
Für Tot erklärt
Der Morgen des 12. August 1976 begann in Simmering so unscheinbar, dass später niemand verstand, warum er sich nicht schon damals schwerer angefühlt hatte. Die Sonne hing flach über der Alten Donau, das Wasser lag still, fast spiegelglatt, als wollte es etwas verbergen. Eva Flyer öffnete das Fenster ihrer kleinen Wohnung, ließ die kühle Luft herein und hörte für einen Moment nur das ferne Rauschen der Stadt. Martin war noch nicht zurück.
Dabei war er doch nur Kajak fahren gegangen. Wie so oft. Eine kurze Auszeit, hatte er gesagt, ein paar Stunden für sich, bevor er abends mit den Kindern Hausaufgaben machen und mit Eva am Küchentisch sitzen würde. Nichts Ungewöhnliches. Nichts, was beunruhigte.
Doch als der Vormittag verstrich und das Telefon stumm blieb, wuchs in Eva eine leise Unruhe. Sie versuchte, sie zu verdrängen. Martin war zuverlässig. Immer. Dreifacher Vater, Tischler mit eigener Werkstatt, ein Mann, den die Nachbarschaft schätzte. Einer, der half, wenn ein Regal schief hing oder eine Tür klemmte. Einer, der lachte, wenn die Kinder laut waren, und schwieg, wenn er müde war.
Am Nachmittag wurde aus der Unruhe ein Knoten. Eva rief Freunde an, Bekannte, fragte in der Werkstatt nach. Niemand hatte ihn gesehen. Niemand wusste etwas. Erst als die Dämmerung kam und die Schatten länger wurden, griff sie mit zitternden Fingern zum Telefon und rief die Polizei.
Die Suche begann noch am Abend. Blaulicht spiegelte sich im Wasser der Alten Donau, Stimmen hallten über das Ufer, Taschenlampen durchbrachen die Dunkelheit. Dann fand man das Kajak. Gekentert. Treibend. Daneben ein wasserdichter Behälter mit Martins Schlüsseln, seiner Geldbörse, ein paar Geldscheinen. Sein Auto stand ordentlich geparkt am Ufer, abgeschlossen, als würde er jeden Moment zurückkehren.
In dieser Nacht schlief Eva nicht. Die Kinder lagen eng aneinandergedrückt in ihren Betten, zu jung, um alles zu verstehen, alt genug, um zu spüren, dass etwas unwiederbringlich zerbrochen war. Die Stunden zogen sich endlos, während draußen Taucher das Wasser durchkämmten, immer wieder auftauchten, den Kopf schüttelten, weitersuchten.
Die Tage danach verschwammen in einem grauen Nebel aus Hoffnung und Verzweiflung. Jeder Anruf ließ Evas Herz schneller schlagen, jede sich öffnende Tür brachte für einen Sekundenbruchteil die absurde Hoffnung, Martin stünde dort, nass, frierend, aber lebendig. Doch er kam nicht zurück.
Als man die Suche schließlich einstellte, blieb nur Stille. Eine Stille, die lauter war als jedes Geräusch. Im Oktober erschien die Todesanzeige. Schwarzer Rand, schlichte Worte. „Gott hat Martin viel zu früh zu sich geholt. “ Eva hatte lange auf diesen Satz gestarrt, bevor sie ihn freigab. Zu früh. Ja. Viel zu früh.
In Simmering senkten die Menschen die Stimmen, wenn sie an der Familie Flyer vorbeigingen. Nachbarn brachten Essen, Freunde umarmten Eva wortlos. Alle dachten dasselbe: ein tragischer Unfall. Ein Leben, vom Wasser genommen. Ein Ende, das niemand wollte.
Niemand ahnte, dass dies erst der Anfang war und eine unglaubliche Wende bevorstand.
Nach der Todesanzeige wurde das Leben der Familie Flyer langsamer, schwerer, als hätte jemand die Zeit zähflüssig gemacht. Eva funktionierte nur noch. Sie stand morgens auf, bereitete den Kindern Frühstück, band Schuhe, unterschrieb Schulzettel, nickte freundlich, wenn jemand Beileid aussprach. Nachts jedoch, wenn die Wohnung still war und nur das leise Ticken der Küchenuhr zu hören war, brach alles über ihr zusammen.
Martins Platz im Bett blieb leer. Seine Kleidung hing noch im Schrank, roch nach Holzstaub und dem vertrauten Rasierwasser. Manchmal drückte Eva ihr Gesicht in eines seiner Hemden, atmete tief ein, als könnte sie ihn so für einen Moment zurückholen. Die Kinder stellten Fragen, auf die es keine Antworten gab.
„Kommt Papa wieder? “
„Ist er im Himmel? “
„Warum hat er uns allein gelassen? “
Eva versuchte stark zu bleiben. Für sie. Immer für sie. Doch die Trauer zeigte viele Gesichter. Mal war sie still und lähmend, mal scharf und wütend. Warum war er allein gefahren? Warum an diesem Tag? Warum überhaupt?
In der Tischlerei ruhte die Arbeit. Kunden kamen, drückten Eva Beileidskarten in die Hand, erzählten Geschichten über Martin, lachten kurz – und entschuldigten sich sofort dafür. Schließlich verkaufte Eva die Werkstatt. Der Geruch von Holz wurde unerträglich. Zu viele Erinnerungen. Zu viel Leben, das plötzlich fehlte.
Simmering vergaß langsam. Neue Geschichten, neue Sorgen. Doch an der Alten Donau blieb für Eva jeder Spaziergang eine Qual. Das Wasser wirkte harmlos, fast friedlich. Und doch hatte es ihr alles genommen.
Dann, Ende November, klingelte das Telefon.
Ein Anruf, der nicht in diese Welt passte. Die Stimme am anderen Ende klang sachlich, vorsichtig, fast entschuldigend. Italienische Behörden. Ein Grenzübergang. Ein Pass. Martins Pass. Gestempelt am 13. August.
Eva hörte die Worte, begriff sie nicht. Ihr Körper wurde kalt, ihr Herz schlug zu schnell.
„Das ist nicht möglich“, wiederholte sie immer wieder. „Das muss ein Fehler sein. “
Doch es war kein Fehler.
In den Tagen danach verwandelte sich Trauer in etwas anderes. In Verwirrung. In Misstrauen. In eine Angst, die tiefer ging als der Tod. Die Polizei nahm die Ermittlungen wieder auf. Es war die Rede von Geldbewegungen, einer Lebensversicherung, Briefen. Von einer Frau in Italien.
Eva fühlte, wie der Boden unter ihren Füßen wegbrach. Nicht langsam, nicht sanft – sondern brutal. Die Erinnerung an den Mann, den sie geliebt hatte, bekam Risse. Erst kleine. Dann größere.
War alles eine Lüge gewesen?
Die Kinder spürten die Veränderung sofort. Eva weinte wieder – anders als zuvor. Nicht leise und gebrochen, sondern aufgewühlt, verzweifelt.
„Papa lebt“, sagte sie eines Abends, ohne es selbst zu begreifen.
Die Kinder sahen sie an, hoffnungsvoll.
„Dann kommt er zurück? “
Eva schwieg.
Denn tief in ihr wuchs eine furchtbare Ahnung:
Der Mann, um den sie so lange getrauert hatte, war vielleicht nicht verloren – sondern hatte sie verlassen.
Und der schlimmste Schmerz stand ihr noch bevor.
Die Wahrheit kam nicht plötzlich. Sie sickerte in Evas Leben wie kaltes Wasser durch eine undichte Decke – erst kaum spürbar, dann unaufhaltsam. Jeder neue Fakt riss ein weiteres Stück aus dem Bild, das sie all die Jahre von Martin gehabt hatte.
Die Polizei lud Eva vor. Ein nüchterner Raum: graue Wände, ein Tisch, zwei Stühle. Auf dem Tisch lagen Kopien von Dokumenten–Kontoauszüge, Versicherungsunterlagen, handgeschriebene Briefe. Briefe, die nicht an sie gerichtet waren.
Martin hatte im Januar eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Begünstigte: Eva und die Kinder. Wenige Monate später überwies er Geld auf ein ausländisches Konto – erst kleine Beträge, dann größere. Unauffällig. Geplant. Dazu ein Bahnticket-Gutschein, gekauft Wochen vor dem angeblichen Unfall. Alles fügte sich zu einem erschreckend klaren Bild.
„Wir gehen davon aus, dass Ihr Mann seinen Tod vorgetäuscht hat“, sagte der Beamte ruhig. Zu ruhig für die Wucht dieser Worte.
Eva hörte zu, nickte, stellte mechanisch Fragen. Innerlich schrie etwas in ihr. Sie dachte an gemeinsame Abende, an Urlaube, an Geburtstage. An Martins ruhige Art, seine warmen Hände. Wie konnte ein Mensch solange zwei Leben führen?
Die Briefe an die Frau in Italien waren voller Sehnsucht. Von einem Neuanfang war die Rede. Von Freiheit. Von einem Leben ohne Verpflichtungen. Kein Wort über die Kinder. Kein Satz über Schuld oder Zweifel. Nur Vorfreude.
Für Eva war das der Moment, in dem Martin endgültig starb.
Kurz darauf trat die Polizei an die Öffentlichkeit. Der Fall erschütterte ganz Wien. Zeitungen schrieben von Betrug, von Täuschung, von einem Mann, der seine Familie für eine Geliebte aufgegeben hatte. In Simmering tuschelten die Menschen wieder – diesmal lauter. Mitleid mischte sich mit Neugier, Mitgefühl mit Sensationslust.
Über die italienischen Ermittler hatte man Martin kontaktiert. Man bat ihn um ein Lebenszeichen. Was folgte, war ein Fernsehauftritt in italienischen Medien. Eva sah die Aufzeichnung allein, spätabends, während die Kinder schliefen.
Der Bildschirm flackerte. Dann erschien er. Älter vielleicht, schmaler im Gesicht – aber unverkennbar Martin. Ihr Martin.
„Guten Abend, hier spricht Martin Flyer“, sagte er ruhig. „Heute ist der 15. Dezember. Es ist zehn Uhr morgens. Ich bin in meinem Apartment, völlig sicher, unversehrt. “
Seine Stimme klang fest. Keine Reue. Kein Zögern. Kein Blick zurück.
Eva spürte nichts mehr. Keine Wut, keine Trauer. Nur Leere. Eine Leere, die tiefer war als alles, was sie nach seinem Verschwinden gefühlt hatte. Er lebte. Und er hatte sich entschieden, nicht bei ihnen zu sein.
Später erklärte Martin in einer weiteren Nachricht, wie er alles geplant hatte. Wie er ans Ufer geschwommen war. Wie er ein Fahrrad genommen hatte. Wie er mit Bus und Bahn nach Italien gelangt war. Jedes Detail saß. Jedes Wort bewies die Kälte seiner Entscheidung.
Die Polizei in Simmering erklärte den Fall für abgeschlossen. Sollte Martin nach Wien zurückkehren, erwarte ihn ein Haftbefehl – wegen versuchten Versicherungsbetrugs, Irreführung der Behörden, Vortäuschung einer Notlage.
Für Eva zählte all das nicht.
Was blieb, war die bittere Wahrheit: Der Mann, den sie betrauert hatte, war nicht ertrunken.
Er war gegangen.
Hatte sie, die Kinder und ein ganzes Leben bewusst hinter sich gelassen.
Doch niemand ahnte, dass diese Geschichte noch etwas bereithielt – eines, das alles verändern würde.
Die Wahrheit brachte keine Ruhe. Sie schuf eine andere Unruhe, leise, aber unaufhörlich. Eva versuchte, ihr Leben neu zuordnen, doch es fühlte sich an, als hätte jemand die Spielregeln geändert, ohne sie einzuweihen. Witwe war sie nie gewesen. Verlassen schon. Betrogen auch. Aber ohne Abschluss, ohne echten Abschied.
Die Kinder wuchsen weiter. Zu schnell. Sie fragten weniger, aber trafen ins Schwarze.
„Warum wollte Papa nicht mehr bei uns sein? “
„Haben wir etwas falsch gemacht? “
Eva verneinte jedes Mal. Entschlossen, fast streng. Sie wollte nicht, dass Martins Entscheidung zur Bürde der Kinder wurde. Und doch war er da – in ihren Gesichtern, in kleinen Gesten, in der Art, wie der Älteste die Stirn runzelte, wenn er nachdachte. Man konnte ihn nicht auslöschen.
Der Name Flyer verschwand langsam aus den Schlagzeilen. Neue Skandale, neue Dramen drängten nach. In Simmering gewöhnte man sich an die Geschichte wie an eine alte Narbe: Man wusste, dass sie da war, aber man sah nicht mehr hin. Nur manchmal, an der Alten Donau, blieb jemand stehen und dachte an den Mann, der dem Wasser entkommen war.
Martin meldete sich nie. Keine Briefe, kein Anruf, keine Geburtstagskarte für die Kinder. Die Polizei stellte die Suche ein. Der Haftbefehl blieb bestehen, doch Italien lieferte ihn nicht aus. Er lebte weiter, irgendwo zwischen Sonne, Meer und einem neuen Namen, wie man hörte.
Eva begann wieder zu arbeiten, fand eine Stelle in einer kleinen Buchhandlung. Bücher waren still, verlangten nichts, erzählten Geschichten, die nicht ihre eigenen waren. Abends las sie den Kindern vor, manchmal länger als nötig, nur um das Licht nicht sofort ausschalten zu müssen.
Die Wut kam später. Jahre später. An einem gewöhnlichen Nachmittag, als sie alte Unterlagen sortierte. Sie fand ein Foto: Martin mit den Kindern am Boden, lachend, Bauklötze in der Hand. In diesem Moment begriff sie, dass sie nicht nur um einen Mann getrauert hatte – sondern um eine Zukunft, die nie existiert hatte.
Und doch heilten manche Wunden. Langsam. Unvollständig. Aber genug, um weiterzugehen.
Bis eines Tages ein Brief kam.
Kein Absender. Kein Stempel aus Italien. Nur ihr Name, handgeschrieben, in einer Schrift, die Eva sofort erkannte. Ihre Hände zitterten, als hätte ihr Körper längst verstanden, was ihr Verstand noch abwehrte.
Sie öffnete den Umschlag nicht sofort. Er lag stundenlang auf dem Küchentisch, während die Kinder Hausaufgaben machten und lachten. Ein ganz normales Leben, das plötzlich wieder ins Wanken geriet.
Als Eva den Brief las, begriff sie:
Martin wollte zurück.
Nicht nach Simmering, nicht in sein altes Leben. Er suchte etwas, das er verloren hatte, etwas, das er jetzt brauchte. Er schrieb von Krankheit, Angst, Reue – und bat Eva um ein Treffen. Nur ein einziges Mal.
Eva saß lange da, den Brief in der Hand.
Sie wusste nicht, was sie fühlte.
Aber sie wusste, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Und dass, was jetzt noch auf sie zukommt, alles verändern würde.
Sie antwortete nicht sofort. Tage vergingen, dann Wochen. Der Brief verschwand in der Küchenschublade, zwischen Rechnungen und Einkaufszetteln – ein stummer Beweis dafür, dass die Vergangenheit nicht verschwindet, nur weil man sie ignoriert. Martin schrieb erneut. Kürzer diesmal. Seine Worte klangen brüchig, fast flehend. Er bat nicht mehr um Vergebung, nur um ein Gespräch. Um ein Ende.
Schließlich stimmte Eva zu. Nicht aus Mitgefühl, nicht aus Liebe – sondern aus Klarheit. Sie trafen sich an einem neutralen Ort nahe der Grenze. Ein kleines Café, anonym, unauffällig. Kein Ort für große Gefühle.
Als Martin eintrat, erkannte Eva ihn sofort. Und doch war er nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hatte. Er wirkte älter, gebrochener. Seine Hände zitterten, sein Blick wich ihrem aus. Er sprach von Krankheit, Einsamkeit, davon, dass das neue Leben ihn nicht gerettet, sondern ausgehöhlt hatte. Die Geliebte war fort, die Freiheit hatte sich als Leere entpuppt.
Eva hörte zu. Ruhig, gefasst. Sie stellte keine Vorwürfe, fragte nicht nach dem Warum. Diese Fragen hatten ihr Leben vergiftet – und keine Antworten gebracht.
Dann sagte sie ihm die Wahrheit.
Dass die Kinder ihn nicht mehr suchten. Dass sie gelernt hatten, ohne ihn zu leben. Dass sie einen Vater verloren hatten – nicht durch den Tod, sondern durch seine Entscheidung. Und dass sie, Eva, ihn nicht mehr hasste. Hass hätte bedeutet, er hätte noch Macht über sie.
Martin weinte. Zum ersten Mal. Er sagte, er wolle sich stellen, alles wiedergut machen, zurückkehren. Eva schüttelte den Kopf.
„Das kannst du nicht“, sagte sie leise. „Nicht für uns. Nur für dich. “
Sie stand auf, legte Geld auf den Tisch und ging. Ohne Umarmung, ohne Abschiedsworte.
Das Ende kam Monate später – still, fast unscheinbar.
Kein Gerichtsurteil, keine Festnahme. Nur ein amtlicher Brief. Martin Flyer war in Italien gestorben. Herzversagen, allein in seiner Wohnung. Kein Medienecho, kein Aufsehen, kein Nachruf.
Eva las die Nachricht einmal, dann legte sie den Brief weg.
Die Kinder erfuhren es am Abend. Sie hörten zu, stellten keine Fragen. Vielleicht hatten sie ihren Abschied schon vor Jahren genommen.
Am nächsten Wochenende ging Eva mit ihnen zur Alten Donau. Nicht aus Trauer, sondern aus Frieden. Sie warfen kleine Steine ins Wasser und beobachteten die Wellen. Das Wasser blieb still, ehrlich, ohne Geheimnisse.
Martin Flyer hatte einst seinen Tod vorgetäuscht, um neu anzufangen.
Am Ende verlor er alles.
Und Eva begriff:
Man kann vor vielem fliehen – vor Verantwortung, Schuld, einem ganzen Leben.
Aber nicht vor sich selbst.
Schlusswort:
Wer vor dem Leben flieht, erkennt oft zu spät, dass er dabei alles verliert.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)