top of page

Der letzte Tanz von Sankt Marx

Im Schatten der eisernen Gleise, wo die Züge der Österreichischen Bundesbahn nachts donnernd vorbeirasten und rußiger Atem auf die Simmeringer Hauptstraße sank, stand im Sommer 1981 der alte Würstelstand Zum Frosch. Ein schmaler, grün gestrichener Verschlag aus Holz und Blech, dessen Farbe die Jahre und die Hitze gebleicht hatten. Er duckte sich fast schüchtern unter die Schnellbahn-Haltestelle, als fürchte er, die rastlosen Räder könnten ihn fortfegen. Doch er war ein trotziges Herz im schlaflosen Simmering, ein Ort des Gemurmels, des Gelächters und der späten Geständnisse.

Die Nächte jenes Sommers drückten schwer. Selbst nach Mitternacht wich die Hitze nicht, lag wie ein feuchtes Tuch über den Häusern. Der Asphalt dampfte, als trüge er ein verborgenes Fieber, und selbst die Hunde bellten träge, als fürchteten sie, ihre Stimmen könnten in der stickigen Luft ersticken.

Bruno, der Verkäufer—ein Kind dieses Bezirks, geboren unter denselben Gleisen, die nun über ihm ächzten—stand hinter dem Tresen seines Reiches. Seit seiner Jugend wendete er hier Würstel, strich Senf und fragte mit rauer Stimme: „Mit Brot oder Semmel? “ Er kannte die Gesichter der Stammgäste, ihre Sorgen, ihre Trinkgewohnheiten, ihre kleinen Lügen. Der Stand war sein Fenster zur Welt—und sein Gefängnis.

Doch an diesem Abend war etwas anders.

Es war weit nach Mitternacht. Die letzte Käsekrainer war verkauft, der große Topf mit Brühwasser halb leer, und nur ein paar einsame Burenwürste lagen wie vergessene Glieder im Metallbehälter. Die Glühbirne über dem Tresen flackerte, als ringe sie mit dem Entschluss, das Licht aufzugeben. Der Geruch von Senf, Essiggurken und warmem Metall hing schwer in der Luft.

Bruno wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte auf die Uhr. Bald würde er schließen. Er dachte an sein kleines Zimmer nahe dem Zentralfriedhof, an das offene Fenster, an das Zirpen der Grillen. Er dachte an Schlaf.

Und dann sah er sie.

Zuerst hielt er sie für Schatten, die sich von der Dunkelheit gelöst hatten. Doch sie bewegten sich gegen das matte Licht der Straßenlaterne—langsam, fast schwebend. Ein Paar. Eng umschlungen, als ließe ihre Umarmung keinen Raum für die Luft dieser Welt.

Sie traten ins Licht.

Ihre Gesichter waren bleich—nicht müde, sondern wächsern, als sei ihre Haut nur eine dünne Hülle über etwas Fremdem. Ihre Augen glänzten groß, doch in ihrer Tiefe lag eine Abwesenheit, die Bruno frösteln ließ. Der Mann trug einen dunklen Rock aus schwerem Stoff, die Frau ein Kleid mit Spitzenbesatz, beide wie aus einem Gemälde des 18. Jahrhunderts getreten—verirrt, verwirrt, und doch unheimlich sicher in ihren Bewegungen.

Sie blieben vor dem Stand stehen.

Bruno zwang sich zu einem Lächeln.
„Was darf’s sein? “, fragte er, bemüht, die Enge in seiner Brust zu verbergen.

Das Paar sah einander an, als sprächen sie eine stumme Sprache, die Bruno nicht verstand. Dann wandte sich der Mann ihm zu und sprach—langsam, mit gedehnten Silben, als koste jedes Wort Überwindung.

 

„Wir… begehren… nichts… von Speis… noch Trank. “

Seine Stimme klang gedämpft, fern, wie durch Stoff geschichtet. Der Dialekt war seltsam—weder wienerisch noch aus einer bekannten Gegend. Es klang wie aus alten Theaterstücken, wie höfische Reden aus Archiven.

Bruno lachte unsicher. „Nix essen? Nix trinken? Na, dann seid’s beim falschen Stand. “

Die Frau neigte den Kopf leicht zur Seite, als betrachte sie eine Kuriosität. Ihre Augen glitten über die Würste, die Flaschen mit Kracherl und Bier, die beschrifteten Tafeln.

 

„Welch… seltsame Gerätschaft“, hauchte sie. „Ist dies… ein Ort des Handels? “

Bruno spürte, wie ein kalter Schauer seinen Rücken hinaufzog.
„Das is’ a Würstelstand“, sagte er knapp. „Zum Frosch. Gibt’s schon ewig. “

„Würstel… stand“, wiederholte der Mann, als forme er ein fremdes Wort aus Staub.
„Habt’s noch nie an Würstelstand g’sehn? “, fragte Bruno, nun mehr irritiert als belustigt.
Beide schüttelten langsam den Kopf.

Ein Zug ratterte über ihnen hinweg. Funken sprühten, das Metall kreischte, und für einen Wimpernschlag wirkte das Paar im flackernden Licht wie eingefroren—zwei Figuren aus einer anderen Zeit, gefangen im Blitz moderner Geschwindigkeit.

Als der Lärm verklang, trat eine Stille ein, schwerer als zuvor. Selbst die Luft schien innezuhalten.
„Von wo kummts denn? “, fragte Bruno schließlich, halb im Scherz, halb im Ernst.

 

Der Mann antwortete ohne Zögern:
„Wir entstiegen soeben einem Tanz im Gemäuer des Schloss Neugebäude. “

Bruno starrte ihn an.

 

„Des Schloss steht seit Jahrzehnten leer. “
 

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über die Lippen der Frau—nicht spöttisch, nicht freundlich, sondern wissend.
„Leer… für jene, die nicht hören, was die Mauern flüstern“, sagte sie leise.

Ein Windstoß fuhr durch die Straße, obwohl die Nacht bis dahin reglos gewesen war. Ein leeres Papiersackerl wirbelte über den Asphalt und verfing sich am Stand. Die Glühbirne flackerte heftiger.

Bruno bemerkte nun etwas, das ihm zuvor entgangen war: Das Paar schwebte. Ihre Füße berührten den Boden nicht ganz. Ein hauchdünner Schatten lag zwischen ihren Schuhen und dem Asphalt.

Sein Herz begann schneller zu schlagen.
„Und wohin wollts jetzt? “, fragte er mit belegter Stimme.

 

Der Mann blickte gen Osten, wo der Himmel sich kaum merklich aufhellte.
„Vor dem ersten Strahl der Sonne“, sagte er, „müssen wir den Friedhof Sankt Marx erreichen. Dort… ruhen wir seit vielen Jahren. “

Bruno lachte—doch sein Lachen klang hohl.
„Der Friedhof is’ seit über hundert Jahr’ nimmer in Betrieb. “

 

Die Frau trat näher. Ihre Augen ruhten auf ihm, und in ihrer Tiefe sah er etwas, das kein Lebender in sich tragen konnte: eine endlose Müdigkeit.
 

„Und doch“, flüsterte sie, „schlafen wir dort. “

In diesem Moment spürte Bruno eine Kälte, die nicht von der Nacht kam. Sie stieg von ihnen auf, tief und alt. Die Sommerhitze wich um den Stand zurück, als hätte sie Angst.
Er wollte sprechen, doch seine Zunge war schwer. Das Paar stand reglos, als warte es—auf ein Zeichen, eine Erlaubnis, einen Entschluss.
Über ihnen donnerte ein Zug vorbei.
Bruno hob kurz den Blick, nur um dem Lärm zu entgehen, und wusste plötzlich, mit einer Gewissheit, die ihm in die Knochen fuhr: Diese Nacht würde anders enden.
In den Augen des Paares lag kein Hunger, kein Durst—nur Erinnerung. Und etwas, das noch kommen sollte.

Noch lange, nachdem der letzte Zug sein metallisches Klagen über den Stand getragen hatte, blieb Bruno wie erstarrt hinter seinem Tresen. Die Glühbirne über ihm summte dünn und nervös, als spürte sie seine Unruhe. Die Sommerhitze war nicht ganz verschwunden, doch um den Stand hatte sich eine seltsame Kühle gelegt, als wäre ein unsichtbarer Kreis um das Paar gezogen.
Sie standen noch immer da. Eng umschlungen. Unbeweglich.
Der Mann hob schließlich den Blick. In seinen Augen lag eine gedämpfte Dringlichkeit.

 

„Die Zeit… drängt“, sagte er leise. „Der Osten beginnt zu atmen. “
 

Bruno folgte seinem Blick. Am Horizont schimmerte ein erstes, kaum merkliches Grau—das Zucken des kommenden Tages. Doch es war zu früh. Zu früh für die Sonne. Zu früh für die Welt.
 

„Wenn’s zum Sankt Marx wollts, dann müsst’s die Hauptstraße runter und dann links…“, begann Bruno automatisch, froh über etwas Banales, Greifbares.
Die Frau unterbrach ihn mit einer langsamen, fast zärtlichen Geste.

 

„Wir kennen den Weg“, sagte sie. „Wir gehen ihn seit… mehr Jahren, als Ihr zählen könnt. “
 

Ihre Stimme war weich, doch eine Tiefe darin ließ Bruno frösteln. Er bemerkte ein weiteres Detail: Ihre altmodische Kleidung zeigte keinen Staub, keinen Schweiß, keine Spur der Hitze dieser Nacht. Der schwere Stoff fiel glatt, als hätte ihn niemand berührt.
 

„Ihr seids Schauspieler, oder? “, fragte Bruno hastig, fast flehend. „Irgend a Theaterg’schicht? “
 

Der Mann lächelte, und in diesem Lächeln lag eine Melancholie, die Bruno bis ins Mark traf.
 

„Wir spielten einst“, sagte er. „Doch nicht auf Bühnen aus Holz. Unsere Schritte hallten über Marmorböden. Musik trug uns durch Säle aus Licht. “
 

„Beim Tanz im Neugebäude“, flüsterte die Frau.
 

Ein Windstoß erhob sich, diesmal nicht von der Straße. Er kroch unter den Schienen hervor, aus den dunklen Zwischenräumen der Stahlträger. Er brachte einen Geruch mit sich, der nicht hierhergehörte: feuchte Erde, Moder, und etwas Süßliches, das Bruno nicht benennen wollte.
Er dachte an den Friedhof Sankt Marx, an die verwitterten Grabsteine, das hohe Gras, das im Sommer wucherte. Als Kind hatte er dort Verstecken gespielt, ohne die Bedeutung der Inschriften zu begreifen.

 

„Seit vielen Jahren schlafen wir dort“, hatte die Frau gesagt.
 

Bruno spürte, wie sein Mund trocken wurde.
„Wie lang… is’ ‘viele Jahre’? “, fragte er schließlich, kaum hörbar.

 

Der Mann löste eine Hand aus der Umarmung seiner Gefährtin. Langsam, würdevoll, griff er in die Innentasche seines dunklen Rocks und zog ein kleines, vergilbtes Stück Papier hervor.
Mit zitternden Fingern nahm Bruno es entgegen.
Das Papier fühlte sich brüchig an, fast wie dünnes Leder. In feiner, schwungvoller Schrift stand ein Datum:
12. August 1781
Bruno starrte darauf.

 

„Des is’ a Schmäh“, murmelte er. „A Witz. “
 

Doch das Paar schwieg.
Über ihnen bebten die Schienen—doch diesmal fuhr kein Zug. Ein fernes Grollen stieg aus der Erde.

 

„Wir tanzten in jener Nacht“, begann die Frau, „während draußen ein Sturm aufzog. Kerzen flackerten, doch wir achteten nicht auf das Dunkel jenseits der Fenster. Wir hörten nur die Musik. “
 

„Und als wir den Saal verließen“, fuhr der Mann fort, „war die Welt… verändert. “
Bruno wollte widersprechen, lachen, schreien—doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Seine Gedanken waren wie in Watte gehüllt.
„Verändert? “, brachte er hervor.

 

Die Frau trat näher. So nah, dass Bruno ihren Atem hätte spüren müssen—doch es gab keinen Atem.
 

„Die Stadt war still“, sagte sie. „Zu still. Kein Licht in den Fenstern. Keine Stimmen. Nur der Geruch von Rauch und Erde. “
 

Der Mann nickte langsam.
„Wir gingen… und gingen… und fanden keinen, der uns sah. “

 

Bruno schluckte.
„Und dann? “

 

„Dann“, sagte die Frau mit einem kaum hörbaren Lächeln, „fanden wir unsere Namen. “
Sie deutete auf das Papier in Brunos Hand.
„Auf Stein. “
Ein Rattern durchzuckte die Gleise, so heftig, dass der Stand erzitterte. Eine Flasche hinter Bruno kippte um und zerbrach. Der süße Geruch von Kracherl mischte sich mit dem Moderduft.
Bruno hob den Kopf. Das Paar stand noch immer da—doch etwas hatte sich verändert.
Ihr Schatten.
Er fiel nicht mehr zur Laterne, sondern streckte sich dem ersten fahlen Licht des Ostens entgegen—lang und schmal, wie Risse im Asphalt.

 

„Des geht net“, flüsterte Bruno. „Des geht einfach net. “
 

Der Mann sah ihn an, mit einem Ausdruck, der weder Zorn noch Freude zeigte—nur tiefe, unermessliche Traurigkeit.
 

„Was nicht geht“, sagte er leise, „ist oft nur das, was Ihr nicht zu sehen wagt. “
 

Die Frau hob den Blick zum Himmel. Ein schmaler Silberstreif zog sich über die Dächer. Die Nacht begann zu weichen.
 

„Wir müssen gehen“, sagte sie.
 

Bruno spürte einen plötzlichen Impuls—eine Mischung aus Angst und Neugier, stärker als jede Vernunft.
 

„Wartet! “, rief er. „Wenn ihr… wenn ihr wirklich…“
 

Das Wort blieb ihm im Hals stecken.
Der Mann neigte den Kopf.

 

„Kommt mit uns“, sagte er ruhig. „Und seht. “
 

Ein kalter Schauder durchfuhr Bruno. Sein Verstand schrie nach Flucht, nach Licht, nach dem banalen Trost seines kleinen Zimmers. Doch etwas anderes—dunkel und uralt—flüsterte, dass dies eine Schwelle sei, die sich nur einmal im Leben öffne.
Die Frau streckte ihm ihre Hand entgegen.

 

„Nur bis zum Tor“, sagte sie sanft. „Nur bis dorthin, wo die Steine sprechen. “
 

Die ersten Vögel riefen zaghaft.
Und Bruno, der sein Leben unter den Schienen von Simmering verbracht hatte, trat zögernd aus dem Schutz seines Würstelstandes Zum Frosch hinaus—hinaus in eine Dämmerung, die mehr verhieß als nur einen neuen Tag.
Er wusste nicht, dass er in diesem Moment die Grenze überschritt zwischen dem, was Menschen Alltag nennen, und dem, was unter der Erde wartet.

 

Später erinnerte er sich nicht, ob er den Stand ordnungsgemäß verschlossen hatte. Ob er die Kasse geleert, das Licht gelöscht, das rostige Vorhängeschloss eingehängt hatte. In seiner Erinnerung blieb nur das leise Klirren der Flaschen im Wind und das matte Glimmen der letzten Glut im Metallbehälter—wie ein sterbendes Auge, das ihm nachsah, als er die Schwelle überschritt.

Das Paar bewegte sich nicht wie gewöhnliche Menschen. Ihre Schritte waren langsam, doch sie schienen mehr Raum zu überwinden, als die Bewegung erlaubte. Bruno musste eilen, um mitzuhalten, und doch hatte er das Gefühl, sie zögen ihn—lautlos, unausweichlich.

Die Simmeringer Hauptstraße lag seltsam verlassen. Kein Auto fuhr, kein Fenster leuchtete. Selbst die Reklametafeln, sonst grell in Neon, wirkten gedämpft, als habe jemand die Welt auf eine niedrigere Stufe gestellt.

 

„Es ist still“, murmelte Bruno.
 

„Die Stunde zwischen den Atemzügen“, antwortete der Mann. „Nicht Nacht. Noch nicht Tag. “

Sie passierten geschlossene Geschäfte, graue Fassaden, das ferne Skelett der Industrieanlagen. Der Wind trug einen Geruch mit sich—feuchte Erde, gemischt mit etwas Süßem und Vergangenem.
Bruno warf der Frau einen Blick zu. Im fahlen Dämmerlicht wirkte ihre Haut fast durchscheinend. Doch sie war nicht tot im gewöhnlichen Sinne. Ihre Augen lebten—mit einer Intensität, die schmerzte.

 

„Warum ich? “, fragte er plötzlich. „Warum nehmt’s ausgerechnet mich mit? “
 

Der Mann blieb stehen. Die Frau ebenso.
Für einen Moment schien die Welt den Atem anzuhalten.

 

„Weil Ihr uns gesehen habt“, sagte die Frau schlicht.
 

„Viele sehen“, entgegnete Bruno trotzig. „Aber sie glauben net. “
 

„Ihr habt nicht geglaubt“, sagte der Mann ruhig. „Doch Ihr seid geblieben. “
 

Bruno wollte widersprechen—doch er wusste, dass es stimmte. Etwas in ihm hatte sich geweigert, wegzusehen. Vielleicht war es die Einsamkeit, die ihn seit Jahren begleitete. Vielleicht die Nächte unter den Gleisen, in denen er sich fragte, ob das Leben mehr sei als Senf und Würstelwasser.

Sie gingen weiter. Als sie die Straße verließen und in eine ruhigere Gasse einbogen, bemerkte Bruno etwas Unheimliches: Ihre Schritte machten keine Geräusche. Kein Rascheln des Stoffes, kein Klacken von Schuhen auf Pflasterstein.
Und dann sah er es.

Dort, wo das erste Licht des Morgens über den Boden kroch, war kein Schatten unter ihnen.
Er blieb abrupt stehen.
„Ihr habt… keinen Schatten. “
Die Frau drehte sich langsam um. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln lag auf ihren Lippen.

 

„Wir hatten einst viele“, sagte sie leise. „Doch sie blieben zurück. “
 

„Zurück? “
 

Der Mann deutete vage in Richtung des alten Schloss Neugebäude.
 

„In jener Nacht. “
 

Brunos Herz schlug schneller. Die Luft wurde dichter, kälter, obwohl der Himmel heller wurde.
 

„Was ist damals passiert? “, fragte er rau.
 

Sie antworteten nicht sofort. Stattdessen setzten sie ihren Weg fort, und Bruno folgte, getrieben von Furcht und einem brennenden Verlangen nach Wahrheit.

Bald tauchten die dunklen Umrisse alter Bäume vor ihnen auf. Das eiserne Tor des Friedhofs Sankt Marx zeichnete sich gegen den erwachenden Himmel ab—schwer, schwarz, mit Ornamenten wie verschlungene Ranken.
Der Wind schwieg.
Selbst die Vögel verstummten.
Das Paar blieb vor dem Tor stehen.

 

„Hier“, sagte der Mann.
 

Bruno trat näher. Das Tor war verschlossen. Ein dickes Schloss hing daran, rostig, unberührt seit Jahren.
 

„Es ist zu“, flüsterte er.
 

 

Die Frau legte ihre Hand auf das Metall.
Und ohne ein Geräusch öffnete es sich.
Nicht durch Kraft. Nicht durch ein Knacken oder Brechen. Es glitt auf, als habe es nur auf diese Berührung gewartet.
Bruno spürte, wie seine Knie weich wurden.

 

„Des is’ net möglich…“
 

„Möglichkeit“, sagte der Mann ruhig, „ist ein Wort der Lebenden. “

Sie traten ein. Der Friedhof lag im Dämmerlicht wie ein Meer aus schiefen Steinen. Hohe Gräser bewegten sich im kaum spürbaren Wind. Alte Grabmale standen in Reihen, manche zerfallen, manche überwuchert. Die Luft war kühler hier—durchdrungen von jener feuchten Stille, die nur Orte kennen, an denen viele Erinnerungen ruhen.
Bruno folgte ihnen zwischen den Gräbern hindurch. Seine Schritte klangen laut in seinen Ohren, als störe er etwas Heiliges.

 

„Dort“, sagte die Frau schließlich.
 

Sie blieben vor zwei nebeneinanderliegenden Grabsteinen stehen. Das Licht des Morgens fiel schräg darauf und enthüllte verwitterte Inschriften.
Bruno trat näher.
Er wischte mit zitternder Hand das Moos vom Stein.
Und da standen die Namen.
Dieselben, die auf dem vergilbten Papier gestanden hatten.
Dasselbe Datum.
12. August 1781.
Sein Atem stockte.

 

„Ihr… ihr seid…“
 

Der Mann sah ihn an.
 

„Wir starben in jener Nacht“, sagte er ruhig. „Nicht durch Krankheit. Nicht durch Alter. “
Die Frau schloss die Augen.

 

„Sondern durch Eifersucht. “
 

Ein kalter Stich durchfuhr Bruno.
 

„Der Tanz war nicht unschuldig“, fuhr der Mann fort. „Ein Blick. Ein Wort. Ein Zorn, der in einem Herzen wuchs. “
 

„Und Blut“, flüsterte die Frau.
 

Der Wind erhob sich erneut—doch diesmal klang er wie ein fernes Seufzen.
Bruno wich einen Schritt zurück.

 

„Warum kehrt’s ihr dann zurück? Jede Nacht? “
 

Die Frau öffnete die Augen. In ihnen lag nun etwas anderes—nicht nur Trauer, sondern Sehnsucht.
„Weil wir den letzten Tanz nie vollendet haben. “

In diesem Moment durchbrach der erste goldene Strahl der Sonne die Baumkronen.
Das Licht traf die Grabsteine.
Und das Paar.
Bruno wollte schreien—doch kein Laut kam über seine Lippen.
Denn dort, wo sie eben noch gestanden hatten, begann ihr Umriss zu flimmern.
Wie Rauch.
Wie Nebel im Morgengrauen.
Und dennoch hörte er ihre Stimmen—leise, beinahe dankbar.

 

„Ihr habt uns gesehen“, sagte der Mann.
 

„Und erinnert“, hauchte die Frau.
 

Das Licht wurde stärker.
Bruno begriff mit wachsendem Entsetzen: Dies war nicht das Ende—es war der Anfang. Ein Geheimnis, tiefer als jedes Grab auf diesem stillen, vergessenen Friedhof.

Die Sonne brach ungehemmt durch die kahlen Äste und fiel auf die verwitterten Steine des Sankt Marx. Ihr sanfter Schein stand grausam im Widerspruch zu dem, was Bruno eben gesehen hatte. Die Umrisse des Paares lösten sich nicht auf. Sie verdünnten sich, wurden durchscheinend, wie Nebel, der sich weigert, vom Tag vertrieben zu werden. Und doch blieben sie.
Zwischen ihren eigenen Gräbern.

Der Mann hob langsam den Arm, als wolle er die Sonne abwehren. Doch das Licht durchdrang ihn. Es zeichnete keine Kontur, keinen Schatten. Nur ein Zittern in der Luft verriet, wo sein Leib endete, und die Welt begann.

 

„Noch… nicht“, flüsterte die Frau.
 

Ihre Stimme klang fern, als käme sie aus der Tiefe der Erde.

Bruno taumelte zurück. Sein Verstand suchte Halt, eine Erklärung, die das Gesehene in die Ordnung der Vernunft zwang. Vielleicht träumte er. Vielleicht hatte die Sommerhitze ihn benommen gemacht. Vielleicht lag es an den Dämpfen des Würstelwassers.
Doch der Geruch feuchter Erde war real.
Der kalte Wind war real.
Und die Namen auf den Steinen waren es auch.

„Ihr wollt den Tanz vollenden“, murmelte er heiser. „Aber wie? Ihr seid—“
Er verstummte.

 

„Gebunden“, sagte der Mann ruhig. „Nicht an Fleisch. Nicht an Blut. “
 

„Sondern an Erinnerung“, ergänzte die Frau.

Ein Zittern ging durch die Luft, als spanne jemand eine unsichtbare Saite. Dann geschah es: Musik erhob sich aus der Stille. Kein Orchester war zu sehen, kein Instrument. Und doch erklangen Geigen—fern, wehmütig. Ein Cembalo setzte ein, zart wie ein Tropfen auf Glas. Die Melodie war fremd, alt, von einer Eleganz, die nicht in diese Zeit gehörte.

Bruno spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten.
„Das… das kann net sein…“

Die Frau trat zurück, direkt auf ihren Grabstein zu. Der Mann folgte ihr. Dort, zwischen Stein und Gras, begannen sie zu tanzen. Langsam. Würdevoll. Wie in einem Ballsaal. Ihre Füße schwebten über dem Boden, doch das Gras bog sich, als trüge es ihr Gewicht. Ihre Körper waren kaum mehr als schimmernde Silhouetten im Morgenlicht, doch jede Bewegung war von einer Anmut, die Bruno den Atem nahm.

Der Tanz war kein Walzer. Er war älter, feierlicher. Drehungen, Verbeugungen, Blicke—voller unausgesprochener Worte.
Bruno stand reglos.

Dann geschah es.
Mitten in einer Drehung veränderte sich der Ausdruck des Mannes. Die Melancholie wich. Etwas Dunkles trat hervor. Ein Schatten, der nicht vom Licht kam.
Die Musik stockte.

„Er ist hier“, flüsterte die Frau.

Ein eisiger Hauch fuhr über den Friedhof. Die Bäume ächzten, obwohl kein Wind sie bewegte. Hinter Bruno, wo die Gräber dichter standen, verdichtete sich die Luft. Langsam formte sich eine Gestalt. Größer. Breiter. Ihr Umriss war undeutlicher als der des Paares, doch sie strahlte eine Schwere aus, die Bruno fast in die Knie zwang.

„Wer… ist das? “, brachte er hervor.

Der Mann hielt inne. Sein Blick war nicht mehr traurig, sondern wachsam.

 

„Der, dessen Zorn uns band. “

Die Gestalt trat näher. Kein Gesicht war erkennbar, nur zwei dunkle Vertiefungen, wo Augen hätten sein sollen. Und doch fühlte Bruno sich angesehen.

 

„Er glaubte an Verrat“, sagte die Frau leise. „Wo keiner war. “
 

„Seine Eifersucht war stärker als sein Herz“, fügte der Mann hinzu. „Und so fiel Blut auf Marmor. “

Die Musik setzte erneut ein, doch sie klang verzerrt, disharmonisch. Die Geigen schrien beinahe. Die dunkle Gestalt hob einen Arm.

Plötzlich sah Bruno es—nicht mit den Augen, sondern mit einer schmerzhaften Klarheit:
Ein Ballsaal.
Kerzenlicht.
Ein Streit.
Ein Degen, gezogen im Zorn.
Ein Stich.
Ein Schrei.
Blut auf weißem Stein.

Bruno taumelte zurück. Seine Hände zitterten.

 

„Ihr seid ermordet worden…“
 

„Und er starb im selben Atemzug“, sagte der Mann ruhig. „Von Reue zerfressen. “

Die dunkle Gestalt verharrte am Rand des unsichtbaren Tanzes. Gefangen, unfähig näherzutreten, doch unwillig zu weichen.

 

„Jede Nacht kehren wir zurück“, flüsterte die Frau, während sie sich erneut in die Arme ihres Geliebten legte. „Und erfolgt. “
 

„Solange der Tanz unvollendet bleibt“, sagte der Mann, „bleibt auch sein Zorn. “

Die Sonne stieg höher. Ihr Licht wurde stärker, drängender. Die Umrisse des Paares flimmerten erneut. Die dunkle Gestalt jedoch blieb schwer, als nähre sie sich vom wachsenden Tag.

Bruno begriff.
„Ihr könnt’s net gehen“, sagte er heiser. „Solang er da is’. “

Die Frau sah ihn an. In ihren Augen lag Hoffnung.

 

„Darum habt Ihr uns gesehen“, sagte sie.
 

„Darum seid Ihr geblieben“, ergänzte der Mann.

Die Musik wurde schneller, drängender. Die dunkle Gestalt trat näher. Bruno spürte, dass er nun Teil von etwas war, das älter war als sein Leben. Älter als die Züge über ihm, älter als der Würstelstand Zum Frosch.

Er stand zwischen Vergangenheit und Morgen.
Zwischen Tanz und Grab.
Und er wusste: Der letzte Teil dieser Nacht würde nicht ohne ihn geschrieben.

Die Sonne stieg über die Baumkronen, doch ihr Licht wärmte nicht. Es fiel bleich und unerbittlich auf die Steine, als prüfe es jede Inschrift, jedes Datum.

Das Paar tanzte schneller, verzweifelter, doch mit einer erhabenen Schönheit, die Bruno die Brust schmerzen ließ. Jeder Schritt schien die Zeit zurückzwingen zu wollen.

Die dunkle Gestalt trat weiter vor. Ihr Umriss gewann Form, doch wo sie stand, verdorrte das Gras. Die Luft um sie war dicht, ölig. Bruno spürte ihren Blick.

„Du lebst“, hallte eine Stimme in ihm. „Du atmest. Du hast Gewicht. “

Bruno wich zurück, stieß gegen einen Grabstein.

 

„Ich hab’ nix damit zu tun! “, rief er. „Des is’ eure G’schicht! “

Die Musik brach ab.
Das Paar erstarrte. Die Frau sah Bruno an, flehend.

 

„Ihr habt uns gesehen“, sagte sie leise.
 

„Und wer sieht“, fügte der Mann hinzu, „trägt Anteil. “

Die dunkle Gestalt hob den Arm.

In diesem Moment verstand Bruno. Nicht mit dem Verstand, sondern mit etwas Tieferem: Der Tanz konnte nicht enden, solange der Zorn in der Welt der Lebenden widerhallte.

Auch in ihm.

Er sah Bilder seines Lebens: verpasste Chancen, unausgesprochene Gefühle, stille Verbitterung. Nächte, in denen er andere lachen sah, während er allein blieb.

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über die Gestalt.
„Zorn“, flüsterte die Stimme. „Er ist niemals vergangen. “

Bruno sank auf die Knie.
„Was soll ich tun? “, hauchte er.

Die Frau trat auf ihn zu, fast durchsichtig wie Dunst im Licht.

 

„Erinnert“, sagte sie.
 

„Nicht den Stich“, ergänzte der Mann.
 

„Den Tanz. “

Bruno schloss die Augen. Er hörte nur seinen Atem—und darunter eine Melodie. Einfach, rein.

Er stand auf.
Unsicher. Langsam.
Dann machte er einen Schritt. Schwer, unbeholfen—doch im Takt.

Die dunkle Gestalt verharrte.

Bruno hob die Arme, als hielte er eine unsichtbare Partnerin. Er bewegte sich, erst zögernd, dann sicherer. Kein eleganter Walzer, nur ein Mann, der sich dem Rhythmus hingab.

 

„Zorn endet“, flüsterte er, „wenn man ihn loslässt. “

Die Musik setzte wieder ein. Klar. Warm.

Das Paar tanzte weiter, und Bruno bewegte sich mit ihnen. Drei Figuren im Morgenlicht. Vergangenheit, Gegenwart und das, was dazwischen lag.

Die dunkle Gestalt schwankte. Ihr Umriss verlor an Schwere. Ein lautloser Schrei vibrierte durch die Luft—kein Zorn, sondern Schmerz, der endlich erkannt wurde.

Dann zerfiel sie.
Nicht in Rauch. Nicht in Asche.
In Licht.

Ein matter Schimmer stieg auf, verschmolz mit dem Gold des Morgens.

Die Musik verklang.
Stille.

Bruno stand allein zwischen den Gräbern.
Die Sonne war aufgegangen. Vögel sangen. Aus der Ferne drang der Lärm der erwachenden Stadt herüber—Autos, Stimmen, das Rattern eines Zuges unter der Haltestelle.
Das Paar stand noch vor ihm.
Doch sie waren nun still. Vollständig.
Die Frau lächelte—zum ersten Mal ohne Trauer.
„Der Tanz ist vollendet“, sagte sie.

 

Der Mann neigte den Kopf.
 

„Und wir sind frei. “
 

Ihre Umrisse verblassten—nicht hastig, nicht gewaltsam, sondern sanft, wie Nebel, der von selbst weicht.
 

„Werd’ ich euch wiedersehen? “, fragte Bruno leise.
 

Die Frau antwortete nicht. Sie legte nur ihre Hand auf seine Brust, dorthin, wo sein Herz schlug.
Einen Augenblick lang spürte er keine Kälte mehr, sondern Wärme.
Dann waren sie fort.
Kein Flimmern. Kein Schatten.
Nur zwei alte Grabsteine im Morgengras.

Bruno blieb lange stehen. Schließlich wandte er sich um und ging zurück zur Stadt. Seine Schritte waren schwer—doch nicht mehr vor Furcht.
Als er seinen Würstelstand Zum Frosch unter den Gleisen von Simmering erreichte, brannte die Glühbirne noch immer schwach. Das Vorhängeschloss hing offen. Alles war, wie er es verlassen hatte.
Und doch war nichts mehr wie zuvor.
In jener Nacht hatte er gelernt, dass die Toten nicht durch Dunkelheit gebunden sind—sondern durch das, was die Lebenden in sich tragen.

Von da an, wenn Paare spät in der Nacht an seinen Stand traten—eng umschlungen, lachend oder schweigend—blickte Bruno nicht mehr mit Neid.
Sondern mit stillem Wissen.
Und manchmal, wenn die letzte Glut im Metallbehälter erlosch und ein Zug über ihm donnerte, glaubte er, im fernen Rattern eine Melodie zu hören—einen Walzer,
vollendet im ersten Licht.


 

 

**Schlusswort**
Manche Nächte enden mit dem Morgen—andere bleiben für immer im Herzen.

 

Kurzgeschichte aus Simmering

 

 

Andreas Kmeth                                                               

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)                                                                                                                             

bottom of page