
Die falsche Unterschrift
Über den Dächern Wiens 1998 lag ein grauer Novembermorgen, schwer wie das Geheimnis, das seit vier Jahren auf dem kleinen Friedhof in Simmering lastete. Nebelschwaden krochen zwischen den Grabsteinen, als wollten sie etwas verbergen – oder jemanden.
Franz Hobel zog den Mantelkragen hoch und betrachtete die geöffnete Gruft. Der Geruch feuchter Erde mischte sich mit dem metallischen Klang von Werkzeug. Neben ihm stand Artur Späne, jung, ehrgeizig, mit einem Blick, der entweder Idealismus oder Naivität verriet.
„Vier Jahre“, murmelte Späne. „Und jetzt holen wir ihn wieder raus. “
„Die Toten haben Zeit“, erwiderte Hobel trocken. „Die Lebenden nicht. “
Der Tote war einst einer der reichsten Kaufleute Simmerings. Ein verschrobener Witwer, der mit seinen Schäferhunden Rolfi und Fodi mehr sprach als mit Menschen. Sein Vermögen hatte er einem Tierheim vermacht – bis er wenige Wochen vor seinem Tod an einem Darmverschluss sein Testament änderte. Begünstigt: seine Masseurin und spätere Pflegerin. Eine Frau mit Vergangenheit. Und mit vielen Namen.
Jetzt saß sie in Untersuchungshaft.
Im Verhörraum des Landeskriminalamts lag ein Brief auf dem Tisch. Hobel betrachtete ihn, als könnte er ihn mit bloßem Willen zum Reden bringen.
„‚Die Unterschrift von dem Trottel wurde nie überprüft. ‘“ Späne las den Satz erneut laut. „Wer schreibt so etwas? “
„Jemand, der sich sicher fühlt“, sagte Hobel. „Oder jemand, der will, dass wir das glauben. “
Der Brief war von einem Gefängniswärter abgefangen worden. Absender: ein Ex-Häftling namens „Hollywood“. Derselbe Mann, der Anzeige erstattet hatte. Derselbe, der behauptete, der Masseurin 100.000 Schilling geliehen zu haben –für einen angeblichen Doppelgänger des Millionärs.
„Ein Doppelgänger“, wiederholte Späne ungläubig. „Das klingt absurd. “
Hobel blieb ernst. „In meinem Job habe ich gelernt: Je absurder etwas klingt, desto näher sind wir oft an der Wahrheit. Oder an einer besonders guten Lüge. “
Die 44-Jährige saß kerzengerade im Vernehmungszimmer. Gepflegt, dezentes Make-up, unschuldiger Blick. Ihre Stimme war weich, fast brüchig.
„Ich habe ihn gepflegt“, sagte sie. „Ich war die Einzige, die sich gekümmert hat. Seine Hunde, sein Haus, seine Medikamente. Glauben Sie wirklich, ich hätte ihm geschadet? “
Hobel schwieg.
Späne lehnte sich vor. „Sie sind plötzlich Alleinerbin geworden. Haus, Konten, Wertpapiere. “
„Er hat es so gewollt“, sagte sie ruhig. „Er hat mir vertraut. “
„Und das Tierheim? “
Ein kaum merkliches Zucken ging über ihr Gesicht. „Er war enttäuscht von ihnen. Sie wollten seine Hunde nur wegen des Geldes. “
Hobel notierte sich das. Menschen, die anderen Gier vorwerfen, kennen sich oft gut damit aus.
Das Testament war bei einem Notar errichtet worden – weit entfernt von Simmering. Der Millionär, schwer gehbehindert, soll dort zehn Stufen ohne Rollator überwunden haben.
„Unmöglich“, murmelte Späne, als sie die Fotos betrachteten.
„Oder inszeniert“, entgegnete Hobel.
Der Notar beteuerte, alles sei korrekt verlaufen. Der Erblasser habe klar gesprochen, gewusst, was er tat. Kein Zweifel an seiner Geschäftsfähigkeit.
Doch das Gutachten widersprach: Die Unterschrift auf dem Testament vom 20. September 1978 – angeblich identisch mit der auf der Änderung – wich in markanten Details ab. Druck, Schwung, Linienführung.
„Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht echt“, las Späne.
„Hohe Wahrscheinlichkeit ist kein Beweis“, sagte Hobel. „Aber ein Anfang. “
Der zweite Verdächtige war ein Arzt. Fahles Gesicht, zitternde Hände, Vorliebe für Alkohol und Beruhigungsmittel.
„Ich habe ihn nur medizinisch betreut“, sagte er im Verhör. „Er hatte Darmprobleme. Chronisch. “
„Und doch starb er überraschend“, sagte Hobel.
„Ein Darmverschluss kann tödlich sein. “
„Oder verursacht werden. “
Der Arzt lachte nervös. „Sie sehen Gespenster. “
Hobel sah ihm lange in die Augen. Dort war Angst. Aber war es die Angst eines Schuldigen – oder die eines Mannes, der in einen Strudel geraten war?
Am Abend saßen Hobel und Späne im Büro. Akten stapelten sich, Medienanfragen blinkten auf dem Bildschirm.
„Unser Vorgesetzter will Ergebnisse“, sagte Späne. „Die Presse sitzt ihm im Nacken. “
„Die Presse sitzt immer im Nacken“, brummte Hobel.
Späne zögerte. „Was, wenn wir falsch liegen? Was, wenn sie uns eine Spur legen? Der Brief. Der Ex-Häftling. Der Doppelgänger. Vielleicht ist das alles nur Theater. “
Hobel trat ans Fenster. Die Lichter Wiens funkelten im Nebel.
„Artur“, sagte er leise, „in diesem Fall lügt jeder. Die Frage ist nur: Wer lügt am geschicktesten? “
Da klingelte das Telefon.
Eine verzerrte Frauenstimme: „Sie suchen am falschen Grab. “
Die Verbindung brach ab.
Späne erstarrte. „Was soll das heißen? “
Hobel legte auf. „Das“, sagte er ruhig, „finden wir heraus. “
Am nächsten Morgen betrat Hobel erneut den Friedhof. Die Gruft war wieder verschlossen, das Gewebe zur toxikologischen Untersuchung ins Labor geschickt. Offiziell warteten sie auf Ergebnisse. Inoffiziell auf ein Wunder.
Späne hielt einen Ausdruck in der Hand. „Ich habe die Friedhofsunterlagen geprüft. Es gibt nur ein Grab auf seinen Namen. “
Hobel nickte. „Und was, wenn es nie um das Grab ging? “
Späne sah ihn fragend an.
„Was, wenn es um das Testament geht? Oder um die Identität des Toten? “
Ein Windstoß fegte über die Kieswege. Für einen Moment schien alles still.
Zurück im Büro studierten sie alte Krankenakten. Der Millionär war offiziell an einem Darmverschluss gestorben. Keine Obduktion – der Arzt hatte die natürliche Todesursache bestätigt.
„Das war unser Freund mit den zittrigen Händen“, sagte Späne trocken.
Hobel blätterte weiter. „Und er hat die Einäscherung verhindert. Stattdessen Beisetzung im Sarg. “
„Warum ist das wichtig? “
„Wenn jemand etwas verbergen will, lässt er verbrennen. Wenn er glaubt, nichts zu verbergen zu haben, nicht. “
Späne runzelte die Stirn. „Oder wenn er sicher ist, dass niemand nach vier Jahren exhumiert. “
Ein Gedanke formte sich zwischen ihnen. Gefährlich. Unausgesprochen.
„Du glaubst doch nicht wirklich…“ begann Späne.
„Ich glaube gar nichts mehr“, unterbrach Hobel. „Ich prüfe. “
Der Ex-Häftling „Hollywood“ wurde erneut vorgeladen. Drahtig, rastlose Augen, ein Lächeln, das nie die Augen erreichte.
„Ich hab’ mein Geld gewollt“, sagte er. „Hunderttausend Schilling. Für den Doppelgänger. “
„Erklären Sie das“, forderte Hobel.
Hollywood lehnte sich zurück. „Die Idee war einfach. Der Alte war krank. Sehr krank. Man brauchte jemanden, der für ihn beim Notar unterschreibt. Jemanden, der ihm ähnlichsieht. Ich sollte den Mann besorgen. “
„Und? “ fragte Späne.
„Ich hab’ einen gefunden. Ein Schauspieler. Arbeitslos. Hat Geld gebraucht. “
„Name? “
Hollywood zögerte. „Weiß ich nicht mehr. “
Hobel lächelte dünn. „Sie leihen einer Frau 100.000 Schilling für einen Millionenbetrug – und kennen den Namen des Komplizen nicht? “
Hollywoods Blick wurde hart. „Vielleicht war’s auch nur Gerede. Vielleicht wollte sie nur testen, ob ich dichthalte. “
„Und der Brief? “ fragte Späne.
„Welcher Brief? “
„Der, in dem steht, die Unterschrift vom ‚Trottel‘ sei nie überprüft worden. “
Ein Muskel zuckte in Hollywoods Gesicht. „Gefängnisse sind voller Trottel. “
Hobel beugte sich vor. „Sie spielen ein gefährliches Spiel. “
Hollywood grinste schief. „Sie auch, Herr Inspektor. “
Am Nachmittag kam der Anruf aus dem Labor.
„Wir haben Spuren“, sagte die Stimme. „Aber kein klassisches Gift. “
Hobel stellte auf Lautsprecher. „Was dann? “
„Eine ungewöhnlich hohe Konzentration eines Medikaments. In Kombination mit Alkohol kann es Darmbewegungen massiv beeinträchtigen. “
Späne schluckte. „Verabreicht? “
„Schwer zu sagen. Es war verschrieben. “
Hobel blieb still. „Könnte es Selbstmedikation gewesen sein? “
„Theoretisch ja. “
Nachdem das Gespräch endete, herrschte Schweigen.
„Das reicht nicht“, sagte Späne. „Das ist kein Mordbeweis. “
„Nein“, sagte Hobel. „Aber ein Puzzleteil. “
Am Abend baten sie die Masseurin erneut zum Gespräch. Diesmal wirkte sie müde. Ihre Fassade hatte leichte Einrisse.
„Er hat gelitten“, sagte sie plötzlich. „Nächte ohne Schlaf. Schmerzen. Angst. “
„Warum der Notar so weit weg? “ fragte Hobel ruhig.
„Er wollte Diskretion. “
„Oder jemanden, der ihn nicht kannte? “
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Sie glauben, ich hätte ihn ersetzt? Durch einen Doppelgänger? Das ist doch Wahnsinn! “
Späne legte den Brief auf den Tisch. „Was bedeutet dieser Satz? “
Sie starrte darauf. Lange.
Dann flüsterte sie: „Er hat das geschrieben. “
„Wer? “
„Der Alte. “
Hobel spürte, wie die Luft im Raum schwerer wurde.
„Er nannte sich manchmal Trottel“, sagte sie. „Wenn er wieder etwas vergessen hatte. Vielleicht fürchtete er, man würde seine Unterschrift anzweifeln. “
„Sie behaupten, der Brief stammt vom Toten? “
„Ja. “
„Aus dem Gefängnis? “
Sie zögerte.
Zu spät.
Später saßen Hobel und Späne wieder allein.
„Sie hat sich verplappert“, sagte Späne. „Der Brief kam aus der Haft. Nicht vom Toten. “
Hobel nickte langsam. „Oder sie wollte, dass wir genau das glauben. “
Späne stöhnte. „Das ist doch Irrsinn! Jeder Satz doppeldeutig, jeder Blick gespielt. “
Hobel stand auf, ging zur Pinnwand. Fotos, Verbindungen, Pfeile.
Er nahm ein neues Blatt Papier und schrieb einen Namen darauf:
Der Notar.
„Warum ausgerechnet er? “ fragte Späne.
„Weil alle denken, er war nur ein Werkzeug“, sagte Hobel. „Und weil niemand fragt, wer von einem gefälschten Testament noch profitieren könnte. “
„Er erbt doch nichts. “
Hobel drehte sich um.
„Bist du sicher? “
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Ein Kollege trat ein, bleich.
„Wir haben ein Problem. “
„Welches? “ fragte Hobel.
„Der Schauspieler, den Hollywood angeblich engagiert hat…“
„Ja? “
„Er ist gestern tot aufgefunden worden. “
Stille.
„Unfall? “ fragte Späne.
Der Kollege schüttelte den Kopf.
„Sturz aus dem dritten Stock. Aber die Nachbarn sagen, er hatte panische Angst vor offenen Fenstern. “
Hobel schloss die Augen.
Jemand räumte auf.
Und sie waren noch keinen Schritt näher an der Wahrheit – nur tiefer im Labyrinth aus Lügen.
Der Tod des Schauspielers traf die Ermittler wie ein Schlag.
Sein Name war Lukas Brenner. 52 Jahre alt. Gelegenheitsdarsteller, kleine Theaterproduktionen, Statist in Werbespots. Keine großen Rollen – aber ein Gesicht, das man sich einprägte. Markante Nase. Schmale Lippen. Und eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Millionär – zumindest auf den ersten Blick.
Franz Hobel stand im Wohnzimmer der kleinen Altbauwohnung in Wien und betrachtete das geöffnete Fenster. Drei Stockwerke tiefer glänzte das Kopfsteinpflaster nass vom Regen.
„Keine Kampfspuren“, sagte Artur Späne und blätterte durch den ersten Tatortbericht. „Keine Hinweise auf Einbruch. “
„Und trotzdem hatte er panische Angst vor offenen Fenstern“, murmelte Hobel.
Eine Nachbarin hatte ausgesagt, Brenner habe selbst im Hochsommer nur gekippte Fenster geduldet. „Er hat gesagt, er träumt vom Fallen“, hatte sie geschildert.
„Ein Mann mit Höhenangst springt nicht freiwillig“, sagte Späne.
„Es sei denn, jemand hilft nach“, entgegnete Hobel.
Auf dem Couchtisch lagen Fotografien. Brenner in verschiedenen Kostümen. Perücke, Bart, Brille. Ein Chamäleon ohne Bühne.
Hobel nahm ein Bild hoch – Brenner mit grauem Haar, Schnurrbart, gebeugter Haltung.
Späne erstarrte. „Das ist er. “
„Ja“, sagte Hobel leise. „Oder zumindest sehr nah dran. “
Das Foto war erst wenige Monate alt.
Auf der Rückseite stand mit Kugelschreiber ein Datum – drei Wochen vor dem Tod des Millionärs.
Und ein Wort:
Notar.
Am nächsten Morgen saßen sie im Büro des Notars. Ein gepflegter Mann mittleren Alters, akkurat gescheiteltes Haar, kühle Augen.
„Ich fühle mich diffamiert“, sagte er steif. „Sie stellen meine Integrität infrage. “
„Wir stellen Fragen“, korrigierte Hobel ruhig.
Späne legte das Foto auf den Tisch.
Ein kurzer Schatten huschte über das Gesicht des Notars.
„Kennen Sie diesen Mann? “
„Nein. “
„Er war Schauspieler. “
„Und? “
„Er sieht dem Erblasser ähnlich. “
Der Notar verschränkte die Hände. „Viele ältere Herren sehen sich ähnlich. “
Hobel beugte sich leicht vor. „Der Termin zur Testamentsänderung war ungewöhnlich. Ein gehbehinderter Mann überwindet zehn Stufen ohne Rollator. Kein ärztliches Attest. Kein Angehöriger. Nur Sie. “
„Er war bei klarem Verstand. “
„Sind Sie sicher, dass er es war? “
Stille.
„Wollen Sie mir ernsthaft unterstellen, ich hätte einen Betrüger nicht erkannt? “
Hobel hielt seinem Blick stand. „Ich frage mich nur, ob Sie genau das getan haben. “
Zurück im Präsidium werteten sie Brenners Anrufbeantworter aus. Die letzten Anrufe führten zu einer Nummer, deren Leitung mittlerweile tot ist. Mehrfacher Kontakt. Immer nachts.
„Die Nummer gib es nicht mehr“, sagte Späne.
„Standortdaten? “
„Ein paar Funkzellen. Meistens im Bereich Simmering. “
Hobel trat ans Whiteboard. Masseurin. Arzt. Hollywood. Schauspieler. Notar.
„Wer hatte das größte Motiv? “ fragte Späne.
„Die Masseurin“, sagte er selbst sofort. „Sie hat alles bekommen. “
Hobel nickte. „Offensichtlich. “
„Der Arzt? “
„Hat mit Medikamenten jongliert. Aber er erbt nichts. “
„Hollywood? “
„Wollte 100.000 Schilling zurück. Oder mehr. “
Späne seufzte. „Und der Notar? “
„Hat seinen Ruf zu verlieren. Und vielleicht mehr. “
„Was meinst du? “
Hobel sah ihn lange an. „Ich habe seine Kontobewegungen angefordert. “
Späne hob die Augenbrauen. „Das ging schnell. “
„Manchmal hilft es, wenn die Medien Druck machen. “
Am Abend kam die Auswertung.
Eine größere Überweisung. 250.000 Schilling. Zwei Monate nach der Testamentsänderung.
Absender: eine Stiftung.
Empfänger: ein Treuhandkonto des Notars.
„Das ist doch…“, begann Späne.
„Interessant“, vollendete Hobel.
„Welche Stiftung? “
Hobel las den Namen laut.
Es war genau jenes Tierheim, das ursprünglich im Testament bedacht worden war.
Stille breitete sich aus.
„Das ergibt keinen Sinn“, sagte Späne. „Warum sollte das Tierheim dem Notar Geld überweisen, wenn es doch leer ausgegangen ist? “
„Vielleicht ist es nicht leer ausgegangen“, sagte Hobel langsam.
Späne starrte ihn an. „Du glaubst, es gibt noch ein anderes Testament? “
„Oder eine Vereinbarung. “
Am nächsten Tag schlug die Bombe ein.
Die Anwältin der Masseurin – eine der bekanntesten Strafverteidigerinnen der Stadt – trat vor die Presse. Sie legte ein neues Gutachten vor.
„Das Schriftbild ist nicht eindeutig“, sagte sie. „Die erste Expertise wirft erhebliche Zweifel auf. “
Die Medien stürzten sich darauf. Schlagzeilen. Spekulationen.
Hobel saß vor dem Fernseher und sah zu, wie der Fall in der Öffentlichkeit kippte.
„Sie dreht das Spiel“, murmelte Späne.
„Ja“, sagte Hobel. „Und sie macht es gut. “
„Was, wenn wir uns verrannt haben? “
Hobel schwieg lange.
Dann sagte er: „Was, wenn das alles genau so geplant war? “
Nach Mitternacht klingelte Hobels Diensttelefon.
Eine leise Männerstimme.
„Sie sind näher dran, als Sie glauben. “
„Wer ist da? “
„Der Tote war nicht der Einzige, der Angst hatte. “
„Wovor? “
Ein kurzes Atmen.
„Vor ihr. “
Die Verbindung brach ab.
Hobel starrte ins Dunkel seines Büros.
„Vor ihr“, wiederholte Späne, der neben ihm stand.
„Das sagt jeder über die Frau mit dem meisten Geld“, murmelte Hobel.
„Glaubst du ihm? “
Hobel zögerte.
„Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass jemand verzweifelt versucht, uns in eine bestimmte Richtung zu lenken. “
„Welche? “
Hobel sah auf die Fotos an der Wand. Sein Blick blieb auf dem Bild des Schauspielers hängen.
„Weg von der Wahrheit. “
In diesem Moment läutete Spänes Diensttelefon. Der Gerichtsmedizin gab ihm den Bericht bekannt.
Er legte auf – und sein Gesicht erstarrte.
„Franz…“
„Was? “
Späne schluckte.
„Die DNA aus der exhumierten Leiche… passt nicht vollständig zu den alten Krankenhausproben. “
Hobel spürte, wie sich der Boden unter ihm verschob.
„Was heißt das? “
Späne sah ihn an, als hätte er ein Gespenst gesehen.
„Es heißt… der Mann im Grab ist vielleicht nicht der Millionär. “
Draußen heulte eine Sirene durch die Nacht von Wien.
Plötzlich war alles möglich.
Der Konferenzraum im Landeskriminalamt lag still, als wäre selbst die Luft unsicher geworden.
Artur Späne starrte auf den DNA-Bericht, als könne er die Zahlen mit bloßem Blick ändern. Franz Hobel stand mit verschränkten Armen am Fenster und blickte auf das graue Wien.
„Sag es noch einmal“, sagte Hobel ruhig.
Späne atmete tief durch. „Die DNA aus der exhumierten Leiche passt nicht zu den archivierten Krankenhausproben des Millionärs. Es gibt deutliche Abweichungen. “
„Verwandtschaft? “
„Unwahrscheinlich. Die Marker passen nicht. “
Hobel drehte sich langsam um. „Also liegt in der Gruft nicht der Mann, der offiziell beerdigt wurde. “
Stille.
„Dann geht es nicht nur um Betrug“, murmelte Späne. „Sondern um Identitätstausch. “
Innerhalb weniger Stunden wurde aus einem Erbschaftsbetrug ein möglicher Jahrhundertfall. Die Staatsanwaltschaft ordnete höchste Diskretion an. Kein Wort an die Presse.
„Wenn das rauskommt, brennt die Stadt“, sagte der Vorgesetzte der Ermittler. „Ein toter Millionär, der vielleicht nie tot war. “
Hobel nickte nur.
„Und wenn der echte noch lebt? “ fragte Späne später leise.
„Dann ist er entweder das größte Opfer…“
Hobel sah auf die Pinnwand.
„… oder der größte Spieler. “
Der Mediziner wurde erneut vorgeladen. Diesmal zitterte er stärker, sein Blick war fahrig.
„Die DNA stimmt nicht“, sagte Hobel ohne Umschweife.
Der Arzt wurde bleich.
„Das ist unmöglich. “
„War der Mann, den Sie behandelt haben, wirklich der Millionär? “
„Natürlich! Ich habe ihn jahrelang betreut. “
„Oder jemanden, der so aussah wie er? “
Der Arzt schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das ist absurd! “
„Ein Schauspieler ist tot“, warf Späne ein. „Er hatte Kontakt zur Masseurin. Und vermutlich zum Notar. “
Der Arzt rang nach Luft. Schweiß trat auf seine Stirn.
„Ich habe nur Medikamente verschrieben“, flüsterte er. „Mehr nicht. “
„Wem? “ fragte Hobel.
Der Arzt hob den Blick.
„Was soll das heißen? “
Am nächsten Morgen entdeckte ein Spaziergänger in einem Waldstück nahe der Donau ein Skelett.
Männlich. Ungefähr siebzig Jahre alt. Seit etwa vier Jahren tot.
Späne stand am Fundort und sah auf die freigelegten Knochen.
„Vier Jahre“, murmelte er.
Hobel schwieg.
Eine Armbanduhr wurde sichergestellt. Gravur auf der Rückseite:
Für meinen geliebten Karl – 1978.
Der Name des Millionärs.
Späne sah Hobel an. „Wenn das wirklich er ist…“
„… dann lag im Grab ein Doppelgänger“, beendete Hobel den Satz.
Als man die Masseurin mit dem DNA-Ergebnis konfrontierte, reagierte sie anders als erwartet.
Sie lächelte.
„Endlich“, sagte sie leise.
Späne erstarrte. „Endlich was? “
„Endlich merken Sie, dass Sie die ganze Zeit das falsche Märchen verfolgt haben. “
„Sie wussten es? “ fragte Hobel scharf.
„Ich wusste nur, dass er Angst hatte. “
„Wovor? “
Sie beugte sich vor. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Vor dem Tierheim. “
Stille.
„Das ergibt keinen Sinn“, sagte Späne.
„Doch“, sagte sie ruhig. „Sie glauben, er war ein einsamer, alter Narr, der sein Vermögen Tieren schenken wollte? Er war Geschäftsmann. Er wusste, was Geld bedeutet. “
„Und? “ fragte Hobel.
„Er hatte Schulden. “
Das traf wie ein Schlag.
„Unmöglich“, sagte Späne sofort. „Seine Bilanzen waren sauber. “
„Offiziell“, entgegnete sie.
Hobel musterte sie. „Sie behaupten also, das Tierheim war in Wahrheit…? “
„Eine Fassade. “
Am selben Tag fand sich in den Unterlagen des Notars ein verschlüsseltes Dokument. Versteckt auf einem externen Datenträger, der erst bei einer intensiven Durchsuchung entdeckt wurde.
Ein privater Vertrag.
Zwischen dem Millionär und der Stiftung des Tierheims:
Ein Kredit in Millionenhöhe, Rückzahlung binnen fünf Jahren, abgesichert durch testamentarische Begünstigung.
„Er hat ihnen Geld geliehen“, sagte Späne fassungslos.
„Und wenn er vorher stirbt, erben sie alles“, ergänzte Hobel.
„Dann hatten sie ein Motiv. “
„Ein gewaltiges. “
Doch etwas stimmte nicht.
„Warum dann der Identitätstausch? “ fragte Späne.
Hobel dachte laut: „Vielleicht wollte jemand seinen Tod nur vortäuschen. “
„Um den Vertrag zu umgehen? “
„Oder um unterzutauchen. “
Hollywood wurde erneut verhört. Diesmal ohne Lächeln.
„Sie haben uns nur die Hälfte erzählt“, sagte Hobel.
„Ich habe gar nichts—“
„Sie haben nicht für einen Doppelgänger Geld besorgt“, unterbrach ihn Späne. „Sie haben geholfen, einen Mann verschwinden zu lassen. “
Hollywoods Fassade bröckelte.
„Ich sollte nur vermitteln“, murmelte er. „Mehr nicht. “
„Zwischen wem? “
Lange Stille.
Dann: „Zwischen ihm… und ihr. “
„Der Masseurin? “
Er nickte kaum sichtbar.
„Der Millionär wollte verschwinden“, flüsterte Hollywood. „Er hatte Angst. Er sagte, sie würden ihn ruinieren. “
„Wer? “
„Alle. “
In der Nacht saßen Hobel und Späne wieder allein im Büro.
„Also“, sagte Späne langsam, „der Millionär hat dem Tierheim Millionen geliehen. Wenn er stirbt, bekommen sie alles. Wenn er lebt, müssen sie zurückzahlen. “
„Also inszeniert jemand seinen Tod“, sagte Hobel. „Mit einem Doppelgänger im Grab. “
„Aber der echte stirbt trotzdem – im Wald. “
Stille.
„Vielleicht war das nicht geplant“, sagte Hobel leise.
Späne sah ihn an. „Du glaubst, er wollte verschwinden… und jemand hat ihn doch getötet? “
Hobel antwortete nicht. Sein Blick wanderte zur Pinnwand.
Etwas störte ihn. Etwas, das nicht passte.
Plötzlich griff er nach einem Foto – dem Bild des Schauspielers in Verkleidung.
Er hielt es neben ein altes Krankenhausfoto des Millionärs.
Späne beugte sich vor.
„Was ist? “
Hobels Augen verengten sich.
„Siehst du das? “
Späne runzelte die Stirn. Dann erstarrte er.
„Das Muttermal…“
„Fehlt“, sagte Hobel leise.
„Der Schauspieler hatte keines. “
„Und der Millionär? “
„Schon. “
Stille.
Hobel atmete langsam aus.
„Dann war der Mann beim Notar nicht der Schauspieler. “
Späne sah ihn fassungslos an.
„Das heißt…“
Hobel nickte.
„Wir haben noch einen Doppelgänger. “
Der Morgen brach kalt über Wien herein, als Franz Hobel und Artur Späne zum letzten Mal alle Fotos, Berichte und Protokolle nebeneinander auslegten. Fünf Jahre Lügen. Zwei Leichen. Ein Grab mit dem falschen Mann. Ein Testament mit der falschen Unterschrift. Und zu viele Menschen, die zu viel wussten.
Hobel stand lange schweigend vor der Pinnwand.
„Wir haben die ganze Zeit gefragt, wer profitiert“, sagte er schließlich ruhig. „Aber wir haben nie gefragt, wer das Spiel wirklich begonnen hat. “
Späne lehnte sich zurück. „Der Millionär. “
Hobel nickte langsam. „Genau. “
Sie setzten alles noch einmal zusammen:
Der Kaufmann – reich, misstrauisch, verschlossen – hatte dem Tierheim heimlich Millionen geliehen. Nicht aus Nächstenliebe. Es war ein Geschäft. Eine verdeckte Investition über eine Stiftung. Sollte er vor Rückzahlung sterben, ging sein gesamtes Vermögen an eben dieses Tierheim. Eine perfide Absicherung.
Doch dann verschlechterte sich seine Gesundheit. Und mit ihr seine Paranoia.
Er glaubte, das Tierheim wolle ihn loswerden, um sich der Schulden zu entledigen. Ob das stimmte oder nicht, war zunächst irrelevant. Entscheidend war: Er glaubte es.
Also suchte er Verbündete.
Und fand sie.
Die Masseurin war nicht zufällig in sein Leben getreten. Sie war über Jahre seine Vertraute geworden. Seine Pflegerin. Seine einzige Bezugsperson.
Und der Arzt? Kein kaltblütiger Mörder. Sondern ein abhängiger Mann mit Schulden, der sich leicht lenken ließ.
„Er wollte verschwinden“, sagte Späne leise. „Er hat den Plan selbst entwickelt. “
Hobel nickte.
Der Plan war kühn:
Ein Doppelgänger sollte beim Notar erscheinen.
Das Testament würde geändert – zugunsten der Masseurin.
Kurz darauf sollte sein Tod inszeniert werden.
Er selbst würde unter neuer Identität im Ausland verschwinden.
Hollywood wurde als Vermittler angeheuert. Er kannte Schauspieler, Leute ohne Perspektive. Lukas Brenner war der erste Kandidat – doch er war nur für Proben gedacht. Für Tests. Für Fotos.
„Deshalb das Bild mit dem Vermerk ‚Notar‘“, murmelte Späne.
Doch Brenner war nicht geeignet. Zu auffällig. Zu nervös.
Also fand Hollywood einen zweiten Mann.
Einen, der bislang völlig unter dem Radar geblieben war.
Der Durchbruch kam durch eine unscheinbare Banküberweisung. Hobel hatte tagelang Kontobewegungen geprüft – und schließlich eine regelmäßige Zahlung entdeckt. Klein, aber konstant. Seit vier Jahren.
Empfänger: eine kleine Pension in Südungarn.
Barabhebungen. Immer am gleichen Tag im Monat.
„Jemand hat ihn versorgt“, sagte Hobel.
„Die Masseurin? “
„Nein. “
Späne sah auf die Unterlagen.
Der Absender war ein Treuhandkonto.
Auf den Notar registriert.
Als der Notar erneut vorgeladen wurde, bröckelte seine Fassade.
„Sie haben ihn nicht betrogen“, sagte Hobel ruhig. „Sie haben ihm geholfen. “
Der Notar schwieg.
„Er hatte Angst“, fuhr Hobel fort. „Er wollte untertauchen. Sie kannten den Vertrag mit dem Tierheim. Sie wussten, dass Millionen auf dem Spiel standen. “
„Er war ein verzweifelter Mann“, sagte der Notar schließlich leise.
Späne beugte sich vor. „Also haben Sie einen Doppelgänger organisiert. “
„Nicht ich. Er brachte ihn mit. “
„Wer war es? “
Der Notar schloss die Augen.
„Sein Halbbruder. “
Stille.
„Was? “ flüsterte Späne.
„Ein unehelicher Sohn seines Vaters. Niemand wusste von ihm. Ähnliche Gene. Ähnliche Gesichtszüge. “
Der Halbbruder – ein zurückgezogen lebender Mann mit Geldsorgen – übernahm die Rolle beim Notartermin. Mit etwas Maske, Brille, gespielter Gebrechlichkeit.
Das geänderte Testament war echt. Die Unterschrift ebenfalls.
Nur der Mann war nicht der, für den ihn alle hielten.
Doch dann ging alles schief.
Der Millionär zog sich wie geplant in ein abgelegenes Haus nahe der Grenze zurück. Die Masseurin wusste davon. Der Arzt ebenfalls. Der Notar lenkte diskret die Geldströme.
Doch Misstrauen fraß den alten Mann auf.
Er begann, selbst seine Komplizen zu verdächtigen.
Er wollte aussteigen.
Wollte zurück.
Wollte alles rückgängig machen.
„Und das konnte keiner von ihnen riskieren“, sagte Hobel leise.
Nicht die Masseurin – sie hätte alles verloren.
Nicht der Notar – sein Ruf wäre zerstört gewesen.
Nicht der Arzt – er wäre als Mitwisser ruiniert worden.
Und der Halbbruder?
Der war längst tot.
Die Leiche im Grab war nicht der Schauspieler.
Sie war der Halbbruder.
Er hatte sich als der Millionär ausgeben lassen – und musste nach dem inszenierten Tod verschwinden.
Stattdessen wurde er vergiftet.
Langsam. Mit Medikamenten. Vom Arzt – auf Anweisung.
„Der Arzt wollte nie töten“, sagte Späne später. „Er dachte, es seien nur Beruhigungsmittel. “
Doch die Dosis war tödlich.
Die Leiche des Halbbruders wurde offiziell beerdigt.
Der echte Millionär lebte noch einige Monate im Versteck.
Bis er begriff, dass auch er nicht mehr sicher war.
Sein Skelett im Wald war kein Zufall.
Er war ermordet worden.
Von der einzigen Person, die alles wusste.
Als Hobel der Masseurin die Beweise vorlegte – Bankdaten, Zeugenaussagen, das Geständnis des Notars – blieb sie langestill.
Dann lächelte sie.
„Er wollte mich fallen lassen“, sagte sie ruhig. „Nach allem. “
„Also haben Sie ihn getötet. “
„Er hat mich benutzt. Wie alle. “
„Und der Halbbruder? “
„Ein Kollateralschaden. “
Ihre Stimme klang kalt. Leer.
„Sie hätten nie herausfinden dürfen, dass er noch lebte“, sagte sie weiter. „Deshalb musste auch der Schauspieler sterben. Er wusste zu viel. “
„Und Hollywood? “ fragte Späne.
„Ein Idiot. Gierig und feige. “
Am Ende war es der Brief, der alles verriet.
„Die Unterschrift von dem Trottel wurde nie überprüft. “
Nicht Spott.
Nicht Dummheit.
Sondern Überheblichkeit.
Sie hatte geglaubt, niemand würde je genau hinsehen.
Dass niemand DNA vergleichen würde.
Dass niemand alte Krankenhausproben ausgraben würde.
Dass niemand die Geldströme bis nach Ungarn verfolgen würde.
Sie hatte alle manipuliert.
Den alten Mann.
Den Arzt.
Den Notar.
Hollywood.
Den Halbbruder.
Doch sie hatte Hobel unterschätzt.
Wochen später saßen Hobel und Späne wieder im Büro. Der Medienrummel war abgeebbt. Die Schlagzeilen hatten neue Opfer gefunden.
„Zwei Morde. Schwerer Betrug. Verschwörung“, sagte Späne leise. „Alles wegen Geld. “
Hobel sah aus dem Fenster auf das nächtliche Wien.
„Nein“, sagte er ruhig. „Wegen Angst. “
„Angst? “
„Er hatte Angst, alles zu verlieren. Sie hatte Angst, wieder nichts zu haben. Und am Ende hat jeder versucht, den anderen zu täuschen. “
Späne schwieg.
„Weißt du“, sagte Hobel nach einer Weile, „die gefährlichsten Lügen sind nicht die, die man anderen erzählt. “
„Sondern? “
„Die, die man sich selbst glaubt. “
Draußen glitzerten die Lichter der Stadt.
Im Friedhof von Wien Simmering stand nun ein Grab mit dem richtigen Namen.
Und auf dem neuen Grabstein war nur ein einziger Satz eingraviert:
„Vertraue niemandem. “
Der Fall war gelöst.
Doch die Narben blieben.
**Schlusswort**
Manche Verbrechen entspringen der Gier – die schlimmsten jedoch der Angst und dem Glauben, schlauer zu sein als die Wahrheit.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )