
Der schwerverletzte Junge
**Eine Geschichte aus den letzten Tagen des Krieges**
Die Seiten des kleinen, abgegriffenen Tagebuchs sind vergilbt. Manche Zeilen verwischen, andere zittern. Zwischen den Wörtern – kaum sichtbar, aber unauslöschlich – stecken Spuren von Tränen. Tränen eines Kindes. Tränen aus Angst, Schmerz und unendlicher Trauer.
Ein elfjähriger Junge schrieb nieder, was kaum ein Erwachsener ertragen konnte.
Dietmar Kohl war elf, als der Zweite Weltkrieg seine Kindheit zerstörte.
Während draußen die Welt in Trümmern lag und der Krieg seinem grausamen Ende entgegentaumelte, schrieb Dietmar. Er schrieb, um zu überleben. Um nicht zu vergessen. Um sich an dem festzuhalten, was ihm Stück für Stück genommen wurde: seine Unschuld, seine Familie, seine Mutter.
Das Ende des Krieges kam nicht an einem Tag. Es brachte keinen plötzlichen Frieden, keine Erlösung im Augenblick. Es war ein quälender Prozess – voller Angst, Hunger, Bombenlärm und flüchtiger Hoffnung. Erst am 8. Mai 1945 war offiziell Schluss. Doch für viele – für Dietmar – hatte der Krieg längst unauslöschliche Wunden hinterlassen.
Er lebte mit seiner Familie am Rand von Simmering, gegenüber dem Wiener Zentralfriedhof, in einer kleinen Gartensiedlung nahe dem Schloss Neugebäude. Ein Ort, der nach Leben, Frühling, Erde und Blumen hätte riechen sollen. Doch stattdessen roch er nach Rauch, Staub und Angst.
Die Tage bestanden aus Verstecken in Erdkellern, aus dem Horchen auf Flugzeuge, aus dem Kampf um ein Stück Brot. Und aus der Furcht vor Soldaten – fremde Uniformen, laute Stimmen, Schüsse. Für einen Jungen waren sie der Inbegriff des Schreckens.
Dietmar schrieb über Freundschaften, die in den Ruinen entstanden. Über kurze Momente des Lachens, wenn Kinder trotz allem Kinder blieben. Und er schrieb über Hoffnung – diese leise, zerbrechliche Hoffnung, dass irgendwann alles vorbeisein würde.
Doch dann kam der 12. März 1945.
Ein Tag, der sich für immer in sein Leben brannte.
Dietmar wartete mit seiner Mutter in einem Lazarett in Wien-Simmering. Ein Krankenhaus für verwundete Soldaten. Er war krank, geschwächt, doch nichts deutete darauf hin, dass dieser Ort binnen Sekunden zur Hölle werden würde.
Dann heulten die Sirenen. Sekunden später: Explosionen.
Bomben der Alliierten trafen Wien. Militärische Ziele, Verkehrsknotenpunkte – doch auch Zivilisten. Frauen. Kinder. Unschuldige.
Dietmar erinnerte sich später an den ohrenbetäubenden Lärm, an das Beben des Bodens, an das Gefühl, als würde die Welt zerreißen. Feuer. Staub. Schreie.
Er erlitt schwerste innere Verletzungen. Verbrennungen an 45 Prozent seines Körpers. Dennoch – halb bewusstlos, voller Schmerzen – kroch er aus dem zerstörten Gebäude. Ein Kind, das eigentlich nicht mehr hätte leben dürfen. Retter fanden ihn zwischen Trümmern und Rauch.
Seine Mutter fand man nicht mehr lebend.
„Das war das letzte Mal, dass ich meine Mutter sah“, schrieb er später.
„Und das letzte Mal, dass ich mich von ihr verabschieden konnte. “
Sie starb mit 30 Soldaten, 23 Zivilisten und weiteren Kindern. Bomben töteten sie. Ein Krieg, der für sie keinen Sinn ergab, nahm ihr das Leben.
Dietmar lag über 40 Tage im Koma. Ärzte operierten ihn 25 Mal. Spezialisten rangen um sein Überleben. Sein Leben hing an einem seidenen Faden.
Während er zwischen Leben und Tod schwebte, wartete draußen ein Vater. Ein Mann, der seine Frau verloren hatte und um seinen Sohn bangte.
Als Dietmar erwachte, war nichts mehr wie zuvor.
Der Krieg endete bald. Doch für ihn begann ein anderer Kampf: ein Kampf gegen Schmerzen, Narben und Erinnerungen, die ihn nie losließen. Eine lange Zeit der Heilung folgte – körperlich und seelisch.
Trotz allem schaffte er es.
Er wurde Polizist. Ein Beruf, der Schutz, Ordnung und Verantwortung bedeutete. Vielleicht wählte er ihn gerade deshalb– weil er als Kind erlebte, was geschieht, wenn all das fehlt.
Er lebte weiter. Liebte. Gründete eine Familie. Seine Frau und Kinder gaben ihm den Halt, den er so dringend brauchte.
Heute lebt Dietmar Kohl noch immer dort, wo alles begann: im Haus seines Vaters, in der Gartensiedlung Neugebäude in Simmering. Er ist 91 Jahre alt. Ein Mann mit Narben – sichtbaren und unsichtbaren. Und mit einem Tagebuch, das mehr erzählt als jedes Geschichtsbuch.
Wenn er heute darin liest, stockt ihm die Stimme. Und jene, die zuhören, kämpfen mit den Tränen. Ganz Wien, ganz Simmering – ja, ganz Österreich fühlt mit ihm.
Denn seine Geschichte ist nicht nur die eines Jungen.
Sie ist die Geschichte einer Generation.
Und sie ist noch nicht zu Ende erzählt.
Was schrieb Dietmar in den Nächten, in denen der Bombenlärm nicht verstummte?
Was geschah nach dem Erwachen aus dem Koma?
Und welche Erinnerungen verfolgten ihn ein Leben lang – bis heute?
Als Dietmar Kohl die Augen öffnete, war da zuerst nichts. Kein Bild, kein Geräusch. Nur eine schwere, dunkle Stille, die ihn umhüllte wie ein endloser Schlaf. Sein Körper fühlte sich fremd an, als gehöre er nicht mehr zu ihm. Jeder Atemzug schmerzte, jede Bewegung war unmöglich.
Vierzig Tage hatte er im Koma gelegen.
Vierzig Tage, in denen Ärzte und Pfleger um sein Leben kämpften.
Vierzig Tage, in denen sein Vater zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankte.
Vierzig Tage, in denen ein elfjähriger Junge unbewusst Abschied von seiner Kindheit nahm.
Als Dietmar langsam zu sich kam, brannte alles. Seine Haut, seine Brust, sein Inneres. Er verstand nicht, warum er sich nicht bewegen konnte. Schläuche, Verbände, der Geruch von Desinfektionsmitteln – und dieses gedämpfte Licht, das ihn blendete. Stimmen drangen zu ihm, doch sie klangen fern, wie aus einer anderen Welt.
Er wollte sprechen. Wollte fragen, wo seine Mutter war.
Doch kein Wort kam über seine Lippen.
Ärzte operierten ihn noch 25 Mal. Schnitte, Nähte, Schmerzen, die ein Kind kaum ertragen kann. Mediziner aus ganz Wien versuchten, das Unmögliche möglich zu machen. Sein kleiner Körper war geschwächt, verbrannt, verletzt – aber er lebte. Und das grenzte an ein Wunder.
Irgendwann durfte sein Vater zu ihm.
Dietmar erinnerte sich später an diesen Moment. An das Gesicht seines Vaters, gezeichnet von Wochen voller Angst, Erschöpfung und Trauer. Die Augen rot, der Blick leer – und doch voller Liebe. Vorsichtig hielt er die Hand seines Sohnes, als könnte er ihn zerbrechen.
Dietmar sah ihn an.
Dann fragte er leise, kaum hörbar, nur ein Wort:
„Mama? “
Der Vater schwieg. Er konnte nicht antworten. Schließlich schüttelte er langsam den Kopf.
In diesem Augenblick begriff Dietmar alles.
Er schrie nicht. Er weinte nicht laut. Die Tränen liefen still über sein Gesicht, versickerten in den Verbänden. Es war der stumme Schmerz eines Kindes, das zu früh verstehen musste, was Tod bedeutet.
Von diesem Tag an schrieb er anders in sein Tagebuch. Die Sätze wurden kürzer, die Schrift zittriger. Zwischen den Zeilen sammelte sich Trauer.
Draußen hieß es, der Krieg sei vorbei. Fahnen wehten, Menschen jubelten.
Doch für Dietmar begann eine andere Zeit – die Stille nach dem Feuer.
Nach Monaten durfte er das Krankenhaus verlassen. Sein Körper war von Narben gezeichnet, seine Bewegungen vorsichtig, unsicher. Jeder Schritt schmerzte. Die Reha zog sich hin, quälend und voller Rückschläge. Oft wollte er aufgeben. Oft fragte er sich, warum ausgerechnet er überlebt hatte.
Zu Hause in der Gartensiedlung war nichts mehr wie früher.
Das Bett seiner Mutter blieb leer. Ihre Stimme fehlte. Ihre Umarmung. Ihr Lächeln.
Abends setzte sich Dietmar hin und schrieb. Über die Angst vor der Nacht. Über Träume, in denen Bomben fielen. Über das Gefühl, schuldig zu sein, weil er lebte.
Der Wiener Zentralfriedhof lag still gegenüber. Manchmal blickte er hinüber, als könnte er dort Antworten finden.
Doch langsam – ganz langsam – wuchs etwas Neues.
Ein vorsichtiges Vertrauen ins Leben. Ein leises Lächeln. Neue Freundschaften. Und der Wunsch, eines Tages selbst für andere da zu sein. Vielleicht, weil er wusste, wie es sich anfühlt, hilflos zu sein.
Die Narben blieben. Außen wie innen. Doch sie erzählten auch von Stärke.
Jahre später trug Dietmar eine Uniform – nicht die eines Soldaten, sondern die eines Polizisten. Eine Entscheidung, die tief in seiner Vergangenheit wurzelte.
Ordnung statt Chaos. Schutz statt Zerstörung. Leben statt Tod.
Manche Erinnerungen ließen sich nicht verdrängen.
Eines Tages – Jahrzehnte später – öffnete er wieder sein altes Tagebuch.
Was er darin las, veränderte alles.
Die Jahre vergingen, nicht schnell, nicht leicht – aber sie vergingen.
Aus dem schwerverletzten Jungen wurde ein junger Mann. Und aus dem jungen Mann jemand, der lernte, mit seinen Narben zu leben. Manche waren sichtbar, zogen sich über Haut und Körper wie stumme Zeugen des Krieges. Andere lagen tiefer. Sie meldeten sich in stillen Momenten, in der Nacht, in Träumen, die ihn schweißgebadet aufwachen ließen.
Dietmar sprach lange nicht über das, was geschehen war.
Nach dem Krieg wollte niemand mehr hören. Die Menschen wollten vergessen, neu anfangen, nach vorne schauen. Wer über Schmerz sprach, störte. Wer trauerte, erinnerte. Also schwieg er – wie so viele seiner Generation.
Doch das Tagebuch blieb. Versteckt in einer Schublade. Vergessen war es nie.
Er durchlief seine Ausbildung, lernte Disziplin, Ordnung, Verantwortung. Als er zum ersten Mal die Polizeiuniform trug, stand er lange vor dem Spiegel. Nicht nur aus Stolz – aus Ehrfurcht.
Er dachte an die Angst seiner Kindheit. An die Soldaten, vor denen er sich gefürchtet hatte. Und daran, dass er nun selbst einer war, der schützen sollte.
„Nie wieder hilflos“, schrieb er später.
Der Beruf wurde für ihn mehr als Arbeit. Er war Haltung. Ein Versprechen an das Leben – und vielleicht auch an seine Mutter.
Er heiratete, bekam Kinder. Zum ersten Mal seit dem Krieg spürte er etwas, das er fast vergessen hatte: Sicherheit. Seine Frau verstand ihn, auch wenn er schwieg. Sie akzeptierte die Nächte, in denen er nicht schlafen konnte, die Tage, an denen ihn die Erinnerungen einholten.
Seine Kinder gaben ihm neuen Sinn. Einen Grund, weiterzumachen. Stark zu bleiben.
Doch die Vergangenheit wartete geduldig.
Viele Jahrzehnte später – Dietmar war längst ein alter Mann – nahm er das Tagebuch wieder zur Hand. Die Seiten knisterten. Die Schrift eines Kindes blickte ihm entgegen. Seine eigene. Und doch fremd.
Er las von Bombennächten, Hunger, Angst. Von seiner Mutter. Und von dem Moment, als alles zerbrach.
Die Tränenspuren waren noch da.
Und plötzlich kehrten sie zurück – die Bilder. Der Geruch von Rauch. Die Sirenen. Die Stille nach der Explosion.
Er weinte. Nicht wie ein Kind. Sondern wie ein Mann, der ein Leben lang getragen hatte, was niemand sehen konnte.
Zum ersten Mal sprach er öffentlich darüber.
Er erzählte seine Geschichte. Zögernd, mit stockender Stimme. Und rührte jene zu Tränen, die ihm zuhörten. Menschen, die den Krieg nur aus Büchern kannten, saßen still da – unfähig zu sprechen.
Sein Schicksal bewegte Simmering. Bewegte Wien. Bewegte Österreich.
Nicht, weil es einzigartig war.
Sondern weil es stellvertretend war.
Dietmar Kohl blieb in Neugebäude, all die Jahre. Er konnte diesen Ort nie verlassen. Die Gartensiedlung ist stiller geworden. Der Krieg scheint fern. Und doch lebt er in jeder Erinnerung.
Manchmal sitzt Dietmar auf der Bank vor dem Haus und blickt zum Zentralfriedhof. Dann schließt er die Augen. Und denkt an seine Mutter.
Nicht an ihren Tod. Sondern an ihr Lächeln.
Das Tagebuch liegt nicht mehr versteckt. Es ist Teil der Geschichte geworden. Teil der Erinnerung. Teil der Mahnung.
Doch Dietmar weiß:
Er hat noch nicht alles erzählt.
Denn es gibt eine letzte Seite.
Eine Seite, die er nie zu Ende geschrieben hat.
Und genau diese Seite wartet noch darauf, gelesen zu werden.
Die letzte Seite des Tagebuchs blieb leer.
Nicht, weil Dietmar nichts mehr zu sagen hatte.
Sondern weil es Dinge gibt, für die Worte zu klein sind.
Jahrzehntelang nahm er das Buch immer wieder in die Hand. Manchmal für Sekunden. Manchmal für Stunden. Die Seiten rochen noch immer nach Papier und Zeit.
Jedes Mal, wenn er die letzte Seite erreichte, hielt er inne. Er legte den Stift beiseite. Noch war er nicht bereit.
Denn diese Seite bedeutete mehr als ein Ende.
Sie bedeutete, alles anzunehmen, was gewesen war.
Heute, mit einundneunzig Jahren, sitzt Dietmar Kohl an seinem kleinen Tisch im Wohnzimmer in der Gartensiedlung Neugebäude. Das Haus ist still. Die Kinder sind längst erwachsen, die Schritte der Enkel klingen nur noch in seiner Erinnerung. Draußen rauscht der Wind durch die Bäume, so friedlich, als hätte es hier nie Krieg gegeben.
Er schlägt das Tagebuch auf.
Seine Hände sind alt geworden, sie zittern leicht. Dieselben Hände, die einst aus Trümmern krochen. Dieselben Hände, die Narben berührten, Wunden verbanden, Leben schützten.
Er liest nicht mehr. Er kennt jedes Wort.
Stattdessen denkt er zurück. An den kleinen Jungen im Erdkeller. An die Angst vor den Soldaten. An den Hunger. An die Bombennacht, die ihm die Mutter nahm. An das Krankenhaus, den Schmerz, das Erwachen in eine Welt ohne sie.
Und er denkt an das, was danach kam.
An seinen Vater, mit dem er noch zwanzig Jahre verbringen durfte, bevor er verstarb.
An seine Frau, die ihn hielt, als Worte fehlten.
An seine Kinder, die ihm zeigten, dass Leben weitergegeben werden kann.
An seinen Beruf als Polizist – an die Menschen, denen er helfen durfte.
An all die Tage, an denen er überlebte, ohne zu wissen, warum.
Er nimmt den Stift.
Die Spitze berührt das Papier.
Lange bleibt sie still.
Dann schreibt er.
Nicht viel. Keine langen Sätze. Keine großen Worte. Nur das, was zählt.
Er schreibt über Frieden.
Über Dankbarkeit.
Über die Hoffnung, dass Kinder nie wieder erleben müssen, was er erlebt hat.
Und über seine Mutter, die er all die Jahre so sehr vermisste.
Er schließt das Tagebuch. Langsam, behutsam.
Zum ersten Mal fühlt es sich vollständig an.
Dietmar weiß, dass seine Geschichte weitergetragen wird – von denen, die zuhören. Von denen, die lesen. Von denen, die erinnern. Denn Erinnerung ist Verantwortung.
Er steht auf, geht zum Fenster und blickt hinüber zum Zentralfriedhof. Die Sonne sinkt langsam. Ein neuer Abend beginnt. Ein friedlicher Abend.
„Ich habe überlebt“, sagt er leise.
„Damit man nicht vergisst. “
Doch selbst jetzt, am Ende dieser Erzählung, bleibt etwas offen.
Denn jede Geschichte, die erinnert wird, lebt weiter.
Und jede Erinnerung stellt eine Frage an die Zukunft.
Es sind nicht die lauten Momente, die bleiben.
Nicht die Explosionen, nicht die Sirenen, nicht einmal der Schmerz.
Was bleibt, ist das Leise.
Dietmar Kohl sitzt sehr gerne an den Frühlingstagen vor seinem Haus in Simmering. Die Sonne wärmt sein Gesicht, Kinder lachen irgendwo in der Ferne, Vögel zwitschern. Ein Klang, der früher unvorstellbar gewesen wäre. Frieden klingt unspektakulär, so selbstverständlich – und doch ist er das Kostbarste, was ein Mensch besitzen kann.
Manchmal kommen junge Menschen zu ihm. Schüler, Historiker, Nachbarn. Sie setzen sich, hören zu, stellen vorsichtige Fragen. Und Dietmar erzählt. Nicht, um Mitleid zu erwecken. Sondern um Verantwortung weiterzugeben.
Er erzählt vom Krieg, aber auch vom Danach.
Vom Verlust – und vom Weiterleben.
Von Angst – und von Mut.
Er erklärt ihnen, dass Krieg nie plötzlich ausbricht. Er schleicht heran, genährt von Hass, Gleichgültigkeit und Wegsehen. Und er mahnt: Frieden erfordert Arbeit. Jeden Tag.
Das Tagebuch liegt oft offen auf dem Tisch. Es ist kein privater Schmerz mehr, sondern ein Zeugnis. Die Tränenspuren auf den Seiten schweigen – und sprechen doch lauter als jede Rede. Sie erzählen von einem Kind, das nicht hätte leiden dürfen. Und von einem Menschen, der trotz allem nicht zerbrach. Dietmar denkt oft an seine Mutter. Nicht mehr nur mit Trauer, sondern mit Dankbarkeit. Für die Liebe, die sie ihm schenkte. Für die Stärke, die sie ihm – ohne es zu ahnen –hinterließ.
„Sie lebt in mir weiter“, sagt er manchmal.
In jeder guten Tat. In jedem Versuch, Mensch zu bleiben.
Wenn der Abend kommt und das Licht weicher wird, schließt er die Augen. Er hört keine Bomben mehr. Nur den Wind in den Bäumen. Er hat gelernt, mit Wunden zu leben, die nie ganz heilen. Doch er weiß: Narben erzählen nicht nur von Verletzungen. Sie erzählen vom Überleben.
Seine Geschichte ist nun Teil der Geschichte dieses Landes.
Nicht, weil sie außergewöhnlich ist, sondern weil sie für so viele steht, die nie gefragt wurden, ob sie stark sein wollen.
Der schwerverletzte Junge ist alt geworden.
Doch in ihm lebt der Bub, der hoffte, dass es eines Tages still sein würde.
Und dieser Wunsch hat sich erfüllt.
Was bleibt, ist eine Aufgabe – für uns alle:
hinsehen, zuhören, erinnern.
Und den Frieden schützen, solange wir können.
Denn jede Seite, die nicht vergessen wird,
ist ein Versprechen an die Zukunft.
**Schlusswort**
Diese Geschichte zeigt, wie zerbrechlich Frieden ist. Dietmar Kohls Leben steht für viele, die als Kinder Leid ertrugen – und dennoch Mensch blieben. Erinnern heißt Verantwortung tragen. Damit sich Geschichte nicht wiederholt.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)