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Das Grab im Wald von Kledering

Der Sommer 1985 lastete schwer auf Wien. Die Hitze kroch durch die engen Gassen von Simmering, legte sich auf die Dächer der Gemeindebauten und hing wie ein unsichtbarer Schleier über der Simmeringer Haide. Tagsüber flimmerte der Asphalt, nachts roch die Luft nach Staub, heißem Beton und den öligen Ausdünstungen der Industrieanlagen im Osten der Stadt.

In einer kleinen Reihenhaussiedlung, unscheinbar zwischen Schrebergärten und Werkstätten, nahm eine Geschichte ihren Anfang, die man noch Jahrzehnte später erzählen würde. Damals ahnte niemand, dass der Mann mit dem freundlichen Lächeln bald verschwinden würde. Und dass jemand längst beschlossen hatte, dass er nie zurückkehren sollte.

Alex M. fiel auf, ohne laut zu sein. Er hatte diese seltene Ausstrahlung, die Räume heller machte, ohne Aufmerksamkeit zu fordern. Kollegen beschrieben ihn später als ruhig, hilfsbereit und humorvoll. Einer sagte bei seiner Einvernahme:

„Wenn Alex den Raum betrat, wurde alles leichter. “

Der 31-Jährige arbeitete als Chemielabortechniker in einem Betrieb nahe des Hafens Albern. Präzise Arbeit, lange Schichten, schlechte Luft. Doch Alex klagte nie. Nach Feierabend fuhr er oft mit dem Moped durch die Stadt, manchmal bis nach Schwechat oder entlang der Donau, um den Kopf frei zu bekommen. Er liebte Italien. Zumindest sprach er ständig davon. Von den kleinen Cafés in Triest, den engen Gassen in Venedig, den Zitronenbäumen am Gardasee. Freunde neckten ihn oft, er werde eines Tages einfach verschwinden und irgendwo am Meer eine Bar eröffnen.

„Vielleicht mach ich das wirklich“, hatte er lachend gesagt.

Damals ahnte niemand, wie wichtig dieser Satz noch werden würde. Sein Haus in der Siedlung war klein, aber gepflegt. Hinter dem Gebäude stand ein schiefer Holzschuppen, daneben ein winziger Garten mit Tomatenpflanzen und einem alten Kirschbaum. Dort lebte Alex mit seinem sechsjährigen Sohn Emil. Der Bub war stiller als sein Vater, beobachtete viel und sprach wenig. Seit der Trennung der Eltern lag etwas Unsicheres in seinem Blick, als versuche er herauszufinden, welche Welt nun die richtige war.

Die Mutter, Karin M., war vor Monaten ausgezogen. Offiziell war die Ehe noch nicht geschieden. Doch für Alex war sie längst vorbei. An einem Abend Ende Juni saß Alex mit seiner neuen Freundin Sabine auf der kleinen Terrasse hinter dem Haus. Die Sonne war gerade untergegangen, nur das Bellen eines Hundes durchbrach die Stille. Sabine rauchte eine Zigarette und musterte ihn.

„Du wirkst nervös. “

Alex trank einen Schluck Bier.

„Bin ich auch. “

„Wegen der Scheidung? “

Er nickte langsam.

„Sie macht es schlimmer, als es sein müsste. “

Sabine kannte Teile der Geschichte, aber nie alles. Alex sprach ungern darüber. Karin hatte ihn in den letzten Wochen mehrfach abgepasst. Vor dem Betrieb. Vor dem Haus. Einmal sogar beim Einkaufen. Sie schrie ihn an, beschimpfte ihn mitten auf der Straße. Zwei ältere Frauen blieben stehen und sahen entsetzt zu.

„Du glaubst, du kommst einfach davon? “ hatte Karin gebrüllt.

„Nach allem, was ich für dich getan habe? “

Alex ignorierte sie. Zumindest äußerlich. Doch innerlich fraß ihn die Sache auf. Karin M. wohnte inzwischen einige Straßen weiter bei ihrem neuen Freund Gerhard. Die Beziehung wirkte nach außen stabil, doch hinter verschlossenen Türen sah es anders aus. Gerhard arbeitete nachts als Schlosser und trank zu viel. Karin dagegen schlief kaum noch. Fast jede Nacht stand sie am Fenster der kleinen Wohnung und starrte hinaus auf die dunklen Straßen Simmerings. Manchmal beobachtete sie Menschen, die spät nach Hause kamen. Manchmal rauchte sie eine Zigarette nach der anderen. Manchmal dachte sie nur nach. Über Geld. Über Schulden. Über die Scheidung. Und über Sabine. Diese Frau war überall in ihren Gedanken. Sie stellte sich vor, wie Sabine jetzt in ihrem ehemaligen Haus saß. In ihrer Küche. Vielleicht sogar mit ihrem Sohn spielte. Der Gedanke machte sie krank.

Anfang Juli spitzte sich die Lage zu. Alex beantragte beim Gericht neue Regelungen für das Sorgerecht und den Unterhalt. Außerdem forderte er Geld zurück— 60.000 Schilling, die er einst für Karins Ausbildung bezahlt hatte. Eine Ausbildung, die sie nie beendet hatte. Für Karin fühlte sich das wie ein Angriff an. Wie eine Demütigung. Sie hatte kaum Einkommen. Schulden häuften sich. Mahnungen blieben ungeöffnet auf dem Küchentisch liegen. Die Scheidung drohte, alles endgültig zu zerstören. Und zum ersten Mal nahm in ihrem Kopf ein Gedanke Form an, der zunächst nur wie ein dunkler Schatten wirkte. Ein Gedanke, der sie selbst erschreckte. Was, wenn Alex einfach nicht mehr da wäre?

Ein paar Tage später fuhr Karin mit der S-Bahn hinaus Richtung Kledering. Sie trug eine alte Handtasche und wirkte wie eine gewöhnliche Spaziergängerin. Niemand beachtete sie. Der Wald dort war dicht und still. Zwischen den Bäumen verliefen schmale Wege, die kaum jemand nutzte. Ideal für Menschen, die allein sein wollten. Oder für Menschen, die etwas verbergen wollten.

Karin ging langsam tiefer hinein. Irgendwann blieb sie stehen. Vor einer kleinen Lichtung. Der Boden war weich. Niemand konnte später genau sagen, warum sie gerade diesen Ort wählte. Vielleicht wegen der Abgeschiedenheit. Vielleicht wegen der Stille. Vielleicht, weil hier niemand Schreie hören würde. Sie sah sich um. Dann markierte sie unauffällig einen Baum mit ihrem Fingernagel.

In den folgenden Tagen bemerkten Nachbarn Veränderungen an ihr. Sie wirkte fahrig. Abwesend. Gleichzeitig aber seltsam entschlossen. Einmal fragte ihre Freundin Monika:

„Karin… was ist los mit dir? “

Karin schwieg erst. Dann sagte sie leise:

„Manchmal muss man Dinge beenden, damit man wieder leben kann. “

Monika verstand nicht, was sie meinte. Und Karin erklärte es nicht. Währenddessen ahnte Alex nichts von der Gefahr. Er dachte an Urlaub. An Italien. An einen Neuanfang. Und an den Tag nach der Scheidung. Am Abend des 13. Juli brachte er Emil zu seinen Eltern.

„Nur übers Wochenende“, sagte er.

Seine Mutter bemerkte, dass er erschöpft aussah.

„Alles in Ordnung? “

Alex lächelte müde.

„Bald. “

Das war das letzte Mal, dass seine Eltern ihn lebend sahen. Spät in derselben Nacht saß Karin allein in der Küche. Vor ihr lag ein Blatt Papier. Darauf standen mehrere Uhrzeiten. Treffpunkt. Waldweg. Werkzeug. Sie starrte lange darauf. Ihre Hände zitterten. Dann öffnete sie langsam eine Schublade. In der Schublade lag ein großes Küchenmesser. Das Licht der Lampe glitt über die Klinge. Die Nacht verging wie im Flug.

Der 14. Juli 1985 begann drückend heiß. Schon früh am Morgen lastete schwere Luft über Wien, als hätte sich ein Gewitter festgesetzt, das nur darauf wartete, loszubrechen. In Simmering öffneten die Menschen ihre Fenster. Kinder spielten zwischen parkenden Autos. Irgendwo lief ein Radio, Falco sang. Für die meisten war es ein gewöhnlicher Sonntag. Für Karin M. war es der Tag, an dem es kein Zurück mehr gab.

Sie hatte kaum geschlafen. Die ganze Nacht lief sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, rauchte Zigaretten, kochte Kaffee, schüttete ihn wieder weg. Immer wieder sah sie auf die Uhr. 06:12. 06:47. 07:30. Jede Minute fühlte sich an wie ein Schritt näher an das Unausweichliche. Gerhard, ihr neuer Freund, war gegen fünf Uhr von der Nachtschicht heimgekommen und sofort eingeschlafen. Er bemerkte nicht, wie Karin stundenlang regungslos am Fenster stand. Er sah auch nicht, dass ihre Schuhe voller getrockneter Erde waren. Denn Karin war in der Nacht noch einmal nach Kledering gefahren. Mit der letzten S-Bahn.

Sie hatte eine kleine Klappschaufel dabei. Im Wald überprüfte sie die Stelle auf der Lichtung. Die Erde war locker, die Grube tief genug. Nicht perfekt, aber ausreichend. Immer wieder sah sie sich um. Jedes Knacken im Unterholz ließ sie zusammenzucken. Einmal glaubte sie, Schritte zu hören. Doch da war niemand. Nur der Wind in den Ästen. Und das ferne Summen der Hochspannungsleitungen.

Gegen Mittag griff Karin zum Telefon. Ihre Hände waren eiskalt. Alex hob nach dem dritten Klingeln ab.

„Hallo? “

Einen Moment lang brachte sie kein Wort heraus. Dann flüsterte sie:

„Können wir reden? “

Stille.

Alex seufzte hörbar.

„Karin… bitte nicht schon wieder. “

„Nur einmal noch. “

„Wir haben alles gesagt. “

„Nein. “

Ihre Stimme brach fast.

„Bitte. “

Wieder Stille.

Dann:

„Wo? “

Als Alex auflegte, stand Sabine neben ihm in der Küche.

„War sie das? “

Er nickte. Sabine verschränkte die Arme.

„Geh nicht hin. “

„Es geht um Emil. “

„Das sagt sie immer. “

Alex schwieg. Tief in ihm wusste er längst, dass etwas nicht stimmte. Karin war unberechenbar geworden. Ihre Wutausbrüche, die nächtlichen Anrufe, die Drohungen — all das machte ihm Angst. Und doch fühlte er sich verantwortlich. Vielleicht wegen der gemeinsamen Jahre. Vielleicht wegen Emil. Vielleicht, weil er glaubte, man könne Probleme lösen, wenn man nur lange genug ruhig blieb. Ein fataler Irrtum.

Am Nachmittag fuhr Karin früher los als vereinbart. Sie trug Jeans, eine helle Bluse und darüber eine dünne Sommerjacke, obwohl es viel zu heiß dafür war. In ihrer Tasche lag das Messer. Mehrmals dachte sie daran, umzudrehen. Noch konnte sie alles abbrechen. Noch konnte sie einfach verschwinden. Doch immer wieder tauchten dieselben Bilder in ihrem Kopf auf: Alex und Sabine. Das Haus. Die Scheidung. Die Schulden. Die Angst, alles zu verlieren. Mit jedem Kilometer wurde ihr Denken dunkler. Härter. Kälter. Der Treffpunkt lag an einer stillgelegten Zufahrtsstraße Richtung Kledering.

Alex kam mit seinem Moped. Als er den Motor ausschaltete, wirkte er angespannt.

„Also? “

Karin zwang sich zu einem ruhigen Ton.

„Ich will keinen Streit. “

„Dann fang keinen an. “

„Ich will nur reden. “

Alex betrachtete sie misstrauisch. Er bemerkte, wie blass sie war. Und wie sonderbar ruhig. Nicht hysterisch wie sonst. Fast kontrolliert. Das machte ihn nervöser als jedes Geschrei. Sie gingen nebeneinander den Waldweg entlang. Anfangs schwiegen sie. Nur ihre Schritte knirschten auf dem trockenen Boden. Die Sonne fiel in schmalen Streifen durch die Bäume und warf lange Schatten ins Unterholz. Irgendwann begann Karin zu reden. Über früher. Über Emil. Über die Zeit, als sie glücklich gewesen waren. Alex hörte nur halb zu. Er wollte das Gespräch schnell hinter sich bringen.

„Karin“, sagte er schließlich, „es bringt nichts mehr. “

Sie blieb stehen.

„Wegen ihr? “

„Nein. “

„Du liebst sie. “

„Darum geht’s nicht. “

„Doch! “

Ihre Stimme wurde schärfer.

„Es geht immer nur um sie! Seit sie da ist, behandelst du mich wie Dreck! “

„Wir sind seit Jahren kaputt. “

„Ich hätte zurückkommen können! “

„Nein. “

Das Wort traf sie wie ein Schlag. Alex sah sie direkt an.

„Es ist vorbei. “

Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht. Später würden Ermittler sagen, Zeugen hätten beschrieben, Karin könne „innerhalb von Sekunden eiskalt werden“. Genau das geschah jetzt. Die Verzweiflung wich. Zurück blieb Leere. Alex bemerkte es zu spät. Er drehte sich halb weg, fuhr sich müde durchs Haar und sagte:

„Ich kann das nicht mehr. “

Dann machte er einen Schritt den Waldweg hinunter. Hinter ihm glitt lautlos Karins Hand in die Tasche. Der erste Stich traf ihn seitlich in den Rücken. Alex keuchte vor Schmerz und taumelte nach vorne. Einen Sekundenbruchteil lang verstand er nicht, was geschehen war. Dann kam der zweite Stich. Und der dritte. Panik explodierte in ihm. Er versuchte, sich umzudrehen, doch Karin stach weiter auf ihn ein — hektisch, schnell, voller unterdrückter Wut.

„Du lässt mich nicht allein! “

Ein weiterer Stich.

„Du ruinierst mich nicht! “

Noch einer.

Alex stolperte rückwärts gegen einen Baum. Blut bedeckte seine Hände.

„Karin…“

Mehr brachte er nicht heraus. Sein Blick schwankte zwischen Entsetzen und Unglauben. Sein Verstand weigerte sich zu begreifen, dass ausgerechnet die Frau, mit der er Jahre verbracht hatte, ihn jetzt tötete. Der Wald verschluckte jedes Geräusch. Nur Vögel flatterten erschrocken aus den Ästen. Alex sank schließlich auf die Knie. Karin stand schwer atmend vor ihm. Das Messer tropfte rot auf den trockenen Boden. Noch lebte er. Sie sah es in seinen Augen. Und genau das jagte ihr plötzlich Angst ein.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Keine Rettung. Nur noch das Ende. Später zählte die Gerichtsmedizin siebzehn Messerstiche. Einige blieben oberflächlich. Andere trafen tödlich. Einer verletzte die Lunge. Ein anderer verfehlte das Herz nur knapp. Alex starb nicht sofort. Er verblutete langsam zwischen den Bäumen von Kledering, während über Wien die Abendsonne unterging.

Karin stand minutenlang regungslos da. Das Blut an ihren Händen begann bereits zu trocknen. In der Ferne hörte sie plötzlich ein mechanisches Klicken. Sie fuhr herum. Zwischen zwei Bäumen hing ein kleiner dunkler Kasten. Fast unsichtbar. Sie begriff nicht sofort, was es war. Doch das ungute Gefühl blieb. Dann hörte sie Stimmen. Sehr weit entfernt. Vielleicht Spaziergänger. Vielleicht Einbildung. Panik durchzuckte sie. Jetzt musste alles schnell gehen. Mit letzter Kraft zog sie den leblosen Körper zur vorbereiteten Stelle im Wald. Mehrmals blieb sie keuchend stehen. Alex wog schwerer, als sie gedacht hatte. Seine Schuhe hinterließen Schleifspuren im Boden. Spuren, die später noch wichtig werden sollten. An der Lichtung angekommen, wickelte sie den Körper hektisch in Malervlies, das sie zuvor versteckt hatte. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum knoten konnte. Immer wieder blickte sie sich um. Jeder Schatten schien sich zu bewegen. Jeder Laut ließ ihr Herz rasen. Dann begann sie zu graben. Und der Wald wurde langsam dunkel. Zur selben Zeit saß Emil bei seinen Großeltern vor dem Fernseher und wartete darauf, dass sein Vater ihn wie versprochen am nächsten Tag abholen würde. Doch Alex würde nie wieder kommen. Denn tief im Wald von Kledering begann unter frisch aufgeworfener Erde ein Geheimnis zu verschwinden.

Am Morgen des 15. Juli 1985 lag Wien unter einem grauen Himmel. Das angekündigte Gewitter war endlich gekommen. Regen peitschte gegen Fenster, Straßenbahnen quietschten durch nasse Kurven, und über Simmering hing ein dumpfes Donnergrollen. Karin M. saß regungslos am Küchentisch. Vor ihr stand eine kalte Tasse Kaffee. Seit Stunden. Sie hatte die ganze Nacht kaum geschlafen. Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie Alex im Wald. Sein Blick. Das Blut. Seine Stimme.

„Karin…“

Sie presste die Hände gegen die Ohren. Doch die Erinnerung ließ sich nicht abschütteln. Gerhard kam verschlafen aus dem Schlafzimmer.

„Du bist schon wach? “

Karin nickte nur.

Er öffnete den Kühlschrank, nahm eine Bierflasche heraus und musterte sie.

„Was ist los mit dir? “

„Nichts. “

„Du schaust aus wie ein Geist. “

Sie antwortete nicht.

Zum ersten Mal bemerkte Gerhard die Kratzer an ihren Armen.

„Was ist das? “

„Bin im Wald gestürzt. “

„Mitten in der Nacht? “

Karin hob langsam den Blick. Etwas Kaltes lag darin. Etwas, das ihn sofort verstummen ließ.

„Frag nicht. “

Gerhard sagte später bei seiner Aussage, genau in diesem Moment habe er gespürt, dass „etwas Furchtbares passiert sein musste“. Aber er fragte tatsächlich nicht weiter. Vielleicht aus Angst. Vielleicht, weil er die Antwort nicht hören wollte. Währenddessen wartete Emil noch immer auf seinen Vater. Der Junge saß bei den Großeltern im Wohnzimmer und spielte schweigend mit kleinen Modellautos. Immer wieder lief er zum Fenster, sobald draußen ein Motorengeräusch zu hören war. Doch Alex kam nicht. Am frühen Nachmittag erschien Karin unangekündigt. Sie wirkte erschöpft, aber kontrolliert. Fast zu kontrolliert. Alex’ Mutter bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Wo ist Alex? “

Karin stellte ihre Handtasche ab.

„Er ist weg. “

„Was heißt weg? “

„Er hat mich gestern getroffen. “

Kurze Pause.

„Er meinte, er hält das alles nicht mehr aus. “

„Wovon redest du? “

„Er ist wahrscheinlich nach Italien gefahren. “

Im Raum wurde es still. Emil blickte auf.

„Ohne mich? “

Für einen winzigen Augenblick zögerte Karin. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln.

„Er braucht Zeit. “

Alex’ Vater trat näher.

„Das glaubst du doch selbst nicht. “

„Er hat oft davon gesprochen. “

„Ja. Urlaub. “

„Vielleicht ist es diesmal mehr. “

Die Mutter schüttelte langsam den Kopf.

„Alex würde niemals verschwinden, ohne seinen Sohn zu holen. “

Karin schwieg.

Sie nahm Emil an die Hand.

 „Komm. Du bleibst vorerst bei Oma und Opa. “

Der Junge weinte. Draußen schlug der Regen gegen die Fenster. Niemand ahnte, dass Alex zu diesem Zeitpunkt schon tot unter feuchter Erde lag. Zwei Tage später meldete die Familie ihn offiziell als vermisst. Die Polizei reagierte routiniert: Erwachsener Mann. Keine Hinweise auf Gewalt. Möglicherweise freiwillig verschwunden. Der zuständige Beamte notierte sachlich:

„Familiäre Konflikte vorliegend. Eventuell Auslandsaufenthalt. “

Doch Alex’ Eltern glaubten das keine Sekunde. Besonders seine Mutter wurde immer verzweifelter.

„Er würde Emil nie verlassen. “

Immer wieder wiederholte sie diesen Satz, als könnte sie damit die Realität aufhalten. Im Kommissariat Simmering übernahmen zwei Ermittler den Fall, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Revierinspektor Franz Hobel, Ende fünfzig, groß, schweigsam, wirkte mit seinem grauen Mantel eher wie ein pensionierter Lehrer als wie ein Kriminalbeamter. Er sprach wenig, beobachtete dafür umso genauer. Sein jüngerer Kollege Artur Späne dagegen war impulsiv, laut und dafür bekannt, Menschen binnen Minuten nervös zu machen. Gemeinsam galten sie als unbequem. Und hartnäckig. Sehr hartnäckig.

„Also“, sagte Späne und warf die Akte auf den Tisch, „entweder der Typ sitzt irgendwo am Gardasee und säuft Rotwein…“

„Oder? “, fragte Hobel ruhig.

„Oder wir haben hier eine Leiche. “

Hobel blätterte schweigend durch die Unterlagen: Scheidung. Streit um Geld. Neue Freundin. Eifersucht. Selbstmordversuch der Ehefrau. Er hob langsam den Blick.

„Die Frau. “

Späne grinste schief.

„Dachte ich auch. “

Noch am selben Abend suchten sie Karin auf. Sie öffnete die Tür erstaunlich gefasst.

„Kriminalpolizei. “

„Ja? “

Hobel sah sofort auf ihre Hände. Keine Verletzungen mehr sichtbar, aber die Fingernägel waren ungewöhnlich kurzgeschnitten, fast abgekaut.

„Wir hätten ein paar Fragen. “

Karin ließ sie herein. Die Wohnung roch nach Rauch und abgestandenem Kaffee. Auf dem Tisch lagen ungeöffnete Rechnungen. Späne sah sich um.

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen? “

„Sonntag. “

„Wo? “

„Beim Reden. “

„Wo genau? “

„Spazieren. “

„Wo spazieren? “

Karin zögerte kaum merklich.

„In der Nähe von Kledering. “ Hobel bemerkte das sofort. Dieses winzige Stocken, diese halbe Sekunde. Für erfahrene Ermittler oft wertvoller als jedes Geständnis.

„Und danach? “, fragte Hobel ruhig.

„Danach ist er gefahren. “

„Wohin? “

„Keine Ahnung. “

„Hat er Gepäck mitgehabt? “

„Nein. “

„Geld? Reisepass? Kleidung? “

Karin schwieg. Späne verschränkte die Arme.

„Schon seltsam für jemanden, der plötzlich nach Italien verschwindet. “

Sie hob trotzig das Kinn.

„Vielleicht wollte er einfach weg. “

„Von seinem Sohn auch? “

Da flackerte zum ersten Mal Nervosität in ihren Augen auf. Nur kurz. Aber Hobel sah es. In diesem Moment wusste er beinahe sicher: Sie log. Die Ermittlungen wurden intensiver. Kollegen von Alex berichteten, er sei optimistisch gewesen, habe von Urlaub und Zukunftsplänen gesprochen. Nichts deutete auf Flucht hin. Auch Sabine sagte aus:

„Er hatte Angst vor Karin. Aber abhauen? Niemals. “

Dann meldete sich ein Zeuge: Ein älterer Mann, der am Abend des 14. Juli nahe Kledering unterwegs war. Er hatte einen Streit gehört. Einen Mann. Eine Frau. Und später ein Fahrzeug. Die Polizei durchkämmte das Waldgebiet. Karin erfuhr davon zufällig. Ein Nachbar erwähnte beim Einkaufen, das er es zufällig mitbekam:

„Das die Polizei den Wald von Kledering absuchte. “

In diesem Moment zog sich alles in ihr zusammen. Sie fuhr noch am selben Abend nach Kledering. Allein. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht, ihre Schuhe sanken tief in den Matsch. Als sie die Lichtung erreichte, blieb ihr fast das Herz stehen. Die Erde war teilweise abgesackt. Ein Stück Malervlies ragte sichtbar hervor. Karin begann panisch zu graben. Mit bloßen Händen. Der Schlamm klebte unter ihren Fingernägeln. Sie musste tiefergraben. Schneller. Plötzlich hörte sie in der Ferne ein metallisches Klicken. Wieder dieses Geräusch. Sie blickte hoch. Zwischen den Bäumen hing derselbe kleine dunkle Kasten. Diesmal erkannte sie ihn: eine Wildkamera.

Am nächsten Morgen stand Franz Hobel mit verschränkten Armen vor einem verwackelten Schwarzweißbild. Darauf: Eine Frau. Nachts im Wald. Nahe der späteren Fundstelle. Nicht klar genug für einen Beweis, aber klar genug für einen Verdacht. Späne grinste düster.

„Jetzt haben wir dich. “

Doch Hobel schwieg. Denn erfahrene Ermittler wussten: Der gefährlichste Moment in einem Mordfall war nicht die Festnahme, sondern die Zeit davor. Die Zeit, in der ein Täter spürte, dass sich die Schlinge langsam zuzog. Genau dann werden Menschen unberechenbar. In derselben Nacht saß Karin wieder allein in ihrer Küche. Vor ihr lag ein Zeitungsausschnitt über Vermisstenfälle. Daneben das Küchenmesser. Sorgfältig gereinigt. Sie starrte lange darauf. Dann begann plötzlich das Telefon zu läuten. Einmal. Zweimal. Dreimal. Karin hob langsam ab – und erstarrte. Denn am anderen Ende sagte eine ruhige Männerstimme:

„Frau M.? Wir müssen noch einmal über Ihren Mann sprechen. “

Karin hielt den Hörer so fest, dass ihre Finger schmerzten. Die Stimme am anderen Ende blieb ruhig. Fast freundlich. Doch genau das machte ihr Angst.

„Frau M.? Sind Sie noch da? “

„Ja. “

„Revierinspektor Hobel. Wir würden morgen gern noch einmal mit Ihnen sprechen. “

Ihr Herz raste.

„Warum? Ich habe doch schon alles gesagt. “

Kurze Stille.

Dann antwortete Hobel langsam:

„Vielleicht. “

Mehr sagte er nicht. Kein Vorwurf. Keine Drohung. Nur dieses eine Wort. Vielleicht. Als Karin auflegte, bemerkte sie erst, dass ihre Hand zitterte. Die ganze Nacht wanderte sie rastlos durch die Wohnung. Draußen peitschte der Regen gegen die Fenster. Immer wieder glaubte sie, Schritte im Stiegenhaus zu hören. Oder Stimmen. Sie zog die Vorhänge zu. Kontrollierte die Türschlösser. Sie sah mehrmals aus dem Fenster auf die Straße. Niemand war zu sehen. Nur die orangefarbenen Laternen spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Im Schlafzimmer schlief Gerhard tief. Karin betrachtete ihn lange. Er wusste nichts. Oder nicht genug. Plötzlich fragte sie sich, ob sie ihm alles erzählen sollte. Vielleicht würde er helfen. Vielleicht mit ihr verschwinden. Doch dann erinnerte sie sich an seinen Blick, als er die Kratzer an ihren Armen gesehen hatte. Nein. Gerhard würde zuerst an sich denken. Wie alle.

Am nächsten Morgen betrat sie das Kommissariat Simmering. Das Gebäude wirkte trostlos wie immer: graue Wände, flackernde Neonröhren, abgestandene Luft. Artur Späne wartete im Vernehmungszimmer. Er stand am Fenster und rauchte.

„Setzen Sie sich. “

Karin nahm Platz. Wenige Sekunden später trat Hobel ein, eine Mappe unter dem Arm. Er setzte sich langsam ihr gegenüber und schwieg. Er sah sie nur an. Lange. Zu lange. Karin wich seinem Blick aus.

„Frau M.“, begann Hobel schließlich ruhig, „Sie sagten, Ihr Mann wollte nach Italien. “

„Ja. “

„Interessant. “

Er öffnete die Mappe. „Denn laut seinen Eltern hatte er kaum Geld bei sich. “

Keine Antwort.

„Sein Reisepass liegt zuhause. “

Stille.

„Seine Kleidung ebenfalls. “

Karin verschränkte die Arme.

„Vielleicht wollte er später zurückkommen. “

Späne schnaubte leise.

„Ohne seinen Sohn? “

„Ich weiß nicht, was in ihm vorging! “

Zum ersten Mal wurde ihre Stimme lauter. Hobel reagierte nicht. Er zog ein Foto hervor und legte es auf den Tisch. Ein verschwommenes Bild: Wald, Bäume, eine Gestalt. Karin erkannte sofort die Lichtung von Kledering. Ihr Herz setzte fast aus.

„Wissen Sie, was das ist? “, fragte Hobel.

Sie zwang sich zur Ruhe.

„Nein. “

„Eine Wildkamera. “

Späne trat näher.

„Zufällig hing die genau dort, wo Sie angeblich spazieren waren. “

Karin schwieg. Schweiß lief ihr in den Nacken. Hobel beobachtete jede ihrer Bewegungen. Jedes Zucken. Jeden Atemzug. Dann sprach er weiter.

„Zeugen haben Streit gehört. “

„Das beweist nichts. “

„Nein. “

Er nickte langsam.

„Aber es ergibt ein Bild. “

Stunden vergingen. Die Fragen wurden präziser. Karin verstrickte sich in Widersprüche. Einmal sagte sie, Alex habe ruhig gewirkt. Später behauptete sie, er sei wütend davongefahren. Dann wieder, er habe über Italien gesprochen. Späne ließ nicht locker.

„Welche Route wollte er nehmen? “

„Keine Ahnung. “

„Mit welchem Geld? “

„Weiß ich nicht. “

„Warum hat er seinen Sohn nicht informiert? “

„Ich weiß es nicht! “

„Warum waren Sie nachts wieder im Wald? “

Da erstarrte sie. Zu spät. Sie hatte den Fehler sofort bemerkt. Späne grinste kalt.

„Aha. “

Karin schluckte schwer.

„Ich war nicht dort. “

„Doch“, sagte Hobel leise. „Das Bild zeigt Sie. “

„Das kann jeder sein. “

„Vielleicht. “

Wieder dieses Wort. Vielleicht. Doch diesmal klang es wie eine Schlinge, die sich zuzog. Nach der Vernehmung durfte sie gehen. Noch reichten die Beweise nicht. Doch Hobel wusste längst, dass der Druck wirkte.

„Sie bricht bald“, sagte Späne am Kaffeeautomaten.

Hobel nickte nicht sofort.

„Vielleicht. “

„Jetzt fang du nicht auch damit an. “

Zum ersten Mal lächelte Hobel leicht.

„Menschen gestehen nicht wegen Beweisen. “

„Sondern? “

„Wegen Angst. “

Und Karin bekam Angst. Große Angst. In den folgenden Tagen wurde sie zunehmend nervöser. Nachbarn sahen, wie sie mitten in der Nacht die Wohnung verließ. Wie sie hektisch telefonierte. Wie sie mehrmals Müllsäcke fortbrachte. Gerhard wurde misstrauisch.

„Was hast du getan? “

Karin reagierte aggressiv.

„Nichts! “

„Die Polizei kommt dauernd wegen dir! “

„Dann sollen sie doch! “

Er packte ihren Arm.

„Karin…“

Sie riss sich los. Und plötzlich schrie sie:

„Du verstehst gar nichts! “

Gerhard wich erschrocken zurück. In ihren Augen lag etwas Wildes. Etwas, das er noch nie gesehen hatte.

Am Abend des 22. Juli geschah das Entscheidende. Ein Suchtrupp fand nahe der Lichtung frische Erdverwerfungen. Die Beamten begannen zu graben. Erst fanden sie Stoffreste. Dann Malervlies. Und schließlich menschliche Haut. Ein junger Streifenpolizist, der zuerst den Arm sah, musste sich übergeben. Franz Hobel blieb regungslos stehen. Er zog langsam seine Handschuhe aus.

„Wir haben ihn. “

Die Nachricht verbreitete sich rasch im Bezirk. In Simmering sprach plötzlich jeder darüber. Der verschwundene Alex war tot. Ermordet. Vergraben im Wald von Kledering. Alex’ Mutter brach zusammen, als Hobel ihr die Nachricht überbrachte. Sein Vater schwieg minutenlang. Nur Emil verstand nicht, was geschehen war.

„Wann kommt Papa jetzt heim? “

Niemand konnte ihm antworten. Noch in derselben Nacht brachte man Karin erneut ins Kommissariat. Diesmal wartete kein normales Verhör. Diesmal wussten alle, dass sie die Hauptverdächtige war. Als sie den Vernehmungsraum betrat, saß Hobel bereits dort. Vor ihm lagen Fotos vom Fundort und das gerichtsmedizinische Gutachten. Karin setzte sich langsam. Ihre Lippen waren trocken.

„Frau M.“, sagte Hobel ruhig, „wir haben Ihren Mann gefunden. “

Sie schloss die Augen. Nur für einen Moment. Dann öffnete sie sie wieder. Etwas in ihr schien zu zerbrechen. Späne legte die Tatortfotos vor sie hin. Blut. Erde. Das Malervlies.

„Wollen Sie weiterhin behaupten, er sei nach Italien gefahren? “

Karin starrte minutenlang auf die Bilder. Niemand sprach. Draußen tickte irgendwo eine Uhr. Dann begann sie zu weinen. Leise zuerst. Fast tonlos. Schließlich flüsterte sie:

„Ihr braucht nicht mehr weiterzusuchen…“

Hobel schwieg. Karin hob langsam den Kopf. Tränen liefen über ihr Gesicht. Dann sprach sie den Satz, der später in allen Zeitungen stehen würde:

„Er ist tot. “

Im Raum wurde es still. Nur das Summen der Neonröhre war zu hören. Karin M. saß zusammengesunken auf dem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet. Ihre Schultern zitterten leicht. Vor ihr lagen die Fotos aus dem Wald von Kledering — Bilder, die jede Hoffnung zerstörten. Franz Hobel beobachtete sie schweigend. Er wusste: Der entscheidende Moment nach einem Geständnis war nicht der Zusammenbruch. Sondern das, was danach kam. Artur Späne schob ihr ein Glas Wasser hin.

„Wie ist es passiert? “

Karin antwortete nicht. Sie starrte auf ihre Hände. Dann flüsterte sie:

„Ich wollte das alles nicht. “

Späne blieb hart.

„Aber Sie haben es getan. “

Langsam nickte sie. Plötzlich schien alle Kraft aus ihr zu weichen. Die Worte kamen stockend, abgehackt. Wie Erinnerungen, die sie selbst kaum ertrug. Sie erzählte von der Scheidung. Von den Schulden. Von Sabine. Von der Angst, alles zu verlieren.

„Er wollte mir alles wegnehmen. “

„Meinen Sohn! “

„Mein Leben! “

Zum ersten Mal hob sie die Stimme.

„Er hatte schon jemand Neues! Ein neues Haus, ein neues Leben, neue Zukunftspläne… und ich? “

Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen.

„Ich war am Ende. “

Hobel unterbrach sie ruhig.

„Deshalb haben Sie die Grube vorbereitet? “

Karin erstarrte. Damit wussten die Ermittler: Die Tat war geplant. Kein Affekt. Kein spontaner Streit. Sie hatte Tage vorher begonnen. Nach langem Schweigen nickte sie erneut.

„Ich war vorher dort. “

„Wie oft? “

„Zweimal. “

„Mit der Schaufel? “

„Ja. “

Späne schrieb jedes Wort mit. Der Raum schrumpfte plötzlich. Wurde schwerer. Dichter. Karin sprach weiter. Sie rief Alex an. Sie hoffte, er würde seine Meinung ändern. Sie wollte im Wald ein letztes Gespräch führen.

„Aber er hat mich angesehen… als wäre ich nichts mehr. “

Ihre Stimme brach.

„Da wusste ich… ich verliere alles. “

Hobel fragte leise:

„Und dann? “

Karin schloss die Augen.

„Dann habe ich das Messer genommen. “

Zum ersten Mal schilderte sie die Tat selbst. Den ersten Stich. Alex’ überraschten Blick. Das Blut. Seine Stimme. Sie begann heftig zu zittern.

„Er hat meinen Namen gesagt. “

Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht.

„Ich höre das immer noch. “

Späne schwieg nun ebenfalls. Denn selbst erfahrene Ermittler wissen: Manche Geständnisse hinterlassen eine Kälte im Raum, die man nie vergisst. Die Vernehmung zog sich bis tief in die Nacht. Am Ende unterschrieb Karin ihr Geständnis mit zitternder Hand. Darunter stand:

„Ich musste es tun. Wenn ich die Scheidung verloren hätte, wäre ich am Ende gewesen. “

Kein Mensch im Raum glaubte diesen Satz wirklich. Denn nichts erklärt siebzehn Messerstiche. Nichts erklärt ein vorbereitetes Grab. Und nichts erklärt, warum ein Kind seinen Vater verlieren musste. Die Nachricht verbreitete sich am nächsten Morgen in ganz Wien. Zeitungen titelten:

„Ehemann im Wald ermordet“

„Scheidung eskaliert zum Blutdrama“

„Frau gesteht geplanten Mord“

Besonders der Bezirk Simmering war erschüttert. Viele kannten Alex. Den freundlichen jungen Mann mit dem Moped. Den Vater, der ständig mit seinem Sohn unterwegs war. Den Menschen, der immer lachte. Niemand konnte begreifen, dass gerade er so enden sollte. Die Gerichtsmedizin bestätigte schließlich das ganze Ausmaß der Tat. Siebzehn Messerstiche. Mehrere davon tödlich. Außerdem Spuren heftiger Gegenwehr. Alex kämpfte bis zuletzt.

Der Staatsanwalt sprach später von einer:

„Hinrichtung aus Besitzdenken und zerstörerischer Eifersucht. “

Der Prozess begann Monate später im Wiener Landesgericht. Das öffentliche Interesse war enorm. Der Gerichtssaal war überfüllt. Journalisten drängten sich auf den Bänken, Fotografen warteten vor dem Eingang, und immer wieder berichteten sie über die grausamen Details. Karin erschien blass und verändert. Fast zerbrechlich. Doch sobald es um Alex ging, wirkte ihr Blick seltsam leer. Der Vorsitzende Richter beschrieb die Tat schließlich als: „außergewöhnlich kalt vorbereitet. “

Besonders erschütternd war die Aussage von Emil. Der kleine Junge musste nicht vor Gericht sprechen, doch ein Psychologe schilderte seine Worte. Immer wieder habe Emil gefragt:

 „Warum hat Mama Papa nicht einfach in Ruhe gelassen? “

Viele im Saal weinten. Selbst einige Journalisten senkten den Blick. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um Mord. Sondern um das zerstörte Leben eines Kindes. Franz Hobel sagte später als Zeuge aus. Ruhig. Sachlich. Ohne jede Emotion. Doch ein Satz blieb vielen im Gedächtnis:

„Herr M. plante eine Zukunft. Frau M. plante ein Grab. “

Im Saal wurde es vollkommen still. Die Verteidigung versuchte, Karin als psychisch instabil darzustellen. Verzweifelt. Überfordert. Doch die Vorbereitung der Tat wog schwer. Das ausgehobene Grab. Die Täuschung der Familie. Die erfundene Geschichte über Italien. Und schließlich der Versuch, die Spuren zu verwischen.

Am Ende folgte das Gericht weitgehend der Anklage. Karin M. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zusätzlich stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Als das Urteil fiel, reagierte sie kaum. Nur einmal fragte sie leise:

„Und Emil? “

Doch darauf hatte niemand eine Antwort. Emil kam tatsächlich zu den Großeltern väterlicherseits. Dort wuchs er auf. Still. Zurückgezogen. Menschen aus dem Umfeld erzählten später, dass er jahrelang nicht über seine Eltern sprechen konnte. Den Namen seiner Mutter erwähnte man zuhause kaum noch. Und Alex?

Von ihm blieb ein kleines Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Oft lagen dort frische Blumen. Manchmal steckten italienische Fähnchen aus Papier, die Emil als Jugendlicher dort hinlegte. Eine stille Erinnerung an die Reisen, von denen sein Vater immer geträumt hatte. Franz Hobel ging einige Jahre später in Pension. Ein Journalist fragte ihn einmal nach dem Fall von Kledering. Ob ihn dieser Mord verändert habe. Der alte Ermittler dachte lange nach. Dann antwortete er:

„Die gefährlichsten Täter sind nicht die Lauten. Sondern jene, die glauben, ohne einen Menschen nicht leben zu können. “

Der Wald von Kledering existiert noch heute. Die Lichtung ist längst vom Gras überwachsen. Der Regen hat die Spuren fortgespült. Die Bäume sind höher geworden. Nichts erinnert dort mehr an den Sommer 1985. Außer vielleicht die Stille. Denn manche Orte vergessen nie ganz, was in ihnen geschehen ist. Und irgendwo zwischen den dunklen Bäumen scheint manchmal noch immer ein fernes Echo zu liegen: Ein letzter Streit. Ein unterdrückter Schrei. Und das Geräusch von Erde, die auf ein Grab fällt.

 

**Schlusswort**

Diese Geschichte ist mehr als ein Kriminalfall. Sie zeigt, wie Liebe in Besitzdenken umschlagen kann. Wie Verletzung, Angst und Eifersucht einen Menschen Schritt für Schritt in die Dunkelheit treiben — bis irgendwann jede Grenze fällt. Alex verlor sein Leben. Emil verlor seinen Vater und zugleich seine Mutter. Und Karin verlor am Ende genau das, was sie um jeden Preis festhalten wollte: ihre Zukunft. Besonders erschreckend ist nicht nur die Brutalität der Tat, sondern ihre Kälte. Das vorbereitete Grab, die Lügen, die erfundene Flucht nach Italien — all das zeigt, wie aus emotionalem Chaos ein geplanter Mord wurde. Doch trotz aller Tragik bleibt eines im Gedächtnis: Die Erinnerungen der Menschen an Alex. An einen lebensfrohen Mann, der anderen Wärme gab. An einen Vater, der Pläne hatte. An jemanden, der weiterleben wollte. Kriminalgeschichten faszinieren uns oft wegen ihrer Spannung. Aber hinter jeder solchen Geschichte stehen echte menschliche Abgründe — und Menschen, deren Leben unwiederbringlich zerstört wurden. Und manchmal bleibt nach dem letzten Kapitel nur eine einzige Frage zurück: Wie hätte alles anders enden können, wenn nur ein Mensch rechtzeitig losgelassen hätte?

 

Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering

 

Andreas Kmeth                                                                

( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )

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