
Das Monster unter dem Bett
Wien-Simmering, 17. Juli 1964. Ein schweres Gewitter hing über der Stadt. Regen prasselte gegen die Fenster der kleinen Gartensiedlung am Rand von Simmering, während der Wind durch die engen Wege pfiff. Die meisten Bewohner hatten längst die Rollläden heruntergelassen und versuchten, das Tosen des Unwetters zu ignorieren.
Doch in Haus Nummer 12 sollte diese Nacht unvergessen bleiben. Die 22-jährige Lilli N. saß im Wohnzimmer und blätterte lustlos in einer Illustrierten. Seit ein paar Wochen arbeitete sie als Babysitterin bei der Familie Seifert. Das Geld brauchte sie dringend, auch wenn sie das Haus nie mochte. Es wirkte falsch. Zu still. Zu perfekt. Als würde hinter den frisch gestrichenen Wänden etwas verbergen. Plötzlich hörte sie ein leises Wimmern von oben.
„Lilli…? “
Es war Tobias, der jüngere der beiden Jungen. Sie legte die Zeitschrift weg und stieg die knarrende Holztreppe hinauf. Der Strom flackerte. Für einen Moment lag das Haus in Dunkelheit. Dann kehrte das Licht zurück. Lilli schluckte.
„Was ist los? “, fragte sie leise und öffnete die Tür zum Kinderzimmer.
Tobias saß aufrecht im Bett, die Decke bis zur Nase gezogen. Seine Augen waren riesig vor Angst.
„Da ist jemand unter meinem Bett. “
Lilli zwang sich zu einem Lächeln.
„Da ist kein Monster. “
Doch Tobias begann zu zittern.
„Es atmet. “
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Das Fenster stand einen Spalt offen, die Gardinen bewegten sich im Wind. Nebenan schlief der ältere Bruder Michael tief und fest.
„Siehst du?
Alles in Ordnung“, sagte Lilli ruhig, obwohl ihr Herz raste.
Dann hörte sie es selbst. Ein langsames. Kratzendes. Scharrendes Geräusch. Direkt unter dem Bett. Lilli erstarrte. Sekundenlang bewegte sich niemand. Dann zwang sie sich in die Knie.
„Wahrscheinlich nur die Katze“, murmelte sie.
Mit zitternder Hand hob sie die Bettdecke an. Im selben Moment blickte sie in zwei menschliche Augen. Ein Mann lag unter dem Bett. Sein Gesicht war schmutzig, die Pupillen weit aufgerissen. Sein Atem stank nach Alkohol und Moder. Sekundenlang starrten sie einander an. Dann lächelte er. Ein grauenhaft ruhiges Lächeln. Lilli schrie.
Der Mann schoss unter dem Bett hervor wie ein Tier, packte sie am Arm und schleuderte sie gegen den Schrank. Tobias begann hysterisch zu weinen.
„Still! “, brüllte der Fremde.
Lilli tastete blind nach der Nachttischlampe und schlug zu. Die Lampe zerbrach an seiner Schulter, doch der Mann zeigte kaum eine Reaktion. Stattdessen zog er ein Messer. Die Klinge blitzte im Licht des Gewitters.
„Du hättest nicht nachsehen sollen“, sagte er leise.
Dann stürzte er sich auf sie. Lilli schrie, als sie zu Boden fielen. Der Mann versuchte, ihr den Mund zuzuhalten. Sie biss ihm in die Hand. Er fluchte und stach zu. Die Klinge traf ihre Schulter. Blut spritzte auf den Teppich. Tobias sprang panisch aus dem Bett und rannte zur Tür. Der Eindringling stieß ihn brutal zur Seite. Der Junge fiel nachhinten, schlug mit dem Kopf gegen die Bettkante. Ein dumpfer Schlag. Dann Stille. Der kleine Körper blieb reglos liegen.
„TOBIAS! “
Für einen Moment wirkte der Angreifer erschrocken. Diese Sekunde rettete Lilli das Leben. Mit aller Kraft trat sie ihm zwischen die Beine, riss sich los und taumelte aus dem Zimmer. Blut lief ihr den Armhinunter. Hinter ihr hörte sie schwere Schritte. Sie stolperte ins Arbeitszimmer des Vaters, warf die Tür zu und verriegelte sie. Sofort begann der Mann dagegen zu schlagen. Bumm. Bumm. Bumm.
„Mach auf! “, brüllte er.
Lilli zitterte am ganzen Körper. Mit blutigen Fingern griff sie nach dem Telefon.
„Polizei… bitte… bitte kommen Sie schnell…“
Dann hörte sie plötzlich nichts mehr. Keine Schritte. Keine Schläge. Nur das Gewitter draußen. Als die Polizei wenige Minuten später eintraf, war der Mann verschwunden. Zurück blieben Blutspuren, ein zerstörtes Kinderzimmer und der bewusstlose Tobias.
Im Polizeipräsidium Simmering herrschte am nächsten Morgen hektische Stimmung. Kriminalinspektor Franz Hobel stand schweigend am Fenster seines Büros und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Sein Kollege Artur Späne las die ersten Berichte.
„Kein Einbruchsschaden“, murmelte Späne.
„Keine eingeschlagene Tür, kein Fenster aufgebrochen. “
Hobel nickte langsam.
„Dann hatte er einen Schlüssel. “
„Oder jemand hat ihn reingelassen. “
Der ältere Ermittler zog an seiner Zigarette.
„Die Babysitterin sagt, sie hat den Mann noch nie gesehen. “
„Vielleicht lügt sie. “
Hobel schwieg. Er war dafür bekannt, Menschen lesen zu können. So wie er auch bereits wusste das irgendetwas an diesem Fall gewaltig stank.
„Was wissen wir über die Familie? “
Späne blätterte weiter.
„Ehemann: Viktor Seifert. Vertreter für Maschinenbau. Oft unterwegs. Ehefrau: Elvira Seifert. Angeblich Hausfrau. “
„Angeblich? “
„Es gibt keine Unterlagen über ihre frühere Arbeit. Gar nichts. Außerdem hat die Familie deutlich mehr Geld, als Viktors Einkommen erklären könnte. “
Hobel hob eine Augenbraue.
„Interessant. “
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Ein Uniformierter trat ein.
„Wir haben etwas gefunden. “
„Was? “
„Der Täter wurde gesehen. Ein Nachbar beobachtete kurz nach Mitternacht einen Mann, der durch die Gärten flüchtete. “
„Beschreibung? “
„Etwa Ende dreißig. Dunkler Mantel. Verletzte Hand. “
Späne nickte langsam.
„Die Bisswunde. “
Der Polizist legte eine weitere Akte auf den Tisch.
„Außerdem hat die Spurensicherung Fingerabdrücke gefunden. “
Hobel öffnete die Mappe. Sein Gesicht wurde ernst.
„Karl Wagner“
Späne sah ihn an.
„Du kennst ihn? “
„Leider. “
Hobel setzte sich langsam.
„Vor acht Jahren wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Gewalt gegen Frauen. Sadistisch. Unberechenbar. “
„Und was wollte er in diesem Haus? “
Hobel blickte wieder auf das Foto des Verdächtigen.
„Das“, sagte er leise, „finden wir jetzt heraus. “
Zur selben Zeit saß Elvira Seifert im Krankenhaus neben dem Bett ihres Sohnes Tobias. Der Junge lag regungslos da, bandagiert, bleich wie Kreide. Ein Arzt sprach leise mit ihr, doch sie hörte kaum zu. Sie dachte nur an einen Namen und der machte Ihr große Angst: Karl. Sie hatte geglaubt, ihn nie wiedersehen zu müssen. Doch nun war er zurück. Und mit ihm kehrten die Geheimnisse zurück, die sie jahrelang begraben hatte. Plötzlich öffnete sich die Tür. Ihr Ehemann Viktor trat ein. Sein Gesicht war leer. Kalt.
„Die Polizei möchte wissen, warum du gestern Nacht gelogen hast. “
Elvira erstarrte.
„Was meinst du? “
Viktor warf eine Fotografie auf das Bett. Ein altes Schwarzweißbild. Darauf: Elvira. Und neben ihr ein junger Karl Wagner, den Arm eng um ihre Hüfte gelegt. Viktors Stimme zitterte vor Wut.
„Wer ist dieser Mann wirklich? “
In diesem Moment roch das Krankenhaus mehr nach Angst als nach Desinfektionsmittel. Elvira Seifert starrte wie gelähmt auf das Schwarzweißfoto in Viktors Hand. Ihre Lippen bebten. Für einen Moment schien selbst das Ticken der Wanduhr verstummt zu sein.
„Antwortest du mir jetzt endlich?! “, fuhr Viktor sie an.
Seine Stimme hallte durch das Krankenzimmer. Tobias lag regungslos im Bett, angeschlossen an mehrere Geräte. Das monotone Piepen des Herzmonitors machte die Lage noch bedrückender. Elvira senkte den Blick.
„Woher hast du das Foto? “
„Das spielt keine Rolle! “
Viktor trat näher.
„Die Polizei hat es gefunden. Versteckt im Keller. Hinter einer losen Wandplatte. “
Seine Augen wurden schmal.
„Warum versteckst du Bilder von diesem Irren? “
Elvira rang nach Worten. Doch bevor sie antworten konnte, öffnete sich die Tür. Kriminalinspektor Franz Hobel trat ein, dicht gefolgt von Artur Späne. Hobel erfasste die angespannte Szene sofort.
„Herr Seifert“, sagte er ruhig.
„Vielleicht sollten wir dieses Gespräch woanders führen. “
„Nein“, knurrte Viktor.
„Ich will jetzt Antworten. “
Hobel blieb unbeeindruckt.
„Und die bekommen Sie. Aber nicht hier. “
Späne sah Elviras kreidebleiches Gesicht. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn.
„Frau Seifert“, sagte er vorsichtig, „kennen Sie Karl Wagner? “
Sekundenlang herrschte absolute Stille. Dann nickte sie kaum sichtbar. Viktor wich zurück, als hätte ihn jemand geschlagen.
„Du kennst ihn wirklich…“
Elvira schloss die Augen.
„Ja. “
„Seit wann? “
„Seit vielen Jahren. “
Viktors Gesicht lief rot an.
„WER IST ER?! “
Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Er war… mein Geliebter. “
Die Worte trafen Viktor wie ein Messerstich. Er taumelte zurück und griff nach der Fensterbank.
„Nein…“
Hobel beobachtete ihn aufmerksam. Solche Momente hatte er oft erlebt. Doch selten zerbrach ein Mensch so sichtbar und so schnell vor seinen Augen.
„Wie lange? “, fragte Viktor tonlos.
Elvira antwortete kaum hörbar.
„Bevor ich dich kennengelernt habe. “
„Und warum verschweigst du mir das zwanzig Jahre lang?! “
„Weil ich Angst hatte. “
„Vor MIR?! “
„Vor ihm. “
Stille.
Hobel zog einen Stuhl heran und setzte sich.
„Frau Seifert“, sagte er ruhig, „wir müssen alles wissen. Jede Kleinigkeit. “
Elvira nickte. Ihre Hände zitterten.
„Karl war damals charmant… zumindest am Anfang. Er konnte Menschen um den Finger wickeln. Besonders Frauen. “
Späne schrieb jedes Wort mit.
„Wo haben Sie ihn kennengelernt? “
„In einem Tanzlokal in Favoriten. Ich war neunzehn. “
Ihre Stimme klang fern, wie die Erinnerung eines anderen.
„Er machte Geschenke. Blumen. Teure Kleider. Er sagte, ich wäre die einzige Frau, die ihn wirklich versteht. “
Hobel nickte. Typisch.
„Und dann? “
Elvira schluckte schwer.
„Dann wurde er anders. “
Ihre Finger verkrampften sich.
„Kontrollierend. Eifersüchtig. Brutal. “
Viktor sah sie fassungslos an.
„Warum bist du nicht zur Polizei gegangen? “
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„1964 hört niemand Frauen zu. “
Selbst Hobel schwieg kurz.
„Eines Nachts schlug er einen Mann fast tot. Nur weil er mich angesehen hatte. “
„War das seine erste Verurteilung? “, fragte Späne.
„Nein. Aber die schlimmste. “
„Und danach? “
„Ich verließ ihn. “
Hobel lehnte sich zurück.
„Aber er ließ Sie nicht los. “
Elvira nickte.
„Er verfolgte mich monatelang. Schrieb Briefe. Stand nachts vor meinem Fenster. “
„Und Viktor wusste nichts davon? “
„Nein. “
Viktor lachte bitter auf.
„Natürlich wusste ich nichts. “
Sein Blick wurde kalt.
„Was weiß ich eigentlich überhaupt über dich? “
Später saßen Hobel und Späne im Polizeirevier. Regen trommelte gegen die Scheiben. Vor ihnen lagen alte Akten über Karl Wagner. Gewalt. Einbruch. Körperverletzung. Verdacht auf Zuhälterei. Und immer wieder Frauen.
„Der Kerl ist ein Monster“, murmelte Späne.
Hobel rauchte schweigend.
„Monster werden nicht geboren“, sagte er schließlich.
„Aber manche Menschen genießen es, eines zu werden. “
Späne blätterte weiter, runzelte die Stirn.
„Moment mal…“ „
Was? “
„Hier stimmt etwas nicht. “
Er zog ein vergilbtes Dokument hervor.
„Karl Wagner saß bis vor vier Monaten in Stein im Gefängnis. “
„Und? “
„Laut Akte hatte er während der Haft keinen Kontakt zu Elvira Seifert. “
Hobel nickte.
„Das behauptet sie jedenfalls. “
Späne legte ein weiteres Blatt daneben.
„Aber vor drei Wochen wurde ein Brief an ihre Adresse zugestellt. “ Hobel sah auf.
„Von Karl? “
„Ohne Absender. “
„Woher wissen wir, dass er von ihm ist? “
Späne zeigte auf die Handschrift.
„Vergleich mit alten Briefen aus der Akte. Gleiche Schrift. “
Hobel nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette.
„Hat Elvira den Brief erwähnt? “
„Nein. “
„Dann lügt sie. “
Späne nickte.
„Die Frage ist nur: Warum? “
Zur selben Zeit saß Elvira allein im Wohnzimmer. Die Polizei hatte den Tatort verlassen. Überall klebten Kreidemarkierungen. Blut befand sich noch immer auf dem Teppich im Kinderzimmer. Der Anblick schnürte ihr die Kehle zu. Mit zitternden Händen öffnete sie eine Schublade. Darin lag ein Bündel alter Briefe. Alle von Karl. Sie hatte sie nie weggeworfen. Nie verbrannt. Nie vergessen. Langsam öffnete sie den obersten Umschlag. Die Handschrift erkannte sie sofort.
„Du gehörst mir. Egal, wen du heiratest. Egal, wohin du gehst. Ich werde dich immer finden. “
Elvira begann zu weinen. Dann hörte sie ein Geräusch. Ein leises Knarren. Direkt vor dem Haus. Sie erstarrte. Langsame Schritte näherten sich der Verandatür. Knarr. Knarr. Knarr. Ihr Atem stockte. Dann… Drei Schläge gegen die Haustür. TOK. TOK. TOK. Elvira griff panisch zum Telefon. Doch bevor sie wählen konnte, hörte sie eine Stimme draußen. Ruhig. Fast liebevoll.
„Elvira…“
Sie wurde kreidebleich. Denn sie erkannte die Stimme sofort. Karl Wagner war zurück. Und diesmal war er nicht allein. Der Regen hatte aufgehört. Doch die feuchte Sommerluft über Simmering lag schwer wie Blei. Elvira stand mitten im Wohnzimmer, starrte zur Haustür. Jeder Muskel ihres Körpers spannte sich an. Ihre Finger klammerten sich so fest um den Telefonhörer, dass die Knöchel weiß hervortraten. Draußen herrschte Stille. Keine Schritte mehr. Kein Klopfen. Nur das entfernte Rattern einer Straßenbahn in der Nacht. Dann erklang Karls Stimme erneut. Leise. Beinahe zärtlich.
„Ich weiß, dass du da bist. “
Elvira begann zu zittern.
„Verschwinde“, flüsterte sie.
Ein kurzes Lachen drang durch die Tür.
„Das hast du früher auch gesagt. “
Sie presste die Hand auf den Mund. Ihr Herz raste. Plötzlich senkte sich der Türgriff langsam. Elvira keuchte. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Er hatte tatsächlich noch einen Schlüssel. Dann trat Karl Wagner ins Haus. Er sah schlimmer aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Größer. Dunkler. Gefährlicher.
Sein Mantel war durchnässt, die rechte Hand notdürftig verbunden – dort, wo Lilli ihn gebissen hatte. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen, sein Gesicht wirkte eingefallen. Doch seine Augen… die waren unverändert. Kalt. Raubtierhaft. Besitzergreifend. Hinter ihm tauchte ein zweiter Mann auf. Breite Schultern. Glatze. Eine schmale Narbe über dem linken Auge.
„Wer ist das? “, flüsterte Elvira.
Karl schloss ruhig die Tür.
„Ein Freund. “
Der Fremde grinste schief.
„Bruno. “
Elvira wich zurück.
„Ihr seid verrückt… die Polizei sucht euch überall. “
Karl lächelte.
„Und trotzdem bin ich hier. “
Er trat näher.
„Weißt du warum? “
Sie schwieg.
Sein Blick wanderte durchs Wohnzimmer. Über die Möbel. Die Bilder. Die feinen Vorhänge. Dann blieb er an einem Familienfoto hängen. Viktor. Elvira. Die beiden Kinder. Karl betrachtete das Bild lange. Zu lange.
„Er sieht mir ähnlich. “
Elvira erstarrte. Bruno blickte überrascht zwischen den beiden hin und her.
„Also stimmt’s wirklich? “
Karl antwortete nicht sofort. Er nahm das Bild in die Hand.
„Michael ist mein Sohn. “
Elvira wurde blass wie der Tod.
„Bitte… nicht hier…“ Karl sah sie an.
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.
„Du hast ihn mir gestohlen. “
Im selben Moment fuhr ein Polizeiwagen vor. Karl reagierte sofort.
„Licht aus. “
Bruno zog blitzschnell eine Pistole. Elvira schnappte nach Luft.
„Nein…“
Karl packte sie grob am Arm.
„Kein Laut. “
Draußen stiegen Hobel und Späne aus dem Wagen.
„Komisch“, murmelte Späne.
„Warum brennt plötzlich kein Licht mehr? “
Hobel betrachtete das Haus schweigend. Etwas stimmte nicht. Er spürte es. Jahrelange Erfahrung hatte ihm einen Instinkt gegeben, der selten täuschte.
„Zieh die Waffe“, sagte er leise.
Späne gehorchte. Die beiden näherten sich langsam der Haustür. Drinnen drückte Bruno Elvira brutal gegen die Wand.
„Wenn du schreist, erschieß ich dich. “
Karl stand reglos am Fenster und beobachtete die Polizisten. Seine Augen verengten sich.
„Hobel…“
„Du kennst den Bullen? “, fragte Bruno.
Karl nickte langsam.
„Er hat mich damals verhaftet. “
Draußen klingelte es. Niemand rührte sich. Dann klopfte Hobel gegen die Tür.
„Frau Seifert? Polizei! “
Elvira wollte antworten. Doch Bruno hielt ihr die Pistole an den Kopf.
„Tu’s nicht. “
Schweiß lief ihr übers Gesicht. Hobel wartete. Keine Antwort. Er tauschte einen Blick mit Späne.
„Hinten rum. “
Die Polizisten verschwanden im Garten. Karl fluchte leise.
„Verdammt. “
Dann packte er Elvira am Hals.
„Wo ist Michael? “
„Im Krankenhaus bei Tobias! “
„Lüg mich nicht an! “
Er drückte fester zu. Elvira rang nach Luft. Bruno blickte nervös zum Fenster.
„Wir müssen weg. “
Karl ignorierte ihn. Sein Gesicht war nur Zentimeter von Elviras entfernt.
„Du hast ihn gegen mich aufgehetzt. “
„Nein…“
„Du hast ihm erzählt, ich wäre tot. “
„Ich wollte euch schützen! “
Karl lachte kalt auf.
„Schützen? “
Dann schlug er ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Elvira stürzte zu Boden. Blut lief aus ihrer Nase. Im selben Moment splitterte hinten eine Scheibe. Hobel und Späne waren im Haus.
„POLIZEI! KEINER BEWEGT SICH! “
Chaos brach aus. Bruno feuerte sofort. Der Schuss krachte durch die Küche. Späne warf sich hinter einen Tisch. Hobel schoss zurück. Karl packte Elvira und zerrte sie Richtung Treppe.
„Mitkommen! “
„NEIN! “
Er schleifte sie brutal nach oben. Bruno feuerte weiter wild durchs Haus. Splitter flogen durch die Luft. Dann traf ihn eine Kugel in die Schulter. Er schrie auf und sackte gegen die Wand. Späne stürmte vor.
„Waffe weg! “
Doch Bruno grinste blutig.
„Zu spät. “
„Was?! “
Dann hörte man oben Elviras Schrei. Hobel rannte die Treppe hinauf. Zu spät. Das Schlafzimmerfenster stand offen. Die Vorhänge flatterten im Wind. Karl war verschwunden. Mit Elvira.
Eine Stunde später. Krankenhaus Rudolfstiftung. Viktor saß allein auf dem Gang vor Tobias’ Zimmer. Sein Blick war leer. Alles lag in Trümmern. Seine Ehe. Seine Familie. Sein Leben. Hobel setzte sich neben ihn.
„Wir finden sie. “
Viktor lachte bitter.
„Wen? Meine Frau? Oder den Vater meines Sohnes? “
Hobel schwieg. Viktor rieb sich das Gesicht.
„Michael…“
„Was ist mit ihm? “
Viktor hob den Kopf. Tränen glitzerten in seinen Augen.
„Michael weiß nichts davon. “
Hobel nickte langsam.
„Und Tobias? “
Viktors Stimme brach.
„Er ist nicht mein Sohn. “
Hobel erstarrte.
„Woher wissen Sie das? “
Viktor griff in seine Manteltasche, zog einen Brief hervor.
„Elvira hat es mir gestern geschrieben. “
Hobel nahm den Brief. Die zittrige Handschrift fiel ihm auf. Doch ein Satz sprang ihm ins Auge:
„Karl ist der Vater beider Kinder. “
Hobels Gesicht verhärtete sich. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Und gleichzeitig nichts mehr. Zur selben Zeit raste Karl Wagner mit einem gestohlenen Wagen durch die dunklen Straßen Wiens. Neben ihm saß Elvira. Gefesselt. Verletzt. Blut sickerte aus ihrer aufgeplatzten Lippe. Karl schwieg lange. Dann sprach er leise:
„Du hast ihnen nie die Wahrheit gesagt. “
Elvira starrte aus dem Fenster.
„Weil die Wahrheit alles zerstört. “
Karl lächelte schwach.
„Nein. “
Er sah sie an.
„Das kommt erst noch. “
Der Wagen bog in eine verlassene Waldstraße ein. Tief hinein in die Dunkelheit. Elvira begriff langsam, dass Karl etwas plante. Etwas Schlimmeres als Entführung. Viel schlimmer. Die Straße war schwarz wie ein Abgrund. Der alte Wagen rumpelte über Schotter und Schlaglöcher. Die Bäume links und rechts ragten wie Schatten aus der Nacht. Kein anderes Auto. Kein Licht. Kein Mensch. Nur Karl. Und Elvira.
Sie saß gefesselt auf dem Beifahrersitz. Der Draht um ihre Handgelenke schnitt in die Haut. Blut klebte an ihrem Kleid. Ihre Wange war geschwollen. Karl fuhr schweigend. Fast ruhig. Gerade diese Ruhe machte ihn so gefährlich. Elvira kannte ihn. Wenn Karl schrie, war er berechenbar. Wenn er schwieg, starben Menschen.
„Wohin bringst du mich? “, fragte sie mit brüchiger Stimme.
Keine Antwort. Nur das monotone Brummen des Motors. Dann sagte er leise:
„Zu einem Ort, an dem niemand mehr lügt. “
Elvira spürte Panik in ihrer Brust aufsteigen.
„Karl… bitte… die Kinder…“
Seine Hände umklammerten das Lenkrad fester.
„Sprich nicht von den Kindern. “
„Sie sind krank!
Tobias liegt im Krankenhaus! “
„Und warum? “
Er sah sie an. Sein Blick brannte vor Hass.
„WEGEN DIR! “
Der Wagen hielt abrupt. Mitten im Wald. Karl stieg aus, riss Elvira brutal aus dem Auto. Der kalte Nachtwind schlug ihr entgegen. Vor ihnen stand ein altes Jagdhaus. Verfallen. Dunkel. Die Fenster vernagelt. Elvira blieb wie erstarrt stehen.
„Nein…“
Karl zog sie weiter.
„Doch. “
„Nicht hier… bitte nicht…“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Hier hat alles angefangen. “
Zur selben Zeit saßen Hobel und Späne im Polizeirevier über Karten und Akten gebeugt. Die Stimmung war angespannt.
„Bruno redet nicht“, sagte Späne frustriert.
„Natürlich nicht. “
„Der Kerl hat zwei Kugeln im Körper und grinst trotzdem wie ein Irrer. “
Hobel rauchte schweigend. Seit Stunden dachte er über den Brief nach.
„Karl ist der Vater beider Kinder. “
Etwas daran störte ihn.
„Die Zeitlinie passt nicht“, murmelte er plötzlich. Späne sah auf.
„Was meinst du? “
Hobel griff nach Elviras Akte.
„Viktor lernte Elvira im Frühjahr 1956 kennen. “
„Ja. “
„Michael wurde im Dezember 1956 geboren. “
Späne runzelte die Stirn. Dann verstand er.
„Moment…“
Hobel nickte.
„Michael müsste von Viktor sein. “
„Aber Tobias…“
„…wurde erst Jahre später geboren. “
Späne starrte ihn an.
„Dann hat Elvira Viktor absichtlich belogen. “
Hobel stand auf.
„Die Frage ist nur warum. “
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine Krankenschwester stürmte herein, außer Atem.
„Der Junge ist verschwunden. “
Hobel erstarrte.
„Welcher Junge? “
„Michael. “
Krankenhaus Rudolfstiftung. Panik brach aus. Polizisten rannten durch die Gänge. Ärzte schrien durcheinander. Viktor stand wie gelähmt im Flur.
„Er war vor zehn Minuten noch hier! “
„Hat ihn jemand mitgenommen? “, fragte Späne.
Die Krankenschwester nickte hektisch.
„Nein, er verließ das Krankenhaus ganz allein. “
Hobel fluchte.
„Verdammt. “
„Bestimmt weiß er etwas? “
„Die Frage ist nur was, antwortete Späne nachdenklich. “
Hobel sah Späne ernst an.
„Wohin will der Junge plötzlich? “
„Zu jemanden, der die Wahrheit kennt, sagte Späne trocken. “
Im Jagdhaus roch es nach feuchtem Holz und Verfall. Karl zündete eine Petroleumlampe an. Das flackernde Licht ließ die Schatten an den Wänden tanzen. Elvira saß gefesselt auf einem alten Stuhl. Sie wusste, wo sie waren. Dieses Haus hatte sie aus ihren Gedanken verbannt. Hier hatte Karl sie zum ersten Mal geschlagen. Hier hatte er sie eingesperrt. Hier hatte sie erfahren, dass sie schwanger war. Karl stellte sich ans Fenster.
„Weißt du, was lustig ist? “, fragte er ruhig.
Elvira schwieg.
„Ich habe dir damals geglaubt. “
Er drehte sich langsam zu ihr um.
„Ich dachte wirklich, du liebst mich.“
„Karl…“
„HALT DEN MUND! “
Seine Stimme donnerte durch das Haus. Er trat so plötzlich gegen den Stuhl, dass Elvira mitsamt der Lehne zu Boden stürzte.
„Du hast mir alles genommen! “
Er packte sie an den Haaren, zog sie brutal hoch.
„Die Kinder. “
Ein Schlag.
„Mein Leben. “
Noch ein Schlag.
„Meine Zukunft! “
Blut tropfte auf die Holzdielen. Elvira weinte lautlos. Karl hielt plötzlich inne. Draußen war jemand. Schritte. Langsam. Knirschend auf dem Kies. Karl griff sofort nach seiner Pistole.
„Wer ist da?! “
Keine Antwort. Dann klopfte es. Drei langsame Schläge.
TOK. TOK. TOK.
Karl blickte verwirrt zur Tür.
„Bruno? “
Stille.
Dann sprach jemand. Eine männliche Stimme. Ruhig. Tief.
„Mach auf, Karl. “
Elvira wurde kreidebleich. Nein. Das konnte nicht sein. Karl öffnete langsam die Tür. Dann erstarrte er. Vor ihm stand Michael. Hinter ihm im Regen lag sein Fahrrad, das Hinterrad drehte sich noch. Der vierzehnjährige Junge war völlig durchnässt vom Regen. Doch das war nicht das Schlimmste. In seiner Hand hielt er eine Pistole. Karl starrte ihn an.
„Wie hast du mich gefunden? “
Michael antwortete mit erschreckender Ruhe:
„Ich habe eure Gespräche gehört. “
Elvira begann zu zittern.
„Michael… Schatz…“
Doch der Junge sah sie kaum an. Sein Blick ruhte nur auf Karl.
„Du bist wirklich mein Vater, oder? “
Karl sagte nichts. Das Schweigen war Antwort genug. Michaels Gesicht veränderte sich. Etwas Dunkles lag plötzlich darin. Etwas Kaltes.
„Dann hast du mich mein ganzes Leben belogen. “
„Nein“, flüsterte Elvira verzweifelt.
„Ich wollte dich schützen. “
Michael sah sie endlich an. Zum ersten Mal hatte sie Angst vor ihrem eigenen Sohn.
„Du lügst ständig. “
Karl trat langsam näher.
„Michael… hör zu…“
Doch der Junge richtete die Pistole plötzlich direkt auf Elvira.
„Wer sagt eigentlich, dass ich mit ihr zurück will? “
Stille.
Absolute Stille.
Selbst Karl wirkte erschrocken. Elviras Atem stockte.
„Michael… bitte…“
Der Junge hatte Tränen in den Augen. Doch seine Stimme blieb eiskalt.
„Du hast mein ganzes Leben zerstört. “
Dann spannte er langsam den Hahn der Pistole. Draußen im Wald kamen plötzlich Polizeisirenen näher. Erst fern. Dann immer lauter. Blaulicht flackerte zwischen den Bäumen des dunklen Waldes auf. Für Sekunden ließ es das alte Jagdhaus geisterhaft erscheinen. Im Inneren bewegte sich niemand. Michael stand mitten im Raum. Die Pistole zitterte in seinen Händen. Direkt vor ihm saß Elvira, gefesselt, blutüberströmt und voller Angst. Karl beobachtete seinen Sohn schweigend.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren wusste selbst Karl Wagner nicht mehr, was als Nächstes passieren würde.
„Michael“, sagte er langsam, „gib mir die Waffe. “
Doch der Junge schüttelte den Kopf.
„Nein. “
Seine Stimme hatte sich verändert. Sie klang kälter. Älter.
„Mein ganzes Leben war eine Lüge. “
Elvira begann zu weinen.
„Ich wollte dich nur beschützen…“
„VOR WEM?! “
Michael schrie plötzlich so laut, dass selbst Karl zusammenzuckte.
„Vor ihm?!
Oder vor dir selbst?! “
Draußen schlugen Autotüren zu. Die Polizei war da. Hobel und Späne waren angekommen. Karl blickte kurz zum Fenster.
„Wir haben keine Zeit. “
Doch Michael rührte sich nicht.
„Ist es wahr? “
Er sah Karl direkt an.
„Hast du Menschen umgebracht? “
Karl antwortete nicht sofort. Dann sagte er ruhig:
„Ja. “
Elvira schluchzte auf. Michael wurde blass.
„Wie viele? “
Karl sah zu Boden.
„Drei. “
Der Junge begann zu zittern.
„Du bist ein Monster. “
Karl lächelte traurig.
„Das sagen alle. “
Draußen brüllte plötzlich eine Stimme:
„POLIZEI! DAS HAUS IST UMGESTELLT! “
Hobel. Karl schloss kurz die Augen.
„Natürlich du. “
Späne ging hinter einem Streifenwagen in Stellung.
„Glaubst du, er ergibt sich? “
Hobel lud seine Pistole durch.
„Nein. “
Im Haus wurde die Lage immer gefährlicher. Michael hielt die Waffe noch immer auf Elvira gerichtet. Doch jetzt zitterten seine Arme heftig. Er war nur ein Kind. Ein verstörtes Kind. Karl trat langsam näher.
„Michael… hör mir zu. “
„Bleib stehen! “
Karl blieb tatsächlich stehen.
„Deine Mutter hat dir nie die Wahrheit gesagt. “
Elvira schrie verzweifelt:
„Hör nicht auf ihn! “
Doch Michael ignorierte sie. Karl sprach ruhig weiter.
„Weißt du, warum sie mich verlassen hat? “
Elvira geriet in Panik.
„Karl, bitte—“
„WEIL SIE ANGST HATTE. “
Sein Blick wurde dunkel.
„Aber nicht vor mir. “
Stille.
Dann lachte Karl plötzlich leise. Ein schreckliches Lachen.
„Sie hatte Angst davor, dass jemand erfährt, wer sie wirklich ist. “
Michael runzelte die Stirn.
„Was meinst du damit? “
Karl sah Elvira direkt an.
„Sag du es ihm. “
Elvira begann heftig zu weinen.
„Bitte…“
„SAG ES! “
Seine Stimme donnerte durchs Haus. Dann zerbrach etwas in Elvira. Sie sackte zusammen.
„Ich… ich habe damals Geld gestohlen. “
Michael blinzelte verwirrt.
„Was? “
Draußen knackte Holz unter schweren Polizeischritten. Doch drinnen hörte niemand mehr etwas außer Elviras Stimme.
„Ich arbeitete früher für eine wohlhabende Familie… als Haushaltshilfe. “
Sie schluckte schwer. Dort verschwand viel Geld. Hobel stand am Fenster und lauschte aufmerksam.
„Karl wusste Bescheid“, flüsterte Elvira.
„Er half mir, das Geld zu verstecken. “
Michael starrte sie fassungslos an.
„Ihr wart Verbrecher? “
„Nein! “ schrie Elvira.
„Nicht so, wie du denkst! “
Karl grinste bitter.
„Mit diesem Geld habt ihr euer schönes Leben aufgebaut. Viktors Haus. Die Möbel. Der Wohlstand. Alles gestohlen. “
Elvira nickte, Tränen liefen ihr über das Gesicht.
„Ich wollte neu anfangen…“
„Und hast mich verraten“, sagte Karl kalt.
„Du wurdest gefährlich! “
„Ich WAR IMMER GEFÄHRLICH! “
Er schlug mit der Faust gegen die Wand. Die Petroleumlampe fiel zu Boden. Glas zersplitterte. Öl breitete sich auf den Dielen aus. Sekunden später loderten Flammen auf. Das Feuer fraß sich durch den trockenen Raum.
„Verdammt! “, rief Späne draußen.
Rauch quoll aus den Fenstern. Im Haus brach Chaos aus. Elvira schrie. Michael stolperte zurück. Karl packte seinen Sohn.
„Wir müssen hier raus! “
Doch Michael riss sich los.
„Fass mich nicht an! “
Eine brennende Holzleiste krachte von der Decke. Funken stoben durch die Luft. Dichter Rauch füllte den Raum. Draußen trat Hobel die Tür ein.
„POLIZEI! “
Er sah die Flammen.
„ALLE RAUS HIER! “
Karl blickte zu Hobel. Zwei Männer, seit Jahren Feinde.
„Ende der Jagd“, sagte Hobel.
Karl lächelte müde.
„Vielleicht. “
Dann geschah alles gleichzeitig. Michael hob die Pistole. Ein Schuss krachte. Elvira schrie. Karl taumelte zurück. Blut breitete sich auf seinem Hemd aus. Michael ließ die Waffe fallen.
„Nein…“
Karl sank schwer gegen die Wand. Sein Blick suchte seinen Sohn. Kein Hass mehr. Keine Wut. Nur Müdigkeit.
„Du bist… stärker als ich. “
Hinter ihm brach die brennende Decke ein. Hobel stürzte vor.
„RAUS HIER! “
Er riss Michael mit sich. Späne zog Elvira aus dem Feuer. Doch Karl blieb sitzen, mitten in den Flammen. Hobel streckte ihm die Hand entgegen.
„Komm! “
Karl sah ihn an, schüttelte den Kopf.
„Ich gehöre hierher. “
Die Flammen verschlangen ihn. Sekunden später explodierte das alte Jagdhaus. Eine Feuerwalze schoss in den Nachthimmel.
Drei Wochen später. Wien. Leiser Sommerregen fiel auf den Zentralfriedhof. Viktor stand schweigend unter einem schwarzen Regenschirm. Neben ihm Michael. Der Junge hatte seit jener Nacht kaum gesprochen. Tobias hatte überlebt. Doch nichts würde je wieder normal werden. Elvira saß in Untersuchungshaft – wegen des Diebstahls und weiterer Verbrechen. Viktor hatte die Scheidung eingereicht. Die Familie war zerbrochen. Hobel trat neben Michael.
„Wie geht es dir? “
Der Junge schwieg lange. Dann fragte er leise:
„Glauben Sie, dass Menschen böse geboren werden? “
Hobel dachte nach. Der Wind rauschte durch die alten Bäume.
„Nein“, sagte er schließlich.
„Aber manche entscheiden sich irgendwann dafür. “
Michael blickte auf Karls Grab. Dann sagte er etwas, das Hobel noch jahrelang verfolgen sollte:
„Ich glaube… ein Teil von ihm lebt trotzdem in mir weiter. “
Hobel schwieg. Tief in seinem Inneren wusste er: Vielleicht hatte der Junge recht. Manche Monster verschwinden nie ganz.
**Schlusswort**
Manche Geschichten enden nicht mit dem letzten Satz. Das wahre Grauen jener Nacht in Simmering lag nicht nur in der Brutalität, im Blut oder in den Verbrechen. Es lag in den Geheimnissen. In den Lügen, die über Jahre wucherten wie Gift in den Mauern eines scheinbar perfekten Hauses. Jeder in dieser Geschichte verbarg etwas. Elvira versteckte ihre Vergangenheit. Viktor lebte in einer Ehe voller Illusionen. Karl tarnte seinen Wahnsinn mit Liebe und Besessenheit. Und Michael verlor seine Kindheit in dem Moment, als er die Wahrheit erkannte. Aus Angst wurde Gewalt. Aus Liebe wurde Hass. Und aus einem „Monster unter dem Bett“ wurde ein echter Albtraum. Vielleicht ist das die erschreckendste Wahrheit: Monster sehen nicht immer aus wie Monster. Manchmal lächeln sie freundlich. Manchmal leben sie jahrelang unerkannt in einer Familie. Manchmal entstehen sie erst durch Schmerz, Verrat und dunkle Geheimnisse. Die Nacht vom 17. Juli 1964 veränderte das Leben aller Beteiligten für immer. Zurück blieb die Erinnerung an Feuer, Blut und eine Wahrheit, die zu lange verborgen war. Bis heute erzählt man sich in Wien die Geschichte vom Mann unter dem Bett.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )