
Das verfluchte Geld
Der Herbst 1986 legte sich kühl und grau über Wien. In den engen Gassen von Simmering roch es nach nassem Asphalt, Kohlenrauch und dem letzten Laub, das der Wind über die Gehsteige trieb. Die Menschen eilten mit hochgezogenen Mänteln nach Hause, während in kleinen Wohnungen das Abendessen auf den Herd kam und leise Radios in den Küchen spielten.
In einer dieser Wohnungen saß Tim Taube, ein stiller, erschöpfter Mann Anfang vierzig. Sein Gesicht trug die Spuren der Jahre – nicht von Krankheit, sondern von Sorgen. Sorgen um Rechnungen, Arbeit, die Familie.
Er lebte mit seiner Frau Emma und den drei Kindern in einer kleinen Wohnung im dritten Stock eines alten Hauses. Die Tapeten lösten sich in den Ecken, und im Winter kroch die Kälte durch die Fensterrahmen. Trotzdem hielt Tim an der Hoffnung fest.
An diesem Abend saß er mit einem zerknitterten Lottoschein am Küchentisch.
Es war ein Scherz gewesen.
Ein einzelner Tipp.
Sein Sohn Theo machte im Wohnzimmer Hausaufgaben, als Tim plötzlich seinen Namen rief.
„Theo! Komm mal kurz. “
Die Stimme klang seltsam. Nicht ängstlich, nicht fröhlich. Irgendwo dazwischen.
Theo stand auf und ging in die Küche. Sein Vater hielt die Zeitung in der Hand, die Lottozahlen waren darin gedruckt.
„Lies das“, sagte Tim leise und zeigte auf die Reihe.
Theo runzelte die Stirn. Er sah auf den Schein. Dann auf die Zeitung. Dann wieder auf den Schein. Sein Herz schlug schneller.
„Papa…“
Tim sah ihn an.
„Ja? “
Theo schluckte.
„Die stimmen. “
Einen Moment lang bewegte sich niemand. Nicht einmal die Uhr an der Wand schien zu ticken. Dann lachte Tim. Laut, unkontrolliert, als hätte jemand eine Tür in seinem Inneren aufgestoßen.
„Drei Millionen“, flüsterte er.
Drei Millionen Schilling. Eine unvorstellbare Summe. Ein Vermögen.
Emma kam aus dem Schlafzimmer, alarmiert vom Lärm.
„Was ist denn los? “
Tim brachte kaum ein Wort heraus. Theo hielt ihr die Zeitung hin.
„Mama… wir haben gewonnen. “
Zuerst glaubte sie es nicht. Dann weinte sie.
In dieser Nacht schlief niemand in der Wohnung Taube. Sie saßen am Küchentisch, tranken Kaffee und sprachen über Dinge, die bisher unerreichbar schienen. Ein eigenes Haus. Neue Möbel. Keine Schulden mehr. Vielleicht ein Urlaub.
Zum ersten Mal seit Jahren wirkte Tim leicht, als hätte jemand eine Last von seinen Schultern genommen. Doch tief in der Nacht, als die anderen längst schliefen, blieb er allein in der Küche.
Die Lampe über dem Tisch flackerte. Der Lottoschein lag noch vor ihm. Tim betrachtete die Zahlen lange. Sehr lange.
Plötzlich spürte er, dass etwas nicht stimmte. Nicht mit den Zahlen. Mit der Stille.
Die Wohnung war zu ruhig. Dann hörte er ein Geräusch. Ein leises Kratzen.
Tim hob den Kopf. Es kam aus dem Flur. Er stand langsam auf und öffnete die Küchentür. Der Flur lag im Dunkeln.
„Emma? “ rief er leise.
Keine Antwort. Das Kratzen verstummte.
Tim ging ein paar Schritte vor. Das Licht aus der Küche warf einen schmalen Streifen auf den Boden. Etwas lag dort. Er beugte sich hinunter.
Ein altes Familienfoto. Es war vom Regal gefallen.
Er hob es auf. Das Bild zeigte seine Eltern vor einem Haus auf dem Land. Beide waren seit Jahren tot. Tim lächelte schwach.
„Komisch“, murmelte er.
Er war sicher, das Foto hatte fest im Regal gestanden. Vielleicht täuschte er sich. Er stellte es zurück und ging ins Bett.
Doch als er später im Dunkeln lag, fand er keinen Schlaf. Etwas ließ ihn nicht los. Ein Gefühl.
Als würde jemand leise seinen Namen flüstern.
Tim…
Er setzte sich auf. Sein Herz klopfte. Die Wohnung war still. Zu still.
Er stand auf und trat ans Fenster. Draußen glitzerten die Lichter von Wien im Nebel.
Drei Millionen. Ein neues Leben. Ein Neuanfang.
Er wusste es noch nicht. Doch in diesem Moment hatte sich etwas verändert. Etwas Unsichtbares. Etwas, das mit dem Gewinn gekommen war.
Etwas, das nicht nur Glück brachte. Sondern auch etwas anderes.
Etwas, das jetzt in den Schatten der Wohnung wartete. Geduldig. Und sehr, sehr leise.
Am Morgen nach dem Gewinn fühlte sich die Welt anders an. Nicht sichtbar, aber schwerer. Etwas Unsichtbares schien sich über das Leben der Familie Taube gelegt zu haben.
Tim bemerkte es zunächst nicht. Wie auch? Wer über Nacht zum Millionär wird, denkt an vieles – nur nicht an seltsame Gefühle oder leise Unruhe. Noch am selben Tag fuhr er zur Lottozentrale in Wien, um den Gewinn zu bestätigen. Die Fahrt dorthin wirkte unwirklich. Die Straßenbahn ratterte wie immer, Menschen lasen Zeitungen oder starrten aus dem Fenster. Doch für Tim fühlte es sich an, als hätte ihn jemand aus seinem alten Leben gerissen.
Im Gebäude roch es nach Papier, Kaffee und Teppichboden. Ein Mitarbeiter nahm den Lottoschein entgegen, prüfte ihn sorgfältig und sah dann auf.
„Herr Taube… herzlichen Glückwunsch. “
Die Worte klangen feierlich.
„Sie sind der einzige Sechser dieser Ziehung. “
Tim nickte. Sein Mund war trocken.
Ein Fotograf wurde gerufen, ein Interview vorbereitet. Man bat ihn, seine Gefühle zu beschreiben. Tim versuchte zu lächeln.
„Es ist… ein Wunder“, sagte er schließlich.
Die Kamera klickte.
Doch während er dort saß, fiel ihm etwas auf. Die Menschen um ihn herum lächelten, aber ihre Augen wirkten anders. Zu aufmerksam. Zu interessiert. Als sähen sie nicht ihn, sondern etwas hinter ihm. Etwas, das sie alle wollten.
Tim schob den Gedanken beiseite. Natürlich wollten sie das Geld. Wer nicht?
Als er später wieder draußen stand, spürte er die kalte Luft auf seinem Gesicht. Für einen Moment fühlte er sich frei. Drei Millionen Schilling. Die Zukunft seiner Familie war gesichert.
Doch in der Nacht kehrte das seltsame Gefühl zurück. Es kroch in seinen Kopf. Er lag im Bett neben Emma, während der Wind leise gegen die Fensterscheiben strich. Plötzlich hörte er wieder das Kratzen. Ganz schwach.
Tim öffnete die Augen. Diesmal kam es nicht aus dem Flur, sondern aus dem Wohnzimmer. Langsam setzte er sich auf. Vielleicht die Heizung, dachte er. Oder ein Rohr in der Wand. Doch das Geräusch klang anders. Unregelmäßig. Fast wie Fingernägel auf Holz.
Er stand auf und schlich durch den dunklen Flur. Der Boden knarrte leise unter seinen Schritten. Das Kratzen verstummte. Als hätte etwas bemerkt, dass er näherkam.
Er öffnete die Wohnzimmertür. Der Raum war leer. Das einzige Licht kam von der Straßenlaterne draußen, die durch das Fenster schien. Alles war still. Zu still.
Tim wollte sich gerade umdrehen, als er es sah. Das Familienfoto lag wieder auf dem Boden. Dasselbe wie in der Nacht zuvor. Er blieb stehen, ging langsam hinüber und hob es auf. Die Glasscheibe war gesprungen. Ein feiner Riss zog sich quer über das Gesicht seines Vaters.
Tim starrte darauf. Sein Vater war ein strenger Mann gewesen. Schweigsam. Hart. Einer, der glaubte, Geld verändere die Menschen. Ein Satz kam Tim in den Sinn. Er wusste nicht, warum. Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht etwas anderes.
„Reichtum hat seinen Preis. “
Er stellte das Foto zurück ins Regal. Diesmal fester. Sehr fest. Als wollte er sicherstellen, dass es sich nicht noch einmal bewegen konnte.
In den folgenden Tagen änderte sich das Leben der Familie rasant. Zeitungen berichteten über den Gewinn. Nachbarn klopften an die Tür. Verwandte, die sich jahrelang nicht gemeldet hatten, tauchten plötzlich wieder auf.
Tim wurde überall erkannt. „Der Mann mit den drei Millionen. “ Einladungen flatterten ins Haus. Freunde wollten feiern, Bekannte reden, entfernte Cousins „nur kurz Hallo sagen“. Und immer ging es um dasselbe: das Geld.
Anfangs fühlte sich Tim geschmeichelt. Er kaufte Geschenke, lud Menschen zum Essen ein, gab Geld aus, als würde es nie enden. Doch langsam bemerkte er etwas. Die Gespräche klangen anders. Die Stimmen der Menschen wirkten gierig. Als wögen sie jedes Wort ab. Als warteten sie.
Eines Abends saß Tim allein im Wohnzimmer. Emma war mit den Kindern unterwegs. Der Raum war still, nur die Uhr tickte. Tick. Tick. Tick.
Plötzlich hörte er eine Stimme. Ganz leise.
„Tim…“
Er fuhr herum. Niemand war da. Sein Herz schlug schneller. Vielleicht kam es vom Treppenhaus, dachte er. Doch dann hörte er sie wieder. Deutlicher.
„Tim…“
Er stand auf.
„Wer ist da? “
Keine Antwort. Nur das Ticken der Uhr.
Dann sah er es im Spiegel des Wohnzimmerschranks. Eine Bewegung. Kurz, flüchtig. Als wäre jemand hinter ihm vorbeigegangen. Tim drehte sich um. Der Raum war leer. Doch plötzlich wurde ihm kalt. Sehr kalt.
Langsam blickte er wieder in den Spiegel. Für einen Moment glaubte er, etwas hinter sich zu sehen. Eine Gestalt. Dunkel. Still. Doch als er sich erneut umdrehte, war da nichts. Nur der leere Raum.
Tim setzte sich zurück auf den Stuhl. Nervös lachte er.
„Du spinnst“, murmelte er.
Doch tief in seinem Inneren wusste er es. Seit dem Gewinn war etwas in sein Leben getreten. Etwas, das er nicht verstand. Und dieses Etwas beobachtete ihn. Geduldig. Wartend. Als käme es langsam näher.
Der Winter kam früh dieses Jahr.
Kalter Nebel hüllte die Straßen Wiens ein, besonders im Bezirk Simmering. Dort lebte Tim Taube inzwischen in einem Haus, das er mit einem Teil seines Gewinns gekauft hatte.
Das Haus war größer als alles, was seine Familie je besessen hatte. Zu groß.
Die Räume hallten, wenn man sprach. Nachts schienen die Flure endlos, und der Wind fand immer eine Ritze, durch die er heulte.
Anfangs liebte Tim das Haus.
Ein eigenes Heim. Ein Garten. Keine Nachbarn hinter dünnen Wänden.
Doch mit der Zeit begann ihn etwas zu beunruhigen.
Das Haus fühlte sich nicht leer an. Obwohl es das sein sollte.
In den ersten Wochen nach dem Umzug kamen ständig Besucher: Freunde, Bekannte, Reporter, entfernte Verwandte. Es wurde gefeiert, getrunken, gelacht.
Tim stand oft im Mittelpunkt.
Er genoss es.
Ein Rausch – Schulterklopfen, Glückwünsche, „der Glückliche“, nannten sie ihn.
Doch sobald die Gäste gingen und die Nacht das Haus einhüllte, kehrte die Stille zurück.
Und mit ihr… die Stimmen.
Es begann leise.
Kaum wahrnehmbar.
Ein Flüstern.
Manchmal hörte Tim es im Flur, wenn er nachts zur Toilette ging.
Manchmal im Wohnzimmer, wenn er allein auf dem Sofa saß.
Einmal hörte er seinen Namen.
Ein anderes Mal nur ein Wispern.
Als würden zwei Menschen im Nebenzimmer sprechen.
Doch wenn er die Tür öffnete, war niemand da.
Emma bemerkte zuerst, dass etwas nicht stimmte.
„Du schläfst kaum noch“, sagte sie eines Abends.
Tim saß am Küchentisch und starrte auf einen Stapel Briefe: Bitten um Geld, Einladungen, Forderungen.
„Ich schlafe schon“, murmelte er.
„Nein“, sagte sie ruhig. „Du wachst jede Nacht auf. “
Tim schwieg.
Er wollte ihr nicht erzählen, was er hörte.
Denn er wusste selbst nicht, ob es real war.
Oder ob sein Kopf ihm Streiche spielte.
Doch dann geschah etwas, das er nicht mehr ignorieren konnte.
Es war eine Nacht kurz vor Weihnachten.
Dichter Nebel lag über den Straßen, die Laternen warfen nur schwache Lichtkegel.
Tim saß im Wohnzimmer, trank ein Glas Schnaps.
Der Raum war dunkel, nur eine kleine Lampe brannte.
Die Uhr tickte.
Tick.
Tick.
Tick.
Dann hörte er Schritte.
Langsame Schritte.
Im Flur.
Tim erstarrte.
Emma und die Kinder schliefen oben.
Er stand auf.
Die Schritte verstummten.
„Hallo? “ rief er.
Keine Antwort.
Langsam ging er zur Tür und öffnete sie.
Der Flur lag im Halbdunkel.
Am Ende des Ganges stand jemand.
Eine Gestalt.
Regungslos.
Tim hielt den Atem an.
„Wer…“
Seine Stimme brach ab.
Die Gestalt trat einen Schritt ins Licht.
Tim spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Es war sein Vater.
Oder etwas, das wie sein Vater aussah.
Der Mann trug die Kleidung, die Tim von alten Fotos kannte: grau, altmodisch, die Hände hinter dem Rückenverschränkt.
Doch sein Gesicht wirkte falsch.
Blasser.
Starrer.
Und seine Augen durchbohrten Tim.
„Das Geld…“ sagte die Gestalt leise.
Tim konnte sich nicht rühren.
Sein Herz raste.
„Es gehört dir nicht. “
Die Stimme klang hohl, als käme sie aus einem tiefen Brunnen.
Tim blinzelte.
Die Gestalt war verschwunden.
Der Flur leer.
Nur der Wind rauschte draußen durch die Bäume.
Tim taumelte zurück ins Wohnzimmer.
Seine Hände zitterten.
„Das war nicht echt“, flüsterte er.
Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass etwas nicht stimmte.
Von diesem Abend an wurden die Erscheinungen häufiger.
Manchmal sah er seine Mutter im Garten stehen.
Ein anderes Mal hörte er die Stimme seiner verstorbenen Großmutter aus dem Treppenhaus.
Sie flüsterten.
Sie redeten über das Geld.
Immer über das Geld.
„Es ist verflucht…“
„Du hast es genommen…“
„Du musst bezahlen…“
Tim zog die Vorhänge zu.
Er schlief kaum noch.
Und ein neuer Gedanke nistete sich in seinem Kopf ein.
Ein Gedanke, der mit jedem Tag stärker wurde.
Die Menschen um ihn herum wollten nicht nur sein Geld.
Sie wussten etwas.
Etwas über den Fluch.
Über das, was mit ihm geschehen würde.
Manchmal glaubte er, sie redeten darüber, wenn er den Raum verließ.
Er sah es in ihren Blicken.
Dieses Flüstern.
Dieses Lächeln.
Als warteten sie auf etwas.
Eines Abends stand Tim lange vor dem Spiegel im Flur.
Sein Gesicht wirkte müde, die Augen tief und dunkel.
Doch plötzlich bemerkte er etwas.
Hinter ihm im Spiegel.
Eine Bewegung.
Langsam drehte er sich um.
Niemand.
Er sah wieder in den Spiegel.
Jetzt standen drei Gestalten hinter ihm.
Still.
Blass.
Und alle blickten ihn an.
Tim schrie auf und stolperte zurück.
Als er wieder hinsah, war der Spiegel leer.
Doch der Gedanke blieb – wie Gift, das in seinem Kopf wucherte.
**Sie beobachten mich.**
**Alle. **
**Die Lebenden. **
**Und die Toten. **
In der Dunkelheit des Hauses dämmerte Tim, dass der wahre Schrecken noch vor ihm lag.
Der Winter 1988 lastete schwer auf Wien. Schnee bedeckte die Dächer von Simmering, doch die Kälte in Tim Taubes Haus schien nicht von draußen zu kommen. Sie kroch aus den Wänden.
Das große Haus, einst ein Symbol seines Glücks, hatte sich verändert. Die Räume wirkten enger, die Flure länger –besonders nachts, wenn nur eine schwache Lampe den Weg erhellte.
Tim verließ das Haus kaum noch.
Anfangs war es Vorsicht. Ein Gefühl, beobachtet zu werden. Beim Einkaufen glaubte er, Menschen würden ihn erkennen, tuscheln.
**„Das ist er. “**
**„Der mit dem Geld. “**
Doch bald hörte er mehr als das.
Drohungen.
Leise, kaum wahrnehmbar. Aber sie waren da. Oder er glaubte es.
**„Sie holen dich. “**
**„Sie kommen bald. “**
**„Sie nehmen dir alles. “**
Emma versuchte, ihn zu beruhigen.
„Tim“, sagte sie eines Abends am Küchentisch. „Du musst raus. Du kannst dich hier nicht einsperren. “
Tim schüttelte den Kopf. Seine Augen huschten zur Tür, zu den Fenstern, zu den Schatten.
„Du verstehst das nicht“, murmelte er.
„Was verstehe ich nicht? “
Er beugte sich vor, flüsterte:
„Sie beobachten uns. “
Emma seufzte.
„Wer? “
Tim schwieg. Dann sagte er leise:
„Alle. “
Die Ehe zerbrach.
Die Kinder mieden ihn – nicht aus Hass, sondern aus Angst. Tim war nicht mehr derselbe. Er sprach mit unsichtbaren Personen, fluchte, flehte. Manchmal stand er nur da und starrte in eine Ecke, als sähe er jemanden.
Die Stimmen ließen ihn nicht mehr los.
Manchmal flüsterten sie.
Manchmal schrien sie.
Besonders nachts.
Das Haus schien voller Menschen.
Schritte im Flur.
Klopfen an den Wänden.
Leises Atmen hinter Türen.
Tim verriegelte die Fenster. Dann die Türen. Schließlich schob er Möbel davor.
„Nur zur Sicherheit“, sagte er.
Doch die Sicherheit kam nicht.
Eines Abends saß er allein im Wohnzimmer. Die Vorhänge waren zu, obwohl draußen noch Licht war. Der Raum roch nach kaltem Kaffee und Tabak. Auf dem Tisch lag ein Stapel Geldscheine – drei Millionen. Ein Vermögen.
Plötzlich sah er dunkle Flecken auf den Scheinen. Sie bewegten sich, breiteten sich aus. Tim riss einen Schein hoch – die Flecken verschwanden. Doch dann hörte er ein Lachen. Leise, kalt. Es kam aus dem Flur.
Tim sprang auf.
„Wer ist da?! “
Keine Antwort.
Am Ende des Flures stand die Gestalt seines Vaters. Doch diesmal war er nicht allein. Neben ihm: seine Mutter, seine Großmutter, ein längst verstorbener Onkel. Sie standen still und starrten ihn an.
Tims Herz raste.
„Was wollt ihr von mir?! “ schrie er.
Die Gestalten blieben reglos. Dann öffnete sein Vater den Mund.
„Du hast genommen…“
Die Stimme klang tief, fremd.
„Jetzt musst du bezahlen. “
Die Figuren kamen näher. Schritt für Schritt.
Tim wich zurück.
„Nein! “
Er griff nach einem Stuhl und warf ihn in den Flur. Der Stuhl krachte gegen die Wand. Die Gestalten waren verschwunden. Der Flur war leer.
Doch die Stimmen blieben.
**„Sie kommen. “**
**„Sie kommen. “**
**„Sie kommen. “**
Von da an glaubte Tim, die Menschen draußen arbeiteten mit den Toten zusammen. Nachbarn, Freunde, sogar seine Familie. Alle wollten das Geld. Alle warteten auf den Moment.
Emma hielt es nicht mehr aus. Die Ehe zerbrach endgültig. Als sie mit den Kindern auszog, stand Tim im Türrahmen und sah ihnen nach. Er sagte nichts. Doch in seinem Kopf schrien die Stimmen.
**„Sie verlassen dich. “**
**„Sie nehmen alles. “**
**„Du bist allein. “**
Zum ersten Mal glaubte Tim, dass das der Plan war. Der Plan der Lebenden. Und der Toten.
Das Haus wurde still, nachdem seine Familie gegangen war. Doch die Stille war nicht leer. Sie war voller Flüstern.
Manchmal hörte Tim Schritte im Schlafzimmer.
Manchmal sah er Schatten im Garten.
Und manchmal, wenn er in den Spiegel blickte, standen hinter ihm Reihen von Gestalten. Beobachtend. Wartend.
Eines Abends lag ein Brief auf dem Küchentisch. Tim war sicher, ihn nicht dort hingelegt zu haben. Die Handschrift kam ihm bekannt vor. Es war seine eigene.
Mit zitternden Händen öffnete er den Umschlag. Auf dem Papier stand nur ein Satz:
**„Du kannst ihnen nicht entkommen. “**
Tim ließ den Brief fallen. Sein Blick wanderte durch den Raum. Dann flüsterte er:
„Was wollt ihr von mir…“
Diesmal antwortete etwas.
Direkt hinter ihm.
Eine Stimme.
Ganz nah.
Eisig.
„Dein Leben. “
In diesem Moment wusste Tim Taube: Der letzte Akt seiner Geschichte hatte begonnen.
Der Winter 1989 legte sich wie ein grauer Schleier über Wien. In Simmering knirschte der Schnee unter den Schuhen, während warmes Licht aus den Fenstern der Häuser schien.
Doch eines blieb dunkel.
Tim Taubes Haus.
Die Nachbarn hatten sich daran gewöhnt, dass dort kaum noch Leben war. Früher hörten sie Musik, Stimmen, Gelächter, das Brummen von Autos vor der Einfahrt.
Jetzt herrschte Stille.
Unheimliche Stille.
Die Vorhänge blieben fast immer zugezogen. Nur selten drang nachts ein schwacher Lichtschein durch einen Spalt. Und manchmal – so flüsterten die Nachbarn – huschten Schatten durchs Haus, obwohl niemand mehr dort sein sollte.
Tim lebte fast allein.
Emma war längst ausgezogen. Die Kinder kamen selten, und wenn sie kamen, blieben sie nicht lange. Etwas an ihrem Vater jagte ihnen Angst ein.
Seine Augen.
Sie wirkten wach, immer wach. Als würde er nie schlafen. Vielleicht tat er das auch nicht.
Denn in seinem Haus brachte die Nacht keine Ruhe. Sie gehörte den Stimmen.
In den letzten Monaten war Tim überzeugt, die Welt habe sich gegen ihn verschworen. Nicht nur Menschen – etwas anderes. Etwas Altes. Etwas Geduldiges.
Er stand oft stundenlang am Fenster und beobachtete die Straße. Jedes Auto ließ ihn zusammenzucken, jeder Schatten im Garten wirkte wie ein Eindringling.
Er begann, Schlösser anzubringen. Überall.
An Türen.
An Schränken.
Sogar an Fenstern.
Doch die Stimmen kamen trotzdem.
Sie flüsterten aus den Wänden.
Aus dem Boden.
Manchmal sogar aus dem Geld.
Eines Nachts saß Tim am Küchentisch. Vor ihm stand eine alte Holzkiste, gefüllt mit Geldbündeln. Er hatte das Geld aus der Bank geholt, weil er glaubte, es sei dort nicht sicher.
Er starrte auf die Scheine.
Dann hörte er es.
Ein Rascheln.
Leise.
Als würde sich etwas zwischen den Geldscheinen bewegen.
Tim beugte sich vor.
Das Rascheln wurde lauter.
Und dann hörte er sie.
Stimmen.
Dutzende.
Flüsternd.
„Unser Preis…“
„Unser Preis…“
Tim sprang auf und schleuderte die Kiste vom Tisch. Geldscheine flogen durch die Luft, regneten zu Boden.
„Hört auf! “ schrie er.
Die Stimmen lachten.
Kalt. Unheimlich.
Das Lachen kam von überall.
Plötzlich hörte er Schritte.
Langsam.
Im Flur.
Tim erstarrte.
Die Schritte kamen näher.
Dann sah er ihn.
Seinen Vater.
Und der brachte sie alle mit.
Der Flur hinter ihm war voller Schatten. Dutzende. Vielleicht mehr. Menschen, die Tim kannte. Verwandte. Bekannte. Manche längst tot.
Sie standen dicht gedrängt, als hätte das Haus sich mit Geistern gefüllt.
Und sie alle sahen ihn an.
„Es ist Zeit“, sagte die Gestalt seines Vaters.
Tim schüttelte den Kopf.
„Nein…“
Die Schatten rückten näher.
Nicht hastig.
Nicht aggressiv.
Geduldig.
Als wüssten sie, dass er ihnen nicht entkommen konnte.
Tim rannte die Treppe hinauf. Seine Schritte hallten durch das Haus. Er stürzte ins Schlafzimmer, schlug die Tür zu und schob einen Schrank davor.
Sein Atem ging schnell.
„Lasst mich in Ruhe“, flüsterte er.
Doch die Stimmen waren schon da.
Leise.
Hinter ihm.
„Du hast genommen…“
„Jetzt gib zurück…“
Tim drehte sich um.
Der Raum war leer.
Doch im Spiegel des Kleiderschranks sah er sie.
Die Schatten standen hinter ihm. Ein Kreis aus blassen Gesichtern.
In der Mitte: sein Vater.
Die Gestalt hob den Arm und zeigte auf etwas.
In der Ecke des Zimmers lehnte eine Schrotflinte.
Tim hatte sie vor Monaten gekauft.
Zur Sicherheit, hatte er gesagt.
Jetzt starrte er sie an.
Die Stimmen wurden lauter.
„Es ist der einzige Weg…“
„Der einzige Weg…“
„Der einzige Weg…“
Tränen liefen über sein Gesicht.
„Ich wollte das alles nicht“, flüsterte er.
Er dachte an Emma.
An die Kinder.
An die kleine Wohnung früher.
An die Zeiten, als sie wenig hatten – aber zusammen waren.
Langsam nahm er die Waffe in die Hände.
Die Schatten im Spiegel rückten näher.
Die Stimmen flüsterten in seinen Ohren.
Und zum ersten Mal seit Monaten wurde Tim ruhig.
Sehr ruhig.
„Ich wollte immer nur meine Familie“, sagte er leise.
Dann schloss er die Augen.
In der Nacht des 22. Dezember 1989 verstummte das Haus endgültig.
Am nächsten Morgen kam Theo Taube. Seit Tagen hatte er seinen Vater nicht erreicht.
Das Haus lag still.
Unheimlich still.
Die Haustür war verschlossen, doch Theo hatte noch einen Schlüssel.
Als er eintrat, spürte er sofort die seltsame Kälte.
Er rief nach seinem Vater.
Keine Antwort.
Langsam stieg er die Treppe hinauf.
Die Tür zum Schlafzimmer war verschlossen.
Er musste sie aufbrechen.
Als sie endlich aufsprang, blieb Theo im Türrahmen stehen.
Sein Vater lag auf dem Boden.
Neben ihm die Schrotflinte.
Und ein Brief.
Mit zitternden Händen hob Theo ihn auf.
Die Worte waren kurz.
Doch sie trafen ihn wie ein Schlag.
„All das, was seit dem Lottogewinn geschehen ist, wollte ich nicht.
Ich wollte immer nur euch, meine geliebte Familie. “
Theo senkte den Kopf.
Das Haus blieb still.
Doch als er später den Raum verließ, glaubte er für einen Moment, etwas zu hören.
Ein leises Flüstern.
Sehr weit entfernt.
Oder vielleicht direkt hinter ihm.
Und irgendwo im Haus lag noch immer eine alte Holzkiste voller Geldscheine.
Als die Polizei später die Scheine einsammelte, erzählte ein Beamter etwas Merkwürdiges.
Als er einen der Bündel aufhob, meinte er, ein Rascheln zu hören.
Fast wie Stimmen.
Doch als er genauer hinsah, war da nichts.
Nur Geld.
Und die lange, dunkle Geschichte eines Mannes, dessen größter Gewinn sein tiefster Abgrund wurde.
**Schlusswort**
Manche glauben, Geld löse alle Probleme. Doch manchmal bringt ein großer Gewinn nicht nur Glück, sondern auch eine Last, die kaum zu tragen ist.
Die Geschichte von Tim Taube zeigt, dass Reichtum nicht immer ein Segen ist. Er verändert Beziehungen, Gedanken und die Sicht auf die Welt.
Und manchmal beginnt der wahre Preis eines Gewinns erst, wenn die Zahlen längst gezogen sind.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)