
Der Tanzlehrer - Mettwurst des Todes
Wien, Simmering, Herbst 1971.
Die Stadt roch nach feuchtem Asphalt und dem süßen Parfum der Nachtlokale. In der Tanzschule Tanzfieber herrschten Rhythmus, Disziplin und Leidenschaft. Und ein Mann verkörperte all das: Toni Maul.
Er war kein gewöhnlicher Tanzlehrer, sondern eine Erscheinung. Groß, mit dunklem Haar und einem Lächeln, das Frauen schwach und Männer misstrauisch machte. Auf dem Parkett war er unerbittlich, präzise, fast gnadenlos. Abseits davon charmant, laut, manchmal arrogant. Er wusste, dass man ihn begehrte – und genoss es.
Doch genau das wurde ihm zum Verhängnis.
Am 30. Oktober 1971 klingelte der Postbote an der Tür des Hauses in der Simmeringer Hauptstraße. Linda Maul, Tonis Ehefrau, nahm das Paket entgegen. Es war schwer, sorgfältig verpackt, die Adresse handgeschrieben.
Darin: ein überschwänglicher Dankesbrief, schwungvoll verfasst, fast verliebt. Und eine klassische Bauernjause – Brot, Käse, Bier, Mettwurst.
„Ein Fan“, sagte Linda, als sie das Paket in die Küche stellte.
Am Abend kam Toni nach Hause. Müde, hungrig, euphorisch nach einem erfolgreichen Training. Er schnitt sich eine dicke Scheibe Brot, strich die Mettwurst großzügig darauf und biss herzhaft zu.
Wenige Stunden später krümmte er sich vor Schmerzen.
Als der Notarzt eintraf, war es zu spät.
Toni Maul starb in den frühen Morgenstunden des 31. Oktober 1971.
Die Diagnose schlug ein wie ein Donnerschlag: Vergiftung mit Hittrach – unreines Arsen. Kein Unfall. Kein Zufall. Mord.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zeitungen überschlugen sich mit Schlagzeilen, Gerüchte wucherten wie Schimmel in dunklen Kellern.
Ein Mord aus Eifersucht?
Ein Racheakt?
Oder ein gezielter Anschlag aus dem engsten Umfeld?
Linda Maul war im zweiten Monat schwanger, als man ihr sagte, dass ihr Mann ermordet worden war. Sie erinnerte sich später an jedes Detail dieses Tages: das Ticken der Uhr, den Geruch von Desinfektionsmittel, die kalten Blicke der Ermittler.
„Man schaut dich an, als wärst du Teil des Rätsels“, sagte sie Jahre später. „Nicht als Opfer. “
Sie schwieg. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus Trauer.
Kriminalinspektor Franz Hobel war ein Mann der alten Schule: Zigarre, Notizbuch, scharfer Blick.
An seiner Seite: Artur Späne, jünger, analytischer, mit einem fast unheimlichen Gedächtnis für Details.
Ganz Wien stellte sich dieselbe Frage:
Wer wollte Toni Maul tot sehen?
Die Liste der Verdächtigen war lang.
Helga, die ehrgeizige Tanzschülerin, wollte mehr als Schritte und Drehungen. Toni hatte sie öffentlich zurückgewiesen.
Erwin K., ein ehemaliger Tanzpartner, dessen Karriere nach einem Streit mit Maul abrupt endete.
Der Nachbar, ein stiller Mann, der sich regelmäßig über Lärm beschwerte und Zugang zu Stallungen hatte – und damit zu Arsen.
Und dann die Frauen. Viele Frauen. Verlassene. Gedemütigte. Enttäuschte.
Doch niemand ließ sich festnageln.
Das Paket war anonym verschickt. Keine Fingerabdrücke. Keine Zeugen. Keine Spuren.
Die Monate vergingen, die Jahre zogen ins Land.
Die Akten wuchsen, die Hinweise schrumpften.
1977 legte man den Fall offiziell zu den Akten.
Doch Hobel konnte nicht loslassen.
„So ein Mord schläft nicht“, sagte er oft. „Er wartet. “
Wien, Ende der 1990er.
Ein neues Labor. Neue Analysemethoden. Alte Beweise.
Artur Späne, inzwischen ein erfahrener Ermittler, ließ die Mettwurst erneut untersuchen – soweit es noch ging. Und stieß auf etwas Merkwürdiges:
Das Arsen war ungleich verteilt.
Jemand hatte genau gewusst, wer davon essen würde.
Am selben Tag meldete sich eine anonyme Anruferin.
„Fragen Sie nach dem Tanzabend im August 1971“, flüsterte sie.
Dann legte sie auf.
Hobel schlug die alte Akte auf.
Ein Name war rot unterstrichen. Schon damals. Zu wenig Beweise. Zu viel Einfluss.
„Wenn wir das Puzzle richtig zusammensetzen“, sagte Späne leise,
„dann war der Mörder die ganze Zeit näher, als wir dachten. “
Draußen begann es zu regnen.
Irgendwo in Wien wusste jemand, dass die Vergangenheit gerade wieder aufgerissen worden war.
Der Regen fiel in dünnen, gleichmäßigen Linien, als Franz Hobel die vergilbte Akte erneut aufschlug. Der Name Toni Maul war über Jahrzehnte nicht verblasst – weder auf dem Papier noch in seinem Kopf. Manche Fälle verfolgten einen bis ins Grab. Dieser hier klopfte jetzt wieder an.
„Der Anruf war kein Zufall“, sagte Artur Späne und legte eine Kassette auf den Tisch. „Eine Frauenstimme, Mitte fünfzig, nervös. Sie wusste Dinge, die nie in der Zeitung standen. “
Hobel nickte langsam.
„Damals hat sie geschwiegen. Jetzt bekommt sie Angst. “
Der Hinweis führte sie zurück in den Sommer 1971.
Ein interner Tanzabend in der Schule Tanzfieber. Keine Öffentlichkeit. Nur ausgewählte Schüler, Sponsoren – und ein paar Neider.
Späne hatte alte Teilnehmerlisten ausgegraben. Ein Name ließ Hobel innehalten:
Margarete S.
Damals Mitte dreißig, wohlhabend, verwitwet. Sie hatte Toni Maul gefördert, bezahlt, protegiert. Gerüchte sprachen von mehr als Tanzstunden. Doch offiziell hatte Maul die Beziehung abrupt beendet – aus beruflichen Gründen, wie er sagte.
Kurz darauf verließ Margarete S. Wien.
Linda Maul lebte noch immer zurückgezogen. Ihr Sohn war inzwischen erwachsen, seinem Vater erschreckend ähnlich.
„Ich habe damals Dinge gespürt“, sagte Linda leise und umklammerte ihre Kaffeetasse. „Blicke. Gespräche, die verstummten, wenn ich den Raum betrat. “
Hobel fragte:
„Hat Toni jemals Angst geäußert? “
Linda zögerte.
„Er sagte einmal: Wenn mir etwas passiert, dann war es jemand, der mich geliebt hat – oder gehasst. “
Ein neuer Gutachter bestätigte, was früher niemand beweisen konnte:
Das Hittrach stammte aus einer Quelle, die nicht allgemein zugänglich war.
Es wurde vor allem in Reitställen verwendet – zum Dopen von Pferden.
Späne fand einen alten Vermerk:
Margarete S. war Miteigentümerin eines Reitstalls in Niederösterreich.
Hobel schloss langsam die Akte.
„Dann hatte sie Motiv, Mittel – und Zugang. “
Margarete S. lebte inzwischen in Südfrankreich. Unter neuem Namen. Ein neues Leben. Doch alte Schuld reist mit.
Als die österreichischen Behörden Kontakt aufnahmen, reagierte sie panisch. Zwei Tage später fand man sie tot in ihrer Villa.
Offiziell: Herzversagen.
Inoffiziell: zu viele Beruhigungsmittel.
Auf dem Tisch lag ein Abschiedsbrief. Kein Geständnis, nur ein Satz:
„Manchmal ist Liebe tödlicher als Hass. “
„Zu simpel“, sagte Späne. „Das war kein Zufall. Jemand hat sie zum Schweigen gebracht. “
Hobel starrte auf den Brief.
„Oder sie wusste, dass wir ihr auf der Spur waren. “
Am unteren Rand des Papiers stand eine Telefonnummer. Alt, kaum lesbar.
Späne wählte die Nummer, doch es hob niemand ab. Kurze Zeit später lautete plötzlich das Telefon. Späne hob ab:
Eine Männerstimme meldete sich.
„Ich habe auf Ihren Anruf gewartet“, sagte sie ruhig.
„Der Tanzlehrer war nicht das eigentliche Ziel. “
Hobel hörte über Lautsprecher mit, er entriss Späne der Hörer und übernahm sofort das Gespräch.
„Wer sind Sie? “ fragte er scharf.
Eine kurze Pause. Dann die Antwort:
„Jemand, der damals das Paket zur Post gebracht hat. “
Die Leitung brach ab, Hobel und Späne schauten sich verblüfft in die Augen.
Wien, am nächsten Morgen.
Franz Hobel hatte kaum geschlafen. Der Satz hallte in seinem Kopf wie ein Echo in einem leeren Tanzsaal:
„Ich habe das Paket zur Post gebracht. “
„Wenn das stimmt“, sagte Artur Späne und nippte an seinem schwarzen Kaffee, „haben wir endlich jemanden, der zwischen Tat und Täter steht. “
„Oder einen Lügner“, erwiderte Hobel. „Aber egal – wir gehen dem nach. “
Die Nummer, die Margarete S. notiert hatte, war inzwischen tot. Kein Anschluss, keine Spur.
Doch Späne hatte etwas entdeckt: Der Anruf kam aus einer Telefonzelle in Simmering, keine dreihundert Meter von der alten Tanzschule entfernt.
„Jemand kehrt immer an Tatorte zurück“, murmelte Hobel.
Sie ließen die Telefonzelle sichern. Keine Fingerabdrücke. Aber eine alte Beobachtung tauchte auf:
Ein Trafikant erinnerte sich an einen Mann, der dort oft telefonierte – nervös, elegant gekleidet, mit auffälligem Gehstock.
Ein ehemaliger Tanzschüler.
Robert L.
Einst ein vielversprechender Turniertänzer. Talentiert, ehrgeizig. Doch 1971, beim Training, geriet er mit Toni Maul in Streit. Ein riskantes Manöver, ein falscher Griff – Robert stürzte. Hüfte zertrümmert. Karriere vorbei.
„Maul hat weitergemacht“, sagte der Trafikant. „Der andere war erledigt. “
Robert L. lebte noch. In Wien. Verbittert. Allein.
Späne spürte ihn auf, mit Hobel erstatteten sie ihm einen Besuch ab.
„Ich habe das Paket aufgegeben“, sagte Robert L. ruhig.
Kein Zittern, kein Ausweichen.
„Aber ich habe nichts davon vergiftet. “
Hobel lehnte sich vor.
„Wer dann? “
Robert lächelte bitter.
„Jemand, der wusste, dass Toni alles annimmt, was von einem Fan kommt. Jemand, der wusste, dass ich gehorchen würde. “
Robert sprach von einem Treffen im August 1971.
Eine Frau – elegant, entschlossen. Sie bot Geld. Viel Geld.
Er sollte nichts wissen, nur das Paket aufgeben. Adresse, Zeit – alles war geregelt.
„Sie sagte: Er würde es verdienen. “
Hobel wusste, Robert war kein Mörder. Aber er war Teil der Geschichte.
„Warum reden Sie jetzt? “ fragte Späne.
Robert blickte aus dem Fenster.
„Weil sie tot ist. Und weil ich jeden Tag das Geräusch meines Sturzes höre. “
Einige Stunden nach diesem Gespräch vertiefte sich Späne neuerlich in die Akte. Dabei tauchte ein alter Umschlag auf. Versteckt in den Unterlagen von Margarete S.
Ein Abschiedsbrief – nicht von ihr.
Die Handschrift: männlich, kontrolliert, kühl.
„Er war ein Risiko. Zu viele Frauen. Zu viele Geheimnisse. Der Tanzlehrer hätte geredet. “
Unterschrieben: M.
Hobel schlug eine weitere Ermittlungsakte auf.
Ein Name, den man damals nicht weiterverfolgte.
Maximilian H.
Sponsor der Tanzschule. Geschäftsmann. Unantastbar.
Verheiratet. Einflussreich.
Und Liebhaber einer Frau, die Toni Maul zu gut kannte.
„Es ging nie nur um Eifersucht“, sagte Späne leise.
„Es ging um Erpressung. Um Macht. “
Toni Maul hatte etwas gewusst.
Und jemand hatte beschlossen, dass sein letzter Tanz der Tod sein würde.
Hobel schloss die Akte langsam.
„Maximilian H. lebt noch“, sagte er.
„Und er weiß, dass wir ihm näherkommen. “
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Eine ruhige Männerstimme sprach:
„Lassen Sie die Vergangenheit ruhen. Sonst wird wieder jemand tanzen. “
Klick.
Wien, spätabends.
Hobels Büro lag im Halbdunkel. Die Drohung hing noch immer in der Luft wie kalter Rauch.
„Sonst wird wieder jemand tanzen. “
Ein Satz, präzise gesetzt. Kein Zufall. Eine Botschaft an zwei Männer, die nicht aufhören wollten zu suchen.
„Er weiß, dass wir ihn haben“, sagte Späne.
„Und genau deshalb ist er gefährlich“, erwiderte Hobel.
Maximilian H. war kein gewöhnlicher Verdächtiger.
Er war ein Architekt der Macht: Förderer der Wiener Tanzszene, Sponsor internationaler Turniere, Freund von Politikern und Polizeipräsidenten.
In den Akten tauchte sein Name nur am Rand auf – zu sauber, zu korrekt.
Doch Späne hatte etwas entdeckt:
Ein Konto in der Schweiz.
Eine Überweisung aus dem Jahr 1971.
Empfänger: Margarete S.
Verwendungszweck: Dank für Diskretion.
Toni Maul hatte mehr getan, als zu tanzen.
Er hatte gehört. Gesehen. Gespürt.
Er wusste von einer Affäre zwischen Maximilian H. und Margarete S.
Und er wusste von Geldflüssen, die nicht für Tanzschuhe gedacht waren.
„Toni wollte aussteigen“, sagte Hobel.
„Und er wollte reden. “
Sie luden Maximilian H. zum Gespräch.
Er kam pünktlich. Maßanzug. Ruhige Stimme. Ein Lächeln, kalt wie Glas.
„Ein tragischer Fall“, sagte er. „Aber nach all den Jahren – was erwarten Sie noch? “
Späne legte den Abschiedsbrief auf den Tisch.
Dann die Überweisungen.
Dann den Namen Robert L.
Maximilian H. blinzelte – nur für einen Wimpernschlag. Doch Hobel bemerkte es.
„Sie haben das Paket nicht selbst verschickt“, sagte Hobel ruhig.
„Aber Sie haben den Takt angegeben. “
„Sie verstehen nicht“, fuhr Maximilian H. plötzlich scharf auf.
„Damals ging es um Existenzen. Um Ruf. Um Ordnung. “
„Um Mord“, entgegnete Hobel.
Plötzlich Stille.
Dann ein müdes Lächeln.
„Beweisen Sie es. “
Noch in derselben Nacht brach jemand in Maximilian H.s Villa ein.
Ein Safe stand leer.
Im Kamin lagen Aschereste, fast alles verbrannt.
Ein Dokument überlebte, zwar halb verkohlt doch konnte man noch etwas erkennen.
Einen Name.
Ein Datum.
15. September 1971.
Am nächsten Morgen kam die Nachricht:
Maximilian H. war tot.
Autounfall auf der Südautobahn.
Kein Fremdverschulden – offiziell.
Späne stand lange am Fenster, schweigend.
„Er ist uns entkommen“, sagte er schließlich.
Hobel schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Wahrheit hat ihn eingeholt. Nur nicht vor Gericht. “
Linda Maul erhielt einen anonymen Brief.
Kein Absender. Kein Geständnis.
„Er war nicht vergessen. “
Den Brief legte sie neben ein altes Foto von Toni – mitten in einer Drehung eingefangen, lächelnd, voller Leben.
Der Fall galt als abgeschlossen.
Doch in den Köpfen derer, die wussten, dass Gerechtigkeit nicht immer mit dem Recht übereinstimmt, blieb er offen.
Irgendwo in Wien erklang Musik.
Ein neuer Tanz.
Ein neues Geheimnis.
Ende? Oder nur eine Pause zwischen zwei Takten.
Wien, Frühjahr 1999.
Der Frühling ließ auf sich warten. Die Stadt wirkte müde, als hätte sie zu lange geschwiegen. Franz Hobel stand am Fenster seines Büros und blickte in den Innenhof. Der Fall Maul war offiziell beendet, die Akte versiegelt, der Name Maximilian H. zu den Toten gelegt.
Doch Hobel wusste:
Es gibt Abschlüsse – und es gibt Wahrheiten.
Und diese Geschichte hatte ihre letzte Wahrheit noch nicht offenbart.
Artur Späne fühlte sich verfolgt. Nicht von einem Menschen, sondern von einem Gedanken. Etwas stimmte nicht.
„Maximilian H. war keiner, der die Kontrolle verliert“, sagte er eines Abends. „Kein Unfall. Kein Zufall. Er hatte immer einen Plan. “
Hobel sah ihn lange an.
„Du meinst, er hat seinen Tod inszeniert? “
„Nein“, sagte Späne leise. „Ich glaube, er wusste, dass jemand kommen würde. “
Ein Detail, verborgen in einer Nebenakte von 1971, kaum beachtet:
Ein junger Kriminalbeamter hatte damals einen kurzen Vermerk hinterlassen.
„Anlieferung des Pakets vermutlich durch Dritte vorbereitet. Auffällig: interne Kenntnis der Gewohnheiten des Opfers. “
Unterschrieben: Kurt Maul.
Späne hielt inne.
„Maul? “, fragte Hobel.
„Tonis Bruder“, sagte Späne langsam. „Der Name fiel nur einmal. Danach nie wieder. “
Kurt Maul war das Gegenteil von Toni.
Still. Unsichtbar. Kein Tänzer. Kein Charismatiker.
Er zog im Hintergrund der Tanzschule die Fäden – organisierte, rechnete ab, regelte die Logistik.
Er wusste alles – und blieb unsichtbar.
1973 wanderte Kurt Maul nach Kanada aus.
Toronto war kalt, selbst im Frühling.
Hobel und Späne saßen ihm in einem kleinen Café gegenüber.
Er war gealtert. Graues Haar. Ruhige Hände. Ein Gesicht ohne Schuld – oder eines, das gelernt hatte, sie zu tragen.
„Ich habe mich gefragt, wann ihr kommt“, sagte Kurt ohne Vorwurf.
„Toni war nicht unschuldig“, begann er.
„Er spielte. Mit Menschen. Mit Gefühlen. Mit Geheimnissen, die größer waren als er. “
Kurt wusste von Maximilian H.
Von den Geldflüssen.
Von den Affären.
Und er wusste, dass Toni irgendwann reden würde.
„Ich wollte ihn retten“, sagte Kurt. „Ich wollte ihn aufhalten. “
Doch Toni hörte nicht zu.
„Margarete S. war verzweifelt“, sagte Kurt. „Er benutzte sie. Warf sie weg. Drohte ihr. “
Kurt schmiedete einen Plan.
Nicht, um Toni zu töten – so behauptete er –, sondern um ihm Angst zu machen.
Das Gift sollte mild sein. Abschreckend. Ein Warnschuss.
Doch jemand hatte es verändert.
„Maximilian H. tauschte das Gift aus“, flüsterte Kurt.
„Er machte aus meiner Drohung einen Mord. “
„Und Sie? “, fragte Hobel.
„Was taten Sie, als Ihr Bruder starb? “
Kurt senkte den Blick.
„Ich habe geschwiegen. Aus Schuld. Aus Angst. Und weil ich wusste, dass niemand gegen Maximilian H. gewinnen konnte. “
Kurt floh damals nach Kanada, und wartete ab was geschieht.
Jahre später meldete sich Maximilian H. bei ihm.
Ein Angebot: Schweigen gegen Sicherheit.
Doch Kurt hatte längst andere Pläne.
Er war es, der die Ermittlungen 25 Jahre später anonym anstieß.
Er war es, der Margarete S. unter Druck setzte – nicht, um sie zu töten, sondern um sie zum Reden zu bringen.
Doch auch sie kam zu spät.
„Er wusste, dass ich komme“, sagte Kurt.
„Und er wusste, dass er vor Gericht verlieren würde – nicht juristisch, sondern moralisch. “
Der Autounfall war keiner.
Maximilian H. hatte sich selbst gerichtet.
„Er wollte die Kontrolle behalten. Bis zum Schluss. “
Zurück in Wien saßen Hobel und Späne schweigend im Büro.
„Rechtlich können wir nichts mehr tun“, sagte Späne.
Hobel nickte.
„Aber wir wissen jetzt, was passiert ist. “
Linda Maul erhielt einen letzten Brief.
Dieses Mal mit Namen.
„Ich habe versagt, als es zählte.
Aber ich wollte, dass die Wahrheit tanzt – auch wenn niemand mehr zusieht. “
— Kurt Maul
Linda legte den Brief zu den anderen Erinnerungen.
Dann schloss sie die Schachtel.
In der alten Tanzschule Tanzfieber fand Jahre später ein Jubiläumsabend statt.
Ein junger Mann betrat das Parkett.
Tonis Sohn.
Die Musik begann.
Ein Walzer.
Und für einen Moment schien die Vergangenheit stillzustehen –
nicht vergessen,
aber befriedet.
Der Mord an Toni Maul wurde nie offiziell aufgeklärt.
Doch die Wahrheit kam ans Licht –
leise, spät,
und unumstößlich.
**Schlusswort**
Manche Wahrheiten brauchen Zeit. Und manchmal ist Verstehen das Einzige, was Gerechtigkeit noch leisten kann.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )