möller war nicht länger ihr Erbe. Doch sie ging noch weiter.
Sie wandte sich an die Polizei und erstattete Anzeige.
Zum ersten Mal geriet Julian ernsthaft ins Visier der Ermittler.
Franz Hobel übernahm den Fall. Je mehr er über Julian herausfand, desto größer wurde sein Misstrauen.
Frauen. Luxus. Ein Leben ohne erkennbare Arbeit.
Und zwei „Unfälle“, bei denen immer dieselbe Frau beinahe gestorben wäre.
„Entweder hat dieser Mann unfassbares Pech“, sagte Hobel eines Abends zu seinem Kollegen Späne, „oder er ist ein verdammt guter Schauspieler. “
Julian spürte, dass sich etwas änderte.
Die Polizei stellte Fragen. Sie durchleuchtete seine Vergangenheit.
Zum ersten Mal seit Langem fühlte er etwas, das ihm fremd war: Angst.
Denn wenn die Ermittler die Wahrheit entdeckten, würde sein perfektes Leben zerbrechen.
Also fasste er einen Entschluss. Einen gefährlichen.
Wenn die Polizei ihn verdächtigte, musste er die Aufmerksamkeit auf jemand anderen lenken.
Und es gab nur eine Person, die sich dafür eignete: Katrin Schulze.
Was Julian in den folgenden Tagen plante, war so kühn, dass selbst erfahrene Ermittler zunächst darauf hereinfielen.
Ein Mordanschlag.
Ein Opfer.
Blut.
Und eine Täterin.
Doch niemand ahnte, dass das Opfer selbst der Täter sein könnte.
Und dass ein einziger Mensch die Wahrheit vielleicht längst durchschaute.
Der nächste Vorfall würde alles verändern.
Bald würde ein Mann mit Stichverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Und eine fast blinde Frau würde wegen versuchten Mordes im Gefängnis landen.
Dunkle Wolken hingen über der Stadt, und kalter Regen verwandelte die Straßen in glänzende Spiegel.
Die Laternen warfen gelbliche Lichtflecken auf das nasse Pflaster, während der Wind durch die leeren Gassen von Simmering pfiff.
Die Stadt wirkte still. Zu still.
Irgendwo in dieser Nacht begann etwas, das den gesamten Fall auf den Kopf stellen sollte.
Kurz nach Mitternacht klingelte im Polizeipräsidium das Telefon.
Ein junger Beamter nahm ab.
„Polizei Wien. “
Am anderen Ende der Leitung hörte er hektisches Atmen. Dann eine panische Stimme.
„Bitte… schicken Sie jemanden… ich wurde angegriffen…“
„Wer spricht? “
„Julian… Julian Möller…“
Der Beamte griff zum Stift.
„Was ist passiert? “
„Sie wollte mich umbringen! “
Stille.
„Wer? “
„Katrin… Katrin Schulze. “
Eine halbe Stunde später lag Julian Möller auf einer Trage im Krankenhaus.
Sein Hemd war blutdurchtränkt.
Ein Arzt schnitt den Stoff auf, während eine Krankenschwester Verbände vorbereitete.
„Mehrere Stichverletzungen“, murmelte der Arzt.
Zum Glück waren keine lebenswichtigen Organe getroffen.
Doch es sah dramatisch aus.
Julian lag blass auf der Trage, während zwei Polizisten neben ihm standen.
„Herr Möller“, fragte einer vorsichtig, „können Sie uns sagen, was passiert ist? “
Julian schluckte.
„Sie… sie stand plötzlich vor meiner Tür. “
„Wer? “
„Katrin. “
Er schilderte die Ereignisse. Seine Stimme war schwach, aber klar.
Katrin sei mitten in der Nacht zu ihm gekommen, durchnässt vom Regen.
Zehn Kilometer habe sie zu Fuß zurückgelegt.
Sie habe geklingelt.
Er habe geöffnet.
Und plötzlich habe sie ein Messer gezogen.
„Sie hat geschrien, ich hätte ihr Leben zerstört. “
Dann habe sie zugestochen. Mehrmals.
Julian habe sich zu wehren versucht.
Am Ende sei sie geflohen.
Doch Julian war nicht allein gewesen.
Ein zweiter Mann bestätigte die Geschichte: sein jüngerer Bruder Daniel.
Er habe alles gesehen.
„Sie ist völlig durchgedreht“, sagte Daniel den Polizisten.
„Sie hat einfach auf ihn eingestochen. “
Die Geschichte wirkte schlüssig.
Eine reiche Frau. Fast blind. Psychisch instabil nach zwei angeblichen Selbstmordversuchen.
Und jetzt ein Racheakt.
Noch in derselben Nacht klingelte die Polizei an Katrin Schulzes Tür.
Sie öffnete im Bademantel, verwirrt.
„Frau Schulze“, sagte der Beamte ernst, „Sie sind vorläufig festgenommen wegen Verdachts auf versuchten Mord. “
Sie erstarrte.
„Was? “
„Julian Möller wurde heute Nacht schwer verletzt. “
„Das ist unmöglich. “
„Er sagt, Sie hätten ihn angegriffen. “
Katrin lachte ungläubig.
„Ich war den ganzen Abend zu Hause. “
Doch die Polizisten hörten nicht mehr zu.
Sie führten sie ab.
Zum ersten Mal in ihrem Leben saß Katrin Schulze in einer Gefängniszelle.
Die Wände waren kalt, das Licht grell. Sie konnte kaum sehen, doch jede Sekunde der Einsamkeit spürte sie umso deutlicher. Immer wieder stellte sie sich dieselbe Frage: Warum? Warum sollte Julian behaupten, sie habe ihn angegriffen?
Dann dachte sie an die Ermittlungen, an die Anzeige. Und langsam formte sich ein schrecklicher Gedanke in ihrem Kopf: Vielleicht hatte Julian… alles geplant.
Am nächsten Morgen beugten sich Franz Hobel und Artur Späne über die Berichte. Hobel runzelte die Stirn.
„Was denkst du? “
Späne zuckte mit den Schultern. „Zwei Zeugen. Opfer mit Stichverletzungen. Die Verdächtige hat ein Motiv. “
Hobel blätterte weiter. „Und sie ist fast blind. “
Späne seufzte. „Schon wieder das. “
„Nein“, sagte Hobel ruhig. „Überleg doch mal. “ Er tippte auf die Stadtkarte. „Sie soll zehn Kilometer zu Fuß gegangen sein. “
„Im Regen. “
„Mit einem Messer. “
„Und dann präzise mehrmals zugestochen haben. “
Späne schwieg.
Am Tatort fanden die Ermittler Blutspuren, einige davon stammten tatsächlich von Katrin. Das Labor bestätigte es. Alles schien klar. Doch Hobel ließ ein Detail nicht los: die Stichverletzungen. Er studierte die medizinischen Berichte. Die Wunden waren oberflächlich, fast vorsichtig gesetzt.
„Komisch“, murmelte er.
„Was? “, fragte Späne.
Hobel zeigte auf die Zeichnung der Verletzungen. „Wenn jemand wirklich versucht, jemanden zu töten…“ Er machte eine stechende Bewegung mit der Hand. „…dann sieht das anders aus. “
Auch Daniel Möller wurde erneut befragt. Er wirkte nervös, zu nervös. Seine Aussagen änderten sich: Mal stand er im Flur, mal im Wohnzimmer. Mal hatte er alles gesehen, mal nur einen Teil. Kleine Unterschiede, die Hobel nicht entgingen. Und tief in seinem Instinkt formte sich eine Theorie. Eine ungewöhnliche Theorie.
Dann kam der Paukenschlag. Die Ermittler fanden etwas, das alles veränderte. Ein kleines, unscheinbares Detail – aber genug, um den Fall zu drehen. Plötzlich stand nicht mehr Katrin Schulze im Fokus der Ermittlungen, sondern Julian Möller.
Katrin wurde aus der Zelle geholt, freigelassen. Während sie noch versuchte zu begreifen, was geschehen war, klickten an einem anderen Ort Handschellen. Julian Möller wurde verhaftet. Der Mann, der angeblich Opfer eines Mordanschlags gewesen war, saß nun selbst in Untersuchungshaft.
Doch die größte Frage blieb: Hatte Julian sich die Stichverletzungen selbst zugefügt? Oder jemanden dafür bezahlt? Und wenn ja – wer war dieser Komplize? Irgendwo in Wien lief noch eine Person frei herum, die mehr wusste, als sie zugab. Und diese Person würde bald einen Fehler machen. Einen Fehler, der alles ans Licht bringen könnte. Oder den Fall endgültig in ein Labyrinth aus Lügen stürzen würde.
Der Winter zog ein, er hielt Wien fest im Griff. Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen von Simmering, und über Nacht hatte sich eine dünne Schneeschicht auf Autos, Dächer und Gehwege gelegt. Die Stadt wirkte stiller als sonst, fast gedämpft. Doch hinter den Mauern des Polizeipräsidiums herrschte alles andere als Ruhe.
Der Fall Möller war inzwischen Stadtgespräch. Zeitungen berichteten täglich. Schlagzeilen sprachen von einem mysteriösen Liebesdrama, von einem Casanova, einer Millionenerbin, von Gift, Selbstmordversuchen und nun auch von einem angeblichen Mordanschlag.
Für Kriminalbeamten Franz Hobel war der Fall jedoch alles andere als gelöst. Im Gegenteil: Jetzt wurde er erst richtig kompliziert.
Julian Möller saß in einer kleinen Zelle der Untersuchungshaft. Die grauen Wände drückten enger als alles, was er bisher gekannt hatte. Kein Lederinterieur, kein teurer Wein, kein glänzender Sportwagen. Nur ein Bett, ein Tisch und ein kleines Fenster mit Gittern. Zum ersten Mal seit Jahren war Julian allein mit seinen Gedanken. Doch selbst jetzt wirkte er erstaunlich ruhig.
Als sein Anwalt ihn besuchte, lächelte er sogar.
„Das ist ein Missverständnis“, sagte Julian gelassen.
Der Anwalt sah ihn lange an. „Die Polizei glaubt, Sie hätten alles inszeniert. “
„Unsinn. “
„Ihre Ex-Freundin wurde freigelassen. “
Julian zuckte mit den Schultern. „Dann haben sie eben den falschen Täter. “
Währenddessen saßen Franz Hobel und Artur Späne wieder über den Akten. Der Tisch war übersät mit Fotos, Berichten und Skizzen. Späne rieb sich die Augen.
„Also fassen wir zusammen. “ Er zählte an den Fingern ab. „Er vergiftet sie. Angeblich ein Versehen. Dann täuscht er einen Selbstmord vor. Und jetzt lässt er sie wegen Mordversuchs verhaften. “
Hobel nickte langsam. „Wenn es stimmt. “
Späne sah ihn an. „Du glaubst immer noch, dass wir etwas übersehen. “
Hobel nahm ein Foto der Stichverletzungen in die Hand. „Diese Wunden. “
„Was ist damit? “
„Sie sind zu sauber. “
Ein Gerichtsmediziner wurde erneut befragt. Ein älterer Mann mit ruhiger Stimme und jahrzehntelanger Erfahrung. Hobel legte die Fotos vor ihn.
„Könnte sich jemand diese Verletzungen selbst zufügen? “
Der Arzt betrachtete die Bilder lange. Sehr lange.
Dann sagte er: „Ja. “
Späne runzelte die Stirn.
„Sicher? “
Der Arzt nickte.
„Die Einstichwinkel sind ungewöhnlich. “
„Wie ungewöhnlich? “
„Als hätte jemand versucht, sich selbst zu verletzen, ohne lebensgefährliche Stellen zu treffen. “
Stille. Doch es gab ein weiteres Problem: die Blutspuren. Ein Teil davon stammte tatsächlich von Katrin Schulze. Das Labor hatte es bestätigt.
„Wie kommt ihr Blut in seine Wohnung? “, fragte Späne.
Hobel zögerte. Dann sagte er: „Vielleicht war sie nie dort. “
Späne starrte ihn an. „Wie bitte? “
„Vielleicht hat jemand ihr Blut mitgebracht. “
An diesem Punkt nahm der Fall eine neue Wendung. Die Ermittler fanden heraus, dass einige Tage vor dem angeblichen Mordanschlag ein Mann in Katrins Haus gewesen war. Ein Nachbar hatte ihn gesehen, konnte ihn aber nur vage beschreiben: mittelgroß, dunkle Jacke. Der Mann war durch den Garten gegangen.
Späne runzelte die Stirn. „Ein Einbrecher? “
Hobel schüttelte den Kopf. „Nein. “ Er legte ein Foto auf den Tisch. Es zeigte Daniel Möller, Julians jüngeren Bruder.
Daniel wurde erneut vorgeladen. Diesmal saß er allein im Verhörraum, Hobel und Späne ihm gegenüber.
„Herr Möller“, begann Hobel ruhig, „wir haben ein Problem. “
Daniel schluckte. „Welches Problem? “
„Ihre Geschichte. “
„Was ist damit? “
Hobel schob ihm Fotos hin: Tatortbilder, Blutspuren, Zeitdiagramme.
„Sie passt nicht. “
Daniel schwieg.
Späne lehnte sich vor. „Ihr Bruder könnte lange ins Gefängnis gehen. “
Keine Antwort.
Hobel sagte leise: „Oder Sie helfen uns. “
Daniel hielt dem Druck zunächst stand. Doch je länger das Verhör dauerte, desto nervöser wurde er. Seine Hände zitterten, sein Blick wanderte zur Tür.
„Ich habe nichts getan“, murmelte er.
Hobel blieb ruhig. „Wir wissen, dass Sie ein paar Tage vor dem Angriff bei Katrin Schulze waren. “
Daniel erstarrte.
Späne beugte sich vor. „Was haben Sie dort gemacht? “
Daniel schwieg. Doch sein Schweigen sprach Bände.
Später saßen Hobel und Späne wieder allein im Büro.
„Er weiß etwas“, sagte Späne.
„Ja. “
„Aber er sagt nichts. “
Hobel blickte aus dem Fenster in den fallenden Schnee. „Noch nicht. “
Späne verschränkte die Arme. „Also… was glaubst du wirklich? “
Hobel dachte nach. Dann sagte er: „Ich glaube, Julian Möller hat alles geplant. Das Gift. Den falschen Selbstmord. Den Mordanschlag. Aber ich glaube auch, dass er Hilfe hatte. “
„Vom Bruder? “
Hobel nickte langsam. „Vielleicht. “
Doch die Ermittler hatten noch immer keinen endgültigen Beweis. Kein Geständnis. Keine direkte Verbindung. Nur Indizien. Und Julian Möller wusste das. In seiner Zelle lächelte er. Solange sie ihm nichts beweisen konnten, würde er freikommen.
Was er nicht wusste: Jemand hatte bereits begonnen zu reden. Nicht Daniel. Eine andere Person. Eine, die bisher niemand beachtet hatte. Ihre Aussage würde den Fall in ein neues Licht rücken. Sie würde zeigen, was in jener regnerischen Nacht wirklich geschah – und wer das Messer tatsächlich geführt hatte.
Der Schnee lag inzwischen mehrere Zentimeter hoch auf den Straßen von Wien. Die Stadt wirkte ruhig, fast friedlich. Doch im Polizeipräsidium herrschte angespannte Stille. Ein einziger Satz hatte alles verändert. Ein einziger Zeuge. Plötzlich fügte sich das Puzzle zusammen.
Es war eine junge Frau, die sich einige Tage nach Julians Verhaftung meldete. Elena Berger, Kellnerin in einer kleinen Bar in Simmering. Auf den ersten Blick hatte sie nichts mit dem Fall zu tun. Doch als sie im Büro von Franz Hobel saß, wirkte sie nervös.
„Ich weiß nicht, ob das wichtig ist“, sagte sie leise.
Hobel nickte. „Erzählen Sie einfach. “
Elena zögerte, dann sprach sie.
Einige Tage vor dem angeblichen Mordanschlag war Julian Möller in ihre Bar gekommen. Das war nicht ungewöhnlich –er war dort Stammgast. Doch an diesem Abend war etwas anders. Er war nicht allein. Ein zweiter Mann saß bei ihm. Die beiden sprachen leise und lange. Irgendwann hatte Elena zufällig ein paar Worte aufgeschnappt: „Es darf nicht tödlich sein. “
Hobel hob den Blick. „Sind Sie sicher? “
Elena nickte. „Ja. “
Späne beugte sich vor. „Und der andere Mann? “
„Ich kenne ihn nicht. Aber ich habe gesehen, dass Julian ihm Geld gegeben hat. “
Diese Aussage bestätigte Hobels Verdacht: Julian hatte sich die Stichverletzungen nicht selbst zugefügt. Er hatte jemanden dafür bezahlt. Jemanden, der ihn verletzen sollte – gerade so viel, dass er überlebte. Genug Blut. Genug Drama. Damit alles wie ein Mordanschlag aussah.
Doch ein entscheidender Beweis fehlte noch: der Komplize. Und hier kam Julians Bruder wieder ins Spiel. Daniel wurde erneut vorgeladen. Diesmal dauerte das Verhör fast sechs Stunden. Hobel blieb ruhig, Späne hart. Irgendwann brach Daniel zusammen. Seine Schultern sackten, seine Stimme zitterte.
„Ich wollte das alles nicht…“
Hobel schwieg.
Daniel begann zu erzählen.
Die Idee stammte von Julian. Er hatte Panik bekommen, weil die Ermittlungen wegen der Vergiftung und des angeblichen Selbstmordversuchs immer intensiver wurden. Er fürchtete, die Polizei könnte die Wahrheit herausfinden. Also wollte er die Situation drehen. Wenn Katrin plötzlich versuchten Mord beging, würde niemand mehr an seine früheren Taten denken. Dann wäre er das Opfer, nicht der Täter.
Julian bat seinen Bruder um Hilfe. Daniel sollte jemanden finden, der bereit war, Julian zu verletzen. Nicht tödlich, nur ein paar Stiche. Danach sollte Daniel als Zeuge auftreten und die Geschichte bestätigen.
„Ich dachte, es wäre nur ein dummer Plan“, sagte Daniel unter Tränen. „Ich hätte nie gedacht, dass das so eskaliert. “
Der Mann aus der Bar war ein Gelegenheitsarbeiter. Er brauchte Geld. Julian versprach ihm mehrere tausend Schilling. Die Aufgabe war einfach: ein paar Stiche, nicht zu tief, dann verschwinden. Doch Julian ging weiter. Er wusste, dass seine Geschichte nur funktionierte, wenn auch Katrins Blut am Tatort gefunden wurde. Also besorgte Daniel ein Glas mit Blutspuren aus ihrem Haus – von einer kleinen Verletzung.
Sie hatten es versteckt.
Und in Julians Wohnung verteilt.
Der Plan war nahezu perfekt.
Fast.
Doch Julian machte Fehler.
Mehrere.
Die Wunden wirkten zu präzise.
Die Geschichte klang zu dramatisch.
Vor allem aber unterschätzte er, wie misstrauisch ein erfahrener Kriminalbeamter sein konnte.
Franz Hobel.
Als Daniel geendet hatte, blieb es lange still im Raum.
Späne notierte jedes Wort.
Hobel erhob sich langsam.
„Danke, Herr Möller. “
Daniel weinte.
„Was passiert jetzt mit meinem Bruder? “
Hobel sah ihn an, lange und ruhig.
Dann sagte er:
„Jetzt sagen wir ihm, dass sein Spiel vorbei ist. “
Am nächsten Morgen holten sie Julian Möller aus seiner Zelle.
Er saß wieder im Verhörraum.
Sein Anzug war weg.
Sein Lächeln nicht.
„Also“, begann er gelassen, „haben Sie endlich Beweise? “
Hobel legte eine Mappe auf den Tisch.
Dann ein zweites Dokument.
Und schließlich ein drittes.
„Ihr Bruder hat ausgesagt. “
Zum ersten Mal veränderte sich Julians Gesicht.
Nur für einen winzigen Moment.
Aber Hobel bemerkte es.
Das Lächeln verschwand.
Stunden später lag ein vollständiges Geständnis vor.
Julian versuchte zunächst zu lügen.
Dann schwieg er.
Doch die Beweise waren erdrückend.
Die Aussage des Bruders.
Die Zeugin aus der Bar.
Die medizinischen Gutachten.
Am Ende brach auch er zusammen.
Nicht mit Tränen.
Sondern mit einem kalten, resignierten Satz:
„Ich war einfach zu gierig. “
Der Prozess sorgte in Wien für großes Aufsehen.
Die Zeitungen berichteten täglich.
Der charmante Frauenheld.
Die blinde Millionärin.
Das Gift.
Der fingierte Selbstmord.
Der inszenierte Mordanschlag.
Am Ende fiel das Urteil eindeutig aus.
Julian Möller wurde wegen mehrfachen versuchten Mordes, Betrugs und falscher Verdächtigung zu einer langen Haftstrafe verurteilt.
Sein Bruder Daniel erhielt eine deutlich mildere Strafe wegen Beihilfe.
Der unbekannte Mann aus der Bar wurde später ebenfalls gefasst.
Katrin Schulze verließ Wien einige Jahre später.
Sie zog in eine kleine Stadt in der Steiermark.
Ihr Vermögen blieb unberührt.
Ihr Vertrauen in Menschen jedoch nie wieder ganz.
Franz Hobel arbeitete noch viele Jahre als Ermittler.
Doch der Fall Möller blieb einer der seltsamsten seiner Karriere.
Ein Mann, der alles hatte:
Charme.
Geld.
Frauen.
Und der trotzdem alles riskierte.
Nur für noch mehr.
**Schlusswort**
Die gefährlichsten Menschen sind oft nicht jene mit Waffen oder Gewalt – sondern jene mit Charme, Geduld und einem perfekten Lächeln.
Julian Möller glaubte, alle täuschen zu können. Lange Zeit gelang es ihm. Doch am Ende zerbrach sein sorgsam gesponnenes Netz aus Lügen an kleinen Details, die er übersehen hatte.
Denn jeder noch so perfekte Plan hat eine Schwachstelle.
Und früher oder später findet jemand sie.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )