
Der geduldige Mörder
Der Herbst 1985 hüllte Wien in düstere Stille.
Kalter Nebel kroch aus der Donau, schlich durch die Straßen und legte sich wie ein grauer Schleier über die Fassaden von Simmering. Die Laternen warfen trübes Licht auf das nasse Pflaster, und die Stadt wirkte, als verberge sie ein Geheimnis.
Es war nicht das erste, das der Herbst brachte.
Im Büro der Staatsanwaltschaft blätterte Oberstaatsanwalt Karl Suffi durch eine Mappe. Sein scharf geschnittenes Gesicht und die grauen Augen verliehen ihm eine kühle Präsenz. Er hatte die unangenehme Angewohnheit, so lange zu schweigen, bis sein Gegenüber unsicher wurde.
Auf dem Tisch lag ein toxikologischer Bericht.
Ein Wort hatte Suffi mit Bleistift unterstrichen:
**Arsen. **
„Fünfzigfach erhöht“, murmelte er.
Vor ihm stand Dr. Pia Korn, Toxikologin. Klein, mit streng gebundenem Haar und einer Stimme, die keinen Zweifel duldete.
„Ja“, sagte sie ruhig. „Eine solche Konzentration ist kein Zufall. “
„Sind Sie sicher? “
„Chemie kennt keine Vermutungen. “
Suffi lehnte sich zurück.
Der Tote, dessen Gewebe untersucht worden war, hieß Paul Ton. 68 Jahre alt, ehemaliger Buchhalter, wohnhaft in Simmering. Offiziell war er vor drei Jahren an Herzversagen gestorben. Doch Herzversagen hinterlässt keine fünfzigfache Arsenkonzentration.
Paul Ton war ein unauffälliger Mann.
Er lebte allein in einer kleinen Wohnung nahe dem Zentralfriedhof, ging täglich denselben Weg zum Lebensmittelgeschäft und trank mittwochs ein Glas Grüner Veltliner im Wirtshaus.
Doch ein Jahr vor seinem Tod hatte er eine Anzeige aufgegeben:
„Älterer Herr sucht Haushälterin und Gesellschaft. Wohnung vorhanden. “
Vier Tage später meldete sich eine Frau.
Swetlana J., 51 Jahre alt, Polin, mit Pflegeerfahrung. Sie sprach mit leichtem Akzent, wirkte ruhig, fast sanft. Nachbarn erinnerten sich später, dass sie höflich nickte und selten sprach.
Binnen zwei Wochen zog sie bei Paul Ton ein.
Binnen drei Monaten gehörte ihr seine Wohnung.
„Eine Vorausleistung“, erklärte Ton dem Notar. „Für Pflege. “
Der Notar zuckte mit den Schultern. Alte Männer treffen manchmal sonderbare Entscheidungen.
Vier Monate später war Paul Ton tot.
Der zweite Mann hieß Fritz Gumel.
Er lebte drei Straßen weiter, hatte ebenfalls eine Anzeige aufgegeben, ebenfalls Swetlana J. kennengelernt – und war ebenfalls gestorben.
Die Polizei hatte Paul Tons Tod nicht untersucht. Er war krank gewesen, klagte oft über Bauchschmerzen, Müdigkeit und Übelkeit. Sein Arzt schob es aufs Alter. Die routinemäßige Obduktion ergab: Herzversagen. Fall abgeschlossen.
Bei Fritz Gumel war es anders.
Er starb im Krankenhaus der Rudolfstiftung. Ärzte sprachen von einer seltenen Infektion durch Schimmelpilze.
„Ungewöhnlich, aber möglich“, schrieb der Pathologe. Auch dieser Fall wurde geschlossen.
Bis jetzt.
Ein junger Ermittler entdeckte die Verbindung.
Artur Späne, bekannt dafür, alte Akten zu lesen, die niemand mehr sehen wollte, stieß an einem verregneten Montag auf den Bericht über Paul Ton. Ein Nebensatz fiel ihm auf:
„Hauspflegerin: Swetlana J.“
Der Name kam ihm bekannt vor. Zwei Stunden später saß er über der Akte von Fritz Gumel. Und da war er wieder: Swetlana J.
Niemand wusste genau, wann der Verdacht entstand.
Vielleicht, als man erfuhr, dass beide Männer ihr ihr Vermögen überschrieben hatten.
Vielleicht, als Nachbarn berichteten, sie habe stets selbst gekocht.
Vielleicht erst, als Dr. Korn die toxikologische Analyse abschloss.
**Arsen. **
Das Gift der Geduldigen.
Es tötet langsam, unauffällig. Seine Symptome ähneln vielen Krankheiten:
Übelkeit.
Schwäche.
Magenprobleme.
Herzprobleme.
Perfekt für jemanden, der Geduld hat.
Perfekt für jemanden, der täglich das Essen zubereitet.
Am Dienstagmorgen klopften zwei Beamte an die Tür einer kleinen Wohnung in Simmering.
Swetlana J. öffnete. Sie trug eine graue Strickjacke und hielt einen Kochlöffel in der Hand.
„Frau Swetlana J.? “
„Ja. “
„Kriminalpolizei Wien. “
Sie blinzelte langsam.
„Worum geht es? “
Artur Späne beobachtete jede ihrer Bewegungen.
„Wir hätten einige Fragen zum Tod von Paul Ton. “
Eine Pause. Nicht lang, aber lang genug.
Dann lächelte sie.
„Natürlich. “
Während die Beamten die Wohnung durchsuchten, blieb Swetlana ruhig. Zu ruhig, fand Späne.
Auf dem Tisch stand ein Topf Suppe. Er roch daran. Ein bitterer Geruch, fast wie Mandeln.
Er blickte zu seinem Kollegen.
„Vielleicht bilde ich mir das ein“, sagte Späne leise.
Der ältere Ermittler Franz Hobel schüttelte den Kopf.
„Vielleicht. “
Im Küchenschrank fanden sie ein kleines Glas mit weißem Pulver.
„Was ist das? “, fragte Suffi später.
Swetlana sah auf das Glas.
„Ein Schädlingsmittel. “
„Arsen. “
„Ja. “
„Warum besitzen Sie Arsen? “
„Ratten. “
Suffi verschränkte die Hände.
„Und wie erklären Sie die Arsenkonzentration im Körper von Paul Ton? “
Sie hob den Blick.
Und lächelte.
„Ich kann nichts erklären. “
Der Fall schien einfach. Zu einfach.
Doch Dr. Korn hatte Zweifel.
„Chronische Vergiftung passt“, sagte sie.
„Aber? “, fragte Suffi.
„Es könnte auch jemand anderes gewesen sein. “
Suffi hob eine Augenbraue.
„Wer? “
Dr. Korn schlug eine weitere Akte auf.
„Die Familie. “
Paul Ton hatte zwei Neffen. Und die waren sehr unglücklich über die verschenkte Wohnung.
Als der Nebel über Simmering zog, stand Artur Späne vor Paul Tons Haus. Etwas an diesem Fall störte ihn. Zu viele Zufälle. Zu viele Motive. Eine Frau mit Gift. Eine Familie in Geldnot. Ein Arzt, der vielleicht etwas übersehen hatte. Und zwei Tote.
Späne spürte es: Dieser Mord – falls es einer war – geschah nicht im Affekt. Er war geplant. Langsam. Geduldig. Wie ein Gericht, das stundenlang köchelt. Irgendwo in Wien wusste jemand genau, wie viel Arsen eine Suppe verträgt.
Der Nebel lag in jenen Tagen schwer über Wien. Er kroch durch die engen Gassen von Simmering, verschluckte Geräusche, ließ Menschen wie Schatten wirken. Für Späne passte das. Der Fall fühlte sich genauso an: verschwommen, voller Dunkelheit. Zwei tote Männer. Eine Frau mit Gift. Und zu viele, die von den Todesfällen profitierten.
Im Büro der Staatsanwaltschaft blätterte Oberstaatsanwalt Karl Suffi durch die Akte von Paul Ton. „Was mich irritiert“, sagte er, „ist der Zeitpunkt. “
Späne sah auf. „Welcher Zeitpunkt? “
„Der der Untersuchung. “ Suffi klopfte auf den Bericht von Dr. Pia Korn.
„Der Mann stirbt 1982. Die Arsenanalyse kommt erst 1985. “
„Zufall? “
Suffi schüttelte den Kopf. „In meinem Beruf gibt es keine Zufälle. Nur Dinge, die noch niemand verstanden hat. “
Paul Ton hatte zwei Neffen: Walter, 43, Automechaniker, und Helmut, 39, Versicherungsvertreter. Die Ermittler trafen sie in einer kleinen Wohnung nahe dem Zentralfriedhof. Walter, groß und kräftig, redete schnell. Helmut wirkte ruhig – fast zu ruhig.
„Sie glauben also, diese Frau hat unseren Onkel vergiftet? “ fragte Walter.
„Wir prüfen mehrere Möglichkeiten“, antwortete Hobel.
Walter lachte bitter. „Mehrere Möglichkeiten? Jeder wusste, dass sie nur auf sein Geld aus war. “
Helmut räusperte sich. „Walter…“
Doch Walter redete weiter. „Er war alt, krank und einsam. Dann kommt diese Frau, zieht ein, und plötzlich überschreibt er ihr die Wohnung. “
Späne notierte jedes Wort. „Haben Sie Ihren Onkel oft besucht? “
Walter zuckte mit den Schultern. „Natürlich. “
„Wie oft? “
Eine Pause. „Nicht… so oft. “
Helmut antwortete: „Vielleicht einmal im Monat. “
Späne sah ihn lange an. „Und wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Onkel und Frau J.? “
Helmut lächelte dünn. „Er hat ihr vertraut. “
Beim Verlassen der Wohnung sagte Hobel leise: „Der ältere Bruder redet zu viel. “
Späne nickte. „Und der jüngere zu wenig. “
„Was denken Sie? “
Späne blieb stehen. „Helmut Ton ist Versicherungsvertreter. “
„Und? “
„Er hat vor zwei Jahren eine Lebensversicherung für seinen Onkel abgeschlossen. “
Hobel hielt inne. „Wie hoch? “
Späne blätterte in seinen Notizen. „Hunderttausend Schilling. “
Zur gleichen Zeit saß Swetlana J. im Verhörraum der Polizei. Sie wirkte ruhig, fast gelangweilt.
Suffi stellte zum dritten Mal dieselbe Frage: „Warum hatten Sie Arsen in Ihrer Wohnung? “
„Ich habe es Ihnen gesagt. “
„Ratten. “
„Ja. “
„Sie erwarten, dass wir glauben, Sie hätten zufällig Rattengift – während Ihr
Arbeitgeber an Arsenvergiftung stirbt? “
Sie lächelte. „Es ist nicht verboten, Rattengift zu besitzen. “
„Nein. “ Suffi beugte sich vor. „Aber es ist ungewöhnlich. “
Sie zuckte mit den Schultern. „Ungewöhnlich ist nicht illegal. “
Am Nachmittag besuchten die Ermittler das Krankenhaus Hietzing, wo Paul Ton obduziert worden war. Der Pathologe, Dr. Reiter, ein älterer Mann, empfing sie nervös.
„Ich verstehe nicht, warum dieser Fall wieder geöffnet wurde“, sagte er. „Die Obduktion war eindeutig. “
Späne legte den Bericht auf den Tisch. „Herzversagen. “
„Genau. “
„Und die Symptome davor? “
Reiter blätterte in seinen Unterlagen. „Übelkeit. Schwäche. Gewichtsverlust. “
Späne sah ihn an. „Das sind auch Symptome einer Arsenvergiftung. “
Reiter wurde blass. „Ja… theoretisch. “
„Warum haben Sie damals nicht darauf getestet? “
Der Arzt schwieg. Dann sagte er leise: „Weil niemand einen Verdacht geäußert hat. “
Am Abend rief Dr. Pia Korn im Landeskriminalamt an.
„Ich habe die alten Blutproben von Fritz Gumel untersucht“, sagte sie.
Späne griff zum Notizblock. „Und? “
„Kein Arsen. “
Hobel runzelte die Stirn. „Also zwei völlig unterschiedliche Todesursachen? “
„Nicht ganz. “ Eine Pause. „Ich habe Spuren eines pflanzlichen Giftes gefunden. “
„Welches? “
„Das versuche ich gerade herauszufinden. “
In jener Nacht ging Späne allein durch die Straßen von Simmering. Die Fenster von Paul Tons Wohnung waren dunkel. Swetlana J. saß in Untersuchungshaft. Doch etwas ließ ihn nicht los. Wenn sie Paul Ton vergiftet hatte… warum starb Fritz Gumel an etwas anderem? Ein Mörder bleibt bei seiner Methode. Es sei denn… es gab zwei Mörder.
Am nächsten Morgen kam eine neue Information. Die Polizei hatte Paul Tons Bankunterlagen geprüft. Drei Wochen vor seinem Tod hob er zwanzigtausend Schilling ab.
„Wofür? “, fragte Hobel.
Der Bankangestellte zuckte mit den Schultern. „Er sagte, es sei für ein Geschenk. “
„Für wen? “
Der Mann blätterte im Protokoll. Dann sah er auf. „Für seine Pflegerin. “
Als Späne später erneut Paul Tons Wohnung betrat, fiel ihm etwas auf.
In der Küche stand noch immer ein alter Gewürzschrank.
Die Beamten hatten ihn längst durchsucht.
Doch Späne nahm sich Zeit.
Er öffnete jedes Glas.
Salz.
Pfeffer.
Paprika.
Dann hielt er inne.
Ein Glas ohne Etikett.
Er drehte den Deckel ab.
Drinnen: feines, weißes Pulver.
Er roch daran.
Kein Geruch.
Hobel trat näher, sah über seine Schulter.
„Mehl? “
Späne schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht. “
Zwei Stunden später bestätigte das Labor den Verdacht.
Das Pulver war kein Mehl.
Es war Arsen.
Doch das Erstaunliche war nicht das Gift.
Es war der Ort, an dem es lag.
Das Glas stand seit drei Jahren unberührt im Schrank.
Und Swetlana J. hatte in ihrer Wohnung ein anderes Glas Arsen.
Späne blickte aus dem Fenster.
Dann sagte er langsam:
„Vielleicht …“
Hobel sah ihn an.
„Vielleicht was? “
Späne sprach leise:
„Vielleicht wollte jemand, dass es so aussieht, als hätte sie es getan. “
Während die Ermittler an Swetlanas Schuld zu zweifeln begannen, ahnte niemand die entscheidende Wahrheit:
Der wahre Mörder hatte den Ermittlern längst die Hand geschüttelt.
Und er wartete geduldig darauf, dass sie die Falsche verurteilten.
Der Novemberregen hing schwer über Wien.
Die Straßen glänzten im Laternenlicht, und in Simmering führte jeder Schritt durch Pfützen, als wollte die Stadt ihre Geheimnisse im Wasser spiegeln.
Für Artur Späne war der Fall längst ein Labyrinth.
Zwei Männer tot.
Zwei mögliche Gifte.
Eine Frau mit Arsen.
Doch nichts passte zusammen.
Der Fall Fritz Gumel war in den Akten nur eine Randnotiz gewesen.
62 Jahre alt.
Unverheiratet.
Ehemaliger Schlosser.
Er starb im Krankenhaus der Rudolfstiftung an einer seltenen Infektion, ausgelöst durch einen Schimmelpilz.
So stand es im ersten Gutachten.
Doch Dr. Pia Korn hatte Zweifel.
„Es gibt Spuren eines pflanzlichen Giftes“, sagte sie.
„Welches? “ fragte Späne.
„Ich arbeite noch daran. “
Diese Antwort ließ ihn nicht los.
In den Akten fand er eine Aussage der Nachbarin.
Frau Gertrude Pospischil, 74 Jahre alt, hatte Fritz Gumel am Abend vor seinem Tod gesehen.
Späne und Hobel besuchten sie.
Die kleine Wohnung roch nach starkem Kaffee.
„Ja, natürlich erinnere ich mich“, sagte sie sofort.
„Es war ein besonderer Abend. “
„Warum? “ fragte Hobel.
Die alte Dame lächelte.
„Weil Herr Gumel Besuch hatte. “
Späne hob den Kopf.
„Besuch? “
„Ja. “
„Von wem? “
Sie zögerte.
„Nun … zuerst war diese Polin da. Die Pflegerin. “
„Swetlana J.? “
„Ja. “
„Und später? “
Frau Pospischil nahm einen Schluck Kaffee.
„Später kam noch jemand. “
„Ein Mann“, sagte sie.
„Groß, schlank, sehr gut angezogen. “
„Kannten Sie ihn? “ fragte Späne.
„Nein. “
„Haben Sie seinen Namen gehört? “
Die alte Dame dachte nach.
Dann sagte sie langsam:
„Ich glaube … Helmut. “
Späne und Hobel sahen sich an.
Helmut Ton.
Der Neffe von Paul Ton.
Zurück im Büro legte Späne die Akten nebeneinander.
Paul Ton.
Fritz Gumel.
Beide kannten Swetlana J.
Aber nur einer hatte Kontakt zu Helmut Ton.
Oder?
Späne grub tiefer.
Und fand, was niemand bemerkt hatte.
Vor drei Jahren hatte Helmut Ton als Versicherungsvertreter Kunden in Simmering betreut.
Einer davon: Fritz Gumel.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Hobel.
„Warum sollte er zwei Männer töten? “
Späne zeigte ihm ein Dokument.
„Lebensversicherung. “
„Auch bei Gumel? “
„Ja. “
Hobel pfiff leise.
„Hunderttausend Schilling. “
„Genau wie bei seinem Onkel. “
Am nächsten Tag kam der Anruf aus dem Labor.
Dr. Pia Korn hatte das pflanzliche Gift identifiziert.
„Es handelt sich höchstwahrscheinlich um Extrakt aus Herbstzeitlose“, erklärte sie.
Späne nickte langsam.
Die Pflanze war berüchtigt.
Sie enthielt Colchicin, ein starkes Gift.
„Die Symptome passen perfekt“, sagte Korn.
„Übelkeit, Durchfall, Organversagen. “
„Und wo bekommt man so etwas? “ fragte Hobel.
„In der Natur. “
„Also kein klassisches Gift? “
„Nein. “
Sie sah Späne ernst an.
„Aber jemand muss wissen, wie man es verwendet. “
Am Nachmittag erschien Helmut Ton erneut im Polizeipräsidium.
Er wirkte ruhig.
Fast höflich.
„Ich verstehe nicht, warum ich wieder hier bin“, sagte er.
Suffi verschränkte die Hände.
„Sie kannten Fritz Gumel. “
„Als Kunden. “
„Sie waren am Abend vor seinem Tod bei ihm. “
Helmut zögerte.
„Ja. “
„Warum? “
„Versicherungsangelegenheiten. “
Späne beobachtete ihn genau.
„Um diese Uhrzeit? “
„Er arbeitete tagsüber. “
„Er war Rentner. “
Helmut lächelte schwach.
„Dann habe ich mich wohl geirrt. “
Späne legte ein Foto auf den Tisch.
Es zeigte Gumels Küche.
„Kennen Sie diese Flasche? “
Helmut sah kurz hin.
„Nein. “
„Es ist eine Weinflasche. “
„Und? “
Späne beugte sich vor.
„Drei Gläser standen auf dem Tisch. “
Helmut schwieg.
Später saßen Späne und Hobel allein im Büro.
„Also gut“, sagte Hobel.
„Nehmen wir an, Helmut Ton ist unser Mann. “
Späne nickte.
„Er vergiftet Gumel mit Herbstzeitlose. “
„Und seinen Onkel mit Arsen? “
„Vielleicht. “
Hobel runzelte die Stirn.
„Aber warum zwei verschiedene Gifte? “
Späne überlegte.
Dann sagte er:
„Vielleicht, weil er wollte, dass man an zwei Täter glaubt. “
Währenddessen saß Swetlana J. in ihrer Zelle in Krems.
Ein Wärter brachte ihr die Post.
Ein einzelner Brief.
Ohne Absender.
Sie öffnete ihn langsam.
Drinnen stand nur ein Satz:
„Du solltest schweigen. “
Darunter ein Name.
Helmut.
In derselben Nacht stand Artur Späne wieder vor der alten Wohnung von Paul Ton.
Etwas stimmte noch immer nicht.
Ja, Helmut Ton hatte ein Motiv.
Ja, er war bei Fritz Gumel gewesen.
Aber eine Frage blieb offen. Die wichtigste:
Wer hatte das Arsen wirklich in Paul Tons Essen gemischt?
Eines wusste Späne inzwischen sicher: Der Mord war geplant. Doch vielleicht… war der Plan größer, als sie alle dachten. Und vielleicht war Swetlana J. nicht nur ein Opfer der Umstände. Vielleicht spielte sie ein gefährlicheres Spiel.
Der Winter kroch über Wien. Ein frostiger Wind fegte durch die Straßen von Simmering, und die kahlen Bäume reckten sich wie schwarze Finger in den grauen Himmel. Für Artur Späne fühlte sich der Fall wie ein Schachspiel an. Und jemand spielte meisterhaft.
In der Justizanstalt Krems saß Swetlana J. still an dem kleinen Tisch ihrer Zelle. Vor ihr lag der Brief. Nur ein Satz:
„Du solltest schweigen. “
Darunter: Helmut.
Sie hatte den Brief fünfmal gelesen. Jedes Mal drängte sich derselbe Gedanke auf: Er hatte Angst.
Zwei Tage später baten Karl Suffi und Artur Späne um ein weiteres Gespräch. Swetlana saß hinter der Glasscheibe des Besuchsraums. Sie wirkte müde, aber nicht gebrochen.
„Sie haben Post bekommen“, begann Späne.
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Ja. “
„Von Helmut Ton. “
Sie schwieg.
Späne legte den Brief auf den Tisch. „Warum schreibt Ihnen ein Mann, den Sie angeblich kaum kennen, Sie sollten schweigen? “
Swetlana starrte auf den Zettel. Dann hob sie den Blick.
„Weil er weiß, dass ich die Wahrheit kenne. “
Im Büro herrschte später gespannte Stille.
„Sie sagt, Helmut Ton habe sie vor drei Jahren angesprochen“, erklärte Späne.
Hobel runzelte die Stirn. „Wo? “
„Im Krankenhaus. “
„Warum? “
Späne schlug seine Notizen auf. „Paul Ton war dort wegen Magenproblemen. “
Hobel sah ihn an. „Und? “
„Helmut Ton wusste damals schon, dass sein Onkel sehr krank war. “
Swetlana hatte die Geschichte langsam erzählt. Helmut Ton habe sie in einem Krankenhausflur angesprochen. Er wusste, dass sie als Pflegekraft arbeitete, und machte ihr ein Angebot.
„Er sagte, sein Onkel sei schwierig“, hatte sie erklärt.
„Und? “
„Wenn ich mich gut um ihn kümmere, werde ich großzügig belohnt. “
Suffi hatte die Augen verengt. „Und das haben Sie geglaubt? “
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich brauchte Geld. “
Doch das wirklich Interessante kam später.
„Er gab mir das Arsen“, sagte sie schließlich.
Der Raum wurde still.
„Wann? “ fragte Späne.
„Ein paar Wochen, nachdem ich eingezogen war. “
„Warum? “
Sie lächelte schwach. „Er sagte, sein Onkel leide sehr. “
Hobel flüsterte: „Also Sterbehilfe? “
Swetlana schüttelte den Kopf. „Nein. “
Dann sagte sie den Satz, der alles veränderte:
„Er sagte, wenn der alte Mann stirbt, bekomme ich die Wohnung. “
Suffi stand auf. „Und Sie haben ihm geglaubt? “
„Ja. “
„Also haben Sie Paul Ton vergiftet. “
Sie sah ihn ruhig an. „Nein. “
„Aber Sie hatten das Gift. “
„Ja. “
„Und er starb an Arsen. “
„Ja. “
Sie lehnte sich zurück. „Aber ich habe es nie benutzt. “
Späne konnte in jener Nacht nicht schlafen. Die Geschichte klang absurd. Und doch passten plötzlich mehrere Dinge zusammen: das Arsen im Gewürzschrank, das Arsen in Swetlanas Wohnung, die Lebensversicherung, der Besuch bei Fritz Gumel.
Am Morgen durchforstete er die Akte erneut. Dann entdeckte er etwas. Ein kleines Detail, das bisher niemand beachtet hatte: Vor drei Jahren hatte jemand in einer Apotheke nahe der Landstraße eine kleine Menge Arsen gekauft. Der Name im Register: Helmut Ton.
Als die Ermittler ihn erneut verhörten, blieb Helmut Ton zunächst ruhig.
„Ja, ich habe Arsen gekauft“, sagte er schließlich.
„Warum? “
„Ratten. “
Hobel lachte trocken. „Das hören wir ständig. “
Helmut lächelte nur.
Doch dann legte Späne ein Dokument auf den Tisch. Ein Laborbericht.
„Das Arsen in Paul Tons Körper“, sagte Späne leise.
„Und? “
„Es enthält eine seltene Verunreinigung. “
Helmut blinzelte. „Und? “
Späne sah ihn direkt an. „Dieselbe Verunreinigung findet sich in dem Arsen, das Sie gekauft haben. “
Zum ersten Mal verlor Helmut Ton die Fassung. Doch ein Problem blieb. Ein großes.
Suffi sprach es aus: „Selbst, wenn er das Gift gekauft hat…“
„…müssen wir beweisen, dass er es verabreicht hat“, ergänzte Hobel.
Späne sah aus dem Fenster. Schneeflocken fielen über Wien. Plötzlich erinnerte er sich an etwas: ein Detail aus Frau Pospischils Aussage. Drei Gläser Wein. Ein Abendessen zu dritt.
Späne griff zum Telefon.
„Dr. Korn? “
„Ja? “
„Eine Frage. “
„Welche? “
Er zögerte. Dann fragte er: „Wie lange dauert es, bis Arsen wirkt, wenn es im Wein gelöst wird? “
Eine kurze Pause. Dann: „Nicht lange. “
Späne legte auf. Und wusste plötzlich: Der Mord war nicht langsam gewesen. Nicht diesmal. Er war sofort geschehen –direkt vor den Augen einer Zeugin.
Doch noch ahnte niemand die letzte Wahrheit. Der wahre Plan des Mörders war raffinierter. Erst im nächsten Schritt würde klar werden, dass jemand in diesem Spiel zwei Menschen gegeneinander ausgespielt hatte.
Der Schneefall wurde stärker, und er fiel lautlos. Die Dächer von Simmering lagen unter einer dünnen weißen Schicht, die die Stadt friedlich wirken ließ – fast unschuldig.
Doch im Büro des Landeskriminalamts herrschte eine andere Stimmung. Auf dem Tisch vor Artur Späne lagen drei Akten: Paul Ton, Fritz Gumel, Swetlana J. Und mitten zwischen ihnen stand ein Name, der alles verband: Helmut Ton.
Späne stand am Fenster und blickte hinaus.
„Der Fehler“, sagte er schließlich, „war seine Ungeduld. “
Hobel sah auf. „Er hat drei Jahre gewartet. “
„Ja. “ Späne drehte sich um. „Aber beim zweiten Mord wurde er hastig. “
Paul Ton war ein einfacher Mann gewesen. Einsam. Krank. Leicht zu beeinflussen. Helmut Ton wusste das. Als Versicherungsvertreter hatte er Zugriff auf seine Finanzen – und wusste, dass sein Onkel mehr besaß, als er je brauchen würde. Doch das Problem war die Wohnung.
Der alte Mann hatte entschieden, seine neue Pflegerin zur Erbin zu machen.
Helmut Ton tobte.
Doch statt zu schreien, schmiedete er einen Plan.
Langsam.
Geduldig.
Er überredete Swetlana, bei seinem Onkel zu arbeiten.
Er versprach ihr Geld. Vielleicht sogar die Wohnung.
Und dann…
gab er ihr das Arsen.
Nicht, damit sie es nutzte.
Sondern, um sie später zu belasten.
Eines Abends besuchte Helmut seinen Onkel.
Swetlana war in der Küche.
Der alte Mann saß im Wohnzimmer.
Der Wein stand bereit.
Späne rekonstruierte die Szene:
Helmut brauchte nur Sekunden.
Ein Fläschchen.
Ein Schluck Wein.
Ein Gift.
Arsen.
Paul Ton starb später im Krankenhaus.
Langsam.
Qualvoll.
Alle glaubten an eine Krankheit.
Der Plan schien perfekt.
Bis drei Jahre später jemand eine toxikologische Analyse durchführte.
Der zweite Mord verlief anders.
Fritz Gumel war misstrauischer.
Auch er hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen.
Doch irgendwann stellte er Fragen.
Über Swetlana.
Über Helmut.
Über das Geld.
Helmut lud ihn zu einem Gespräch ein.
Der Abend, an den sich Frau Pospischil erinnerte.
Ein Abendessen.
Drei Gläser Wein.
Drei Menschen am Tisch.
Swetlana.
Fritz Gumel.
Helmut Ton.
Diesmal wagte Helmut kein Arsen.
Das hätte Verdacht erregt.
Er wählte ein anderes Gift.
Colchicin.
Ein pflanzliches Gift aus der Herbstzeitlose.
Es tarnt sich als Krankheit.
Helmut mischte es in Gumels Glas.
Und wartete.
Späne legte drei Fotos auf den Tisch:
Die Küche von Fritz Gumel.
Die Weinflasche.
Die Gläser.
„Er hat vergessen“, sagte Späne ruhig, „dass jemand durchs Fenster sah. “
Frau Pospischil hatte beobachtet, dass Helmut als Letzter ging.
Doch wichtiger war etwas anderes.
Dr. Korn fand Spuren des Giftes an der Innenseite der Flasche.
Nicht nur im Glas.
Das bedeutete:
Das Gift war vor dem Einschenken in die Flasche gelangt.
Und nur eine Person hatte sie geöffnet.
Helmut Ton.
Als man Helmut erneut in den Verhörraum führte, war er blass.
Doch er lächelte.
„Sie haben keine Beweise“, sagte er ruhig.
Suffi verschränkte die Hände.
„Wir haben eine Zeugin. “
„Die alte Frau am Fenster? “
Helmut schüttelte den Kopf.
„Das reicht nicht. “
Späne legte einen Brief auf den Tisch.
Helmuts Brief an Swetlana.
„Du solltest schweigen. “
Helmut starrte ihn an.
Dann sagte er leise:
„Das beweist nichts. “
Späne nickte.
„Nein. “
Dann fügte er hinzu:
„Aber es zeigt, dass Sie Angst haben. “
Der Fall war schwer zu beweisen.
Helmut Ton hatte vorsichtig gearbeitet.
Zu vorsichtig.
Doch drei Dinge brachen seine Verteidigung:
Das Arsen aus der Apotheke.
Die Giftspuren in der Weinflasche.
Und der Brief.
Jedes für sich war schwach.
Doch zusammen ergaben sie ein Bild.
Das Bild eines Mannes, der zwei Menschen tötete.
Für Geld.
Für ein Erbe.
Für hunderttausend Schilling.
Im Gerichtssaal von Wien herrschte Stille, als das Urteil fiel.
Helmut Ton wurde des zweifachen Mordes schuldig gesprochen.
Doch selbst der Richter sagte später:
„Dieser Fall hätte auch anders ausgehen können. “
Denn ohne den Brief,
ohne die neugierige Nachbarin
und ohne den hartnäckigen Ermittler
wäre der Mörder vielleicht nie entlarvt worden.
Ein paar Monate später ging Artur Späne über den verschneiten Zentralfriedhof.
Zwei Gräber lagen nur wenige Reihen auseinander.
Paul Ton.
Fritz Gumel.
Späne blieb stehen.
Zwei Männer.
Zwei Morde.
Ein Plan, der fast perfekt war.
Fast.
Er drehte sich um und ging langsam zur Straße zurück.
Denn in einer Stadt wie Wien kennt jeder Ermittler eine einfache Wahrheit:
Die gefährlichsten Mörder sind nicht die, die im Zorn töten.
Sondern die,
die Geduld haben.
**Schlusswort**
Manchmal liegt die Wahrheit nicht in einem einzigen Beweis, sondern in vielen kleinen Details, die zusammen ein Bild ergeben. Dieser Fall zeigte, dass Geduld, Aufmerksamkeit und ein wenig Zufall nötig sind, um selbst die raffiniertesten Pläne zu entlarven. In einer Stadt wie Wien können Geheimnisse lange verborgen bleiben – doch irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )