
Der dritte Schuss
Der Tod roch nach Alkohol.
Das war zumindest Artur Spänes erster Gedanke, als er den Bericht zum ersten Mal las. Billiger Schnaps, kalter Rauch, fettige Grillreste, verschwitzte Männer in einem stickigen Zimmer. Ein Tod, wie er in Wien niemanden mehr wirklich überraschte. Ein weiterer Gastarbeiter, der zu viel getrunken hatte. Ein Körper, der einfach aufgegeben hatte. Der Fall schien geschlossen, bevor er richtig begonnen hatte.
Doch jetzt lag die Akte wieder auf dem Tisch. Dicker als zuvor. Schwerer. Und plötzlich unbequem. Artur strich mit dem Finger über den Rand des Dokuments.
„Diabolo-Projektil“, murmelte er. „4,5 Millimeter. “
Er sah auf.
„Das ist kein Sufftod. “
Am anderen Ende des Raums stand Franz Hobel am Fenster und rauchte. Wie immer. Die Zigarette hing schief in seinem Mundwinkel. Die Asche drohte jeden Moment auf den Boden zu fallen. Das kümmerte ihn nicht.
„Das hab sogar ich gemerkt“, sagte Hobel trocken, ohne sich umzudrehen.
Artur grinste schief.
„Dann sind wir uns ja einig. “
„Einig sein heißt nicht, dass wir wissen, was passiert ist. “
Draußen zog ein grauer Wiener Nachmittag vorbei. Der Himmel hing tief über Simmering, als wollte er selbst etwas verheimlichen.
Zwei Wochen zuvor. Niemand hatte sich etwas dabei gedacht. Drei Männer, ein Grill, viel Alkohol. Lärm im Innenhof eines halb verfallenen Zinshauses in der Etrichstraße. Die Nachbarn hatten sich beschwert, ja. Aber das war nicht ungewöhnlich. Nicht in diesem Viertel. Nicht in diesem Sommer.
Matei Oprea. Andrei Popescu. Radu Stoica. Drei Namen, die jetzt nebeneinander in der Akte standen. Und einer davon war tot. Matei Oprea, 49 Jahre alt, gefunden am Morgen danach. Im Bett. Still. Kalt. Unbeweglich. Der Kollege hatte versucht, ihn zu wecken. Vergeblich.
„Hat halt zu viel erwischt“, hatte man gesagt.
Der Bestatter war gekommen. Routine. Kein Aufsehen. Bis zur Obduktion.
„Weißt du, was mich stört? “, fragte Artur.
Hobel drehte sich langsam um.
„Nur eine Sache? Das ist Fortschritt. “
„Niemand hat den Schuss gehört. “
„Luftdruckwaffe“, sagte Hobel. „Leise. “ „Nicht lautlos. “
Hobel zog an seiner Zigarette.
„In einer Nacht, in der drei besoffene Männer schreien, lachen, streiten, hörst du keinen einzelnen Knall. “
Artur nickte langsam. Das klang logisch. Vielleicht zu logisch. Er blätterte weiter. Fotos. Der Raum. Eine Matratze. Leere Flaschen. Fettflecken auf einem improvisierten Tisch. Ein halb offenes Fenster. Dann das Bild aus der Gerichtsmedizin. Das Projektil. Klein. Harmlos. Fast lächerlich. Und doch tödlich.
„Das Ding hat die Bauchschlagader getroffen“, sagte Artur leise. „Das ist kein Zufallstreffer. “
„Doch“, sagte Hobel.
Artur sah ihn irritiert an.
„Genau das ist das Problem“, fuhr Hobel fort. „Es kann ein Zufallstreffer sein. Oder Absicht. Oder ein verdammter Unfall. “
Er ging langsam zum Tisch und tippte auf die Akte.
„Und solange wir das nicht wissen, haben wir gar nichts. “
Artur setzte sich. Er liebte solche Fälle. Nicht die Toten. Nicht das Elend. Sondern das Rätsel. Die Unordnung, die darauf wartete, geordnet zu werden. Die Lücken, die danach schrien, gefüllt zu werden. Und dieser Fall war voller Lücken. Zu vieler.
„Wer hatte die Waffe? “, fragte er.
„Wurde sichergestellt“, sagte Hobel.
„Luftdruckpistole. Lag im Zimmer. “
„Fingerabdrücke? “
„Alle drei. “
Artur lehnte sich zurück.
„Natürlich. “ „Natürlich. “
Stille.
Dann:
„Warum hat niemand Hilfe geholt? “
Das war die eigentliche Frage. Sie hing im Raum wie dichter Rauch. Wenn es ein Unfall gewesen war, warum hatte niemand reagiert? Wenn es Absicht gewesen war, warum hatte niemand versucht, es zu vertuschen? Wenn es Selbstverletzung gewesen war, warum hatte niemand etwas bemerkt? Drei Männer. Ein Raum. Eine Nacht. Und keiner hatte etwas gesehen. Oder keiner wollte etwas sagen.
„Ich will mir den Ort ansehen“, sagte Artur plötzlich.
Hobel hob eine Augenbraue.
„Jetzt? “
„Jetzt. “
Ein kurzer Moment. Dann nickte Hobel langsam.
„Gut. Vielleicht riechst du ja noch den Alkohol. “
Artur grinste.
„Vielleicht finde ich etwas Besseres. “
Das Zinshaus wirkte verlassen, obwohl es das nicht war. Die Fassade bröckelte. Fensterläden hingen schief. Der Innenhof war still. Zu still für einen Ort, an dem vor zwei Wochen noch gefeiert worden war.
Artur blieb stehen.
Er stellte sich vor, wie es gewesen sein musste. Gelächter. Stimmen. Flaschen, die aufeinanderschlugen. Fleisch, das auf dem Grill brutzelte. Hitze. Alkohol. Spannungen.
„Die Nachbarn sagen, sie waren aggressiv“, murmelte er.
Hobel zuckte mit den Schultern.
„Besoffene Männer sind oft aggressiv. “
„Oder sie haben gestritten. “
„Auch das. “
Artur sah nach oben. Zu den Fenstern.
„Oder einer hatte einen Grund. “
Hobel sah ihn an. Länger diesmal.
„Du willst ein Motiv“, sagte er.
„Ich brauche eins. “
„Vielleicht gibt es keins. “
Artur schüttelte den Kopf.
„Es gibt immer eins. “
Sie gingen hinein. Der Geruch war noch da. Nicht mehr stark, aber stark genug, um zu bleiben. Artur blieb im Türrahmen stehen. Das Zimmer war kleiner, als er es sich vorgestellt hatte. Zu klein für drei Männer. Zu eng für Geheimnisse. Und doch war hier eines entstanden. Er trat einen Schritt hinein. Langsam. Aufmerksam. Sein Blick glitt über den Boden. Die Wände. Das Fenster. Dann blieb er stehen.
„Franz. “
Hobel trat neben ihn.
„Was? “
Artur zeigte auf etwas. Etwas Kleines. Unscheinbares. Fast zu leicht zu übersehen. Hobel beugte sich vor. Und zum ersten Mal seit Beginn des Falls veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Nur minimal. Aber genug.
„Na schau“, murmelte er.
Artur spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Angst. Etwas anderes. Erregung.
„Das passt nicht“, sagte er leise.
Hobel nickte.
„Nein“, sagte er.
„Das passt ganz und gar nicht. “
Draußen setzte Regen ein. Und irgendwo zwischen den Tropfen, die auf den Asphalt schlugen, kam der Fall in Bewegung. Langsam. Aber unaufhaltsam.
Der Regen fiel gleichmäßig, als hätte Wien beschlossen, alles zu reinigen, was sich nicht erklären ließ. Artur stand noch immer mitten im Zimmer, den Blick auf den Boden gerichtet.
„Das ist frisch“, sagte er.
Hobel verschränkte die Arme.
„Hier ist alles zwei Wochen alt. “
„Nein“, widersprach Artur und kniete sich hin.
„Das hier nicht. “
Er zeigte auf eine kleine, kaum sichtbare Kerbe im Dielenboden. Daneben lag ein winziger Splitter, kaum größer als ein Fingernagel. Holz. Abgesprengt. Hobel ging in die Hocke.
„Und jetzt sag mir, warum mich das interessieren soll. “
Artur sah zu ihm auf. Seine Augen glänzten.
„Weil das nicht von einem Sturz stammt. “
„Sondern? “
„Von einem Projektil, das abgeprallt ist. “
Stille.
Der Regen draußen wurde stärker. Hobel betrachtete die Stelle genauer.
„Du meinst, der Schuss ging daneben? “
Artur nickte langsam.
„Oder… es gab mehr als einen. “
Dieser Gedanke änderte alles. Bis jetzt hatte man einen Schuss angenommen. Ein Treffer. Ein unglücklicher, vielleicht zufälliger Einschlag in den Bauchraum. Aber was, wenn das nicht stimmte? Was, wenn jemand mehrmals abgedrückt hatte?
„Wo ist die Kugel dazu? “ fragte Hobel.
„Gute Frage“, sagte Artur.
Er stand auf und sah sich um. Sein Blick wurde schärfer, suchender. Das Zimmer war plötzlich kein Tatort mehr, sondern eine Bühne. Und jede Spur ein Hinweis auf ein Stück, das niemand ganz gesehen hatte.
„Stell dir vor“, begann Artur langsam, „drei Männer. Betrunken. Laut. Vielleicht Streit. “
Hobel schwieg. Er ließ ihn reden.
„Einer nimmt die Waffe. Vielleicht als Scherz. Vielleicht, um zu drohen. “
Artur ging ein paar Schritte durch den Raum, als würde er die Szene nachspielen.
„Er schießt. “
Er zeigte auf die Kerbe im Boden.
„Verfehlt. “
Ein kurzer Moment. Dann drehte er sich.
„Und dann? “
Hobel zog an seiner Zigarette, die längst wieder in seinem Mundwinkel hing.
„Dann wird’s interessant. “
Die Akte hatte die Männer als einfache Arbeiter beschrieben. Keine Vorstrafen. Keine bekannten Konflikte. Aber das sagte nichts. Artur wusste das. Menschen brauchten keine Akten, um gefährlich zu sein.
„Matei war älter“, sagte er. „49. Die anderen jünger. “
„Und? “
fragte Hobel.
„Das bedeutet oft Hierarchie. “
Hobel nickte leicht.
„Oder Neid. “
Artur blieb stehen.
„Oder Schulden. “
Jetzt sah Hobel ihn an.
„Du denkst an Geld? “
„Ich denke an alles. “
Sie verließen das Zimmer und gingen in den Innenhof. Der Grill stand noch dort. Verrostet. Kalt. Verlassen. Artur trat näher.
„Hier hat es angefangen“, sagte er leise.
Hobel blieb ein paar Schritte zurück.
„Oder hier sah es nur so aus, als hätte es angefangen. “
Artur kniete sich neben den Grill. Alte Kohlereste. Fett. Ein umgekippter Stuhl. Und dann entdeckte er es.
„Schon wieder“, murmelte er.
„Was? “ fragte Hobel.
Artur hob etwas auf. Ein kleines Metallstück. Er hielt es ins Licht. Hobel trat näher.
„Sag mir, dass das ist, was ich denke“, sagte er.
Artur nickte.
„Ein deformiertes Diabolo. “
Jetzt war es kein Zufall mehr. Zwei Projektile. Eines im Körper. Eines draußen.
„Das bedeutet…“ begann Hobel.
„…dass mindestens zweimal geschossen wurde“, beendete Artur den Satz.
Hobel sah zum Haus hinauf. Zu den Fenstern.
„Und keiner hat was gehört. “
„Oder keiner will sich erinnern“, sagte Artur.
Zurück im Büro wurde die Stimmung dichter. Die Akte lag offen, aber sie wirkte jetzt anders. Lebendiger. Gefährlicher.
„Wir müssen die beiden anderen nochmal befragen“, sagte Artur.
„Andrei Popescu und Radu Stoica“, ergänzte Hobel.
„Die haben bisher beide dasselbe gesagt. “
„Zu viel getrunken. Nichts gesehen. Nichts gehört. “
Hobel nickte.
„Die perfekte Aussage. “
Artur lehnte sich vor.
„Zu perfekt. “
Ein paar Stunden später saßen sie im Vernehmungsraum. Andrei Popescu wirkte müde. Seine Augen waren gerötet, aber nicht nur vom Alkohol. Er schwitzte. Obwohl es im Raum kühl war. Artur beobachtete jedes Detail. Die Hände. Die Augen. Die kleinen Bewegungen.
„Herr Popescu“, begann er ruhig, „wir haben neue Erkenntnisse. “
Ein Zucken. Kaum sichtbar. Aber da.
„Es gab mehr als einen Schuss. “
Stille.
Dann ein Lachen. Zu schnell. Zu gezwungen.
„Nein“, sagte Popescu. „Das stimmt nicht. “
Hobel lehnte sich zurück.
„Sind Sie sicher? “
Popescu nickte. Zu heftig.
„Ja. Ich… ich hätte das gehört. “
Artur beugte sich vor.
„Oder Sie waren zu beschäftigt. “
Jetzt war es da. Das Flackern. Angst.
„Was ist in dieser Nacht passiert? “ fragte Artur leise.
Popescu schluckte. Sein Blick huschte zur Tür, zum Tisch, zur Decke. Überall hin – nur nicht zu ihnen.
„Wir haben getrunken“, sagte er schließlich.
„Mehr nicht. “
„Und die Waffe? “
„Nur Spaß. “
„Spaß? “
Artur hob die Augenbrauen.
„Ja. “
„Zweimal abdrücken ist also Spaß? “
Stille.
Popescu presste die Lippen zusammen. Hobel lehnte sich vor. Seine Stimme blieb ruhig, fast freundlich.
„Wissen Sie, was ich glaube? “
Popescu schwieg.
„Ich glaube, es ist etwas passiert, das Sie nicht geplant haben. “
Popescus Hände zitterten.
„Und ich glaube, Sie denken jede Nacht daran. “
Jetzt sah Popescu auf. Seine Augen glänzten.
„Ich…“ begann er.
Und verstummte.
Artur spürte es. Sie waren nah dran. Sehr nah. Aber etwas fehlte noch. Ein Detail. Ein Zusammenhang. Ein Motiv. Als sie den Raum verließen, sagte Hobel leise:
„Er weiß mehr. “
Artur nickte.
„Aber er sagt es nicht. “
Hobel sah ihn an.
„Noch nicht. “
Draußen hatte der Regen aufgehört. Doch die Luft blieb schwer. Artur blickte zum Himmel, dann zurück zur Akte.
„Zwei Schüsse“, murmelte er.
„Und keiner war ein Zufall. “
Hobel schwieg. Doch in seinem Blick lag etwas Neues. Etwas, das er lange nicht gezeigt hatte. Zweifel. Und genau dort begann der Fall, sich zu drehen. Die Nacht ließ sich nicht abschütteln. Sie klebte an allem – an den Aussagen, an den Wänden des Zinshauses, an den Gesichtern der Männer. Und vor allem an dem, was nicht gesagt wurde. Artur saß an seinem Schreibtisch und starrte auf die Notizen. Linien, Kreise, Namen. Verbindungen, die noch keine waren. Matei Oprea – tot. Andrei Popescu – lügt. Radu Stoica – schweigt. Und irgendwo dazwischen: zwei Schüsse. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
„Was übersehen wir? “
Hobel antwortete nicht sofort. Er stand am Fenster, als könnte er dort die Wahrheit sehen.
„Nicht was“, sagte er schließlich.
„Wer. “
Artur sah auf.
„Du meinst Stoica. “
Hobel nickte langsam.
„Der hat bisher kaum gesprochen. “
„Dann ändern wir das. “
Radu Stoica war anders. Das merkte Artur sofort, als er den Vernehmungsraum betrat. Wo Popescu nervös gewesen war, wirkte Stoica… leer. Nicht ruhig. Nicht gefasst. Leer. Sein Blick war stumpf, als hätte er etwas gesehen, das ihn nicht mehr losließ. Artur setzte sich ihm gegenüber.
„Herr Stoica“, begann er.
Keine Reaktion.
„Wir wissen, dass mehr als ein Schuss gefallen ist. “
Ein Blinzeln. Sonst nichts. Hobel trat neben Artur, schwieg aber. Diesmal überließ er ihm die Führung. Artur lehnte sich vor. Seine Stimme wurde leiser.
„Sie waren dabei. “
Stoica schluckte. Ein winziges Detail. Aber es reichte.
„War es ein Unfall? “ fragte Artur.
Stille.
„Oder ein Streit? “
Stoicas Finger zuckten.
„Hat Matei provoziert? “
Ein kaum hörbares Einatmen. Artur spürte, wie sich etwas bewegte. Nicht im Raum. In Stoica.
„Er war laut“, sagte Stoica plötzlich.
Seine Stimme klang brüchig, als hätte sie lange geschwiegen. Artur blieb ruhig.
„Wer? “
„Matei. “
Ein erster Riss.
„Laut wie? “ fragte Artur vorsichtig.
Stoica sah auf den Tisch.
„Er… hat geschrien. “
Hobel wechselte einen kurzen Blick mit Artur.
„Warum? “ fragte Artur.
Stoica schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht. “
Eine Lüge. Zu schnell. Zu glatt.
„Doch“, sagte Artur ruhig.
„Sie wissen es. “
Stoica presste die Lippen zusammen.
„Es ging um Geld, oder? “
Keine Antwort.
„Oder um etwas anderes. “
Stoica hob den Kopf. Zum ersten Mal sah er Artur direkt an. Und in diesem Blick lag etwas. Nicht nur Angst. Scham.
„Er hat uns beschuldigt“, flüsterte Stoica.
Artur beugte sich leicht vor.
„Weswegen? “
Ein langer Moment. Dann:
„Diebstahl. “
Das Wort hing im Raum. Schwer. Bedeutungsvoll. Hobel zog langsam an seiner Zigarette. Artur schwieg. Er ließ Stoica sprechen. Und diesmal tat er es.
„Matei hat gesagt, jemand hat Geld genommen“, begann Stoica.
„Sein Geld. “
„Wie viel? “ fragte Artur.
„Ich weiß nicht… viel. “
„Und? “
Stoica schloss kurz die Augen.
„Er war betrunken. Sehr betrunken. Er hat geschrien. Uns beschimpft. “
„Und dann? “ fragte Artur.
„Dann hat Andrei…“
Er brach ab.
Artur spürte es. Jetzt waren sie an dem Punkt, an dem sich alles entscheiden konnte.
„Was hat Andrei gemacht? “ fragte er leise.
Stoicas Hände begannen zu zittern.
„Er hat die Waffe genommen. “
Hobel richtete sich leicht auf. Artur blieb ganz ruhig.
„Warum? “ fragte er.
„Nur… um ihn einzuschüchtern“, sagte Stoica hastig.
„Nur Spaß. “
Artur schwieg.
„Er hat geschossen“, flüsterte Stoica.
„Wohin? “ fragte Artur.
„Auf den Boden. “
Die Kerbe.
Artur nickte langsam.
„Und dann? “
Stoica atmete schwer. Sein Blick wurde unruhig.
„Matei hat gelacht“, sagte er.
Das überraschte Artur.
„Gelacht? “
Stoica nickte.
„Er hat gesagt, Andrei hat keinen Mut. “
Ein Fehler. Ein fataler.
„Und Andrei? “ fragte Artur.
Stoica sah ihn an. Und diesmal war es keine Leere mehr. Es war Angst.
„Er hat nochmal geschossen. “
Stille.
Dicht. Erdrückend.
„Hat er gezielt? “ fragte Artur.
Stoica schüttelte den Kopf.
„Ich… ich weiß nicht. Es ging alles so schnell. “
„Wo war Matei? “
„Am Tisch. “
„Und Andrei? “
„Vor ihm. “
Artur schloss die Augen. Das Bild formte sich. Zu schnell. Zu klar.
„Und danach? “ fragte er.
Stoica zögerte. Dann, leise:
„Matei hat nichts gesagt. “
Ein Knoten zog sich in Arturs Magen zusammen.
„Gar nichts? “
Stoica schüttelte den Kopf.
„Er hat sich hingesetzt. Dann hingelegt. “
„Und ihr? “
Stoica wich seinem Blick aus.
„Wir dachten…“ Er brach ab.
„Ihr dachtet, er ist betrunken“, vollendete Artur den Satz.
Stoica nickte. Langsam. Schwer. Hobel trat vor.
„Und als ihr gemerkt habt, dass er tot ist? “ Stoica schloss die Augen.
„Da war es zu spät. “
Artur lehnte sich zurück. Die Wahrheit lag auf dem Tisch. Oder ein Teil davon. Ein Streit. Ein Vorwurf. Ein Schuss. Dann ein zweiter. Und ein Mann, der verblutete, während die anderen nichts taten. Aber etwas fehlte. Artur spürte es. Deutlich.
„Warum haben Sie nichts gesagt? “ fragte er.
Stoica öffnete die Augen. Diesmal war da etwas anderes. Nicht Angst. Nicht Scham. Etwas Dunkleres.
„Weil es nicht so war. “
Die Worte trafen Artur unerwartet.
„Was meinen Sie? “ fragte er ruhig.
Stoica sah ihn an. Lange. Zu lange. Dann sagte er:
„Nicht alles. “
Hobel runzelte die Stirn.
„Was fehlt? “
Stoica schwieg. Ein paar Sekunden. Dann lehnte er sich zurück. Und sagte nichts mehr. Vernehmung beendet. Vorläufig. Draußen im Gang blieb Artur stehen.
„Er lügt“, sagte er. Hobel nickte.
„Ja. “
„Aber nicht über alles. “
„Nein. “
Artur fuhr sich durch die Haare.
„Was fehlt? “
Hobel sah ihn an. Sein Blick ernst.
„Das Entscheidende. “
Artur spürte, wie sich die Spannung wieder aufzog. Sie hatten einen Ablauf. Eine Geschichte. Aber keine Wahrheit. Noch nicht.
„Zwei Schüsse“, murmelte er.
„Ein Streit. “
„Ein Motiv. “
Er sah zu Hobel.
„Aber das erklärt nicht alles. “
Hobel nickte langsam.
„Nein. “
Dann fügte er hinzu:
„Und genau das wird uns den Täter zeigen. “
Irgendwo zwischen den Aussagen, den Lügen und der Angst lag ein Detail verborgen. Klein. Unsichtbar. Aber entscheidend. Artur wusste: Wenn er es fand, würde sich alles ändern. Alles. Und diesmal würde niemand mehr schweigen können. Manchmal ist es nicht der Schuss, der tötet. Sondern das, was davor passiert. Und das, was danach verschwiegen wird. Artur schlief kaum in dieser Nacht. Die Worte von Radu Stoica ließen ihn nicht los.
„Nicht alles. “
Dieser Satz war wie ein Splitter im Kopf. Klein, aber schmerzhaft. Und vor allem: hartnäckig. Er stand am Fenster seiner kleinen Wohnung, blickte hinaus auf die dunklen Straßen Wiens und ließ die Szene immer wieder vor seinem inneren Auge ablaufen. Der erste Schuss – in den Boden. Der zweite Schuss – Treffer. Ein Streit. Alkohol. Eskalation. Das passte. Zu gut. Zu glatt.
„Nein“, murmelte er.
„Da fehlt was. “
Am nächsten Morgen lag die Akte wieder vor ihm. Aber diesmal begann Artur nicht mit den Aussagen. Sondern mit den Bildern. Er breitete die Fotos auf dem Tisch aus. Zimmer. Innenhof. Grill. Matratze. Und dann die Details. Die Kerbe im Boden. Das deformierte Diabolo draußen. Das Projektil aus dem Körper. Er legte sie gedanklich nebeneinander. Drei Punkte. Drei Bewegungen. Und plötzlich…
„Franz. “
Hobel sah auf.
„Was? “
Artur zeigte auf die Fotos.
„Das passt geometrisch nicht. “
Hobel verzog das Gesicht.
„Jetzt kommen wir zur Mathematik? “
„Nein“, sagte Artur ruhig.
„Zur Wahrheit. “
Er nahm ein Blatt Papier und skizzierte den Raum.
„Hier stand Matei. “
Ein Punkt.
„Hier Andrei. “
Ein zweiter Punkt.
„Und hier der Einschlag im Boden. “
Er zog eine Linie.
„Wenn Andrei von dort geschossen hat… dann geht der Schuss so. “
Hobel beugte sich vor.
„Und der zweite? “ fragte er.
Artur zeichnete eine zweite Linie. Sie traf den ersten Punkt.
„Zu sauber“, sagte Hobel.
Artur nickte.
„Genau. “
Stille.
Dann sagte Hobel:
„Also? “
Artur sah ihn an.
„Also war Andrei nicht der Einzige mit der Waffe. “
Der Raum wurde plötzlich enger.
„Du meinst, jemand anderes hat geschossen? “ fragte Hobel.
„Ich meine“, sagte Artur langsam, „dass Stoica uns nur die halbe Wahrheit erzählt hat. “
Sie holten die Waffe erneut aus der Asservatenkammer. Eine einfache Luftdruckpistole. Unscheinbar. Fast lächerlich. Artur nahm sie vorsichtig in die Hand.
„Wie viele Schüsse waren noch drin? “ fragte er.
Hobel blätterte in den Unterlagen.
„Als sie sichergestellt wurde? Einer.“
Artur sah auf.
„Und wie viele passen rein? “
„Mehr. “
Ein kurzer Moment. Dann verstand Hobel.
„Das heißt…“ „Es wurde nachgeladen“, sagte Artur.
Jetzt ergab alles Sinn. Zwei Projektile wurden gefunden. Aber die Waffe war nicht leer. Das hieß: mindestens drei Schüsse. Nicht zwei. Drei.
„Stoica hat uns einen verschwiegen“, sagte Artur.
Hobel nickte langsam.
„Die Frage ist: welchen? “
Die Antwort kam schneller, als sie erwartet hatten. Und sie kam von jemandem, den bisher niemand ernst genommen hatte. Die Nachbarin war klein, unscheinbar und nervös. Ihre Hände umklammerten die Tasche, als wollte sie sie vor etwas schützen.
„Ich wollte nichts sagen“, begann sie.
„Wirklich nicht. “
Artur setzte sich ihr gegenüber.
„Warum jetzt? “
Sie sah ihn an.
„Weil ich weiß, dass es nicht vorbei ist. “
Hobel lehnte sich zurück.
„Was haben Sie gehört? “
Die Frau schluckte.
„Nicht viel … ich hatte Angst. “
„Trotzdem“, sagte Artur sanft.
„Ich habe Stimmen gehört“, sagte sie.
„Das wissen wir“, meinte Hobel.
„Nein“, sagte sie schnell.
„Anders. “
Artur beugte sich vor.
„Was meinen Sie? “
„Es waren … vier Stimmen. “
Stille.
Schwer. Endgültig. Artur spürte, wie sich alles verschob.
„Vier? “, wiederholte er leise. Die Frau nickte hektisch.
„Ja. Drei Männer … und noch jemand. “
„Eine Frau? “, fragte Hobel.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Ein Mann. “
Jetzt war es da. Das fehlende Stück.
„Haben Sie ihn gesehen? “, fragte Artur.
„Nein“, flüsterte sie.
„Aber ich habe ihn gehört. “
„Was hat er gesagt? “
Die Frau zögerte. Dann:
„Er hat gedroht. “
Artur wechselte einen Blick mit Hobel.
„Wem? “, fragte er.
„Dem Älteren“, sagte sie.
„Dem … der gestorben ist. “
Matei.
„Was genau? “, fragte Artur.
Die Frau presste die Lippen zusammen. Dann sagte sie:
„Er hat gesagt: Du wirst es bereuen. “
Ein kalter Schauer lief Artur über den Rücken. Das war kein Gerede eines Betrunkenen mehr. Das war Absicht.
„Und dann? “, fragte Hobel.
„Dann … ein Knall. “
„Der erste? “
„Ich glaube schon. “
„Und danach? “
Die Frau zitterte.
„Noch einer. “
Sie atmete schwer.
„Und dann …“ Artur hielt den Atem an. „… war es still. “
Drei Schüsse. Vier Männer. Ein Motiv. Als die Frau gegangen war, blieb es lange still im Raum. Dann sagte Hobel:
„Das ändert alles. “
Artur nickte langsam.
„Ja. “
Er ging zur Tafel und schrieb: 4 Personen. 3 Schüsse. 1 Toter. Dann drehte er sich um. Sein Blick war klar. Fokussiert.
„Andrei hat geschossen“, sagte er.
„Das wissen wir. “
„Richtig“, sagte Hobel.
„Aber er war nicht der Einzige. “
Artur zeigte auf den vierten Punkt. Auf den, der bisher gefehlt hatte.
„Die Frage ist nicht mehr nur: Wer hat geschossen? “
Er machte eine Pause. Dann sagte er:
„Sondern: Wer hatte den Grund, Matei wirklich tot sehen zu wollen? “
Hobel lächelte schwach. Zum ersten Mal seit Tagen.
„Jetzt gefällt mir der Fall wieder. “
Artur sah auf die Akte. Auf die Namen. Auf die Lücken. Dann sagte er leise:
„Ich glaube, ich weiß, wer es war. “
Aber er sagte es nicht. Noch nicht. Denn die Wahrheit brauchte einen letzten Schritt. Einen letzten Beweis. Und einen Moment, in dem niemand mehr lügenkonnte. Und dieser Moment … … würde alles verändern.
Der Morgen war klar. Zu klar für einen Fall, der so lange im Nebel gelegen hatte. Artur Späne stand im Büro und sah auf die Tafel. Die Worte darauf wirkten nicht mehr wie Hypothesen. Sie hatten eine Struktur bekommen. 4 Personen. 3 Schüsse. 1 Motiv. Hobel trat neben ihn, eine frische Zigarette zwischen den Fingern.
„Du hast schlecht geschlafen“, stellte er fest.
Artur antwortete nicht sofort. Sein Blick blieb an einem Namen hängen. Matei Oprea.
„Er war nicht das Opfer eines Streits“, sagte Artur schließlich.
„Er war das Ziel. “
Hobel zog langsam an der Zigarette.
„Dann erzähl mir, warum. “
Artur drehte sich um.
„Weil er etwas wusste. “
Ein kurzer Moment. Dann hob Hobel leicht die Augenbrauen.
„Das tun sie alle. Und meistens sterben sie nicht daran. “
„Doch“, sagte Artur ruhig.
„Wenn sie es zur falschen Zeit sagen. “
Er ging zur Akte, schlug sie auf und zog ein unscheinbares Dokument heraus.
„Ich habe gestern noch etwas überprüft. “
Hobel trat näher.
„Matei Oprea war nicht nur Bauarbeiter. “
„Sondern? “, fragte Hobel.
Artur sah ihn an.
„Er hat Geld verliehen. “
Stille.
Dann schnaubte Hobel leise.
„Ein Kredithai? “
„Nicht offiziell“, sagte Artur.
„Aber faktisch. “
Er legte das Papier auf den Tisch.
„Überweisungen. Bargeld. Kleine Summen, hohe Rückzahlungen. “
Hobel nickte langsam.
„Und die anderen beiden? “
„Schulden. “
Das Bild änderte sich. Andrei Popescu. Radu Stoica. Nicht nur Kollegen. Schuldner.
„Und der vierte? “ fragte Hobel.
Artur atmete tief ein. Dann sagte er den Namen:
„Ion Marin. “
Hobel runzelte die Stirn.
„Der Hausbesitzer? “
Artur nickte.
„Er ließ sie dort wohnen. Feiern. Bleiben. “
„Und? “ fragte Hobel.
„Er nahm auch Geld“, sagte Artur.
Ein Moment verstrich. Dann:
„Von Matei. “
Die Stille war anders. Schwerer. Endgültiger.
„Vier Männer“, sagte Artur langsam.
„Drei schulden ihm Geld. “
„Und einer redet“, ergänzte Hobel.
Artur nickte.
„Betrunken. Laut. Vorwürfe. “
Das Bild formte sich neu. Diesmal vollständig. Innenhof. Nacht. Grill. Alkohol. Hitze. Matei steht. Schwankt. Schreit:
„Ihr habt mein Geld! Alle! “
Andrei lacht. Unsicher. Radu schweigt. Dann tritt jemand aus dem Schatten. Ion Marin. Nicht eingeladen. Aber erwartet.
„Er war schon da“, sagte Artur.
Hobel nickte langsam.
„Die Nachbarin hat ihn gehört. “
„Matei erkennt ihn“, fuhr Artur fort.
„Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Geld. “
„Sondern? “ fragte Hobel.
Artur sah ihn an.
„Um Verrat. “
Matei wusste zu viel. Über Geschäfte. Über Männer. Über Dinge, die Ion Marin verborgen halten wollte. Und in dieser Nacht sagte er es laut. Zu laut.
„Ion droht ihm“, sagte Artur.
„Das hat die Nachbarin gehört. “
Hobel nickte.
„Du wirst es bereuen. “
Dann eskaliert es. Andrei greift zur Waffe. Nicht, um zu töten. Um Eindruck zu machen. Der erste Schuss. Der Boden splittert. Matei lacht. Ein Fehler.
„Er verspottet ihn“, sagte Artur leise.
„Vor den anderen. “
Hobel verzog das Gesicht.
„Und Andrei verliert die Kontrolle. “
Der zweite Schuss. Ungezielt. Tödlich. Das Diabolo trifft. Kein Knall. Kein Drama. Matei setzt sich. Langsam. Verwirrt. Dann legt er sich hin. Und stirbt.
„Jetzt kommt der dritte Moment“, sagte Artur.
Hobel sah ihn an.
„Der entscheidende. “
Stille.
Dann:
„Ion geht zu ihm. “
Artur trat näher an den Tisch. Seine Stimme wurde ruhig.
„Er sieht, was passiert ist. “
„Er versteht sofort. “
„Matei wird sterben. “
Hobel schwieg. Er wusste, was jetzt kam.
„Und statt Hilfe zu holen…“
Artur hielt inne.
Dann: „…sorgt er dafür, dass es so bleibt. “
Hobel schloss die Augen.
„Der dritte Schuss. “
Artur nickte.
„Nicht aus Wut“, sagte er.
„Nicht aus Panik. “
Ein Moment verging. Dann:
„Aus Kalkül. “
Der dritte Schuss war anders. Nah. Gezielt. Leise. Ein Abschluss.
„Er wollte sicher sein“, sagte Artur.
„Dass Matei schweigt. “
Lange Stille.
Dann fragte Hobel:
„Und die anderen? “
Artur atmete tief durch.
„Sie haben es gesehen. “
„Oder geahnt. “
Andrei. Schock. Schuld. Alkohol. Er klammert sich an die Lüge: ein Unfall. Er wusste nichts. Er konnte nichts tun. Radu. Angst. Er sieht mehr. Versteht mehr. Aber schweigt. Er weiß, wer Ion ist. Und was er kann.
„Deshalb hat Stoica gesagt: Nicht alles“, murmelte Hobel.
Artur nickte.
„Er verschwieg den dritten Schuss. “
Jetzt ergab alles Sinn. Die zusätzliche Kugel. Die nachgeladene Waffe. Die vierte Stimme. Die Angst. Hobel drückte seine Zigarette aus. Langsam. Bedächtig.
„Kannst du es beweisen? “ fragte er.
Die letzte Frage. Die wichtigste. Artur sah auf die Akte. Dann auf die Tafel. Dann zu Hobel.
„Ja“, sagte er.
Ein paar Stunden später saß Ion Marin im Vernehmungsraum. Ruhig. Gefasst. Zu gefasst. Artur setzte sich ihm gegenüber. Legte die Fotos auf den Tisch. Die Kugel. Die Kerbe. Den Innenhof.
„Sie waren dort“, sagte er.
Ion lächelte schwach.
„Nein. “
Artur nickte.
„Dann erklären Sie die dritte Kugel. “
Ein Moment. Kaum sichtbar. Aber da.
„Welche dritte Kugel? “ fragte Ion.
Artur lehnte sich zurück. Dann sagte er ruhig:
„Die, die Sie abgefeuert haben. “
Stille.
Hobel trat näher.
„Wir wissen alles“, sagte er.
„Vier Männer. Drei Schüsse. “
Ion schwieg. Artur beugte sich vor. Seine Stimme war leise. Aber scharf.
„Und wir wissen, warum. “
Ein langer Moment. Dann… brach etwas. Kaum merklich. Aber genug. Ion senkte den Blick. Zum ersten Mal.
„Er hätte uns alle zerstört“, murmelte er.
Da war es. Artur schwieg.
„Er wusste zu viel“, fuhr Ion fort.
„Er hätte alles erzählt. “
Seine Hände zitterten.
„Ich hatte keine Wahl. “
Artur sah ihn an. Lange. Dann sagte er:
„Doch. “
Stille.
Endgültig.
Der Fall war gelöst. Nicht sauber. Nicht einfach. Aber wahr. Matei Oprea starb nicht nur an einem Schuss. Er starb an Angst, Schuld und Entscheidungen. Am Ende war es nicht der erste Schuss, der ihn tötete. Es war der letzte. Artur stand später wieder am Fenster. Die Stadt blieb dieselbe. Doch etwas hatte sich verändert.
„Du warst gut“, sagte Hobel hinter ihm.
Artur schwieg einen Moment. Dann:
„Ich war nur schneller. “
Hobel lächelte leicht.
„Nein“, sagte er.
„Du warst bereit, genauer hinzusehen. “
Artur nickte langsam. Draußen lief das Leben weiter. Wie immer. In Wien Simmering… war die Wahrheit endlich ausgesprochen. Und diesmal… schwieg sie nicht.
**Schlusswort**
Manche Wahrheiten liegen offen vor uns – und bleiben doch unsichtbar, bis jemand genauer hinsieht. Hier war es nicht nur ein Schuss, der tötete, sondern das Schweigen danach. Und manchmal ist genau dieses Schweigen das größte Verbrechen.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )