
Die vergessene Stimme
Vierzig Jahre waren vergangen.
Vier Jahrzehnte, in denen die Welt sich wandelte. Häuser verschwanden, neue Straßen entstanden, Kinder wurden erwachsen, Erwachsene alt. Nur die Erinnerungen blieben jung. Sie ruhten tief im Herzen, bereit, im richtigen Moment wieder aufzuleben.
An einem kühlen Herbstvormittag schlenderte Andy über die Simmeringer Hauptstraße. Eigentlich wollte er nur ein paar Besorgungen erledigen. Der Himmel war grau, ein leichter Wind trieb welke Blätter über das Pflaster, und die Menschen eilten mit gesenkten Köpfen aneinander vorbei. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag sein Leben verändern würde. Als er an einem kleinen Obst- und Gemüsestand vorbeiging, hörte er plötzlich eine Stimme.
„Ein Kilo Äpfel bitte… nein, die roten. “
Nur wenige Worte. Doch Andy blieb wie angewurzelt stehen. Diese Stimme… Älter, leiser, rauer – und doch unverkennbar. Sein Herz schlug schneller. Langsam drehte er den Kopf. Vor ihm stand eine ältere Frau mit grauem Haar. Sie trug einen schlichten Mantel, hielt einen Einkaufskorb in der Hand. Ihr Gesicht war von den Jahren gezeichnet. Aber ihre Augen… diese warmen braunen Augen…
„Hedi…? “
Er flüsterte den Namen kaum hörbar. Die Frau drehte sich um, sah ihn fragend an. Sekunden vergingen, dehnten sich zu Minuten. Dann runzelte sie die Stirn.
„Andy…? “
Sein Name zitterte auf ihren Lippen. Ungläubigkeit lag in ihrem Blick.
„Bist… bist du das wirklich? “
Andy lächelte vorsichtig.
„Ja… ich bin’s. “
Plötzlich standen sie sich gegenüber wie zwei Menschen, die aus der Zeit gefallen waren. Vierzig Jahre – und mit einem einzigen Wort waren sie wieder siebzehn. Eine Weile schwiegen sie, betrachteten einander, suchten in den Gesichtern nach den Jugendlichen, die sie einmal gewesen waren.
„Du bist zurück? “, fragte Hedi schließlich.
Andy nickte.
„Schon lange… zwanzig Jahre. “
Hedi sah ihn überrascht an.
„Zwanzig Jahre? “
„Ja. “
Sie schwieg.
„Und… warum hast du nie jemanden gesucht? “
Die Frage traf Andy wie ein Schlag. Er senkte den Blick.
„Ich habe gesucht. “
„Wirklich? “
„Fast jedes Wochenende war ich im Böhmischen Prater. Ich bin durch die Gartensiedlung gegangen, habe gehofft, jemanden zufällig zu treffen. “
Seine Stimme wurde leiser.
„Aber ich habe niemanden gefunden. “
Hedi sah ihn lange an. In ihren Augen lag etwas, das Andy nicht deuten konnte. Trauer. Vielleicht Schmerz.
„Du bist einfach verschwunden damals. “
Andy nickte langsam.
„Ich weiß. “
„Nicht einmal verabschiedet hast du dich. “
„Ich konnte es nicht. “
„Warum? “
Andy atmete tief durch.
„Weil ich Angst hatte. “
„Wovor? “
„Vor dem Abschied. “
Er lächelte traurig.
„Ich dachte, wenn ich einfach gehe… dann tut es weniger weh. “
Hedi schloss die Augen.
„Uns hat es wehgetan. “
Diese Worte schnitten tiefer als jede Anschuldigung. Andy spürte einen Kloß im Hals. Plötzlich tauchten die Erinnerungen auf: die Nachmittage auf der großen Wiese hinter der Gartensiedlung, die staubigen Fußballspiele. Paul, der immer Torwart sein wollte. Sam, der nie verlieren konnte. Ben, der den Ball ständig im Wald verlor. Tim, der unaufhörlich Witze erzählte. Kathi und Sarah, die erst anfeuerten und dann mitspielten. Und Hedi. Ihr Lachen, das den ganzen Böhmischen Prater erfüllte. Sie waren unzertrennlich gewesen. Schule schwänzen, mit den Rädern zur Donau fahren, Verstecken spielen, obwohl sie längst zu alt dafür waren. Stundenlang im Kino sitzen, das erste Taschengeld auf dem Kettenkarussell ausgeben. Damals glaubten sie, nichts könnte sie trennen. Doch das Leben hatte andere Pläne. Andy war gegangen. Ohne Brief, ohne Anruf, ohne Abschied.
„Ich habe oft an euch gedacht“, sagte er leise.
„Jeden einzelnen Tag. “
Hedi schwieg. Der Gemüsehändler räumte seine Kisten um, Menschen drängten sich vorbei. Für alle anderen waren sie nur zwei ältere Menschen, die sich unterhielten. Niemand ahnte, dass vierzig verlorene Jahre zwischen ihnen standen.
„Weißt du“, sagte Andy schließlich, „ich habe mir tausendmal vorgestellt, wie es wäre, euch wiederzusehen. “
„Und? “
„In meiner Vorstellung wart ihr immer noch dieselben. “
Hedi lächelte traurig.
„Niemand bleibt derselbe. “
Eine lange Pause entstand. Dann fragte Andy vorsichtig:
„Hast du noch Kontakt zu den anderen? “
Hedis Gesicht veränderte sich. Das Lächeln verschwand, sie blickte auf den Boden. Ihre Hände umklammerten den Einkaufskorb so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Andy bemerkte es sofort.
„Hedi…? “
Keine Antwort.
„Ist… ist etwas passiert? “
Der Wind wurde stärker, gelbe Blätter tanzten über den Gehsteig. Schließlich hob Hedi den Kopf. In ihren Augen glänzten Tränen. Nicht viele, nur zwei. Doch sie sagten mehr als tausend Worte. Andy spürte eine wachsende Angst.
„Bitte…“
Seine Stimme bebte.
„Sag mir… wie geht es den anderen? “
Hedi öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Sie holte tief Luft.
„Andy…“
Ihre Stimme brach. Sie schloss die Augen, eine Träne lief über ihre Wange.
„Du hast so viele Jahre gefehlt…“
Andy nickte stumm.
„Und in diesen vierzig Jahren…“
Sie kämpfte mit den Worten.
„…ist so unendlich viel passiert. “
Sein Herz raste.
„Paul…? “
Hedi schwieg.
„Sam…? “
Keine Antwort.
„Ben…? “
Nur Stille.
„Tim…? “
Jetzt liefen ihr weitere Tränen über das Gesicht. Andy spürte, wie seine Knie weich wurden. Er wollte die Antwort nicht mehr hören. Nicht so. Nicht mit diesem Blick. Nicht mit diesen Tränen. Hedi wischte sich über das Gesicht.
„Das kann ich dir nicht hier erzählen. “
Andy schluckte.
„Warum nicht? “
Sie sah ihn an, voller Schmerz.
„Weil jede einzelne Geschichte dein Herz brechen wird. “
Sie deutete auf das kleine Café gegenüber.
„Komm… setzen wir uns. “
Andy nickte stumm. Gemeinsam überquerten sie langsam die Straße. Keiner sagte ein Wort. Vor dem Café blieb Hedi noch einmal stehen. Sie legte die Hand auf die Türklinke. Dann wandte sie sich zu Andy.
„Bevor wir hineingehen…“
Er sah sie fragend an.
„Versprich mir eines. “
„Was denn? “
„Egal, was du gleich erfährst…“
Sie rang erneut mit den Tränen.
„…geh diesmal nicht wieder fort. “
Andy begriff nicht, warum sie das sagte. Noch nicht. Doch tief in seinem Herzen ahnte er, dass hinter dieser Tür Wahrheiten auf ihn warteten, die sein Leben für immer verändern würden. Langsam öffnete Hedi die Tür. Die kleine Glocke über der Eingangstür klingelte leise, als Andy und Hedi das Café betraten.
Drinnen war es angenehm warm. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee mischte sich mit dem süßen Geruch von Apfelstrudel und Vanillekipferln. Menschen unterhielten sich gedämpft, Besteck klirrte gegen Porzellan, irgendwo summte leise ein altes Lied aus dem Radio. Für alle anderen war es ein ganz gewöhnlicher Nachmittag. Doch für Andy fühlte sich jeder Schritt an, als ginge er über dünnes Eis. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Draußen zog das Leben vorbei. Straßenbahnen fuhren, Kinder lachten, ältere Menschen trugen Einkaufstaschen nach Hause. Wie konnte die Welt einfach weitermachen?
Eine Kellnerin stellte zwei Tassen Kaffee auf den Tisch. Keiner von beiden rührte sie an. Hedi umklammerte ihre Tasse, als wollte sie Wärme suchen, die ihr Herz längst nicht mehr erreichte. Andy sah, dass ihre Hände leicht zitterten.
„Du musst mir nichts erzählen, wenn es dir zu schwerfällt“, sagte er vorsichtig.
Hedi hob langsam den Blick.
„Doch. “
Ihre Stimme klang kaum hörbar.
„Ich bin wahrscheinlich die Einzige, die dir noch alles erzählen kann. “
Diese Worte ließen Andy erschauern.
„Die Einzige? “
Sie nickte.
„Die anderen… sie haben alle irgendwann aufgehört, über früher zu sprechen. “
Andy schluckte.
„Warum? “
„Weil Erinnerungen manchmal mehr wehtun als die Wirklichkeit. “
Eine lange Stille entstand. Schließlich holte Hedi tief Luft.
„Weißt du noch, wie wir immer sagten, dass wir eines Tages alle alt werden und uns jeden Sonntag im Böhmischen Prater treffen würden? “
Andy lächelte schwach.
„Ja. “
„Paul wollte immer Würstel grillen. “
Andy musste trotz allem schmunzeln.
„Und Sam behauptete, er würde einmal Millionär werden und uns alle auf Urlaub einladen. “
Zum ersten Mal huschte ein kleines Lächeln über Hedis Gesicht.
„Ben meinte damals, er würde niemals heiraten. “
„Und Tim sagte jedes Mal, dass er hundert Jahre alt wird. “
Das Lächeln verschwand wieder. Hedi blickte aus dem Fenster.
„Keiner von uns wusste damals, wie kurz das Leben manchmal sein kann. “
Andy spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Er wollte fragen. Doch er fürchtete die Antwort. Hedi bemerkte es.
„Du möchtest wissen, wer zuerst gegangen ist. “
Andy nickte kaum sichtbar. Sie schloss kurz die Augen.
„Es war Tim. “
Andy erstarrte.
„Tim? “
Sie nickte langsam.
„Er war erst dreiundzwanzig. “
Andy glaubte, sich verhört zu haben.
„Das… das kann nicht sein. “
„Doch. “
„Was ist passiert? “
Hedi sah auf ihre Hände.
„Ein regnerischer Novemberabend. “
Ihre Stimme wurde brüchig.
„Er kam von der Arbeit nach Hause. Ein Lastwagen geriet auf der nassen Straße ins Schleudern. “
Andy hielt unwillkürlich den Atem an.
„Der Fahrer konnte nichts mehr tun. “
Hedi schwieg.
„Tim auch nicht. “
Andy starrte sie an. Vor seinem inneren Auge tauchte sofort der fröhliche Junge mit den lockigen Haaren auf. Tim, der niemals ernst bleiben konnte. Der auf jeder Parkbank stand und so tat, als wäre sie eine Theaterbühne. Der alle zum Lachen brachte. Der einmal mitten im Kino laut aufgesprungen war, weil er glaubte, der Bösewicht könne ihn hören. Andy hörte noch immer sein Lachen. Dieses laute, ansteckende Lachen.
„Nein…“, flüsterte er.
„Doch. “
Hedi kämpfte gegen ihre Tränen.
„Bei der Beerdigung waren wir alle da. “
Andy senkte den Kopf.
„Außer mir. “
„Ja. “
Dieses kleine Wort traf ihn wie ein Messer.
„Wir haben auf dich gewartet. “
Andy sah sie verwundert an.
„Auf mich? “
„Paul war überzeugt, dass du kommen würdest. “
„Aber niemand wusste doch, wo ich war. “
„Trotzdem. “
Hedi lächelte traurig.
„Er sagte immer: ‚Andy wird es irgendwie erfahren. Er lässt Tim nicht allein. ‘“
Andy schloss die Augen. Seine Hände zitterten. Damals hatte er irgendwo in Schweden gearbeitet. Er hatte Schiffe konstruiert. Während Tim beerdigt wurde. Er hatte nichts gewusst. Gar nichts. Eine Träne fiel auf den Tisch. Er bemerkte es nicht einmal.
„Ich hätte kommen müssen. “
„Du konntest es nicht wissen. “
„Aber ich war sein Freund. “
„Das warst du. “
„Und ich war nicht da. “
Hedi legte vorsichtig ihre Hand auf seine.
„Manchmal trägt man Schuld, obwohl man gar keine hat. “
Andy schwieg.
Nach einer Weile sprach Hedi weiter.
„Nach Tim war nichts mehr wie vorher. “
„Die Clique? “
„Ja. “
„Warum? “
„Weil wir zum ersten Mal verstanden, dass wir nicht unsterblich sind. “
Andy nickte langsam.
„Wir trafen uns zwar noch. “
Sie lächelte wehmütig.
„Aber keiner lachte mehr so wie früher. “
Draußen begann es leicht zu regnen. Die Tropfen liefen langsam über die Fensterscheibe.
„Paul wurde still. “
„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. “
„Ich auch nicht. “
Sie lächelte traurig.
„Früher war er doch immer der Lauteste. “
„Genau. “
„Er konnte keine fünf Minuten still sitzen. “
„Nein. “
„Nach Tim schon. “
Andy blickte aus dem Fenster.
„Und Sam? “
Hedi zögerte.
„Er arbeitete Tag und Nacht. “
„Hat er seinen Traum verwirklicht? “
„Welchen? “
„Millionär zu werden. “
Hedi schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. “
„Aber? “
„Er gründete eine kleine Tischlerei. “
Andy lächelte.
„Das passt zu ihm. “
„Ja. “
„Er konnte mit Holz umgehen wie kein anderer. “
„Stimmt. “
Zum ersten Mal erzählte Hedi etwas, das nicht sofort traurig klang.
„Er baute später Kinderzimmer. “
Andy nickte.
„Das hätte ihm gefallen. “
„Es hat ihm gefallen. “
Wieder dieses Wort. Hat. Vergangenheit. Andy bemerkte es sofort.
„Hedi…“
Sie schwieg.
„Warum sprichst du von ihm in der Vergangenheit? “
Sie senkte den Blick.
„Bitte nicht. “
„Warum nicht? “
„Nicht heute. “
„Ist Sam…? “
Hedi hob sofort die Hand.
„Bitte. “
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Nicht alles auf einmal. “
Andy lehnte sich zurück. Er verstand. Oder vielleicht verstand er gerade gar nichts mehr. Er hatte gehofft, heute alte Freunde wiederzufinden. Vielleicht Telefonnummern. Vielleicht gemeinsame Erinnerungen. Vielleicht ein Klassentreffen. Stattdessen saß er in einem Café und erfuhr, dass der Erste seiner Freunde schon mit dreiundzwanzig gestorben war. Wie viele würden noch folgen? Er wagte kaum, darüber nachzudenken. Hedi nahm einen Schluck inzwischen kalt gewordenen Kaffees.
„Weißt du noch den alten Kastanienbaum hinter der Wiese? “
Andy nickte.
„Dort haben wir unsere Namen eingeritzt. “
„Ja. “
„Vor zwei Jahren war ich dort. “
„Steht der Baum noch? “
„Ja. “
„Und unsere Namen? “
Hedi lächelte traurig.
„Kaum noch zu erkennen. “
Andy spürte, wie sich sein Herz zusammenzog.
„So wie wir. “
„Ja. “
„Die Zeit löscht alles. “
„Nicht alles. “
Sie sah ihn an.
„Manches bleibt. “
„Was denn? “
„Die Liebe zu den Menschen, die unser Zuhause waren. “
Andy konnte nichts mehr sagen. Er dachte an unzählige Sommerabende. An den Duft frisch gemähten Grases. An das Klappern der Fahrgeschäfte im Böhmischen Prater. An Zuckerwatte. An Eis. An das erste Verliebt sein. An Träume, die nie alt werden sollten. Alles war verschwunden. Nur die Erinnerungen lebten weiter.
Plötzlich griff Hedi in ihre Handtasche. Langsam zog sie einen alten, stark abgegriffenen Briefumschlag hervor. Das Papier war vergilbt. Die Ecken waren eingerissen. Einen Moment hielt sie den Umschlag fest, als könne sie sich nicht davon trennen.
„Den habe ich vierzig Jahre aufgehoben. “
Andy sah den Umschlag verwundert an.
„Was ist das? “
Hedi strich mit den Fingern darüber.
„Eigentlich hätte er dir gehören sollen. “
„Mir? “
Sie nickte.
„Paul hat ihn geschrieben. “
Andy spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Für mich? “
„Ja. “
„Warum habe ich ihn nie bekommen? “
Hedi kämpfte mit den Tränen.
„Weil niemand wusste, wo du warst. “
Langsam schob sie den Umschlag über den Tisch. Andy starrte auf die Worte, die auf der Vorderseite standen. Für Andy. Nicht öffnen, solange Hoffnung besteht. Seine Hände begannen zu zittern.
„Was bedeutet das? “
Hedi schloss die Augen.
„Paul sagte damals, dieser Brief dürfe dir erst gegeben werden, wenn die Hoffnung endgültig vorbei sei. “
Andy starrte den Umschlag an.
„Welche Hoffnung? “
Hedi antwortete nicht. Eine Träne löste sich aus ihrem Auge und fiel lautlos auf das vergilbte Papier. Plötzlich wusste er, dass dieser Brief Antworten enthielt. Antworten, vor denen selbst Hedi sich nach all den Jahren noch fürchtete. Und tief in seinem Herzen spürte Andy, dass er den Umschlag noch nicht öffnen durfte. Andy hielt den vergilbten Briefumschlag in den Händen. Er war erstaunlich schwer. Nicht wegen des Papiers. Sondern wegen der vierzig Jahre, die auf ihm lasteten.
Seine Finger glitten vorsichtig über die verblasste Schrift. Für Andy. Er erkannte Pauls Handschrift sofort. Dieselben leicht schrägen Buchstaben, mit denen er früher Entschuldigungen für die Schule gefälscht hatte. Damals hatten sie darüber gelacht. Heute brachte selbst diese Erinnerung einen Stich ins Herz.
„Darf ich ihn jetzt öffnen? “, fragte Andy leise.
Hedi sah lange auf den Umschlag. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Noch nicht. “
Andy blickte sie verwundert an.
„Warum? “
„Weil du zuerst verstehen musst, warum Paul ihn geschrieben hat. “
Andy legte den Brief langsam wieder auf den Tisch. Er fühlte sich an wie eine Tür, hinter der etwas Unumkehrbares wartete. Draußen hatte der Regen aufgehört. Die nassen Straßen glänzten im trüben Licht des Nachmittags. Hedi schaute aus dem Fenster.
„Nach Tims Beerdigung haben wir versucht, unser Leben weiterzuleben. “
Sie lächelte schwach.
„Wir trafen uns weiterhin jeden Freitag. “
„Im Böhmischen Prater? “
„Ja. “
Andy schloss kurz die Augen. Er konnte die Bilder beinahe sehen. Die alte Holzbank. Der Duft von gebrannten Mandeln. Das Kreischen der Achterbahn. Das Kinderlachen.
„Anfangs redeten wir noch über Tim“, sagte Hedi.
„Später sprach niemand mehr seinen Namen aus. “
„Warum? “
„Weil jeder sofort zu weinen begann. “
Andy nickte langsam. Manchmal war Schweigen leichter als Erinnern.
„Paul brachte jedes Mal sieben Flaschen Limonade mit. “
Andy runzelte die Stirn.
„Ihr wart doch nur noch sechs? “
Hedi lächelte traurig.
„Die siebente stellte er immer auf den leeren Platz. “
Andy schluckte.
„Für Tim. “
„Ja. “
Lange sagte keiner etwas.
„Wie lange habt ihr euch noch getroffen? “
„Fast zehn Jahre. “
„So lange? “
„Ja. “
„Und dann? “
Hedi antwortete nicht sofort. Gedankenverloren spielte sie mit dem Henkel ihrer Tasse.
„Dann kam Ben. “
Andy hob den Kopf.
„Was ist mit Ben passiert? “
Hedi schloss für einen Moment die Augen.
„Er wurde krank. “
„Krank? “
„Zuerst glaubte niemand, dass es etwas Ernstes sei. “
„Was hatte er? “
„Er war ständig müde. “
Sie atmete tief durch.
„Dann kamen die Schmerzen. “
Andy spürte, wie ihm kalt wurde.
„Die Ärzte fanden schließlich einen Tumor. “
Er starrte sie sprachlos an.
„Nein …“
„Doch. “
„Hat … hat er es geschafft? “
Hedi antwortete nicht. Dieses Schweigen genügte. Andy ließ den Kopf sinken. Vor seinem inneren Auge sah er Ben wieder als jungen Burschen. Immer schmutzige Knie. Immer ein Pflaster irgendwo. Immer ein Grinsen. Der Erste, der auf einen Baum kletterte. Der Letzte, der nach Hause ging.
„Er hatte doch immer so viel Kraft“, flüsterte Andy.
„Genau das sagte der Arzt auch. “
Hedi wischte sich über die Augen.
„Ben kämpfte zwei Jahre. “
„Hat er gelitten? “
„Nie vor uns. “
Unter Tränen lächelte sie.
„Wenn wir ihn besuchten, machte er Witze. “
„Das war typisch Ben. “
„Er sagte immer: ,Ich bin nur auf Urlaub im Krankenhaus.’ “
Andy musste lächeln. Ein trauriges Lächeln.
„Am letzten Tag …“
Hedi stockte.
„… hat er Paul gebeten, auf uns aufzupassen. “
Andy schloss die Augen.
„Wie alt war er? “
„Sechsunddreißig. “
Viel zu jung. Viel zu jung. Dieser Gedanke hämmerte in Andys Kopf.
„Nach Ben war Paul nicht mehr derselbe. “
„Er verlor noch einen Freund. “
„Seinen zweiten Bruder. “
Andy blickte überrascht auf.
„Bruder? “
„Wir waren doch alle eine Familie. “
Andy nickte.
Ja.
Das waren sie gewesen. Eine Familie, die sich nicht über Blut definierte, sondern über gemeinsame Sommer, gemeinsame Geheimnisse und gemeinsame Träume.
„Sarah heiratete später. “
Andy lächelte.
„Das freut mich.“
„Sie bekam zwei Kinder. “
„Das passt zu ihr. “
„Sie war eine wunderbare Mutter. “
Zum ersten Mal klang Hedis Stimme etwas heller.
„Ihre Tochter hatte dieselben Sommersprossen wie sie. “
Andy lächelte.
„Und ihr Sohn konnte genauso schlecht verlieren wie Sam. “
Beide mussten kurz lachen. Es war nur ein kleiner Moment. Ein winziger Lichtstrahl. Doch er verschwand ebenso schnell wieder.
„Sarah zog nach Niederösterreich. “
„Hatte sie ein gutes Leben? “
„Ja. “
„Das freut mich wirklich. “
Hedi nickte langsam.
„Bis …“
Andy schloss sofort die Augen.
„Bitte nicht. “
„Es tut mir leid. “
„Bitte sag nicht wieder dieses Wort. “
Hedi konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Vor acht Jahren …“
Ihre Stimme brach.
„… bekam sie einen Herzinfarkt. “
Andy starrte sie entsetzt an.
„Mit … mit nicht einmal sechzig? “
„Ja. “
„Nein …“
„Sie starb noch in derselben Nacht. “
Andy griff sich an die Stirn. Alles verschwamm. Tim. Ben. Sarah. Drei Namen. Drei Freunde. Drei Leben. Ausgelöscht. Er hatte geglaubt, vierzig Jahre später Geschichten über Enkelkinder zu hören. Über Urlaube. Über graue Haare. Nicht über Friedhöfe. Hedi wartete, bis Andy wieder sprechen konnte.
„Weißt du, was das Schlimmste war? “
Er schüttelte den Kopf.
„Nach jeder Beerdigung wurden wir weniger. “
Andy verstand sofort.
„Immer blieb ein Platz leer. “
„Ja. “
„Und niemand setzte sich mehr dorthin. “
Nach einer langen Stille fragte Andy leise:
„Kathi? “
Zum ersten Mal erschien ein warmes Lächeln auf Hedis Gesicht.
„Sie lebt. “
Andy atmete tief durch.
„Gott sei Dank. “
„Sie wohnt in Graz. “
„Habt ihr noch Kontakt? “
„Ab und zu. “
„Wie geht es ihr? “
„Sie ist Großmutter. “
Andy musste lächeln.
„Sie wollte immer eigene Kinder haben. “
„Ja, das wollte sie. “
Für einen kurzen Augenblick fühlte sich alles etwas leichter an. Nicht alle waren verschwunden. Nicht alle.
„Und du? “
Hedi schaute überrascht auf.
„Ich? “
„Wie ist dein Leben verlaufen? “
Sie lächelte traurig.
„Ganz gewöhnlich. “
„Hast du geheiratet? “
„Ja. “
„Kinder? “
Sie nickte.
„Eine Tochter. “
„Und dein Mann? “
Hedi blickte schweigend hinaus. Andy ahnte die Antwort, noch bevor sie sprach.
„Vor fünf Jahren ist er gestorben. “
Andy nahm ihre Hand. Diesmal weinte sie.
„Krebs. “
Mehr brachte sie nicht heraus. Sie saßen lange still nebeneinander. Zwei alte Freunde. Vierzig Jahre trennten sie. Der Schmerz der Gegenwart verband sie. Nach einer Weile fragte Andy:
„Gehst du noch manchmal in den Böhmischen Prater? “
Hedi schüttelte sofort den Kopf.
„Nein. “
„Warum? “
„Ich kann nicht. “
„Ist es so schlimm? “
„Schlimmer. “
„Weshalb? “
Sie rang nach Luft.
„Weil dort alles noch nach uns aussieht. “
Andy verstand nicht.
„Die Wege…“
Sie lächelte unter Tränen.
„…sind dieselben. “
„Die Bäume? “
„Stehen noch. “
„Die Wiese? “
„Ist noch da. “
„Dann müsste es doch schön sein. “
Hedi schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. “
„Warum? “
„Weil ich jedes Mal glaube, euch gleich um die Ecke laufen zu sehen. “
Andy spürte einen Kloß im Hals.
„Manchmal höre ich sogar euer Lachen. “
Sie lächelte bitter.
„Dann drehe ich mich um…“
Ihre Stimme brach.
„…und da ist niemand. “
Sie öffnete erneut ihre Handtasche. Diesmal zog sie ein altes Foto hervor. Die Farben waren verblasst. Acht Jugendliche saßen lachend auf der Wiese hinter dem Böhmischen Prater. Paul hatte den Arm um Sam gelegt. Tim trieb wieder irgendeinen Unsinn. Ben streckte frech die Zunge heraus. Sarah lachte. Kathi hielt ein Eis in der Hand. Hedi blickte direkt in die Kamera. Und Andy… Andy stand in der Mitte. Mit dem Fußball unter dem Arm.
„Das war zwei Wochen, bevor du weggegangen bist“, sagte Hedi.
Andy nahm das Foto mit zitternden Händen.
„Ich erinnere mich an diesen Tag. “
„Paul machte das Bild. “
Andy betrachtete jedes Gesicht. So jung. So voller Hoffnung. Keiner von ihnen ahnte, wie kostbar dieser Augenblick war.
„Darf ich das behalten? “
Hedi nickte.
„Es gehört dir. “
Andy drückte das Foto an seine Brust.
„Danke. “
Als Hedi ihre Tasche wieder schließen wollte, fiel ein kleiner, silberner Schlüssel auf den Tisch. Andy hob ihn auf.
„Was sperrt der auf? “
Hedi erschrak sichtbar. Sie nahm ihm den Schlüssel hastig aus der Hand.
„Nichts. “
„Hedi…“
Sie schwieg.
„Bitte. “
Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Frag mich heute nicht danach. “
„Warum? “
Sie schloss den kleinen Schlüssel fest in der Hand. Ihre Finger zitterten. Dann sagte sie einen Satz, den Andy nie vergessen sollte.
„Dieser Schlüssel öffnet einen Ort, an dem die letzten Antworten auf dich warten. “
Andy sah sie sprachlos an.
„Welche Antworten? “
Hedi schüttelte langsam den Kopf.
„Die, vor denen ich dich noch einen einzigen Tag beschützen möchte. “
Sie steckte den Schlüssel wieder ein. Andy spürte plötzlich, dass weder Pauls Brief noch dieser geheimnisvolle Schlüssel das eigentliche Ende ihrer Erzählung sei. In seinem Inneren vermutete er, das Hedi ihm noch etwas Schlimmeres erzählen wird. Irgendwo tief in seinem Herzen wuchs die Ahnung, dass das größte Unglück der Clique nicht auf einem Friedhof lag– sondern noch immer auf ihn wartete.
Der silberne Schlüssel lag nicht mehr auf dem Tisch. Hedi hatte ihn längst wieder in ihre Handtasche gelegt, doch Andy starrte weiter auf die Stelle, an der er eben noch gelegen hatte. Es war nur ein kleiner Schlüssel. Und doch schien er schwerer als alles, was Hedi bisher erzählt hatte.
„Ich verstehe das alles nicht“, sagte Andy schließlich mit rauer Stimme.
„Was soll dieser Schlüssel öffnen? “
Hedi schwieg einen Moment.
Sie atmete tief durch, als müsste sie Mut sammeln, um weiterzusprechen.
„Er öffnet einen Ort, den ich seit vielen Jahren allein besuche. “
„Welchen Ort? “
„Das wirst du morgen sehen. “
„Warum erst morgen? “
„Weil ich nicht möchte, dass du heute auch noch daran zerbrichst. “
Andy senkte den Kopf. Er war an diesem Nachmittag um Jahrzehnte gealtert. Tim. Ben. Sarah. Drei Namen. Drei Freunde. Drei Gräber. Und doch hatte Hedi immer wieder angedeutet, dass das Schlimmste noch bevorstand. Sie bezahlten und verließen das Café. Draußen war die Luft kühl geworden. Der Regen hatte aufgehört, und zwischen den Wolken kämpfte sich ein schmaler Streifen Abendsonne hervor. Sie gingen schweigend nebeneinander die Simmeringer Hauptstraße entlang. Vor einem alten Spielwarengeschäft blieb Hedi plötzlich stehen.
„Das gab es früher schon. “
Andy lächelte schwach.
„Hier hat Paul seinen ersten Fußball gekauft. “
„Und Tim hat ihn noch am selben Tag in den Keller des Nachbarhauses geschossen. “
Beide lachten kurz. Es war ein ehrliches Lachen. Vielleicht das erste seit ihrem Wiedersehen. Doch kaum verklang es, spürten beide, dass keiner von denen, über die sie gerade gelacht hatten, neben ihnen ging.
„Weißt du noch“, begann Hedi, „wie wir unter der großen Kastanie geschworen haben, dass wir immer zusammenhalten würden? “
Andy nickte. Wie hätte er das vergessen können? Es war ihr letzter gemeinsamer Sommer gewesen. Sie hatten ein altes Marmeladenglas vergraben. Darin lagen acht kleine Zettel. Jeder schrieb einen Wunsch auf. Außerdem legte jeder einen Gegenstand hinein. Paul einen kleinen Kompass. Sam eine Murmel. Ben einen Flaschenöffner. Tim einen kleinen silbernen Ring. Sarah eine Muschel vom Neusiedler See. Kathi ein vierblättriges Kleeblatt. Hedi ein kleines Herz aus Holz. Und Andy legte seinen alten Fußball-Anstecker dazu. Dann schworen sie:
„Wenn wir alt sind, graben wir alles wieder aus. “
Andy lächelte wehmütig.
„Ich habe nie wieder daran gedacht. “
„Paul schon. “
„Wirklich? “
„Jedes Jahr. “
Andy sah sie überrascht an.
„Er ging jedes Jahr zu dieser Kastanie. “
„Allein? “
„Nein. “
Hedi kämpfte mit den Tränen.
„Am Anfang waren wir noch alle dabei. “
Sie machte eine Pause.
„Dann wurden wir immer weniger. “
Diese Worte schmerzten mehr als jede lange Erklärung. Sie erreichten einen kleinen Park. Auf einer Bank setzten sie sich. Vor ihnen spielten zwei kleine Kinder Fußball. Der Ball rollte über das Gras. Einer der Jungen rief lachend:
„Pass doch endlich! “
Andy musste unwillkürlich lächeln.
„Genau so hat Sam immer geschrien. “
„Ja. “
Sie beobachteten die Kinder lange. Schließlich sagte Hedi:
„Weißt du, was Paul nie überwunden hat? “
Andy schüttelte den Kopf.
„Dass du einfach verschwunden bist. “
Andy schloss die Augen.
„Ich weiß. “
„Nein. “
Hedi sah ihn ernst an.
„Du weißt es nicht. “
„Was meinst du? “
„Paul hat jahrelang nach dir gesucht. “
Andy blickte sie ungläubig an.
„Nach mir? “
„Er schrieb Briefe an Firmen im Ausland. “
„Was? “
„Er telefonierte mit ehemaligen Lehrern. “
„Das hat er wirklich getan? “
„Ja. “
Andy spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Warum? “
„Weil er glaubte, dass ein Freund niemals einfach verschwindet. “
Andy konnte nichts mehr sagen.
„Er sagte immer: ‚Irgendetwas muss passiert sein. Andy würde uns niemals freiwillig verlassen. ‘“
Andy vergrub das Gesicht in den Händen.
„Und ich…“
Seine Stimme brach.
„Ich habe mich einfach nicht gemeldet. “
„Er hat dir nie böse sein können. “
„Ich mir schon. “
Langsam senkte sich die Dämmerung über Simmering. Die Straßenlaternen gingen an. Hedi griff wieder in ihre Tasche. Diesmal holte sie weder ein Foto noch einen Brief heraus. Sondern ein kleines, abgegriffenes Notizbuch. Der Einband war dunkelgrün. Die Seiten waren vergilbt.
„Das gehörte Paul. “
Andy nahm es vorsichtig. Auf der ersten Seite stand in sauberer Handschrift: Unsere Clique. Darunter standen acht Namen. Paul. Sam. Ben. Tim. Hedi. Kathi. Sarah. Andy. Neben jedem Namen hatte Paul jedes gemeinsame Treffen notiert. Mit Datum. Und mit kleinen Bemerkungen.
“Tim hat wieder beim Fußball das Gartentor zerstört.”
“Sarah hat heute zum ersten Mal ein Moped ausprobiert.”
“Andy hat behauptet, der Wiener Sport-Club wird Meister. Alle haben gelacht.”
Andy lächelte unter Tränen. Er blätterte weiter. Die Einträge wurden älter. Und erwachsener. Dann änderte sich plötzlich die Schrift.
“Heute waren wir nur noch sieben.”
Einige Seiten später:
“Heute waren wir nur noch sechs.”
Wieder einige Seiten weiter:
“Heute waren wir nur noch fünf.”
Andy konnte nicht weiterlesen. Sein Blick verschwamm. Jede Zahl fühlte sich an wie ein neuer Abschied.
„Paul schrieb bis zum Schluss hinein“, sagte Hedi leise.
„Bis zum Schluss? “
Sie nickte.
„Sein letzter Eintrag besteht nur aus einem einzigen Satz. “
Andy hob langsam den Kopf.
„Welcher? “
Hedi schluckte.
„Den musst du selbst lesen. “
Mit zitternden Händen blätterte Andy zur letzten Seite. Dort stand in verblasster Tinte:
„Ich hoffe, dass Andy eines Tages heimkommt. Dann ist unsere Runde vielleicht noch einmal vollständig – wenigstens in unseren Herzen. “
Eine Träne fiel auf die Seite. Andy wischte sie sofort weg. Zu spät. Die Tinte verlief leicht.
„Es tut mir leid“, flüsterte er.
Hedi legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter.
„Paul hätte sich nicht über die Träne geärgert. “
Sie saßen noch lange schweigend auf der Bank. Die Kinder waren längst nach Hause gegangen. Der Park wurde still. Nur der Wind rauschte in den Bäumen.
„Andy…“
„Ja? “
„Hast du jemals geheiratet? “
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. “
„Warum nicht? “
„Weil ich immer dachte, dass ich irgendwann nach Wien zurückkomme. “
Er lächelte traurig.
„Und dann wollte ich mein altes Leben wiederfinden. “
„Das Leben wartet aber nicht. “
„Nein. “
„Es geht einfach weiter. “
Andy nickte.
„Leider. “
Plötzlich stand Hedi auf.
„Wir müssen gehen. “
„Wohin? “
„Für heute nach Hause. “
„Und morgen? “
Sie sah ihn lange an.
„Morgen früh treffen wir uns am Eingang des Böhmischen Praters. “
„Warum dort? “
„Weil alles dort begonnen hat. “
Andy spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Und was werden wir dort tun? “
Hedi antwortete mit tränenerstickter Stimme:
„Ich werde dich zu Paul bringen. “
Andy lächelte traurig.
„Dann kann ich ihm endlich sagen, wie leid mir alles tut. “
Hedi schloss die Augen. Zwei Tränen liefen ihr über die Wangen. Als sie die Augen wieder öffnete, lag darin ein Schmerz, den Andy noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte. Ganz leise sagte sie:
„Du wirst ihm sehr viel sagen können…“
Sie machte eine lange Pause.
„…aber er wird dir leider nicht mehr antworten. “
Andy blieb wie erstarrt stehen. Für einen Augenblick setzte sein Herz aus. Er hatte diese Antwort längst geahnt. Und doch zerschmetterte sie ihn. Paul. Der Junge, der jedes Jahr unter der Kastanie auf ihn gewartet hatte. Der Briefe schrieb, obwohl er keine Adresse hatte. Der nie aufgehört hatte, an seine Rückkehr zu glauben. Auch er war nicht mehr da. Andy konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so geweint hatte. Hedi nahm seine Hand.
„Morgen“, flüsterte sie. „Morgen erzähle ich dir alles. “
Dann gingen sie langsam auseinander. Andy drehte sich noch einmal um. Hedi stand reglos unter einer Straßenlaterne. Klein. Einsam. Vom Licht umgeben. Sie hob noch einmal die Hand zum Abschied. Andy ahnte nicht, dass dies der letzte Abschied sein würde, den er von ihr bewusst erleben sollte. Denn der kommende Morgen würde sein Leben für immer verändern.
In dieser Nacht schlief Andy kaum. Pauls Brief lag auf seinem Wohnzimmertisch. Daneben das alte Foto der Clique. Immer wieder nahm er es in die Hand. Er strich mit den Fingern über die Gesichter seiner Freunde, als könnte er die vierzig verlorenen Jahre zurückholen.
„Warum bin ich nur gegangen? “, flüsterte er in die Stille seiner Wohnung.
Doch die Vergangenheit gab keine Antwort. Am nächsten Morgen machte er sich früh auf den Weg. Über Wien hing ein wolkenverhangener Himmel. Es war einer jener stillen Herbsttage, an denen selbst die Vögel leiser zu singen schienen. Hedi wartete schon am Eingang des Böhmischen Praters. Sie trug denselben grauen Mantel wie am Vortag. In der Hand hielt sie den kleinen silbernen Schlüssel.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie leise.
Andy nickte.
„Ich wäre überall hingekommen, wenn du mich gerufen hättest. “
Gemeinsam gingen sie schweigend durch den Prater. Die alten Fahrgeschäfte standen still. Das Kettenkarussell bewegte sich leicht im Wind. Von irgendwoher kam der Geruch von Zuckerwatte. Für einen flüchtigen Augenblick war Andy wieder siebzehn. Fast meinte er, Tim um die Ecke lachen zu hören. Ben würde gleich einen Fußball zur Schießbude schießen. Paul würde laut rufen, dass alle zur Wiese kommen sollten. Doch da war nur das Rauschen der Blätter. Sie erreichten die alte Kastanie. Sie war riesig geworden. Der Stamm war dicker als früher. Die Rinde war tief zerfurcht. Hedi legte die Hand darauf.
„Hier hat alles begonnen. “
Andy entdeckte nach langem Suchen die eingeritzten Buchstaben. Sie waren kaum noch zu erkennen. A + P + S + B + T + H + K + S Die Zeit hatte sie fast ausgelöscht. Fast.
„Unsere Namen leben noch“, sagte Andy.
„Ja“, antwortete Hedi.
„Im Holz. “
Sie gingen ein paar Schritte weiter. Vor einer unscheinbaren kleinen Holzhütte blieb Hedi stehen. Sie zog den silbernen Schlüssel hervor. Langsam öffnete sie die alte Tür. Drinnen war es dunkel. Als Andy eintrat, stockte ihm der Atem. An den Wänden hingen Fotos. Hunderte Fotos. Die Clique. Beim Fußball. Im Kino. Beim Eisessen. Beim Grillen. An Geburtstagen. Auf Hochzeiten. Bei Taufen. Und auch Bilder, auf denen nur noch sechs Menschen zu sehen waren. Später fünf. Dann vier. Die Zeit hatte die Freunde nach und nach aus den Bildern genommen. In der Mitte des kleinen Raumes stand ein alter Holztisch. Darauf lag ein Gästebuch. Daneben brannten acht Kerzen. Sieben waren heruntergebrannt. Nur eine blieb unberührt. Andy sah Hedi fragend an.
„Was bedeutet das? “
Sie antwortete kaum hörbar.
„Paul hat diese Hütte gebaut. “
Andy strich mit der Hand über das Holz.
„Allein? “
„Ja. “
„Warum? “
„Er sagte, wenn das Leben uns auseinanderreißt, soll wenigstens unsere Erinnerung ein Zuhause haben. “
Andy kämpfte gegen die Tränen. Hedi schlug das Gästebuch auf. Jeder hatte irgendwann hineingeschrieben. Tim. Ben. Sarah. Kathi. Sam. Paul. Hedi. Nur eine Seite blieb leer. Oben stand bereits ein Name: Andy. Er verstand sofort. Vierzig Jahre hatte diese Seite auf ihn gewartet.
„Jetzt“, sagte Hedi leise, „ist es Zeit. “
Sie reichte ihm den vergilbten Brief. Zum ersten Mal öffnete Andy den Umschlag. Mit zitternden Händen entfaltete er das Papier. Paul hatte geschrieben: Lieber Andy. Wenn du diesen Brief liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da. Ich hoffe trotzdem, dass du dir keine Vorwürfe machst. Wir waren jung. Jeder von uns musste seinen eigenen Weg finden. Weißt du, worüber wir am meisten gestritten haben? Nicht darüber, dass du gegangen bist. Sondern darüber, ob du uns vergessen hast. Ich habe immer gesagt: Nein. Andy vergisst uns nicht. Er findet nur gerade den Weg nach Hause nicht. Falls du eines Tages wirklich zurückkommst, möchte ich dir nur eines sagen: Danke. Danke für jede Minute unserer Kindheit. Danke für jedes Fußballspiel. Danke für jeden Blödsinn. Danke, dass ich einen Freund wie dich haben durfte. Und noch etwas. Bitte geh nie wieder fort, ohne Abschied zu nehmen. Denn die schlimmsten Schmerzen entstehen nicht durch den Tod. Sondern durch Worte, die nie ausgesprochen wurden. Dein Freund. Paul Andy konnte den Brief nicht weiterlesen. Er weinte. Nicht laut. Nicht verzweifelt. Sondern mit jener stillen Trauer, die nur Menschen kennen, die etwas verloren haben, das niemand ersetzen kann.
Nach langer Zeit führte Hedi ihn hinaus. Sie gingen schweigend einen schmalen Weg entlang. Er endete an einem kleinen Friedhof. Andy blieb stehen. Vor ihm lagen fünf Gräber. Tim. Ben. Sarah. Paul. Und… Sam. Andy starrte auf den letzten Grabstein.
„Sam…? “
Seine Stimme brach.
Hedi nickte.
„Vor drei Jahren. “
„Warum hast du gestern nichts gesagt? “
„Weil ich wusste, dass dein Herz es nicht ausgehalten hätte. “
Andy kniete nieder. Er legte die Hand auf den kalten Stein. Vor seinem inneren Auge sah er Sam wieder lachen. Mit schmutzigen Fußballschuhen. Mit zerzausten Haaren. Mit seinen großen Träumen.
„Es tut mir leid“, flüsterte Andy.
„Ich war nicht da. “
Der Wind strich durch die Bäume. Als würde jemand leise antworten.
„Kathi lebt noch“, sagte Hedi.
„Ja. “
„Warum ist sie nicht hier? “
„Sie ist zu krank zum Reisen. “
Andy nickte traurig.
„Sie weiß, dass du zurück bist. “
„Wirklich? “
„Ich habe gestern mit ihr telefoniert. “
„Was hat sie gesagt? “
Hedi lächelte unter Tränen.
„Sie sagte: ,Sag Andy, dass ich nie aufgehört habe, ihn als Freund zu sehen.’ “
Andy schloss die Augen. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren fühlte er sich wieder ein Stück zu Hause. Gemeinsam stellten sie fünf weiße Rosen auf die Gräber. Dann gingen sie zurück zur Kastanie. Keiner sprach. Worte waren überflüssig geworden. Vor der Hütte blieb Hedi stehen.
„Es gibt noch etwas. “
Andy sah sie fragend an. Sie nahm die letzte, unbenutzte Kerze vom Tisch.
„Paul wollte, dass sie erst angezündet wird, wenn alle wieder vereint sind. “
„Aber wir sind doch nicht alle hier. “
Hedi lächelte traurig.
„Doch. “
Sie deutete auf Andys Herz.
„Die Toten leben dort weiter, solange wir sie lieben. “
Mit zitternden Händen zündete Andy die letzte Kerze an. Zum ersten Mal brannten alle acht Lichter. Sieben als Erinnerung. Eines für die Heimkehr. Draußen begann es leicht zu nieseln. Andy schloss die Tür der Hütte.
„Was wird jetzt aus ihr? “
Hedi holte einen kleinen Schlüsselbund hervor. Sie nahm den silbernen Schlüssel ab und legte ihn in Andys Hand.
„Jetzt gehört sie dir. “
„Mir? “
„Ich werde nicht mehr oft herkommen können. “
„Warum sagst du das? “
Hedi lächelte. Ein müdes, friedliches Lächeln.
„Weil meine Zeit langsam zu Ende geht. “
Andy erschrak.
„Bist du krank? “
Sie nickte.
„Die Ärzte haben vor einem halben Jahr Krebs gefunden. “
Andy wurde blass.
„Nein…“
„Doch. “
„Warum hast du mir nichts gesagt? “
„Weil diese Geschichte nicht von meinem Sterben handeln soll. “
Sie nahm seine Hand.
„Sondern von unserer Freundschaft. “
Andy konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Bitte geh nicht. “
Hedi schüttelte langsam den Kopf.
„Niemand kann bleiben. “
Sie gingen langsam zurück zum Ausgang des Böhmischen Praters. Kurz vor der Straße blieb Hedi stehen.
„Versprichst du mir etwas? “
„Alles. “
„Komm jedes Jahr hierher. “
Andy nickte.
„Erzähle unseren Freunden, was in der Welt passiert. “
„Das werde ich. “
„Und wenn irgendwann Kinder auf der Wiese Fußball spielen…“
Sie lächelte.
„…dann freu dich darüber. “
„Warum? “
„Weil Freundschaft nie wirklich stirbt. “
Sie umarmten sich lange. Es war keine Umarmung des Wiedersehens. Es war eine Umarmung des endgültigen Abschieds. Hedi ging langsam die Straße hinunter. Sie drehte sich noch einmal um, winkte ihm zu und verschwand zwischen den Menschen. Andy sah ihr nach, bis sie nicht mehr zu erkennen war. Es war das letzte Mal, dass er sie lebend sah. Drei Monate später erhielt er einen Brief von Kathi. Darin stand nur ein einziger Satz:
„Hedi ist gestern friedlich eingeschlafen. Sie hat bis zuletzt von euch gesprochen. “
Andy fuhr noch am selben Tag zur Kastanie. Er zündete eine neunte Kerze an. Nicht, weil Hedi vergessen worden war. Sondern weil sie als Letzte das Licht ihrer Freundschaft weitergetragen hatte. Von diesem Tag an besuchte Andy jedes Jahr am ersten Sonntag im Oktober den Böhmischen Prater. Er brachte neun weiße Rosen mit. Er setzte sich auf die alte Bank. Er erzählte laut von seinem Leben. Von den Kindern, die wieder Fußball spielten. Von den Jahreszeiten. Von Wien. Von allem, was seine Freunde nicht mehr sehen konnten. Manchmal blieben Spaziergänger stehen. Sie wunderten sich über den alten Mann, der scheinbar mit niemandem sprach. Doch Andy wusste es besser. Er war nicht allein. Er war wieder bei seiner Clique.
Viele Jahre später fanden Kinder beim Spielen unter der alten Kastanie ein verrostetes Marmeladenglas. Darin lagen acht kleine Erinnerungsstücke. Ein Kompass. Eine Murmel. Ein Flaschenöffner. Ein kleiner silberner Ring. Eine Muschel. Ein gepresstes Kleeblatt. Ein kleines Herz aus Holz. Und ein Fußball-Anstecker. Außerdem lag ein vergilbter Zettel darin. Darauf stand in krakeliger Handschrift:
„Wahre Freunde verlieren sich niemals. Manchmal brauchen sie nur sehr lange, um den Weg zueinander wiederzufinden.“
Und vielleicht war das die schönste Wahrheit ihres ganzen Lebens. Denn die Zeit kann Gesichter altern lassen. Sie kann Stimmen verstummen lassen. Sie kann Gräber füllen und Herzen brechen. Aber sie bleibt machtlos gegen eine Freundschaft, die ehrlich war. Denn solange irgendwo ein Mensch den Namen eines Freundes mit Liebe ausspricht, ist dieser nie ganz verschwunden.
**Schlusswort**
Manche Menschen verlassen unser Leben, aber niemals unser Herz. Wahre Freundschaft kennt weder Zeit noch Entfernung – sie lebt in unseren Erinnerungen weiter. Diese Geschichte ist all jenen gewidmet, die wir vermissen und niemals vergessen werden.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)