
AUS NÄCHSTER NÄHE
Der Schnee fiel lautlos in dieser Februarnacht 1988. Große, nasse Flocken deckten den Enkplatz zu, dämpften jedes Geräusch, verschluckten Schritte, verwischten Spuren. Um 3.45 Uhr bremste ein Taxi abrupt am Straßenrand.
„Heast du, der da liegt…“, murmelte der Fahrer und griff zum Funkgerät.
Ein Mann lag auf der Seite, der Kopf halb im Schnee, halb auf dem kalten Asphalt. Blut sickerte aus einer Wunde an der Schläfe und färbte den Schnee dunkel. Kein Zeichen von Gegenwehr. Kein Schrei hatte die Nacht durchbrochen.
Als die Rettung eintraf, dachte niemand an Mord. Anzug, feine Schuhe, Alkoholgeruch – ein Sturz, mehr nicht. Solche Nächte kannte Simmering.
Doch Stunden später, im grellen Licht des Krankenhauses, änderte sich alles.
„Da ist was“, sagte der Radiologe leise.
Eine Kugel. Tief im Schädel.
Georg „Schurli“ Fussel, 43 Jahre alt, Kabarettist, Publikumsliebling, Provokateur – erschossen aus nächster Nähe.
Franz Hobel stand in der Pathologie des Krankenhauses, wo Schurli lag. Neben ihm Artur Späne, schweigsam wie immer, die Hände tief in den Manteltaschen.
„Kein Raub“, sagte Hobel. „Geldbörse da. Uhr da. Schlüssel da. “
„Dann war’s persönlich“, antwortete Späne.
Sie rekonstruierten Schurlis letzten Abend.
Ein ausverkaufter Saal im Schutzhaus Neugebäude. Applaus, Gelächter, ein neues Programm – bissig, klug, gefährlich nah an der Wahrheit, wie manche sagten. Um 23.15 Uhr verließ Fussel die Bühne. Müde, aber zufrieden.
Straßenbahnlinie 72. Ein paar Stationen. Dann der Strohhalm.
Harald Storch, der Barkeeper, erinnerte sich gut.
„Er war gut drauf. Hatte eine lange Unterhaltung mit einer Blondine an der Bar. Es floss viel Whisky, es wurde gelacht. Bezahlte mit einem Tausender. Trinkgeld wie immer großzügig. “
„Streit? “, fragte Hobel.
„Nein. Gar nix. Er war… entspannt. “
Um 3.30 Uhr verließ Fussel das Lokal. Allein.
Hundert Meter später war er tot.
Die Ermittlungen weiteten sich aus – und verliefen im Sand.
Da war die Frau, die ihm gedroht hatte. Verlassen, wütend, verzweifelt. Schmauchspuren? Keine. Nur Blei vom Benzin.
Da war der Kollege aus Niederösterreich. Ein Video. Eine Affäre. Eifersucht. Doch kein Alibi, kein Mordmotiv.
Und dann war da Simmering bei Nacht.
Das Kuckucksnest. Die Diskothek mit dem verschwundenen Tresor. Gerüchte über Geld, Drogen, Schutzgelder. Namen, die man nicht aussprach. Einer davon: Kurt „der Kahle“ Kahl.
„Schurli hat angedeutet, er weiß was“, sagte Journalist Andreas Kummer. „Mehrmals. “
Hobel nickte. „Zu viel wissen ist gefährlich. “
1990 nahmen sie Kahl fest. Verhöre. Drohungen. Schweigen. Keine Waffe. Keine Beweise.
1991 landete der Fall in den Akten.
Mord ungelöst.
Winter 1992.
Ein neuer Kabarettist trat in Simmering auf. Jung, aggressiv, gefeiert. Sein Programm schlug ein wie eine Bombe. Zu gut.
Zu vertraut.
Ein Satz. Ein Gag. Eine Pointe.
Hobel saß im Publikum. Es lief ihm kalt den Rücken hinunter.
„Den kenn ich“, flüsterte er. „Der war doch auf einem Foto in Georg Fussels Wohnung. “
Nach der Vorstellung wartete er backstage.
„Woher haben Sie den Text? “, fragte er ruhig.
Der Kabarettist lachte nervös. „Vom Leben. “
„Das waren doch dieselben Worte wie in Georg Fussels letztem Programm, oder? “
„Es war immer meins. Ich habe das Programm geschrieben, nicht Schurli. “
„Wie Sie meinen. Ich muss Sie bitten, mich aufs Revier zu begleiten“, sagte Hobel.
Am selben Abend saß der Mann im Verhörraum.
Zwölf Stunden. Kein Anwalt. Kein Applaus. Nur Fragen.
Er hatte mit Schurli geschrieben. Mit ihm gestritten. Über Geld. Über Ruhm. Über Diebstahl geistigen Eigentums.
„Er wollte mich ruinieren“, schluchzte er. „Er hat gesagt, er erzählt allen, dass ich nichts kann. “
„Ich habe ihn damals nach der Vorstellung im Schutzhaus Neugebäude zur Rede gestellt“, sagte er. „Doch er hat mich nur ausgelacht. “
„Und dann? “, fragte Hobel.
„Er brach das Gespräch ab, ließ mich wie einen dummen Jungen stehen und ging. “
„Und Sie? “
„Ich ärgerte mich maßlos und ging allein nach Hause. Hören Sie, Herr Inspektor, ich habe ihn nicht getötet. Das müssen Sie mir glauben. “
Hobel lehnte sich zurück. „Im Moment muss ich das wohl. Aber wir sprechen uns noch. Ich habe das Gefühl, Sie sagen mir nicht die ganze Wahrheit. “
Mit hochrotem Kopf stürmte er aus dem Verhörraum. Hobel musste ihn gehen lassen – die Beweise reichten nicht. Späne sagte später zu Hobel:
„Der Schnee hat vieles zugedeckt. Die Zeit hat manches verwischt. Doch die Wahrheit holt einen ein – leise, unerbittlich.“
Hobel entgegnete:
„Georg Fussel starb nicht, weil er zu viel wusste. “
„Er starb, weil jemand Angst hatte, entlarvt zu werden. “
„Wir müssen weitermachen, dranbleiben, bis wir den Täter haben. Aufgeben ist keine Option, auch wenn es schwer wird. Aber für heute reicht es. Gehen Sie nach Hause, Artur. Morgen ist auch noch ein Tag. “
Franz Hobel hasste den frühen Morgen. Nicht die Müdigkeit störte ihn – an die hatte er sich in dreißig Dienstjahren gewöhnt. Es war die Stille. Wien wirkte um diese Zeit unehrlich. Zu sauber, zu ruhig. Als würde die Stadt etwas verbergen.
Er stand am Fenster seines Büros und sah auf die schmutzig-weißen Schneereste am Straßenrand. Neben ihm saß Artur Späne, den Mantel noch an, die Aktentasche auf den Knien, den Blick auf den Tisch gesenkt.
„Kabarettist“, sagte Späne schließlich. „Berühmt genug, dass jeder etwas weiß. Unbeliebt genug, dass jeder schweigt. “
Hobel zog an seiner Zigarette, obwohl das Rauchen im Büro längst verboten war. „Und erschossen. Kein Streit, keine Zeugen, keine Waffe. Als hätte der Schnee genau gewusst, wo er fallen muss. “
Sie breiteten die Fotos auf dem Tisch aus: der Enkplatz bei Nacht, der Körper, die Blutspur – kaum zu erkennen.
„Schneefall ab Mitternacht“, sagte Hobel. „Alles, was davor war, ist weg. “
Ihr erster Weg an diesem Tag führte sie ins Schutzhaus Neugebäude.
Der große Saal roch noch nach Bier, kaltem Rauch und Applaus. Der Wirt erinnerte sich gut an den Abend, der vier Jahre zurücklag.
„Ausverkauft“, sagte er stolz. „Die Leute haben gebrüllt vor Lachen. “
„Streit? “, fragte Späne.
Der Wirt schüttelte den Kopf. „Nein. Aber er war müde. Hat gesagt, das neue Programm sei ein harter Brocken. ‚Zu ehrlich‘, meinte er. “
Hobel hob den Blick. „Zu ehrlich für wen? “
Der Wirt zuckte mit den Schultern. „Er hat oft gesagt, in Wien müsse man aufpassen, was man sagt. “
Sie fanden den Fahrer der Linie 72, einen Mann mit grauem Schnurrbart und müden Augen.
„Ja, der Herr Fussel war drin“, sagte er. „Allein. Hat aus dem Fenster geschaut. Kein Wort. Keine Frau. “
„Hat jemand mit ihm geredet? “, fragte Hobel.
„Nein. Aber er hat gelächelt. So ein Lächeln, das nichts Gutes verheißt. “
Späne notierte den Satz.
Das Strohhalm, die Bar, die er zuletzt besucht hatte, war noch geschlossen, als sie ankamen. Erst am Abend öffnete der Barkeeper für sie.
Harald Storch polierte Gläser, als hätte sich seit jener Nacht nichts verändert.
„Er war Stammgast“, begann er. „Manchmal dreimal die Woche. Immer geschniegelt. Immer charmant. Aber das habe ich Ihnen im Februar 1988 schon alles gesagt. “
„Die Frau? “, fragte Hobel.
„Blond. Schön. Nicht aus Simmering, glaub ich. Sie haben Whisky getrunken, gelacht. Nichts Auffälliges. “
„Eifersucht? “
Storch schnaubte. „Bei Schurli? Da hätten sie ihn jeden Abend erschießen müssen. “
„Um halb vier ist er gegangen“, sagte Späne. „Allein. “
„Ja. Hat noch gewunken. “
Hobel ging später allein den Weg von der Bar Strohhalm bis zum Enkplatz. Langsam. Schritt für Schritt.
Hundert Meter.
Nicht einmal zwei Minuten zu Fuß.
„Wenn ihn jemand verfolgt hätte, hätte er es gemerkt“, murmelte Hobel. „Also kannte er den Täter. “
Späne nickte. „Oder er hat ihm vertraut. “
„Der Schuss musste gedämpft gewesen sein. Keine Zeugen. Kein Aufschrei“, sagte Hobel.
„Aus nächster Nähe“, ergänzte Späne. „Die Gerichtsmedizin spricht von einer Hinrichtung. “
Hobel sah wieder das Bild des Körpers im Schnee vor sich.
„Das war kein Zufall“, sagte er leise. „Das war das Ende einer Geschichte, die wir noch nicht kennen. “
Zurück im Büro hefteten sie die Namen an die Tafel.
Frauen
Kollegen
Neid
Eifersucht
Angst
„Kabarettisten machen sich Feinde“, sagte Späne. „Vor allem, wenn sie Erfolg haben. “
Hobel trat einen Schritt zurück und musterte die Wand.
„Und manchmal sammeln sie Geheimnisse. “
Draußen fiel wieder Schnee.
Simmering folgte seinen eigenen Gesetzen.
Tagsüber wirkte der Bezirk gewöhnlich: Gemeindebauten, Trafiken, Kinderwägen, der Duft von frischem Gebäck. Doch nachts legte sich etwas Unsichtbares über die Straßen, spürbar, aber nicht greifbar. Eine stumme Regel: Man schaut weg. Man hört nichts. Man bleibt am Leben.
Franz Hobel kannte diese Viertel. Er wusste, dass man hier die Wahrheit nicht fand, sondern nur auflas – in Bruchstücken, zwischen Halbsätzen und gesenkten Blicken.
Die Diskothek lag an der Simmeringer Hauptstraße, ein flacher Bau mit flackernder Neonreklame. „Kuckucksnest“ standdort, doch der Vogel war längst ausgeflogen. Zurück blieb ein Ort, der sich anfühlte wie eine offene Wunde.
„Hier ist der Tresor verschwunden“, sagte Späne. „Einfach weg. “
Hobel ließ den Blick schweifen. „Tresore verschwinden nicht. Sie werden geholt. “
Der ehemalige Türsteher war bereit zu reden – ein wenig. Seine Hände zitterten, als er die Zigarette anzündete.
„Fragen S’ mi nix“, murmelte er. „I hab Kinder. “
„Wir fragen nur nach Schurli“, sagte Hobel ruhig.
Der Mann schluckte. „Der war öfter da. Hat g’schaut. Hat g’lauscht. Hat Witze g’macht. “
„Über wen? “
„Über die Falschen. “
Der Name fiel nicht sofort. Er schnitt wie ein Messer – leise, gefährlich.
„Der Kahle“, murmelte der Türsteher schließlich. „Mehr sag i net. “
Kurt Kahl. Glatze, schneller Zeigefinger, keine Akte ohne Blutspur. Einer, der offiziell nie existierte, aber den jeder kannte.
„Hat Schurli ihn gekannt? “, fragte Späne.
Der Türsteher lachte trocken. „Wenn ma in Simmering lang genug lebt, kennt ma ihn. Ob ma will oder net. “
Journalist Andreas Kummer traf Hobel in einem Kaffeehaus. Abseits. Fensterplatz. Rücken zur Wand.
„Schurli hat oft Andeutungen gemacht“, sagte er leise. „Er hat g’sagt, er weiß, wer beim Kuckucksnest die Fäden zieht. Und beim Kuckucksnest is nie nur um Musik gangen. “
„Warum hat er nix gesagt? “, fragte Hobel.
Kummer starrte in seine Tasse. „Weil Wissen a Währung is. Und manchmal a Todesurteil. “
Nachts schlugen sie zu. Fünf Männer aus dem Drogen- und Rotlichtmilieu. Verhöre. Hausdurchsuchungen. Angstschweiß.
Doch keiner brach.
„Keiner redet“, sagte Späne. „Wie abgesprochen. “
„Oder weil’s nix mit ihnen zu tun hatte“, entgegnete Hobel.
Die Tatwaffe blieb verschwunden. Eine Frommer-Pistole, alt, unauffällig, nicht registriert.
„Wenn das organisierte Kriminalität war“, sagte Hobel, „wär die Waffe längst irgendwo aufgetaucht. Als Warnung. “
Späne nickte. „Ich ruf den Journalisten an. Der hat doch den Namen Toni erwähnt. “
„Der Toni? Der Zuhälter? “, fragte Hobel.
„Ja, genau der. Der Toni, der für den Mord an Eva Blum verantwortlich war. Die Flucht. Der Mythos. “
Am Telefon gab Journalist Andreas Kummer die Auskunft.
„Schurli hat gesagt, er kennt Details“, erzählte Kummer. „Sogar von einem Brief an Tonis Eltern war die Rede. “
„Gibt’s den Brief? “, fragte Späne.
„Nie gefunden. “
Späne brach das Gespräch ab und schloss die Akte. „Vielleicht hat er nur provoziert. “
Hobel sah ihn an. „Oder jemand hat geglaubt, er meint es ernst. “
Je tiefer sie gruben, desto leerer wurde der Boden.
Keine Zeugen.
Keine Beweise.
Nur Angst.
„Die Unterwelt redet nicht“, sagte Späne. „Aber sie schießt laut, wenn’s sein muss. “
Hobel schüttelte den Kopf. „Nicht so. Nicht hier. Nicht so sauber. “
Vor seinem inneren Auge tauchte wieder der Enkplatz auf. Der Schnee. Die Stille.
„Das war kein Machtsignal“, sagte er. „Das war persönlich. “
„Ich will den Fall nicht wieder ruhen lassen, Späne. “
Doch die Akten landeten im Regal. Der Schnee schmolz. Neue Fälle drängten sich vor.
Hobel konnte nicht loslassen. Tage später rief er plötzlich zu Späne hinüber, der an seinem Schreibtisch saß.
„Wenn’s nicht die Unterwelt war“, sagte er, „dann war’s jemand, der sich gekränkt gefühlt hat. “
Späne nickte langsam.
„Und Kränkungen“, sagte er, „sind gefährlicher als jede Mafia. “
Hobel lehnte sich vor. „Da fällt mir nur eine Person ein. Die nehmen wir uns jetzt vor. “
Drei Stunden später saßen sie im Verhörraum. Klein, karg, aber ein Ort, der schon viele Wahrheiten ans Licht gezerrt hatte.
Grauer Tisch, zwei Stühle, eine nackte Neonröhre, die leise summte. Die Uhr an der Wand tickte falsch – eine Minute nach, als hätte selbst die Zeit hier beschlossen, nicht ganz ehrlich zu sein.
Franz Hobel setzte sich langsam. Artur Späne blieb stehen.
Der Mann ihnen gegenüber war jung. Zu jung für einen Mord, hätte man gedacht. Dunkle Augen, nervöse Hände. Ein gefeierter Kabarettist der neuen Generation. Applaus gewohnt. Kritik nicht.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind? “, fragte Hobel.
„Weil mein Programm gut ist“, sagte der Mann und lächelte schief. „Das habe ich Ihnen schon vor Jahren gesagt – bei unserer ersten Unterhaltung. “
Späne zog einen Ordner aus der Tasche und legte ihn langsam auf den Tisch. Bedächtig.
„Zu gut“, sagte er.
„Ich habe Schurli bewundert“, sagte der Mann. „Er war ein Vorbild. “
„Vorbild“, wiederholte Hobel. „Oder Konkurrenz? “
„Das eine schließt das andere nicht aus. “
Hobel nickte. „Doch. Irgendwann schon. “
Der Mann lehnte sich zurück. „Ich habe ihn nicht umgebracht. “
„Das hat auch niemand behauptet“, sagte Späne.
Kurzes Schweigen.
Hobel schob ein Tonbandgerät über den Tisch.
„Ihre Auftritte. Seine Auftritte. Wort für Wort. “
Der Mann blickte zur Seite. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich das Programm geschrieben habe. “
„Das kann jeder Kabarettist behaupten, der mit ihm zu tun hatte“, sagte Hobel. „Aber Beweise gibt es keine, oder? “
Schweiß trat auf die Stirn des Mannes.
„Er hat mich ausgelacht“, platzte es aus ihm heraus. „Vor anderen. Hat gesagt, ich sei ein Dieb. “
„Waren Sie es? “, fragte Späne.
Keine Antwort. Dann plötzlich:
„Er wollte über den Streit reden, den wir nach dem Auftritt im Schutzhaus Neugebäude hatten“, sagte der Mann leise. „Aber nachts, nach so einem Streit, redet man anders. “
Hobel fixierte ihn. „Wo fand das Treffen statt? “
„Am Enkplatz. “
„Warum dort? “
„Weil es dort still ist. “
Die Neonröhre im Verhörraum flackerte.
„Frommer“, sagte Späne und legte ein Foto auf den Tisch. „Ungarisch. Alt. Unauffällig. “
Der Mann schloss die Augen.
„Sie gehört meinem Vater“, flüsterte er. „Ein Kriegsmitbringsel. “
„Wo ist sie jetzt? “, fragte Hobel.
„Im Wasser. “
„Welches Wasser? “
„Die Donau. “
„Er hat gesagt, er zerstört mich“, sagte der Mann plötzlich. „Er hatte Macht. Kontakte. Presse. “
„Oder nur ein großes Maul“, entgegnete Hobel ruhig.
„Für mich war’s genug. “
Der Mann begann zu zittern.
„Ich wollte nur, dass er zuhört. “
„Hat er? “
„Er hat gelacht. Immer nur gelacht. “
Der Mann sah Hobel an. Zum ersten Mal direkt.
„Es war nah“, sagte er. „So nah, dass ich seinen Atem gespürt habe. “
Späne schrieb nichts mehr mit.
„Ein Schuss“, flüsterte der Mann. „Ich hab nicht mal gezielt. “
„Aber Sie haben getroffen“, sagte Hobel.
Der Mann weinte nicht. Er war leer.
Hobel stand auf. „Sie haben ihn nicht getötet, weil er zu viel wusste. “
Der Mann hob den Kopf.
„Sondern weil er Ihnen gezeigt hat, wer Sie sind. “
Hobel verhaftete ihn. Wochen später begann die Verhandlung.
Die Tür öffnete sich.
Der Applaus draußen war längst verklungen.
Der Gerichtssaal wirkte größer als der Verhörraum – und kälter.
Holzbänke, hohe Fenster, ein schwerer Geruch nach Staub und Vergangenheit. Die Zuschauer saßen still: Journalisten mit gezückten Stiften, ehemalige Weggefährten, ein paar Neugierige. Kein Applaus. Kein Lachen. Nur Warten.
Der Angeklagte trat ein. Derselbe Mann wie im Verhörraum – und doch ein anderer. Der Rücken leicht gekrümmt, die Hände gefaltet, als hielte er sich selbst fest. Der gefeierte Kabarettist war verschwunden. Übrig blieb ein Mensch, der zu lange geschwiegen hatte.
Franz Hobel saß in der letzten Reihe. Neben ihm Artur Späne.
„Er wird reden“, flüsterte Späne.
Hobel nickte. „Ich weiß, heute ist der Tag der Gerechtigkeit gekommen. “
Der Staatsanwalt sprach ruhig, sachlich.
Von Neid.
Von verletztem Stolz.
Von einer ungarischen Pistole.
Von einem Schuss aus nächster Nähe.
Der Name Georg Fussel fiel mehrmals. Jedes Mal hallte er wie ein Echo.
Der Richter sah über den Rand seiner Brille. „Sie dürfen schweigen. “
Der Angeklagte erhob sich.
„Ich möchte sprechen. “
„Ich habe ihn bewundert“, begann er. Seine Stimme klang fest, fast zu fest. „Und ich habe ihn gehasst. “
Ein Raunen ging durch den Saal.
„Er war, was ich sein wollte. Und er wusste es. “
Er sprach von gemeinsamen Nächten, von Ideen, von Texten, die geteilt und nie zurückgegeben wurden. Von Spott. Von der Angst, entlarvt zu werden.
„Er hat gesagt, ich lebe in seinem Schatten“, sagte der Mann. „Und dass er das beenden wird. “
Der Richter ließ ihn reden.
„In dieser Nacht“, fuhr der Angeklagte fort, „wollte ich nur reden. Ich nahm die Waffe mit, weil…“
Er hielt inne.
„Weil ich mich klein fühlte. “
Stille.
„Er hat gelacht. Nur gelacht. “
„Ich stand so nah, dass ich seine Augen sehen konnte“, sagte er. „Er hatte keine Angst. Das machte mich wütend. “
Ein Atemzug.
„Ich habe abgedrückt. “
Kein weiteres Wort.
Der Richter sprach von Mord, von Vorsatz, von zwölf Jahren Haft.
Der Angeklagte nickte.
Keine Tränen.
Draußen schmolz der letzte Schnee des Winters.
Hobel und Späne standen auf den Stufen des Gerichts.
„Kein großes Motiv“, sagte Späne. „Kein Komplott. “
„Nur ein verletzter Mensch“, entgegnete Hobel.
„Und ein Toter. “
Sie schwiegen.
Georg Fussels Programme laufen noch heute. Seine Stimme klingt weiter – auf alten Kassetten, in verrauchten Kellern, in Erinnerungen.
Der Mord wurde aufgeklärt.
Gerechtigkeit? Vielleicht.
Doch der Schnee fiel damals lautlos. Niemand hörte den Schuss.
**Schlusswort**
Der Schnee ist längst geschmolzen. Die Wahrheit kam spät. Und manches Schweigen bleibt für immer.
Krimi-Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
( a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht )