
Die erste und die letzte Liebe
Eine tragische Liebesgeschichte, die in den frühen 80er-Jahren begann.
Bo dachte oft an Stella. An ihre warmen Augen, die stets ein wenig funkelten, als trügen sie ein eigenes Licht. An ihr Lachen, das selbst die düstersten Tage aufhellte. Sie war seine erste große Liebe – so groß, dass er sich manchmal fragte, ob sie nicht seine einzige gewesen war. Doch das Leben trennte sie, kaum dass sie erwachsen wurden. Schule, Ausbildung, Arbeit, Verpflichtungen – und irgendwo dazwischen verloren sie sich aus den Augen.
Vierzig Jahre lang lebte Bo im selben Bezirk, ging durch dieselben Straßen, pflegte dieselben kleinen Gewohnheiten – immer mit der leisen Hoffnung, Stella könnte nur ein paar Gassen entfernt wohnen. Doch er begegnete ihr nie wieder.
Bis zu jenem Tag.
Es war ein grauer Nachmittag, einer jener Tage, an denen der Wind wie ein langes Seufzen durch die Bäume strich. Bo kam zufällig am Friedhof in Simmering vorbei. Ohne zu wissen, warum, trat er ein, als zöge ihn eine unsichtbare Hand. Zwischen den alten Grabsteinen, in einer Stille, die fast heilig wirkte, entdeckte er eine Frau.
Sie drehte sich um.
Und da war sie.
„Stella? “, hörte er sich flüstern, noch bevor er den Gedanken fassen konnte.
„Bo…“, sagte sie, und ihr Lächeln war genauso, wie er es in Erinnerung hatte.
Zeit, Falten, Alter – all das schien bedeutungslos. Für einen Moment waren sie wieder siebzehn.
Sie setzten sich auf eine Bank unter einer alten Linde. Und plötzlich sprachen sie, wie nur Menschen sprechen, die sich ein halbes Leben lang vermisst haben. Über Freunde, die sie verloren hatten. Über Wege, die sie gegangen waren. Über Worte, die sie bereuten, und solche, die sie nie gesagt hatten.
„Wir haben uns nie wirklich verloren“, sagte Stella leise. „Nur aus den Augen. “
Etwas in Bo brach auf, etwas, das vierzig Jahre lang geschlafen hatte.
Die nächsten drei Tage trafen sie sich wieder. Immer an derselben Stelle. Immer zur selben Zeit.
Sie lachten so sehr, dass Friedhofsbesucher irritiert zu ihnen hinübersahen. Manchmal schwiegen sie, weil die Erinnerungen zu schwer wurden. Und jedes Mal, wenn Stella ging, blieb ein Hauch ihres Parfüms in der Luft – ein Duft, den Bo nie zuvor gerochen hatte, aber sofort liebte.
„Sag niemandem, dass wir uns treffen“, hatte sie am ersten Tag gesagt.
„Warum nicht? “
Sie hatte nicht geantwortet. Nur gelächelt, als wüsste sie etwas, das er noch nicht wusste.
Am dritten Tag, kurz bevor sie ging, berührte sie seine Hand.
„Manchmal bekommt man eine letzte Chance, Bo“, flüsterte sie. „Aber nur eine ganz kleine. “
Er begriff es nicht. Nicht wirklich.
Am vierten Tag wartete er auf sie.
Sie kam nicht.
Am fünften Tag wartete er wieder.
Und wieder blieb sie fort.
Etwas in ihm zog sich zusammen, ein stechender Schmerz, fremd und doch vertraut: Verlust. Wieder verlust.
„Habe ich sie wieder verloren“?
Er suchte sie auf dem ganzen Friedhof. Lief die Wege mehrfach ab, rief ihren Namen, obwohl es ihn Überwindung kostete.
Dann hielt er plötzlich inne.
Vor ihm stand ein Grabstein.
Ein Name, den er nie wieder hatte sehen wollen.
Ein Foto, das er nicht kannte, doch das Gesicht – das Gesicht kannte er besser als sein eigenes.
Stella.
Gestorben vor drei Jahren.
Bo spürte, wie seine Knie nachgaben. Der Wind verstummte. Die Welt wurde so kalt, dass selbst seine Tränen zu Eis erstarrten.
„Nein…“, flüsterte er. „Das… das kann nicht sein. “
Doch das Bild sah ihn an. Stella.
Die Stella, die er geliebt hatte.
Die Stella, die er vor drei Tagen noch in seinen Armen gehalten hatte.
Die Stella, die niemals hätte dort liegen dürfen.
Sein Verstand suchte nach Antworten, doch sein Herz wusste es längst.
Mit wem hatte er gesprochen?
Wen hatte er berührt?
Wessen Lachen hatte ihn zurück in die Jugend getragen?
Eine Erinnerung stieg in ihm auf, klar wie ein Echo:
„Manchmal bekommt man eine letzte Chance, Bo. “
War es ihre? Oder seine?
Bo setzte sich vor den Grabstein und legte die Hand darauf.
„Warum bist du gekommen? “, flüsterte er. „Warum noch einmal? “
Vielleicht, dachte er, stirbt Liebe nie.
Vielleicht kehrt sie zurück, wenn sie gebraucht wird.
Vielleicht ist die Seele stärker als die Zeit.
Aber eines wusste er:
Die Zukunft, die er sich in diesen drei Tagen ausgemalt hatte, würde nie Wirklichkeit werden.
Sein Herz fühlte sich leer und zugleich schwer an – wie ein verlassenes Haus, in dem jeder Schritt noch nachhallt.
Bo blieb auf dem Friedhof, bis die Lichter angingen und die Schatten lang wurden.
Als er schließlich ging, spürte er etwas an seiner Schulter. Eine Wärme, die nicht vom Wind kommen konnte.
Ein Hauch, kaum hörbar:
„Ich bin nicht weit. “
Er drehte sich um.
Niemand war da.
Doch er wusste:
Seine Geschichte mit Stella war nicht vorbei. Nicht hier. Nicht so.
Seit Bo Stella scheinbar zum zweiten Mal verloren hatte, war die Welt still geworden. Nicht die Stille, die man sucht, um zur Ruhe zu kommen – sondern jene, die einen verfolgt und sich wie Nebel auf die Seele legt.
Die nächsten Tage verbrachte er wie in Trance. Er arbeitete, sprach mit Menschen, erledigte, was zu tun war. Doch alles wirkte, als sähe er es von außen, ohne wirklich dabei zu sein.
Immer wieder tauchte ein Bild vor seinem inneren Auge auf:
Stella, wie sie drei Tage lang an seiner Seite gewesen war.
Ihr Lachen.
Ihr Blick – warm, sanft, lebendig.
Er dachte an ihre Hand, die seine berührt hatte.
War das wirklich nur Erinnerung?
Zwei Wochen vergingen, bis das erste Zeichen kam.
Bo saß in seiner Küche, eine Tasse Tee vor sich, als der Duft von Stellas Parfüm den Raum erfüllte.
Er erstarrte.
Dieses Parfüm gab es nicht mehr. Es war alt, seit Jahren nicht mehr im Handel. Doch der Geruch war so klar, als säße sie neben ihm.
„Stella…? “, flüsterte er.
Nichts. Nur Stille.
Aber der Duft blieb.
Und er wusste, das war kein Zufall.
Am nächsten Abend entdeckte er etwas noch Seltsameres: Auf seinem Küchentisch lag ein kleiner, getrockneter Blütenzweig. Eine Linde.
Genau diese Linden standen auf dem Friedhof in Simmering – dort, wo sie zusammen gesessen hatten.
Er streifte den Zweig, und ein Schauer lief ihm über den Rücken.
Nicht aus Angst.
Aus Sehnsucht.
In der dritten Nacht träumte er von ihr.
Doch es war kein gewöhnlicher Traum – er wirkte echter als vieles, was er je wach erlebt hatte.
Er stand auf dem Friedhof.
Die Luft war warm.
Die Bäume rauschten, als wollten sie ihm etwas zuflüstern.
„Bo“, hörte er.
Und da stand sie.
Kein flackernder Schatten, keine blasse Gestalt –
nein.
Stella, wie er sie gekannt hatte.
Wie er sie geliebt hatte.
Sie lächelte, doch ihre Augen verrieten eine tiefe Traurigkeit.
„Du darfst nicht hierbleiben“, sagte sie.
„Noch nicht. “
„Aber ich will bei dir sein“, antwortete er. Seine Stimme brach.
„Ich habe so lange auf dich gewartet. “
Stella trat näher, hob die Hand und strich ihm über die Wange.
Ihre Berührung war warm – zu warm für einen Traum.
„Ich weiß“, flüsterte sie.
„Und deshalb bin ich hier. “
„Warum bist du gegangen? “, fragte Bo. „Warum hast du mich allein gelassen? “
Sie senkte den Blick.
„Ich durfte nur kurz zurück. Um mich zu verabschieden… oder um dich zu retten. “
Dann sah sie ihn wieder an, ihre Augen glänzten.
„Du darfst mir nicht folgen, Bo. Nicht jetzt. “
„Aber warum nicht? “
Sie lächelte wehmütig.
„Weil du noch etwas zu tun hast. Und jemand wartet auf dich. “
„Wer? “, fragte er.
Doch Stella schüttelte den Kopf.
„Wenn du bleibst, kann ich bleiben.
Aber wenn du gehst… muss ich wieder gehen. “
Seine Stimme zitterte.
„Ich habe Angst, dich wieder zu verlieren“, sagte er.
Sie flüsterte:
„Du wirst mich nie verlieren, mein Herz. Aber ich kann nicht bleiben, wo du nicht lebst. “
Er streckte die Arme aus, wollte sie halten, doch als er sie umschloss, zerfiel ihr Körper in warmes Licht.
„Stella! “ rief er.
„Bleib! Bitte… bleib! “
Doch sie war fort.
Bo erwachte mit Tränen im Gesicht.
Von diesem Tag an wurde der Friedhof für ihn kein Ort des Abschieds mehr, sondern einer der Hoffnung.
Jeden Nachmittag ging er dorthin.
Nicht, um den Tod zu suchen.
Sondern die Liebe.
Manchmal spürte er einen Windhauch, obwohl die Luft stillstand.
Manchmal hörte er ein leises Knistern in den Zweigen der alten Linde.
Einmal glaubte er, hinter einem Grabstein eine Gestalt zu sehen – vertraut, doch verschwommen wie ein Schatten im Dämmerlicht.
War es Einbildung?
Oder rief Stella wirklich aus einer anderen Welt nach ihm?
Dann geschah etwas, das keinen Zweifel zuließ.
Eines Abends lag ein Brief vor seiner Tür.
Ein dünner Umschlag, ohne Absender, ohne Briefmarke.
Nur ein Wort stand darauf:
Für Bo.
Er zögerte, öffnete schließlich den Umschlag – und sein Herz stockte.
Es war Stellas Handschrift.
Er erkannte sie sofort.
Mein liebster Bo,
ich durfte dich nur noch einmal sehen. Es war mein Wunsch, nicht mein Recht.
Du musst leben, auch wenn ich es nicht mehr kann. Unsere Zeit ist nicht vorbei – sie beginnt nur später.
Du bist nicht allein, auch wenn du dich so fühlst. Suche nicht nach mir. Ich finde dich, wenn deine Zeit gekommen ist.
Und bis dahin… lebe. Für uns beide.
In ewiger Liebe,
Stella
Der Brief roch nach ihrem Parfüm.
Bo sank auf die Knie.
Er weinte, wie nur ein Mann weint, der etwas verliert, das größer ist als sein eigenes Leben.
Doch zum ersten Mal seit Wochen spürte er nicht nur Schmerz.
Da war auch etwas anderes.
Etwas Warmes.
Etwas, das wie ein kleines Licht brannte.
Vielleicht in seinem Herzen.
Vielleicht irgendwo da draußen, wo sie war.
In den nächsten Tagen kreisten seine Gedanken immer wieder um die Worte:
„Jemand wartet auf dich. “
Wer konnte das sein?
Er hatte niemanden mehr.
Keine Kinder.
Keine Partnerin.
Kaum Freunde.
Dann, eines Abends, als er den Friedhof verließ, stand ein fremdes Mädchen am Tor. Vielleicht acht, neun Jahre alt. Sie trug einen roten Mantel, der ihr zu groß war.
Sie sah ihn an, als würde sie ihn kennen.
„Hallo“, sagte sie.
Ihre Stimme klang seltsam vertraut.
Zu vertraut.
„Hallo“, antwortete Bo zögernd.
„Kennst du mich? “
Das Mädchen lächelte schwach.
„Ein bisschen. “
Ihr Blick wanderte zur Linde, unter der er oft stand.
„Sie sagt, du sollst nicht aufgeben. “
Bo erstarrte.
„Wer… ‚sie‘? “
Das Mädchen zeigte auf Stellas Grab.
„Na, deine Frau. Die mit den schönen Augen. “
Bevor Bo etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und lief davon.
Er sah ihr nach und spürte, wie sich etwas in ihm veränderte.
Langsam.
Behutsam.
Wie ein Herz, das nach langer Zeit wieder zu schlagen lernt.
Die Begegnung mit dem Mädchen im roten Mantel ließ ihn nicht los.
Ihre Worte klangen in ihm nach wie ein Echo, das er nicht einordnen konnte.
„Sie sagt, du sollst nicht aufgeben. “
Wie konnte ein Kind etwas wissen, dass es nicht wissen konnte?
Wie konnte es Stella kennen?
Wie konnte es ihren Blick so beiläufig erwähnen?
Bo lag die ganze Nacht wach, während der Regen gegen die Fenster schlug.
Er ging die Szene immer wieder durch, suchte nach einer Erklärung.
Doch jeder logische Gedanke scheiterte.
Es blieb nur ein Gefühl – tief, unruhig, schmerzlich vertraut:
Stella war nicht fort.
Nicht wirklich.
Am nächsten Morgen beschloss Bo, in alten Kisten zu stöbern, die er seit Jahren nicht angerührt hatte. Darin fand er Fotos, Briefe, kleine Erinnerungen – Bruchstücke eines Lebens, das er hinter sich gelassen hatte, weil es zu sehr schmerzte.
Er wollte herausfinden, ob das Mädchen jemand aus seiner Vergangenheit war.
Familie? Ein Nachbarskind?
Irgendwer?
Doch er entdeckte nichts.
Bis er ein Foto fand, das ihn erst lächeln ließ – und dann verstummen.
Ein altes Bild von Stella.
Aufgenommen, als sie siebzehn war.
Neben ihr: ein kleines Mädchen im roten Mantel.
Bo strich mit zitternden Fingern über das Foto.
„Wer bist du? “, murmelte er.
Auf der Rückseite stand in Stellas Handschrift:
„Anna. Mein Engel. “
Bo war fassungslos.
Stella hatte ihm nie erzählt, dass sie ein Kind gehabt hatte.
Sie war jung gewesen.
Zu jung.
Er wusste, wie viel sie damals allein durchgestanden hatte – aber ein Kind?
Er ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken.
Das Foto glitt ihm aus der Hand und landete auf dem Tisch.
Eine Träne fiel darauf.
Zwei Tage später war der Himmel grau, als würde er eine Wahrheit verbergen, die zu schwer wog.
Bo ging zurück zum Friedhof.
Nicht, um Stella zu suchen.
Sondern Antworten.
Er trat vor ihren Grabstein.
Der Regen lief ihm über das Gesicht, doch er spürte es kaum.
„Wer ist Anna? “, fragte er leise, als könnte der Stein ihm antworten.
„Warum hast du mir das nie gesagt? “
Die Stille blieb.
Bis plötzlich eine Stimme hinter ihm erklang:
„Weil sie es nicht durfte. “
Bo drehte sich um.
Das Mädchen stand da. Wieder in ihrem roten Mantel, der im Regen dunkler schimmerte.
„Du…“, stammelte Bo. „Wer bist du? “
Sie sah ihn an, mit Augen, die viel älter wirkten, als sie sein durften.
„Ich habe auf dich gewartet“, sagte sie ruhig.
„Warum? “
Sie trat näher.
„Weil sie es wollte. “
„Stella? “
Das Mädchen nickte.
„Sie hat mich gebeten, auf dich aufzupassen, bis du bereit bist. “
Bo schluckte schwer.
„Bereit wofür? “
Das Mädchen hob den Blick. In ihren Augen lag ein Schmerz, der nicht zu einem Kind passte.
„Bereit, die Wahrheit zu hören. “
Sie drehte sich um und zeigte auf einen kleinen, verwitterten Grabstein, der unter einem krummen Baum stand.
Bo folgte ihr, die Beine zitterten.
Vor dem Stein blieb er stehen – und erstarrte.
*Anna K.*
*Geboren: 1978*
*Gestorben: 1986*
„Nein …“, flüsterte Bo.
„Nein, das kann nicht … sie war doch nur …“
„Acht“, sagte das Mädchen leise und lächelte traurig. „Ja. “
Bo spürte, wie sich sein Brustkorb zusammenzog, als würde ihm die Luft abgeschnürt.
„Bist du …“
Er brachte die Worte nicht über die Lippen.
Das Mädchen nickte.
„Ich bin Anna. “
Die Welt geriet ins Wanken. Das durfte nicht sein. Es konnte nicht sein.
Doch Anna streckte ihre kleine Hand aus und berührte ihn.
Ihre Hand war warm. Lebendig warm.
„Warum bist du hier? “, flüsterte Bo. „Warum zeigst du dich mir? “
„Weil Mama wollte, dass du es weißt. “
Bo schloss die Augen. Tränen liefen über sein Gesicht.
„Was … was sollte ich wissen? “
Anna trat einen Schritt zurück, hob den Kopf und schien einer unsichtbaren Stimme zu lauschen.
„Dass ihr nicht nur zwei wart. “
Bo öffnete die Augen.
Er verstand nicht.
„Was meinst du? “
Anna sah ihn an. In ihrem Blick lag etwas von Stella.
Ein Hauch.
Ein Schatten.
Ein Echo.
„Sie hat dich geliebt, Bo“, sagte Anna leise.
„Mehr als sich selbst. Deshalb hat sie dich gehen lassen. Beide Male. “
Bo schüttelte den Kopf.
„Aber warum… warum hat sie mir nichts gesagt? “
Anna schwieg einen Moment.
Dann flüsterte sie:
„Weil du sonst alles aufgegeben hättest. Auch dich. “
Ein Windstoß fuhr durch die Bäume. Bo fröstelte.
„Es gibt noch etwas, das du wissen musst“, sagte Anna.
Bo beugte sich näher zu ihr.
„Mama kommt nicht mehr allein zurück. “
„Was heißt das? “ Seine Brust zog sich zusammen, das Herz raste.
Anna sah ihn ernst an.
„Jemand hält sie fest. “
Bo wich zurück.
„Wer? “
Anna schüttelte langsam den Kopf.
„Jemand, der sie nicht loslassen will. “
Bevor Bo weiter fragen konnte, begann Annas Körper zu leuchten, als würde sie im Regen schimmern.
„Anna! Warte! “, rief er.
„Du kannst mich nicht allein lassen! “
Sie lächelte sanft.
„Keine Sorge, Bo. Ich komme wieder. “
Ihre Stimme wurde leiser, durchsichtiger.
„Und das nächste Mal… bringe ich dir eine Nachricht von ihr. “
Dann verblasste sie – nicht plötzlich, sondern wie ein Bild, das langsam vergeht.
Der Regen fiel weiter.
Doch Bo spürte keinen Tropfen mehr.
Er stand allein zwischen zwei Gräbern:
dem von Stella
und dem von Anna.
Und er wusste:
Das war nicht das Ende.
Nicht einmal der Anfang vom Ende.
Es war ein Anfang. Es war:
„Der Preis der letzten Liebe. “
Seit Annas Verschwinden fühlte sich Bo wie ein Wanderer auf einer Brücke, deren Ende im Nebel lag.
Er wusste nicht, wohin er ging, aber er wusste, dass er weitergehen musste.
Nur eines war sicher:
Stella war gefangen.
Und jemand hielt sie fest.
Die nächsten Tage schwiegen.
Keine Zeichen.
Kein Duft.
Keine Träume.
Keine Anna.
Nur Stille.
Die Stille führte ihn zurück, dorthin, wo alles begann: zum Friedhof in Simmering.
Doch diesmal suchte er nicht Stellas Grab.
Er ging zu dem Ort, an dem Anna verschwand – unter den krummen Baum, der wie eine gebeugte Gestalt wirkte.
Die Luft war ungewöhnlich kalt, obwohl der Abend warm sein sollte.
„Stella“, flüsterte er in die Dunkelheit.
„Wenn du mich hören kannst… ich bin hier. Und ich gehe nicht, bis ich dich zurückhole. Egal, was es kostet. “
Seine Stimme zitterte, doch seine Entschlossenheit blieb fest.
Die Luft wurde schwer, fast zäh.
Ein Flüstern wehte durch die Äste.
Kein Wind.
Etwas anderes.
„Du…“, hauchte eine Stimme.
Tief. Kratzend. Kalt.
Bo drehte sich um – und sah einen Schatten.
Kein Mensch. Kein Tier.
Nur ein Umriss, dunkler als die Nacht.
„Sie gehört mir“, sagte die Stimme.
„Sie kam zu früh. Und ich habe sie behalten. Sie wollte nicht gehen. “
Bo ballte die Hände.
„Sie wollte zu mir. “
Ein kehliges Lachen vibrierte durch die Luft, ließ die Blätter leise rascheln.
„Und du willst zu ihr“, sagte der Schatten.
„Aber das darfst du nicht. “
„Warum hältst du sie fest? “, fragte Bo.
Der Schatten bewegte sich. Nicht wie ein Körper – eher wie Rauch.
„Weil Liebe Macht hat. Und ihre Liebe war stark. “
Ein Wispern, nah an seinem Ohr:
„Ich ernähre mich von dem, was Menschen bindet. “
Bo begriff.
Der Schatten lebte von unerfüllten Sehnsüchten, von gebrochenen Herzen, von Liebe, die nicht losließ.
Und Stella… hatte geliebt. So sehr, dass sie nicht weitergehen konnte.
Bo trat einen Schritt vor. Etwas Kaltes kroch an seinen Armen hoch, als würde die Luft selbst nach ihm greifen.
„Dann nimm mich“, sagte er ruhig.
„Lass sie gehen. “
Ein Rauschen durchbrach die Dunkelheit, als hätte der Schatten den Atem angehalten.
„Du würdest deine Seele geben? Für jemanden, der nicht mehr lebt? “
„Für meine Liebe“, sagte Bo.
Stille.
Dann:
„Zeige mir“, forderte der Schatten. „Zeige mir, was du opfern willst. “
Die Welt verschwand. Nicht wie bei Einbruch der Nacht – sondern wie beim Schließen der Augen.
Bo stand in Leere. Schwarz. Still. Zeitlos.
Vor ihm erschien Stella. Nicht als Geist. Nicht als Erinnerung. Sondern so, wie sie war: wunderschön, warm, lebendig.
Sie sah ihn an – und ihr Blick zerbrach.
„Bo… nein. “ Ihre Stimme bebte. „Das darfst du nicht tun. “
Er trat näher. Spürte ihre Wärme, ihre Hand, ihren Herzschlag.
„Du würdest für mich sterben“, flüsterte sie, „obwohl ich längst tot bin? “
„Ich würde für dich leben“, antwortete er, „wenn du es wärst. Aber du bist gefangen. Und ich kann nicht atmen, wenn du leidest. “
Tränen liefen über ihre Wangen. Die Leere um sie begann zu zittern.
„Bo… hör mir zu. “ Sie umklammerte seine Hände.
„Wenn du dich opferst, wirst du nie ankommen. Weder hier noch dort. Du wirst verloren sein. “
„Aber du wärst frei. “
„Und was nützt mir Freiheit… ohne dich? “
Ihre Worte trafen ihn wie ein Dolch. Sie legte ihre Stirn an seine.
„Ich will nicht, dass du mir folgst. Ich will, dass du weitergehst. Dass du uns überlebst. “
„Ich kann nicht ohne dich“, flüsterte Bo.
„Du musst“, sagte sie. Ein warmes, goldenes Leuchten umgab sie plötzlich, sanft wie eine Berührung.
„Ich war deine erste Liebe… und es wäre eine Ehre, deine letzte zu sein. Aber ich darf dich nicht mitnehmen. “
Der Schatten schrie auf – ein hässlicher, verzerrter Laut. Das Licht brannte ihm.
„Er gehört mir! “, fauchte er.
Stella wandte sich zu ihm um – und zum ersten Mal sah Bo etwas in ihren Augen, das er nie zuvor bemerkt hatte:
Stärke.
Klar, unerschütterlich.
„Er gehört sich selbst“, sagte sie leise.
„Und ich… gehe jetzt. “
Sie löste ihre Hände aus seinem Griff.
Er versuchte, sie festzuhalten – doch sie begegnete ihm mit einem Blick, der traurigen Frieden ausstrahlte.
„Ich liebe dich“, sagte sie.
„Von meinem ersten Atemzug bis zu meinem letzten.
Aber jetzt… lass mich gehen. “
Ein warmes Licht umhüllte sie.
Der Schatten kreischte, zog sich zusammen, schrumpfte, zerfiel in Fetzen – und verschwand.
Und Stella –
Stella leuchtete wie die Sonne.
„Danke, Bo.
Du hast mich befreit. “
Dann wurde sie sanft, fast zärtlich, zu einem Lichtpunkt, der in den Himmel stieg…
höher…
weiter…
bis er verschwand.
Bo erwachte am Fuß des alten Baumes.
Der Himmel war klar.
Die Vögel sangen.
Der Schatten war fort.
Und Stellas Grab –
es wirkte friedlich.
Fast warm.
Anna war verschwunden.
Doch auf dem Stein lag der rote Mantel – sorgfältig gefaltet.
Wie ein Abschied.
Oder ein Danke.
Bo hob ihn auf.
Trug ihn nach Hause.
Und wusste:
Stella war frei.
Anna war frei.
Und er…
er lebte.
Nicht für sie.
Sondern aus Liebe zu ihnen.
Monate später saß Bo wieder unter der Linde.
Er kam oft hierher –
nicht aus Trauer,
sondern aus Dankbarkeit.
Manchmal spürte er sie.
Nicht als Gestalt.
Nicht als Stimme.
Nur als Frieden.
Eines Tages, als die Sonne durch die Blätter fiel, hörte er ein leises Flüstern in seinem Herzen:
„Ich war deine erste Liebe…
und du warst meine letzte. “
Bo lächelte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Und er wusste:
Die Liebe endet nicht, wenn jemand geht.
Sie endet erst, wenn man aufhört zu fühlen.
Und Bo fühlte –
für immer.
Schlusswort
“Manche Lieben enden nie – sie wechseln nur die Welt, nicht das Herz.”
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)