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Ewige Freundschaft

Manche Orte verschwinden nie.
Sie bleiben, auch wenn wir längst fort sind. Sie wachsen mit uns, altern mit uns und warten geduldig, bis wir begreifen, was sie uns geschenkt haben. Für uns war dieser Ort der Arenbergpark.

Die siebziger und achtziger Jahre waren eine Zeit, in der wir nichts besaßen – und doch alles hatten. Wir waren Kinder aus einfachen Verhältnissen, Söhne von Arbeitern, von Müttern, die rechneten, bevor sie einkauften, und Vätern, deren Hände mehr erzählten als ihre Worte. Geld war knapp, Kleidung wurde weitergereicht, Träume waren Luxus. Und doch: Wir waren reich. Reich an Zeit, an Freundschaft, an Freiheit.

Wir nannten uns nicht so, aber wir waren Parkkinder. Der Park war unser Wohnzimmer, unser Abenteuerspielplatz, unser Zufluchtsort. Fast zwei Jahrzehnte verbrachten wir dort – zuerst als Kinder, später als halbwüchsige Burschen, die glaubten, die Welt läge ihnen zu Füßen. Nach der Schule liefen wir nicht nach Hause, sondern in den Park. Jeden Tag. Bei jedem Wetter.

Die Bäume kannten uns.
Die Wege kannten unsere Schritte.
Und der Boden kannte unsere Stürze.

Wir spielten Fußball, stundenlang, bis die Schuhe durch waren und die Knie bluteten. Wir kletterten auf Bäume, auch auf Apfelbäume mitten im Park. Die Äpfel waren sauer, oft wurmstichig – aber wenn der Hunger kam, schmeckten sie wie ein Festmahl. Niemand fragte, ob wir durften. Der Park gehörte uns, und wir gehörten ihm.

Der Arenbergpark war eine Insel der Freiheit.
Ein Ort ohne Erwachsene, ohne Regeln, ohne Angst vor morgen.

Natürlich gab es Mutproben. Jeden Tag. Wer dazu gehören wollte, musste springen, klettern, wagen. Die größte war der Flakturm. Ein graues, monströses Ding aus einer anderen Zeit, ein Mahnmal aus Beton. Wir erreichten einen Vorsprung über einen schief gewachsenen Baum. Zehn Meter über dem Boden. Ein falscher Schritt, und es wäre vorbei gewesen. Wir wussten das. Aber wir taten es trotzdem. Denn die Angst zu fallen war nichts gegen die Angst, ausgelacht zu werden.

In dieser Welt aus Staub, Gras und jugendlichem Übermut lernte ich Mario kennen.
Er war anders. Nicht lauter, nicht stärker – aber klarer. Etwas in seinem Blick verriet, dass er weitersehen konnte als wir anderen. Auch er kam aus armen Verhältnissen. Auch er trug abgetragene Kleidung, auch er zählte seine Münzen. Aber wenn wir im Gras lagen und in den Himmel sahen, sprach er von Dingen, die größer waren als der Park, größer als Wien, größer als alles, was wir kannten.

Wir hatten Träume. Alle. Aber mit Mario wurden sie lebendig.

Wenn wir Glück hatten, konnten wir uns einmal im Monat eine Kinokarte leisten. Unser Heiligtum war das EOS-Kino auf der Landstraßer Hauptstraße. Dunkel, riechend nach Popcorn und alten Polstern. Dort saßen wir nebeneinander und sahen Filme über Helden, ferne Länder, ein Leben, das so weit weg war von unserem eigenen, dass es fast weh tat. Nach den Vorstellungen redeten wir kaum. Jeder hing seinen Gedanken nach. Aber ich wusste: Wir träumten alle dasselbe, von Mehr.

Die Jahre flogen vorbei, ohne dass wir es merkten.
Und plötzlich waren wir keine Kinder mehr.

Unsere Stimmen wurden tiefer, unsere Körper kantiger, unsere Fragen schwerer. Der Park verlor langsam seine Magie – nicht weil er sich verändert hatte, sondern weil wir es taten. Der neue Treffpunkt wurde ein Billardcafé. Rauch hing in der Luft, die Kugeln klackten, und zum ersten Mal fühlten wir uns erwachsen. Mario war außergewöhnlich gut. Er spielte nicht nur Billard – er verstand es. Jeder Stoß hatte Ziel und Ruhe.

Wir arbeiteten nun. Lehrstellen, Jobs, frühes Aufstehen. Nach der Arbeit trafen wir uns, redeten über alles und nichts. Die Mädchen kamen. Mit ihnen das Chaos, die Eifersucht, die erste große Liebe, der erste große Schmerz. Diskotheken wurden unsere neuen Abenteuerorte. In der Stadt, manchmal draußen am Land. Wir tanzten, lachten, tranken zu viel –und träumten weiter.

Aber Marios Traum wuchs schneller als unserer.
Er sprach immer öfter von Amerika. Von Reichtum. Von einem Leben ohne Mangel. Von einem Ort, an dem niemand wusste, woher man kam – sondern nur, wohin man wollte. Bei ihm passte alles zusammen: sein Aussehen, seine Statur, sein Mut. Und dieser Mut machte mir Angst. Nicht weil ich ihm den Erfolg nicht gönnte – sondern weil ich spürte, dass er wirklich gehen würde.

Und tief in mir wusste ich:
Wenn dieser Tag kommt, wird nichts mehr so sein wie zuvor.

Der Park lag noch immer da, unverändert, als hätte er beschlossen, uns festzuhalten. Doch wir kamen seltener. Nicht, weil wir ihn vergessen hätten – sondern weil wir spürten, dass wir ihm entwuchsen. Unsere Gespräche handelten nicht mehr von Spielen, sondern von Wegen. Von Möglichkeiten. Von der Frage, ob das Leben wirklich alles gewesen sein sollte, was wir bisher gesehen hatten.

Mario stellte diese Frage lauter als wir alle.
Er sprach von Amerika, als wäre es kein Land, sondern ein Versprechen. Ein Ort, an dem Armut keine Herkunft, sondern nur ein Zustand war, den man hinter sich lassen konnte. Ein Ort, an dem Talent zählte, Mut belohnt wurde und niemand darüber lachte, wenn man groß träumte. Während wir nickten und zweifelten, sah er bereits Flughäfen, Palmen, Hallen voller Billardtische. Er sprach von Florida, von Sonne, von Chancen. Und jedes Mal, wenn er davon erzählte, leuchteten seine Augen so, wie sie es früher im Kino getan hatten.

Ich hörte ihm zu. Immer.
Und ich bewunderte ihn dafür.

Doch Bewunderung ist manchmal nur eine andere Form von Angst. Denn je klarer Marios Weg wurde, desto unschärfer wurde meiner. Ich war gebunden – an Wien, an Gewohnheiten, an das Bekannte. Ich hatte Träume, ja. Aber sie waren vorsichtig, leise, angepasst. Seine hingegen waren laut, mutig, kompromisslos.

Er versuchte, mich zu überreden, mitzukommen. Immer wieder. „Komm mit mir“, sagte er. „Was haben wir hier? Wir können dort alles sein. “ Und jedes Mal wollte ich Ja sagen. Ich spürte es bis in die Fingerspitzen. Doch mein Mund blieb stumm. Mein Herz schlug schneller, aber meine Füße blieben am Boden.

Die Monate vergingen, und der Traum wurde konkret. Mario sparte. Verkaufte, was er nicht brauchte. Redete weniger – nicht aus Zweifel, sondern aus Entschlossenheit. Als er mir schließlich sagte, dass er ein Ticket hatte, traf es mich wie ein Schlag. Kein großes Drama. Kein Pathos. Nur ein Satz. Und die Gewissheit, dass ein Kapitel zu Ende ging.

Der Tag des Abschieds kam schneller, als ich dachte.
Ich fuhr ihn zum Flughafen. Es war der 30. August 1988. Ein Datum, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat wie eine Narbe. Der Himmel war klar, fast grausam schön. Mario trug einen Koffer, der viel zu klein war für alles, was er mitnahm – und für alles, was er zurückließ.

Wir redeten nicht viel. Was hätte man auch sagen sollen? Versprechen sind leicht, wenn man sich noch sieht. Schwer werden sie erst, wenn die Distanz da ist. Wir umarmten uns. Keine Tränen. Noch nicht. Er lächelte. Ich auch. Doch als ich ihm nachsah, wie er durch die Kontrolle ging, spürte ich, wie etwas in mir zerbrach.

Als der Flieger abhob, blutete mein Herz.
Ich hatte das Gefühl, ihn nie wiederzusehen.
Und ich wusste, dass es nicht nur er war, der ging. Ein Teil von mir blieb mit ihm dort oben, irgendwo zwischen Wien und Florida.

Wir versprachen, in Kontakt zu bleiben. Telefon. Briefe. Alles wie früher, nur weiter weg. Doch die Wochen vergingen. Kein Anruf. Kein Brief. Ich wartete. Jeden Tag. Ich ging zum Postkasten, als wäre er ein Orakel. Nichts. Ich rief seine Mutter an. Auch sie hatte nichts gehört. Ihre Stimme verriet Sorge, die sie nicht aussprechen wollte.

Monate vergingen.
Stille.

In dieser Zeit verließ mich etwas. Nicht Hoffnung – aber Leichtigkeit. Ich zog mich zurück. Der Bezirk Landstraße wurde mir fremd. Zu viele Erinnerungen an einen Freund, der irgendwo auf der anderen Seite der Welt um sein Überleben kämpfte. Ich begann mit den Gedanken zu spielen den Bezirk Landstraße zu verlassen und nach Simmering zu ziehen. Ein neuer Ort, ein neues Kapitel. Doch die Gedanken an Mario werden mitreisen, aber die Traurigkeit wird vielleicht etwas leichter.

Zehn Monate nach seinem Abflug kam der erste Brief.
Ich weiß noch genau, wie meine Hände zitterten, als ich ihn öffnete. Er schrieb, dass es ihm gut gehe. Dass er kämpfe. Dass er jeden Job annehme, den er bekommen könne. Dass es schwer sei – aber richtig. Kein Jammern. Kein Bedauern. Nur der unerschütterliche Wille, Fuß zu fassen.

Mit der Zeit wurden aus Briefen Telefonate. Seine Stimme klang anders. Härter. Erwachsener. Aber da war noch immer dieser alte Funke. Er erzählte mir vom Billard. Davon, dass er begann, Geld damit zu verdienen. Viel Geld. Dass er Menschen beeindruckte. Dass sein Traum Form annahm.

Und während er in Amerika Wurzeln schlug, fragte ich mich immer öfter:
War es Mut, der ihn getragen hatte –
oder war es Angst, die mich zurückgehalten hatte?

Die Zeit tat das, was sie immer tut: Sie ging weiter. Unerbittlich, gleichgültig, ohne sich umzusehen. Während Mario in Amerika begann, sich ein neues Leben aufzubauen, lebte ich meines weiter – Schritt für Schritt, Tag für Tag. Wir waren nicht mehr die Burschen aus dem Park, und doch waren wir es in unseren Erinnerungen geblieben.

Unsere Telefonate wurden seltener, aber intensiver. Wenn wir sprachen, war es, als gäbe es keine Distanz, keinen Ozean, keine Jahre dazwischen. Mario erzählte von Florida, von der Hitze, von den endlosen Straßen, von den Menschen, die kamen und gingen. Er erzählte von Niederlagen und kleinen Siegen. Vor allem aber erzählte er vom Billard.

Es war mehr als ein Spiel für ihn geworden. Es war sein Weg. Seine Sprache. Sein Eintrittsticket in eine Welt, in der Herkunft keine Rolle spielte. Er spielte in Bars, in Hallen, bei Turnieren. Anfangs für kleine Beträge, später für Summen, die wir uns früher nicht einmal hätten vorstellen können. Er gewann – und verlor. Aber er lernte. Und genau das hatte er schon als Kind im Park getan: Er hatte nie aufgegeben.

Ich hörte zu. Und ich war stolz. Nicht laut, nicht prahlerisch – sondern still, tief, auf eine Weise, die man nur für Menschen empfindet, die man wirklich liebt. Gleichzeitig spürte ich einen leisen Schmerz. Nicht Neid. Eher das Wissen, dass sich unsere Wege unwiderruflich getrennt hatten.

Nach unserem Abschied hielt ich es doch nicht mehr in der Landstraße aus. Zu viele Ecken erinnerten mich an früher, an den Park, an Mario. Simmering wurde mein neuer Bezirk. Ein Ort ohne Geschichte, an dem ich meine eigene schreiben konnte. Ich arbeitete, lebte, funktionierte. Ich hatte Bekanntschaften, kurze Beziehungen, aber nichts blieb. Vielleicht, weil ein Teil meines Herzens immer noch woanders war – bei einem Freund, der seinen Traum lebte.

Fünfzehn Jahre vergingen.
Fünfzehn Jahre, in denen wir älter wurden, grauer vielleicht, ruhiger. Und dann kam der Moment, der alles veränderte: Ich besuchte Mario in Amerika. Als ich aus dem Flugzeug stieg und ihn sah, war es, als hätte jemand die Zeit kurz angehalten. Er war es. Und doch nicht mehr. Selbstbewusster. Freier. Aber sein Lächeln – das war noch das gleiche wie im Park.

Von diesem Besuch an wurde etwas zur Gewohnheit, das sich wie ein Geschenk anfühlte: Einmal im Jahr flog ich für vier Wochen nach Florida. Vier Wochen, in denen wir redeten, lachten, schwiegen. In denen wir uns an früher erinnerten und gleichzeitig akzeptierten, dass wir andere Menschen geworden waren. Er zeigte mir seine Welt. Seine Turniere. Die Orte, an denen er gespielt hatte. Die Menschen, die seinen Namen kannten.

Mario war bekannt geworden. Ein respektierter Billardspieler. Einer, der es geschafft hatte. Alles, wovon er geträumt hatte, war Wirklichkeit geworden. Und jedes Mal, wenn ich abreiste, fiel mir der Abschied schwerer. Denn irgendwo tief in mir wusste ich: Ich lebte mein Leben korrekt – aber er lebte seines mutig.

Er blieb mein bester Freund. Mein längster. Mein wichtigster. Es gab keine Eifersucht zwischen uns, keinen Vergleich. Nur diese unausgesprochene Bindung, die stärker war als Entfernung und Zeit. Wir hatten keine Familien gegründet. Keine Kinder, keine Häuser, keine Wurzeln im klassischen Sinn. Was wir hatten, waren unsere Träume – und eine Freundschaft, die sie überlebt hatte.

Manchmal saßen wir abends zusammen, tranken ein Bier und schwiegen. Und in diesem Schweigen lag mehr Verständnis als in tausend Worten. Zwei Leben, die sich getrennt hatten – aber nie auseinandergegangen waren.

Und langsam begann ich zu spüren, dass etwas in mir reifte.
Ein Gedanke.
Ein Mut, der lange geschlafen hatte.

Je älter wir wurden, desto weniger brauchten wir Worte. Wenn ich bei Mario in Florida war, reichte oft ein Blick, ein Nicken, ein gemeinsames Sitzen auf der Terrasse, während die Sonne langsam unterging. Die Gespräche wurden ruhiger, ehrlicher. Wir redeten nicht mehr davon, was wir einmal sein wollten – sondern davon, wer wir geworden waren.

Mario hatte erreicht, wovon er als junger Bursch im Park gesprochen hatte. Er war bekannt, anerkannt, frei. Er lebte nicht im Überfluss, aber ohne Angst. Das allein war ein Reichtum, den man nicht kaufen konnte. Und ich sah, dass der Weg dorthin kein leichter gewesen war. Es gab Einsamkeit in seinen Augen, Spuren von Entbehrung, Narben, die man nicht sah. Doch er hatte sie angenommen, so wie er sein Leben angenommen hatte – ohne Reue.

Ich hingegen hatte Sicherheit gewählt. Arbeit, Routine, ein überschaubares Leben. Kein schlechtes Leben, keineswegs. Aber ein vorsichtiges. Und manchmal fragte ich mich, wie es gewesen wäre, damals am Flughafen einfach mitzugehen. Der Gedanke kam spät – aber er kam.

Unsere Freundschaft hatte sich verändert, ohne schwächer zu werden. Sie war erwachsen geworden. Wir brauchten einander nicht täglich, nicht wöchentlich. Aber wir wussten: Wenn einer von uns fällt, steht der andere da. Ohne Fragen. Ohne Bedingungen.

Die Jahre in Simmering vergingen still. Ich arbeitete, zählte die Monate bis zur Pension. Und mit jedem Jahr spürte ich deutlicher, dass etwas in mir unvollendet war. Nicht schmerzhaft – eher wie ein leises Klopfen. Eine Erinnerung daran, dass Mut nicht immer laut ist. Manchmal wartet er geduldig, bis man bereit ist.

Als ich schließlich in Pension ging, änderte sich bei mir alles.
Ich flog wieder nach Florida. Wie so oft. Vier Wochen, hatte ich geplant. Doch diesmal fühlte es sich anders an. Leichter. Endgültiger. Wir redeten viel. Über früher, über den Park, über den Flakturm, über die Äpfel, über das Kino. Wir lachten über unsere Naivität. Und dann, eines Abends, sagte ich etwas, das ich mir selbst nie zugetraut hätte.

Ich sagte, dass ich nicht mehr zurückwollte.
Nicht dramatisch. Nicht als Geständnis. Einfach als Wahrheit. Mario sah mich lange an. Kein Staunen. Kein Triumph. Nur dieses ruhige, verständnisvolle Lächeln. Als hätte er gewusst, dass dieser Moment kommen würde – irgendwann. Dass der Mut, der mir damals fehlte, nur auf seine Zeit gewartet hatte.

Ich dachte an Wien. An Simmering. An alles, was ich zurücklassen würde. Und plötzlich fühlte es sich nicht wie Verlust an, sondern wie Vollendung. Ich hatte nichts mehr zu beweisen. Kein Leben mehr aufzubauen. Ich durfte einfach bleiben.

Zwei Freunde. Keine Familien. Keine Verpflichtungen. Nur die Geschichte eines gemeinsamen Anfangs – und einer späten Entscheidung.

Manche Enden fühlen sich nicht wie Abschiede an.
Sie kommen nicht plötzlich, sie schreien nicht.
Sie setzen sich still neben dich – wie ein alter Freund – und warten, bis du bereit bist.

Ich blieb.
Ohne großes Aufsehen, ohne Feier, ohne Rückflugticket. Wien wurde Erinnerung, Simmering ein Kapitel, das sich sanft schloss. Was ich zurückließ, war ein Ort. Was ich gewann, war Zeit. Zeit mit dem Menschen, der mich mein ganzes Leben begleitet hatte – auch dann, wenn er nicht da war.

Unsere Tage in Florida waren einfach. Morgens Kaffee, mittags Gespräche, abends Stille. Manchmal sah ich Mario spielen. Noch immer mit dieser Ruhe, dieser Präzision, die ihn berühmt gemacht hatte. Die Menschen kannten seinen Namen. Ich kannte seinen Ursprung. Den Burschen im Park, der auf Bäume kletterte und von der Welt träumte.

Wir sprachen sehr oft über früher, über unsere wunderbare Jugend. Über den Arenbergpark, über die Apfelbäume, über Mutproben und Kinoabende. Wir erinnerten uns an Freunde, die längst eigene Wege gegangen waren oder nicht mehr lebten. Und immer wieder kehrten wir zu derselben Erkenntnis zurück: Dass nichts davon verloren war. Dass alles weiterlebte – in uns.

Obwohl wir nie eine Familie gegründet hatten. Keine Kinder, die unseren Namen trugen. Hatten wir doch etwas hinterlassen: eine Geschichte. Eine Freundschaft, die sich nicht an Besitz, Nähe oder Alltag festklammerte. Eine Verbindung, die Distanz aushielt, Schweigen verstand und Geduld kannte.

Mario sagte einmal leise zu mir: „Wir hatten nicht viel. Aber wir hatten einander. “
Und in diesem Satz lag ein ganzes Leben.

Die Jahre wurden langsamer. Die Gespräche kürzer. Die Pausen länger. Doch diese starke Bindung zwischen uns blieb unberührt. Kein Streit, kein Vorwurf, kein Bedauern stand zwischen uns. Nur Dankbarkeit. Für den Mut des einen. Für das späte Wachsen des anderen.

Als der Moment kam, in dem einer von uns ging, war kein Schmerz mehr da – nur Ruhe. So, als hätte sich ein Kreis geschlossen, der im Park begonnen hatte. Zwei Burschen. Ein Traum. Ein Leben dazwischen.

Und wenn ich heute zurückblicke, weiß ich:
Es ist nie zu spät, mutig zu sein.
Nie zu spät, einem Traum zu folgen.
Nie zu spät, bei dem Menschen zu bleiben, der dein Leben mitgeprägt hat.


 

 

 

**Schlusswort**
Manche Freundschaften beginnen im Spiel – und überdauern ein ganzes Leben.
Was bleibt, ist kein Besitz, kein Ort, kein Name,
sondern die Gewissheit, nicht allein gelebt zu haben.

 

Kurzgeschichte aus Simmering

 

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)                                                                                    

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