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Auf dem Acker vor Schloss Neugebäude

**Eine Zirkusgeschichte aus Wien, 1830**

Der Wind strich flach über den Acker vor dem Schloss und trug den Geruch feuchter Erde mit sich. Es war Frühling, und Simmering, damals noch eine eigenständige Gemeinde, lag zwischen Feldern, Fuhrwerken und dem gemächlichen Puls der nahen Stadt Wien, die sich hinter ihren Mauern ausbreitete.

Schon im ersten Licht des Tages regte sich Leben auf dem Acker. Wagen knarrten, Pferde schnaubten, Männer riefen einander zu. Zeltstangen wurden abgeladen, Seile ausgerollt, Kisten geöffnet. Aus ihnen drangen seltsame Geräusche: das tiefe Brummen eines Tieres, das Klirren von Ketten, ein kehliges Lachen, das kaum menschlich klang. Der Zirkus war angekommen.

Christoph de Bach stand abseits und beobachtete das Treiben mit verschränkten Armen. Sein dunkler Mantel war tadellos, der Hut sauber gebürstet, das Gesicht schmal und entschlossen – die Miene eines Mannes, der sich seinen Platz erkämpft hatte. Man nannte ihn Wiens ersten Zirkusdirektor, und er trug diesen Titel mit Stolz.

„Schneller, meine Herren“, rief er ruhig. „Das Hauptzelt steht vor Mittag. Simmering wartet nicht. “

Er wusste, dass diese Station mehr war als eine gewöhnliche. Die Gemeinde gierte nach Spektakel, und der Platz vor dem Schloss Neugebäude – einst kaiserlich, nun halb verfallen – versprach Raum für Wunder und Unheil zugleich.

Nicht alles an seinem Zirkus war für die Öffentlichkeit bestimmt.

Am Rand des Ackers stand ein junges Mädchen. Sie hielt den Riemen ihrer kleinen Reisetasche fest umklammert. Maria Koller, siebzehn Jahre alt, stammte aus Simmering, aus einer schmalen Gasse nahe der Landstraße. Ihr Vater, ein Fuhrmann, war nach einem Sturz gelähmt. Ihre Mutter verdiente den Lebensunterhalt mit Nähen, und Maria hatte früh gelernt, sich leise zu bewegen und wenig zu erwarten.

Und doch stand sie jetzt hier.

 

Vor drei Tagen hatte Christoph de Bach sie engagiert. Er hatte sie auf einem Jahrmarkt entdeckt, wo sie barfuß auf einem Seil balancierte, das zwischen zwei Bäumen gespannt war. Ohne Netz, mit einer Ruhe im Blick, die ihn beeindruckte.

„Hast du keine Angst? “, hatte er gefragt.
„Doch“, hatte sie geantwortet. „Aber sie gehorcht mir. “

Heute sollte sie zum ersten Mal auftreten. Ihr Herz schlug schneller, als sie das Zelt betrachtete, das sich aus Stoff und Holz erhob wie ein fremdes Wesen. Es war größer, als sie es sich vorgestellt hatte. Und dunkler.

Ein Mann trat auf sie zu. Hager war er, mit tief liegenden Augen und einer Narbe, die wie ein Riss über seine Wange lief.
„Du bist die Neue“, sagte er. Es klang nicht wie eine Frage.
„Ja“, antwortete Maria.
Er musterte sie einen Moment zu lange. „Bleib nachts in deiner Unterkunft“, sagte er leise. „Und glaub nicht alles, was du hörst. “
Bevor sie etwas erwidern konnte, war er schon weitergegangen.

Je länger der Tag dauerte, desto deutlicher spürte Maria, dass etwas nicht stimmte. Die Artisten waren zahlreich, doch sie hielten Abstand zueinander. Einige sprachen mit fremdem Akzent, andere schwiegen beharrlich.

Da war Gregor, der Kraftmensch, dessen Schultern so breit waren, dass seine Jacke nie richtig saß. Seine Haut war von Narben durchzogen, als hätte man ihn einmal zusammengenäht.
Da waren die Zwillingsschwestern Ina und Mina, die gleichzeitig atmeten, gleichzeitig lachten und deren Augen in der Dämmerung seltsam schimmerten.
Und da war Novak, der Tierbändiger, der seine Tiere nicht mit der Peitsche, sondern mit einem Flüstern lenkte. Niemand hatte ihn je schreien gehört.

Manche Kinder aus Simmering schlichen neugierig um die Wagen, doch man scheuchte sie schnell fort. Die Erwachsenen dagegen strömten in Scharen herbei, sobald die Plakate hingen:
„Der große Zirkus de Bach – nur wenige Abende! Wunder, die Wien noch nicht gesehen hat! “

Schon die erste Vorstellung war ausverkauft.
Als die Sonne hinter den Mauern des Schloss Neugebäudes versank, füllte sich das Zelt mit Stimmen, Gelächter und dem Rascheln von Röcken. Maria stand hinter dem Vorhang, die Füße kalt vom Sand, das Seil vor ihr gespannt wie eine Frage.
„Du gehst nach dem Jongleur“, sagte der Inspizient. „Kein Blick nach unten. “
Maria nickte. Ihre Kehle war trocken.

Als sie hinaustrat, verstummte das Murmeln. Das Licht der Öllampen flackerte und ließ die Gesichter der Zuschauer tanzen. Sie spürte die Blicke der Simmeringer auf sich – Nachbarn, Bekannte, Menschen, die sie als Kind gekannt hatte. Sie setzte den ersten Fuß auf das Seil. Es hielt.

Mit jedem Schritt wich die Angst einem anderen Gefühl – Klarheit, Schärfe. Sie bewegte sich, als hätte sie nie etwas anderes getan. Als wäre dieser Ort immer ihrer gewesen.
Am Ende sprang sie ab, und tosender Applaus brach los.

Christoph de Bach lächelte. Doch in seinen Augen lag nicht nur Stolz – es war Erleichterung.

In der Nacht fand Maria keinen Schlaf. Der Wind zerrte am Zelt, irgendwo wieherte ein Pferd. Und dann war da dieses Geräusch.

Ein Flüstern.
Es kam nicht von draußen, sondern von unter dem Zeltboden.

Maria setzte sich auf. Horchte. Sie verstand keine Worte, nur ein rhythmisches Murmeln, als zähle oder beschwöre jemand etwas.

Am nächsten Morgen bemerkte sie, dass mehrere Artisten erschöpft wirkten. Einer der Clowns fehlte. Niemand nannte seinen Namen.
„Er ist weitergereist“, sagte man ihr.
Doch seine Sachen standen noch da.

Die Vorstellungen füllten sich von Abend zu Abend. Die Menschen kamen nicht nur aus Simmering, sondern aus Wien. Man sprach über den Zirkus. Man flüsterte. Man stritt.
Ein Pfarrer soll gesagt haben, hier zeige man mehr als Kunst.
Ein Arzt behauptete, einige Darbietungen seien für menschliche Körper unmöglich.

Am fünften Abend geschah etwas, das Maria nicht vergessen sollte.
Während Novaks Dressurnummer blieb eines der Tiere stehen. Ein großes, schwarzes Pferd mit weiß schimmernden Augen. Es senkte den Kopf – und starrte ins Publikum.

Ein Kind schrie. Das Flüstern unter dem Boden schwoll an. Christoph de Bach erhob sich von seinem Platz. Die letzte Vorstellung war angekündigt. Niemand ahnte, dass sie Simmerings Geschichte verändern würde.

Der Morgen nach der fünften Vorstellung war unheimlich still. Kein Lachen, kein Pfeifen, nicht einmal das Hämmern hallte über den Acker. Ein feiner Nebel lag über dem Gelände, kroch zwischen den Wagen hindurch und hüllte das Schloss Neugebäude in einen grauen Schleier.

Maria trat vorsichtig aus ihrer Unterkunft. Der Boden war feucht und gab unter ihren Füßen leicht nach, als wäre er nicht fest.
Sie dachte an das Pferd. An dessen Blick.
Und an das Flüstern.

Beim Frühstück – trockenes Brot, dünner Kaffee – saßen die Artisten weit auseinander. Niemand sprach über den gestrigen Abend. Nur Gregor, der Kraftmensch, starrte in seine Tasse, bis seine Finger zitterten.

„Wo ist der Clown? “, fragte Maria leise.

Ein kurzes Schweigen. Dann schob Novak seinen Becher zur Seite.
„Es gibt Dinge“, sagte er ruhig, „die man nicht benennt, damit sie ruhen. “

Ein kalter Schauer lief Maria über den Rücken.

„Er war gestern noch hier. “
„Und heute nicht mehr“, entgegnete Gregor. „Das ist alles, was du wissen musst. “
Doch Maria wusste, dass es nicht alles war. Sie sah es in den Gesichtern. In der Art, wie manche Artisten den Blick senkten, wenn sie am Rand des Zeltes vorbeigingen. Dort, wo der Boden frisch aufgeschüttet war.

 

Später am Vormittag ließ der Direktor sie rufen. Christoph de Bach empfing sie in seinem Wagen, der überraschend schlicht eingerichtet war: ein Schreibtisch, einige Bücher, eine verschlossene Truhe.
„Setz dich“, sagte er und wies auf einen Stuhl.
Maria setzte sich.
„Du hast Talent“, begann er. „Mehr als das. Du hast… eine besondere Ruhe. “
Sie schwieg.
„Du stammst aus Simmering“, fuhr er fort. „Deine Familie lebt hier seit Generationen. “
Maria nickte. „Ja, Herr Direktor. “
De Bach lehnte sich zurück. „Weißt du, was hier stand, bevor der Acker ein Acker wurde? “
„Felder“, antwortete sie zögernd.
„Nein. “ Seine Stimme blieb ruhig, aber bestimmt. „Hier standen Gebäude, lange vor dem Schloss. Und davor – noch ältere Dinge. “
Maria verstand nicht, doch sie spürte, dass seine Worte Gewicht hatten.
„Hör zu“, sagte er leise. „Was immer du nachts hörst – geh dem nicht nach. Versprich es mir. “
Sie wollte fragen, warum. Doch sein Blick hielt sie davon ab.
„Ich verspreche es“, sagte sie.
Er atmete hörbar aus. „Gut. “

In Simmering breitete sich das Gerede aus wie ein Lauffeuer. In den Wirtshäusern stritten die Leute, in den Gassen flüsterten sie.
„Hast du gesehen, wie der Mann die Eisenstange gebogen hat? “
„Das war kein Mensch. “
„Mein Sohn sagt, er hat Stimmen gehört. “
„Der Pfarrer warnt vor dem Zirkus. “

Eine kleine Wiener Zeitung schrieb von „unstatthaften Schaustellungen“ und „moralischer Gefahr“. Andere warfen Betrug vor, sprachen von mechanischen Tricks und Täuschung.
Doch die Menschen kamen trotzdem. Mehr denn je.

Die letzte Vorstellung war für den folgenden Abend angesetzt.

In dieser Nacht konnte Maria nicht still liegen. Das Flüstern kehrte zurück, lauter als zuvor. Es schien ihren Namen zurufen.
Sie stand auf, zog ihren Mantel über und trat vorsichtig ins Freie. Der Nebel war dichter als je zuvor. Das Zelt ragte wie ein dunkler Berg daraus hervor.
Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte.
Und doch ging sie.

Am Rand des Zeltes kniete sie nieder und hob eine der Bodenplatten an, die tagsüber für Reparaturen gelöst worden war.
Darunter war kein leerer Raum.
Darunter war eine Öffnung.
Eine steinerne Treppe führte hinab.
Maria schluckte.

Das Flüstern wurde deutlicher, formte Worte, die sie nicht verstand – und doch spürte sie ihre Bedeutung wie einen Druck auf der Brust.
Sie stieg hinab.
Die Luft war kalt, roch nach Moder und Metall. Fackeln brannten in Wandhalterungen, als hätte sie jemand erst kürzlich entzündet. Die Stufen führten in einen niedrigen Raum mit Wänden aus grobem Stein.
Und dort stand er.
Der Clown.
Oder das, was von ihm übrig war.
Er stand aufrecht, reglos. Seine Augen waren offen, aber leer. Zeichen, kreisförmig und uralt, waren in den Boden geritzt. Zu alt.
Maria wich zurück, stieß gegen etwas – eine Gestalt trat aus dem Schatten.
Christoph de Bach.
„Ich habe es dir gesagt“, sagte er leise. „Du hättest nicht kommen sollen. “
„Was ist das? “, flüsterte Maria. „Was tut ihr hier? “
Er schloss die Augen, nur für einen Moment.
„Wir halten etwas in Schach. “
Er deutete auf die Zeichen am Boden.
„Dieser Ort ist alt. Älter als Wien. Etwas ruht hier. Etwas, das sich von Aufmerksamkeit nährt, von Staunen, von Angst. “
Maria spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Der Zirkus“, sagte sie langsam, „ist nicht nur Unterhaltung. “
„Nein“, antwortete de Bach. „Er ist ein Opfer. “
Er erzählte ihr alles. Wie er vor Jahren von den alten Aufzeichnungen erfahren hatte. Wie jeder Zirkus, der hier gastierte, seltsame Vorfälle erlebte. Wie man herausfand, dass Darbietungen, Applaus, menschliche Energie das Wesen unter der Erde beruhigten – solange man ihm etwas gab.
Doch manchmal verlangte es mehr.
„Manchmal“, sagte de Bach mit gebrochener Stimme, „nimmt es sich, was es braucht. “
Maria starrte auf den reglosen Körper des Clowns.
„Und morgen? “, fragte sie. „Bei der letzten Vorstellung? “
De Bach sah sie an.
„Morgen“, sagte er, „wird es entscheiden, ob es genug hatte. “
Maria wusste, dass sie nicht schlafen würde. Sie wusste auch, dass sie nicht einfach gehen konnte. Simmering war ihre Heimat. Dieser Boden kannte ihren Namen.
Als sie ins Freie trat, hörte sie bereits die ersten Schritte der frühen Besucher, die neugierig über den Acker gingen.
Der letzte Abend nahte.
Und Maria spürte, dass ihre Rolle größer war, als sie je geahnt hatte. Der letzte Abend kam schneller, als sie erwartet hatte.
Schon am frühen Nachmittag füllte sich der Acker vor dem Schloss Neugebäude mit Menschen. Fuhrwerke reihten sich aneinander, Pferde wurden angebunden, Kinder liefen aufgeregt zwischen den Erwachsenen umher. Händler boten geröstete Kastanien, Zuckerwerk und dünnes Bier an. Die Luft war schwer von Stimmen, Erwartung und einer kaum greifbaren Unruhe.
Maria beobachtete alles aus der Öffnung ihres Wagens. Sie hatte kaum geschlafen. Die Bilder der Nacht verfolgten sie: die steinernen Stufen, die Zeichen im Boden, der reglose Körper des Clowns. Und vor allem Christoph de Bachs Stimme, ruhig und erschöpft zugleich.

Wir halten etwas in Schach.
Sie wusste jetzt, dieser Abend würde nicht einfach enden.

 

Hinter dem Zelt lag Spannung in der Luft. Niemand scherzte, niemand übte unnötig. Die Zwillingsschwestern Ina und Mina saßen Hand in Hand und murmelten leise in einer Sprache, die Maria fremd war. Gregor zog die Bänder um seine Handgelenke immer wieder fest, als wollte er prüfen, ob seine Kraft noch reichte. Novak stand bei den Tieren, flüsterte ihnen zu, die Stirn in Falten gelegt.

„Es sind zu viele“, sagte er schließlich zu de Bach.
Christoph de Bach blickte zum Zelteingang, wo immer mehr Menschen eingelassen wurden. „Wenn wir sie abweisen, erzählen sie es morgen doppelt so laut. Dann kommen sie wütend. “
„Und wenn wir sie einlassen? “ fragte Novak.
De Bach schwieg.

Kurz vor Beginn der Vorstellung kniete Maria erneut an der Stelle, unter der sie in der Nacht gewesen war. Die Bretter lagen wieder fest verschlossen, doch sie spürte es: ein leichtes Vibrieren, ein kaum merkliches Beben.

Der Boden lebte.

Sie legte die Hand darauf. Für einen Moment herrschte Stille. Dann sah sie ein Bild, das nicht ihres war: Menschen im Kreis, Fackeln, Gesang. Kein Zirkus. Kein Zelt. Etwas viel Älteres.

Maria zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

„Du darfst nicht“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Es war Gregor.

„Was nicht? “ fragte sie.

Er kniete sich neben sie, seine Stimme klang ungewohnt sanft. „Dich binden. Es sucht immer die, die dazugehören. “
„Dazugehören? “
„Du bist von hier“, sagte er. „Der Boden kennt dich. “
Maria sah ihn an. „Und euch? “
Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Uns hat man mitgebracht. “

Das Zelt war bis auf den letzten Platz gefüllt. Menschen standen am Rand, drängten sich, trotz der Warnungen. Die Öllampen warfen flackerndes Licht, Schatten tanzten über die Stoffbahnen.

Christoph de Bach trat in die Manege.

„Meine Damen und Herren“, begann er, „ich danke Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen. Was Sie heute sehen werden, ist die letzte Vorstellung unseres Aufenthalts hier in Simmering. “

Ein Raunen ging durch das Publikum.

„Genießen Sie den Abend“, sagte er. „Und behalten Sie ihn in Erinnerung. “
Maria spürte, dass seine Worte mehr verbargen, als sie preisgaben.

Die Vorstellung begann wie immer, doch etwas war anders. Jede Nummer wirkte intensiver, länger, riskanter.
Der Jongleur warf nicht drei, sondern sieben Messer in die Luft. Die Zwillingsschwestern bewegten sich so synchron, dass sie wie ein einziger Körper erschienen. Gregor hob eine Eisenkette und zerriss sie mit bloßen Händen.
Das Publikum tobte.
Doch unter dem Boden regte sich etwas.

Maria hörte es klar: ein tiefes Dröhnen, das sich mit dem Applaus mischte, als klatschte die Erde selbst.

Hinter den Kulissen krümmte sich Novak plötzlich vor Schmerz. Ein Tier stampfte unruhig, schlug mit den Hufen gegen den Boden.
„Es reicht nicht“, keuchte Novak. „Es ist zu wach. “

Christoph de Bach sah zu Maria, die sich für ihren Auftritt bereit machte. Ihre Blicke trafen sich.
In diesem Moment wusste er, was geschehen würde.

Als Maria die Manege betrat, verstummte das Publikum. Viele kannten sie – ein Mädchen aus Simmering. Die Leute rückten auf ihren Sitzen nach vorn.
Das Seil hing höher als sonst.
„Das ist neu“, murmelte jemand.

Maria setzte den Fuß auf das Seil – und spürte sofort den Sog. Nicht nach unten, sondern nach innen. Etwas zog an ihr. Mit jedem Schritt wurden die Stimmen leiser. Das Flüstern unter dem Boden formte sich zu klaren Worten, die sie nun verstand.

Komm.
Sie hielt inne, mitten in der Manege.
Der Boden riss auf.
Zuerst knackte es. Dann ein Aufschrei.
Ein Teil des Zeltes sackte ein. Menschen schrien, sprangen auf. Staub stieg auf. Unter der Manege klaffte ein Spalt, dunkel und tief.
Maria schwankte – doch sie stürzte nicht.
Etwas hielt sie.
Der Boden unter ihr wölbte sich, nahm Gestalt an: halb Schatten, halb Stein. Ein uraltes Wesen, genährt von Jahrhunderten des Staunens, des Schreckens, der Opfer.
„Nein! “, rief Christoph de Bach und stürmte in die Manege.
Zu spät.
Die Menschen sahen, was sie nicht begreifen konnten – und erzählten es weiter. Von einem Riss im Boden. Von einer jungen Frau, die über der Leere schwebte. Von Artisten, die sie zurückzuhalten versuchten.
Einige schworen, ein Gesicht im Erdreich erkannt zu haben. Andere hielten es für eine Täuschung, einen Trick, der außer Kontrolle geraten war.
Die Behörden kamen. Noch in derselben Nacht schlossen sie den Zirkus, sperrten das Gelände ab. Zeitungen schrieben von „Panik“, von „moralischem Verfall“, von „Betrug und Aberglauben“.
Christoph de Bach wurde verhört.
Maria blieb verschwunden.
Man fand sie nie.
Der Zirkus löste sich auf. Einige Artisten zogen weiter, andere verschwanden spurlos. De Bach verließ Wien und kehrte nicht zurück.
Doch in Simmering erinnerte man sich.
Man erzählte, der Acker vor dem Schloss Neugebäude sei seit jener Nacht nie wieder ganz still gewesen. Der Boden werde manchmal warm. In ruhigen Nächten höre man Schritte.
Und manchmal, wenn der Wind günstig stand, balancierte eine junge Frau auf einem unsichtbaren Seil – ruhig, sicher, als bewache sie etwas.

Im Frühjahr 1831 sprach in Wien kaum noch jemand vom Zirkus de Bach. Die Stadt hatte andere Sorgen, andere Sensationen. Die Behörden legten die Akten stillschweigend ab. In den Protokollen war von einem „Unglücksfall durch mangelhafte Konstruktion“ die Rede, von „massenhafter Erregung des Publikums“ und von einer „vermutlich tödlich verunglückten jungen Seiltänzerin“.
Kein Wort über Risse im Boden.
Kein Wort über Zeichen aus Stein.
Kein Wort über ein Wesen, das sich genährt hatte.

Der Acker vor Schloss Neugebäude wurde planiert, frische Erde aufgetragen, Gras gesät. Kinder spielten wieder dort, wo einst das Zelt gestanden hatte. Wer nachfragte, erhielt nur ein Achselzucken.
Doch Simmering vergaß nicht.
In den Wirtshäusern kursierten andere Geschichten.

Man sprach von Christoph de Bach, der Wien verlassen hatte – gebrochen, aber lebendig. Einige sagten, er sei nach Ungarn gegangen. Andere behaupteten, man habe ihn Jahre später in einem kleinen Wanderzirkus in Böhmen gesehen –ohne große Attraktionen, ohne Geheimnisse.

Die Artisten, so hieß es, traten nie wieder gemeinsam auf. Gregor soll in einer Schmiede gearbeitet haben, still und zurückgezogen. Novak verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Die Zwillingsschwestern sah man zuletzt auf einem Jahrmarkt, wo sie Puppen verkauften, die unheimlich lebendig wirkten.

Und Maria?
Über Maria sprach man am meisten.

Einige behaupteten, sie sei gestorben. Andere schworen, sie hätten sie Jahre später gesehen – unverändert jung, barfuß im Gras am Rand des Ackers. Ein alter Mann erzählte, er habe eines Nachts Gesang gehört. Kein bekanntes Lied, sondern etwas Ruhiges, Kreisendes. Als er aus dem Fenster sah, erkannte er eine Gestalt, die sich bewegte, als balanciere sie auf einem unsichtbaren Seil. Nach dieser Nacht, sagte er, habe der Boden aufgehört zu beben.

Was niemand wusste – oder wissen wollte – war die Wahrheit.
Maria war nicht genommen worden.
Sie hatte gewählt.

Als das Wesen sie hielt, spürte sie keine Angst, nur Erkenntnis. Sie begriff, was Christoph de Bach nie ganz verstanden hatte: Das, was unter dem Acker ruhte, war kein Feind. Es war eine alte Kraft, die gebunden sein wollte, nicht gefüttert.

Der Zirkus hatte sie betäubt, besänftigt, abhängig gemacht. Applaus war ihre Droge gewesen. Angst ihr Lockmittel.

Maria hatte etwas anderes gewagt.
Stille.
Sie war nicht hinabgezogen worden. Sie blieb – zwischen oben und unten, zwischen Menschen und Ort. Der Boden hatte sie erkannt, wie Gregor es gesagt hatte.
Du gehörst hierher.
Nicht als Opfer.
Nicht als Darbietung.
Als Hüterin.

Viele Jahre später, als Simmering längst zu Wien gehörte, rückte eine Gruppe Bauarbeiter an. Sie sollten nahe dem Schloss Neugebäude Fundamente ausheben. Der Vorarbeiter staunte: Der Boden war ungewöhnlich fest. Keine Risse, kein Nachgeben.
„Als hielte ihn jemand“, sagte er.

In derselben Nacht träumte er von einer jungen Frau auf einem Seil. Sie nickte ihm zu – und ging weiter.
Die Bauarbeiten verliefen reibungslos.
Kein Unglück.
Kein Skandal.
Das war Marias letztes Kunststück.

Heute spazieren Menschen über den alten Acker, ahnungslos. Sie hören nichts, sehen nichts. Doch manchmal, wenn der Wind vom Schloss herüberweht und das Gras sich bewegt, als würde es atmen, spüren einige einen seltsamen Frieden.
Dann sagen die Alten in Simmering:
„Der Zirkus ist gegangen.
Aber eine ist geblieben. “
Und wenn Kinder fragen, wer das sei, lächeln sie nur.

**Schlusswort**
Der Zirkus verschwand, der Skandal verblasste, doch der Ort blieb bewahrt.
Nicht durch Mauern oder Verbote, sondern durch eine, die verstand.
Maria ging nicht verloren – sie wurde die stille Wächterin dessen, was unter Simmering ruht.

Kurzgeschichte aus Simmering

 

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)

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