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Als ich das Unheil rief

Alles begann im November 1968, in einem Herbst, der wie ein endloser Abschied wirkte. Die Bäume hatten ihre letzten Blätter abgeworfen, als wollten sie sich von etwas Unsichtbarem lösen. Die Luft war schwer, feucht, durchzogen von Moder und kaltem Rauch. Ich erinnere mich an das fahle Licht jener Tage – ein Licht, das nie wirklich hell wurde, nicht einmal mittags. Es schien, als hätte der Himmel beschlossen, stumm und grau Zeuge zu bleiben.

Ich wollte keinen Geist wecken. Dieser Punkt ist mir wichtig, denn er verfolgt mich bis heute. Ich war kein Beschwörer, kein Okkultist, kein Suchender nach verbotenen Mächten. Ich war neugierig. Vielleicht auch einsam. Damals ahnte ich nicht, dass Neugier Türen öffnet, die sich nicht immer schließen lassen.

Die Seelentafel besaß ich schon seit Jahren. Ein unscheinbares Stück dunkles Holz, die Buchstaben wie eingebrannt. Ich hatte sie auf einem Flohmarkt entdeckt, zwischen zerbrochenen Uhren und vergilbten Fotografien fremder Menschen. Der Verkäufer sah mich seltsam an, als ich sie kaufte, als hätte er gehofft, sie loszuwerden. Ich lachte darüber. Heute weiß ich: Manche Dinge warten.

In jener Nacht war ich allein. Der Wind rüttelte an den Fenstern, und in der Ferne heulte eine Sirene, wie ein Warnruf aus einer anderen Welt. Ich setzte mich an den Tisch, zündete eine Kerze an und legte die Fingerspitzen auf den Zeiger. Es war nur ein Spiel, sagte ich mir. Ein Experiment. Nichts weiter.

Ich rief einen Namen. Einen harmlosen Namen. Jemanden, den ich zu kennen glaubte.

Zuerst geschah nichts. Die Kerzenflamme flackerte, dann wurde sie still, fast reglos. Die Stille im Raum verdichtete sich, bekam Gewicht. Mein Atem klang fremd in meinen Ohren. Dann bewegte sich der Zeiger.

Langsam. Zögernd. Doch mit einer Entschlossenheit, die mir das Blut gefrieren ließ.

Ich stellte Fragen. Einfache Fragen. Doch die Antworten waren falsch. Verdrehte, spöttische Worte. Der Geist – falls es einer war – wich aus, lachte fast durch die Buchstaben. Ich spürte es: Etwas stimmte nicht. Ich hatte mich geirrt. Nicht im Ritual, sondern im Wesen.

Dann geschah es. Etwas, das ich bis heute kaum beschreiben kann.

Er nannte meinen Namen.

Nicht den, den ich gerufen hatte. Meinen.

In diesem Moment veränderte sich etwas in mir. Es war, als hielte jemand einen Spiegel vor meine Seele und drehte ihn langsam. Der Geist war nicht der, für den ich ihn hielt. Und er wusste es. Er nutzte meinen Irrtum. Er tauschte etwas in mir aus – nicht sichtbar, nicht körperlich, sondern tiefer. Etwas verschob sich, wurde verdrängt, ersetzt.

Ich brach das Ritual ab, stieß den Stuhl zurück, löschte die Kerze. Doch die Kälte blieb. Die Seelentafel lag reglos da, unschuldig wie zuvor. Aber ich wusste: Ich war nicht mehr allein.

In den Tagen danach begann das Flüstern. Erst leise, kaum hörbar, dann deutlicher. Schatten bewegten sich, wo keine sein konnten. Spiegel zeigten mir Blicke, die nicht meine waren. Schlaf wurde unmöglich, und wenn ich doch einschlief, träumte ich von Orten, die ich nie gesehen hatte – und doch kannte.

Ich versuchte, ihn loszuwerden. Bücher, Rituale, Gebete. Ich bat um Hilfe, suchte Menschen auf, die sich auskannten. Niemand konnte mir helfen. Manche lachten, andere hatten Angst. Einige verschwanden aus meinem Leben, als hätten sie gespürt, dass etwas an mir haftete.
Und dann, als ich glaubte, den Verstand zu verlieren, hörte ich zum ersten Mal ihren Namen.
Flora.
Ein Medium, hieß es. Außergewöhnlich. Anders. Sie lebte in Wien, in Simmering, nahe dem Urnenfriedhof, in einem alten Haus am Ende einer Siedlung. Schon diese Beschreibung jagte mir einen Schauer über den Rücken. Doch ich hatte keine Wahl.
Der Geist, den ich rief, war geblieben. Und er wurde stärker.

Der Weg zu Flora fühlte sich an wie eine Reise aus der Zeit. Je näher ich Wien kam, desto stärker zog es in mir, als wüsste etwas in mir, wohin ich ging. Simmering empfing mich mit grauem Himmel und einer Stille, die nicht zur Stadt passte. Die Straßen wurden enger, die Häuser älter, die Geräusche seltener. Am Ende der Siedlung stand es: das Haus.

Es wirkte nicht verlassen, aber auch nicht bewohnt. Die Fassade war rissig, als hätte die Zeit selbst daran genagt. Die Fenster blieben dunkel, obwohl es früher Nachmittag war. Hinter dem Haus begann der Urnenfriedhof – eine endlose Fläche aus Steinen, Namen und Daten, die wie flüsternde Erinnerungen wirkten. Ich fühlte mich beobachtet, nicht von Augen, sondern von etwas Tieferem.

Als ich klopfte, öffnete sich die Tür lautlos.
Flora war kleiner, als ich erwartet hatte. Ihr Haar war grau, aber nicht alt – eher zeitlos. Ihre Augen jedoch schienen durch mich hindurchzusehen, als wären Körper nur vorübergehende Hüllen. Sie sagte meinen Namen, noch bevor ich ihn nennen konnte.
„Du bist nicht allein gekommen“, sagte sie leise.

Drinnen roch es nach Kräutern, kalter Asche und etwas Metallischem. Überall standen Kerzen, doch keine brannte. An den Wänden hingen Symbole, Kreise, Zeichen, die ich nicht kannte, und Gesichter, die mir seltsam vertraut vorkamen. Flora bat mich, mich zu setzen. Kaum berührte ich den Stuhl, begann mein Kopf zu pochen.

Ich erzählte ihr alles: von der Seelentafel, vom falschen Namen, vom Tausch. Während ich sprach, veränderte sich ihr Gesicht. Nicht vor Überraschung, sondern vor Erkenntnis. Sie nickte langsam, als füge sich ein altes Muster.
„Du hast keinen Geist gerufen“, sagte sie schließlich. „Du hast etwas eingeladen. “

Diese Worte trafen mich härter als alles zuvor. Flora erklärte, es gebe Wesen, die keine Toten seien, keine Dämonen im religiösen Sinn, sondern Fragmente – ein Bewusstsein ohne Zeit, ohne festen Ort. Sie warteten auf Gelegenheiten. Auf Fehler.
„Er hat sich an dich gebunden“, fuhr sie fort. „Je mehr du gegen ihn kämpfst, desto mehr Raum gibst du ihm. “

In dieser Nacht blieb ich bei ihr. Sie sagte, es sei zu gefährlich, mich gehen zu lassen. Als die Dunkelheit hereinbrach, veränderte sich das Haus. Geräusche kamen aus den Wänden, Schritte vom Dachboden, obwohl niemand dort war. Flora begann ein Ritual, kein Beschwören, sondern ein Beobachten. Sie wollte ihn sichtbar machen.

Der Raum wurde eiskalt. Ich spürte, wie etwas in mir reagierte, sich regte, als würde es wach. Plötzlich hörte ich meine eigene Stimme – doch ich hatte den Mund nicht geöffnet. Sie sprach Dinge aus, die ich nicht dachte, Erinnerungen, die nicht meine waren.

Flora rief mich zurück, hielt meine Hände fest, murmelte Worte in einer Sprache, die ich nie gehört hatte. Für einen Moment sah ich ihn. Nicht als Gestalt, sondern als Verzerrung, als Bruch in der Realität. Er war nah. Zu nah.

Nach dem Ritual war Flora erschöpft. Sie setzte sich mir gegenüber und sah mich lange an.
„Das ist erst der Anfang“, sagte sie. „Er hat gemerkt, dass wir ihn sehen. “
In dieser Nacht fand ich kaum Schlaf. Meine Träume gehörten nicht mehr mir. Ich sah Flora sterben, mich selbst im Spiegel verschwinden, das Haus brennen und doch stehen bleiben. Als ich erwachte, wusste ich nicht, ob ich noch träumte.
Tief in mir lachte etwas leise.

Am Morgen wirkte das Haus fremder als in der Nacht. Nicht bedrohlich – nur falsch. Die Wände standen, die Möbel blieben an ihrem Platz, doch die Proportionen stimmten nicht mehr. Türen schienen schmaler, Decken niedriger, als zöge sich der Raum unmerklich zusammen. Auch Flora spürte es. Sie schwieg, doch ihre Hand verweilte länger als nötig am Türrahmen, als wollte sie prüfen, ob er noch real war.
„Es dehnt sich aus“, sagte sie schließlich. „Nicht im Raum. In uns. “

Sie erklärte, solche Wesen hätten keine eigene Wirklichkeit. Sie spiegeln, verzerren, vermischen, was sie vorfinden. Angst, Zweifel, Erinnerungen – je mehr sie davon nähren, desto stärker werden sie. Und ich, das musste ich zugeben, war ein idealer Wirt.

Im Laufe des Tages versuchten wir, Ordnung zu schaffen: feste Zeiten, Abläufe, Rituale, die uns erden sollten. Flora bestand darauf, dass ich alles notierte – Geräusche, Gedanken, Bilder. „Wenn wir den Überblick verlieren, sagte sie, verliert die Wirklichkeit. “
Doch genau das geschah.

Ich schrieb Sätze, die ich nicht gedacht hatte. Über Nacht füllten sich Seiten – in meiner Handschrift, aber fremd. Manche Passagen beschrieben Ereignisse, die noch nicht eingetreten waren. Andere riefen Erinnerungen wach, die ich längst vergessen glaubte, und trafen mich mit schmerzhafter Präzision.

Am dritten Tag hörten wir Stimmen aus dem Garten. Der Urnenfriedhof lag still wie immer, doch zwischen den Grabsteinen huschten Schatten, die nicht zu den Wolken passten. Flora warnte, wir dürften sie nicht direkt ansehen. „Es lernt“, flüsterte sie. „Es lernt, Formen zu benutzen. “

In der folgenden Nacht zerbrach die Realität endgültig.

Ich wachte auf und glaubte, noch zu schlafen. Das Zimmer war dasselbe, doch Flora saß am Tisch und starrte mich an. Ihre Augen waren leer, ihr Gesicht reglos. Sie sprach mit meiner Stimme.
„Du hast mich gerufen“, sagte sie. „Jetzt hör zu. “
Ich schrie. Oder glaubte es. Im nächsten Moment war ich wach – wirklich wach – und Flora stand neben meinem Bett, bleich und zitternd. Sie hatte denselben Traum gehabt. Wort für Wort.

Von da an wussten wir nicht mehr, was Illusion war und was real. Erinnerungen verschoben sich. Gespräche fanden statt, an die sich nur einer von uns erinnerte. Uhren blieben stehen oder liefen rückwärts. Einmal verließ ich das Haus und fand mich doch wieder im Flur, ohne zu wissen, wie.

Flora begann zu zweifeln. Nicht an dem Wesen – an sich selbst. Sie gestand, so etwas noch nie erlebt zu haben. Der Geist– oder was immer es war – drang nicht nur in mich ein, sondern auch in sie. Unsere Gedanken überschnitten sich. Manchmal beendete sie meine Sätze. Manchmal wusste ich, was sie träumen würde, bevor sie einschlief.
„Wenn das so weitergeht“, sagte sie eines Abends, „werden wir nicht mehr zwei sein. “

In dieser Nacht änderte sich alles. Etwas Neues trat zutage.
Ich fand die Seelentafel wieder.
Sie lag im Keller, verstaubt, aber unversehrt. Ich hatte sie nicht mitgebracht. Flora schwor es. Und doch war sie da. Als hätte das Wesen sie zurückgeholt. Oder nie losgelassen.
Auf der Rückseite war etwas eingeritzt. Kein Symbol, kein Name. Ein Datum:
November 1968.
Darunter, in meiner eigenen Handschrift:
*Der Tausch ist nicht vollständig. *

In diesem Moment begriff ich:
Das, was bei mir war, wollte nicht nur bleiben.
Es wollte vollenden.

Und draußen, jenseits der Mauern, begann etwas zu antworten.

Die Seelentafel blieb im Keller, doch ihre Präsenz durchdrang alles. Ich spürte sie, selbst mit geschlossenen Augen. Als hätte sie sich in meine Nerven gegraben. Flora bestand darauf, dass wir sie nicht berühren durften. „Er hat sie hierhergebracht“, sagte sie. „Jetzt will er, dass wir verstehen. “

Verstehen – das Wort verlor seinen Sinn. Alles, was wir begriffen, zerfiel kurz darauf wieder.

Flora veränderte sich. Nicht äußerlich, zumindest nicht sofort. Es war ihre Art zu sprechen, zu denken. Sie stellte Fragen, die ich mir selbst schon gestellt hatte, noch bevor ich sie aussprechen konnte. Manchmal sah sie mich an, mit einem Blick, der mir unheimlich vertraut war – als sähe ich mich selbst von außen.

„Er benutzt uns als Spiegel“, sagte sie eines Abends. „Aber Spiegel können auch zurückwerfen. “

Sie sprach von einer Möglichkeit. Kein Bann, keine Austreibung. Etwas Endgültigeres. Der Tausch, erklärte sie, ließ sich nicht rückgängig machen – aber abschließen. Vollenden. Das Wesen war zwischen uns gefangen, weil es nie ganz in diese Welt treten konnte. Es brauchte eine Grenze. Einen Anker.

Einen von uns.

Der Gedanke blieb unausgesprochen. Doch ich wusste, dass Flora ihn dachte. Und sie wusste, dass ich ihn dachte. Zum ersten Mal seit Wochen herrschte eine klare, furchtbare Stille.

In den folgenden Tagen eskalierte alles. Der Friedhof schien näher zu rücken, als würde er jede Nacht ein Stück auf das Haus zuwandern. Namen auf den Urnen flüsterten, wenn man zu lange hinsah. Die Schatten im Haus bekamen Konturen. Manchmal sah ich mich selbst am Ende des Flurs stehen – reglos, wartend.

Und dann geschah es: Ich verlor Zeit.

Stunden, manchmal ganze Tage verschwanden aus meinem Gedächtnis. In Floras Notizen – sie hatte ebenfalls begonnen zu schreiben – fand ich Hinweise darauf, was ich in diesen Lücken getan hatte. Rituale vorbereitet. Zeichen gemalt. Gespräche geführt. Mit ihr. Mit ihm.

„Es benutzt dich stärker als mich“, sagte Flora leise. „Du warst der Erste. “

Ich widersprach nicht. Der Widerstand in mir schwand. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus Nähe. Ich verstand das Wesen immer besser. Seine Gedanken waren nicht böse. Sie waren leer. Es wollte nicht zerstören – es wollte sein.

In einer Nacht, als der Mond wie ein blasses Auge über dem Friedhof hing, holten wir die Seelentafel aus dem Keller. Der Raum wirkte größer, tiefer. Die Wände verloren sich im Dunkel. Als wir die Kerzen anzündeten, begann der Zeiger sich sofort zu bewegen.

Er brauchte keine Einladung mehr.
Die Buchstaben formten keine Worte, sondern Sätze, die in unseren Köpfen endeten. Bilder überlagerten sich: mein Leben, Floras Leben, etwas Drittes, Zeitloses. Ich sah den Moment im November 1968 – nicht aus meiner Perspektive, sondern aus seiner. Wartend. Geduldig. Bereit.
Flora nahm meine Hand.
„Einer von uns muss gehen“, sagte sie. „Sonst gehen wir beide. “
In diesem Augenblick wusste ich, dass es unausweichlich war. Das Ende würde nicht darin bestehen, den Geist zu vertreiben, sondern eine Entscheidung zu treffen, die keine Rückkehr erlaubte.
Und tief in unseren Gedanken bereitete sich etwas darauf vor, gewählt zu werden.
Der Keller war kein Raum mehr, sondern ein Übergang.
Die Kerzen warfen kein Licht, sondern Erinnerungen. Ihre Flammen zeigten nicht, wo wir waren, sondern wann. Die Seelentafel lag zwischen uns wie ein Herz aus Holz, pulsierend, atmend. Und ich wusste mit einer Gewissheit, die nicht von mir stammte: Dies war der Ort, an dem Grenzen enden.
Flora hatte den Kreis geschlossen. Nicht mit Kreide, nicht mit Zeichen – sondern mit sich selbst. Sie stand mir gegenüber, und für einen flüchtigen Moment wusste ich nicht, ob ich sie ansah oder mich.
„Der Tausch begann mit einem Irrtum“, sagte sie. „Er endet mit einer Entscheidung. “
Der Zeiger bewegte sich nicht mehr. Er war überflüssig geworden. Die Buchstaben lösten sich von der Tafel, stiegen wie Rauch in unseren Geist. Ich hörte die Stimme klar – nicht laut, nicht bedrohlich, sondern still und unendlich nah.
Du hast mich gerufen, weil du gesehen werden wolltest.
Bilder überfluteten mich: mein Leben, meine Zweifel, meine Einsamkeit. Der November 1968 war kein Zufall gewesen. Ich war offen gewesen, durchlässig. Eine Tür ohne Schloss. Das Wesen hatte nichts genommen, was ihm nicht angeboten worden war.
Flora begann zu sprechen, doch ihre Stimme verschmolz mit meiner. Wir sagten dieselben Worte, gleichzeitig, ohne sie zu kennen.
„Der Anker muss bleiben. “
In diesem Moment verstand ich alles.
Der Tausch war nie dazu gedacht, mich vollständig zu ersetzen. Er blieb unvollständig, weil ich mich gewehrt hatte. Weil ich an meinem Ich festgehalten hatte. Doch genau dieses Festhalten hatte das Wesen gefangen – zwischen Sein und Nichtsein.
Freiheit hatte einen Preis.
Ich sah Flora an. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie lächelte. Nicht aus Opfermut, nicht aus Angst – sondern aus Erkenntnis.
„Du wirst vergessen“, sagte sie leise. „Und ich werde erinnern. “
Sie trat in den Kreis.
Die Welt hielt den Atem an.
Ich spürte, wie etwas aus mir wich – Schicht um Schicht, Gedanke um Gedanke. Nicht schmerzhaft, sondern befreiend. Der Keller verschwand. Das Haus. Der Friedhof. Zeit löste sich auf wie Nebel im Licht.
Das Wesen nahm Form an – nicht als Gestalt, sondern als Stille. Es füllte den Raum, dann sich selbst. Der Tausch vollendete sich nicht durch Besitz, sondern durch Verortung. Flora wurde der Anker. Nicht gefangen, nicht verloren –sondern jenseits.
Als ich die Augen öffnete, war ich allein.
Das Haus war leer. Alt. Still. Die Seelentafel war verschwunden. Niemand in Simmering erinnerte sich an eine Frau namens Flora. Der Urnenfriedhof lag friedlich da, unberührt, als wäre nie etwas geschehen.

Auch der November 1968 klingt für mich nur noch wie ein fernes Echo.
Ich lebte weiter. Ein normales Leben. Ohne Stimmen, ohne Schatten. Doch manchmal, in den flüchtigen Momenten zwischen Wachen und Schlaf, spüre ich eine Ruhe, die nicht von dieser Welt stammt. Dann weiß ich: Der Kreis hat sich geschlossen.
Der Geist, den ich rief, ist nicht verschwunden.
Er hat seinen Platz gefunden.
Und ich trage sein Schweigen in mir – wie ein Versprechen,
dass manche Türen sich nur ein einziges Mal öffnen.


 

**Schlusswort**
Manche Grenzen darf man nicht überschreiten.
Doch wer es tut, lässt einen Teil von sich für immer dort zurück.

 

 

Kurzgeschichte aus Simmering

 

 

Andreas Kmeth                                                              

(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)                                                                                                                             

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