
Albträume
Seit 1979 quälen Andy Albträume, deren Ursprung er nicht versteht und deren Dunkelheit jede seiner Geschichten übertrifft. Nacht für Nacht stürzt er in eine Schattenwelt, wo ihn etwas Unbekanntes jagt, bedrängt und zu zerreißen droht. Aus einer vagen Furcht wird ein Kampf um Verstand, Kraft und Leben. Diese Geschichte folgt Andy durch Angst, Geheimnisse und die unsichtbaren Grenzen zwischen Realität und Traum. Es ist die Reise eines Erzählers, der begreift: Manche Geschichten erfindet man nicht – sie finden einen.
Im Herbst 1979 begannen die Albträume – leise, fast schüchtern, wie Fremde, die nicht wissen, ob sie willkommen sind. Zuerst nahm Andy sie nur als Flüstern wahr, ein kaum spürbarer Druck im Raum, ein Echo, das sich nicht fassen ließ. Doch bald wuchs das Flüstern zu einem Donnern, zu etwas Lebendigem, das ihn jede Nacht heimsuchte.
Andy war ein Geschichtenerzähler aus Simmering, ein Mann, der das Dunkle liebte, weil es ihm die Worte schenkte, die er brauchte. Seine Erzählungen lebten vom Geheimnisvollen, vom Unergründlichen – Schatten, die atmeten; Türen, die in andere Zeiten führten; Stimmen, die nur er hörte. Er schrieb darüber, verlor sich in der Schwärze seiner Gedanken. Doch nie hätte er geahnt, dass diese Schwärze eines Tages etwas von ihm fordern würde.
Warum die Träume gerade damals kamen, blieb ihm ein Rätsel. Doch manchmal – nur manchmal – glaubte er beim Erwachen den Nachhall einer eigenen Geschichte zu spüren. Einer düsteren, die er nie vollendet hatte.
Die erste Nacht, an die er sich wirklich erinnerte, begann mit einem Kältehauch. Er träumte, er stünde in einem riesigen Saal aus grauem Stein. Keine Fenster. Keine Türen. Doch Schritte hallten durch die Dunkelheit. Leise, zögernd – wie von jemandem, der nicht gesehen werden will.
„Wer ist da? “, rief Andy im Traum, doch seine Stimme klang kaum mehr als ein Winseln.
Keine Antwort. Nur Atem. Schwer. Nah.
Dann sah er ihn:
Eine Gestalt, gehüllt in ein schwarzes Gewand, das nicht wie Stoff wirkte, sondern wie Schatten selbst.
Sie hatte kein Gesicht, nur einen Strudel aus Dunkelheit. Und diese Dunkelheit starrte ihn an.
Andy schrie – und fuhr schweißgebadet aus dem Schlaf. Sein Herz raste, die Bettdecke lag zerwühlt am Boden, als hätte jemand versucht, ihn festzuhalten. Sein Körper bebte. Er schnappte nach Luft, als wäre er gejagt worden. Für einen Augenblick schien die Kälte des Traums noch im Zimmer zu hängen.
Die Träume wurden immer realer. Nachts schlug Andy um sich, trat, als verfolgte ihn etwas. Manchmal entdeckte er Kratzer an seinen Armen, Wunden, die er sich nicht erklären konnte.
Er schrieb nicht mehr. Er konnte nicht. Jedes Mal, wenn er den Stift hob, tauchte der Schatten vor seinem inneren Auge auf. Und wenn er es doch versuchte, gehorchten seine Finger nicht. Worte, die er nie gedacht hatte, erschienen auf dem Papier:
„Du hast mich erschaffen. “
„Du hast die Tür geöffnet. “
„Nun kann ich nicht mehr zurück. “
Diese Sätze stammten nicht von ihm. Das wusste er. Aber wer schrieb sie dann?
Wenige Wochen später wurde der Traum Wirklichkeit. Er stand wieder im Steinsaal, doch diesmal war er nicht allein. Die Schattenfigur schwebte nicht mehr. Sie ging. Schritt für Schritt kam sie näher.
„Was willst du von mir? “ Andy drückte sich an die kalte Wand.
Die Gestalt hob den Arm. Ein Arm aus Nebel, der sich wie gefrorener Wind um ihn legte. Plötzlich presste etwas seine Brust zusammen – hart, erbarmungslos.
Er rang nach Luft. Sein Herz stolperte, ein brennender Schmerz durchzuckte ihn. Er brach zusammen.
Als er erwachte, lag er auf dem Teppich neben dem Bett. Sein Brustkorb brannte, der Atem kam stoßweise. Für einen Moment sah er eine schwarze Hand auf seiner Brust – ein flüchtiges Bild, das sich wie Rauch auflöste.
Er wusste: So würde er nicht überleben.
Das Leben verlor jede Farbe. Die Tage waren nur noch blasse Schatten der Nächte. Er ging müder ins Bett, als er am Morgen aufgestanden war. Er fürchtete den Schlaf. Fürchtete, zu sterben. Fürchtete, nicht mehr aufzuwachen. Manchmal glaubte er, im Traum zu ersticken. Oder dass sein Herz einfach aufhören würde zu schlagen.
„Ich brauche Hilfe“, flüsterte er eines Abends in die Dunkelheit seines Zimmers.
„Jemand muss mich retten … aber wer? “
Keine Antwort.
Als er das Licht löschte, glaubte er für einen Moment, ein leises Wispern zu hören – so zart wie Staub im Mondlicht:
„Du weißt, wo es begann. “
„Du weißt, wo du suchen musst. “
War es Einbildung? Ein Schatten? Oder jemand anderes?
Andy wusste es nicht. Doch tief in ihm regte sich ein Verdacht. Etwas, das er jahrelang verdrängt hatte.
Ein altes Manuskript. Eine unvollendete Geschichte. Ein Text, den er nie hätte schreiben dürfen.
In dieser Nacht schlief Andy schließlich ein, erschöpft und halb zitternd vor Angst. Wieder hörte er Schritte. Wieder sah er die Gestalt. Doch diesmal war sie nicht allein.
Eine zweite Figur lehnte im Hintergrund – schmal, hell, ein Umriss aus bleichem Licht. Sie bewegte sich nicht. Sie beobachtete nur.
Andy spürte, dass sich etwas verändert hatte. Seine Träume waren keine Träume mehr. Zwei Kräfte begegneten sich nun in seinem Schlaf – eine aus Schatten, eine aus Licht.
Und etwas in ihm flüsterte: Dies war erst der Anfang.
Die wahre Geschichte hatte gerade erst begonnen.
Die Nacht fiel über Andy wie ein schwarzer Vorhang, schwer und dicht, und er fühlte sich darin verstrickt. Er wusste nicht, warum er nicht einfach floh. Warum er sich den Träumen immer wieder stellte, obwohl sie ihn auszehrten, ihn an den Rand der Verzweiflung trieben. Doch tief in ihm sagte etwas:
Er musste weiter. Die Albträume waren keine Zufälle. Sie waren eine Botschaft.
Als er einschlief, tauchten sie wieder auf: die Schattenfigur – und die helle, schmale Gestalt am Rand der Dunkelheit.
Doch der Saal hatte sich verändert. Die einst glatten Steinwände zeigten Risse, aus denen kaltes, silbrig schimmerndes Licht sickerte. Der Boden vibrierte, als lebte etwas darunter. Ein Kern. Ein Herz. Der Schatten wandte sich ihm zu. Der Wirbel aus Dunkelheit in seinem Gesicht pulsierte wie ein offenes Auge.
„Du hast mich geschaffen“, flüsterte es.
Die Stimme klang wie viele zugleich – wütend, traurig, vertraut.
„Aber ich bin nicht allein. “
Die helle Gestalt trat vor. Ihr Körper bestand nur aus Lichtkonturen, doch ihre Präsenz erfüllte den Raum mit Wärme. Andy spürte Tränen aufsteigen – ein Gefühl, das er seit Monaten nicht mehr gekannt hatte.
„Andy… du musst dich erinnern“, sagte sie.
Ihre Stimme klang weich, wie ein vergessenes Lied.
„Bevor es zu spät ist. “
Ein stechender Schmerz fuhr durch Andys Stirn. Bilder flackerten auf wie Funken:
Ein Schreibtisch. Eine Nachtlampe. Ein Manuskript – alt, vergilbt, durchzogen von seinen eigenen Worten.
Damals, vor Jahren, hatte er eine Geschichte schreiben wollen. Sie handelte von zwei Kräften, die seit Anbeginn der Zeit in den Träumen der Menschen lebten: der Schatten, genährt von Angst, und das Licht, geboren aus Hoffnung. Doch er hatte nie begriffen, was er mit jeder Zeile tat. Sein Schreiben hatte ihnen Gestalt gegeben. Leben. Ein Tor.
Irgendwann hatte er das Manuskript liegen lassen – unvollendet, offen. Ein erschaffenes Universum ohne Ende. Ein Raum, in dem alles, was er begonnen hatte, weiterwuchs.
„Ich … ich habe euch erschaffen? “ flüsterte Andy, fassungslos.
Der Schatten lachte – ein Laut wie reißendes Papier.
„Nicht erschaffen. Befreit. “
Die Lichtgestalt legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ihre Berührung fühlte sich an wie Sonnenlicht.
„Damit etwas existieren kann, braucht es zwei Seiten. Doch du hast uns nie vollendet. Und so sind wir verloren. “
„Und du mit uns. “
Der Boden des Saals bebte. Dunkle Ranken aus Schatten schossen aus der Tiefe, griffen nach Andy. Lichtfäden lösten sich von der anderen Seite, um ihn zu schützen.
Licht und Schatten berührten sich – ein Zischen, als träfen Feuer und Eis aufeinander. Der Kampf tobte um Andy, der wie gelähmt in der Mitte stand.
„Warum greift er mich an? “, rief er dem Licht zu.
„Ich habe nie gewollt—“
„Weil du ihn unvollständig gelassen hast“, unterbrach die Lichtgestalt.
„Ein Wesen aus Angst ohne Ziel … sucht sich sein Ziel selbst. “
Die Schattenfigur schwebte vor Andy, ihre Präsenz erdrückend.
„Du hast mich geboren, aber mich vergessen“, zischte sie. „Ich bin die Dunkelheit deiner Worte. Ich bin die Angst, die du in deinen Geschichten versteckt hast. Und ich werde dich nehmen, bis du mich vollendest. “
Mit einem Ruck griff der Schatten nach ihm – kalt, erstickend. Andy verlor den Boden unter den Füßen, sein Atem stockte, sein Herz raste. Er spürte, wie er davon glitt.
„Nein! “, rief die Lichtgestalt und warf sich dazwischen.
Ein blendender Lichtschlag traf den Schatten, schleuderte ihn zurück. Andy fiel auf die Knie, rang nach Luft.
„Du musst es zu Ende schreiben“, drängte die Lichtgestalt.
„Nur du kannst den Kreis schließen. Nur du kannst uns zurück in die Worte schicken. “
Andy starrte sie an.
„Ich soll … den Traum zu Ende schreiben? Ihr Schicksal? “
„Unser Schicksal ist an dich gebunden“, sagte das Licht.
„Nur wenn du der Geschichte ein Ende gibst, können wir gehen.
Sonst wird der Schatten dich zerstören – und alles, was du je warst. “
Die Wahrheit durchdrang ihn.
Er war erschöpft, ausgelaugt, am Ende.
Doch etwas blieb: der Wille eines Geschichtenerzählers.
Langsam hob er die Hand. Im Traum erschien ein Stift in seinen Fingern – warm, schwer, vertraut.
Der Schatten heulte auf.
„WAG ES NICHT! “
„Es ist meine Geschichte“, sagte Andy, die Stimme bebend.
„Und ich werde sie zu Ende schreiben. “
Das Licht neigte sich, löste sich auf und wurde zu einem Funken, der in seine Brust glitt. Wärme durchströmte ihn, gefolgt von Kraft und Klarheit.
Zum ersten Mal seit Monaten konnte Andy wieder frei atmen. Dann begann er zu schreiben – Zeile für Zeile, Wort für Wort.
Der Saal bebte, der Schatten schrie, das Licht in ihm pulsierte. Doch bevor Andy das letzte Wort setzen, bevor er den Schatten bannen konnte, brach alles zusammen.
Ein Riss spaltete den Saal, gleißendes Weiß und tiefstes Schwarz stürzten aufeinander. Die Schattenfigur sprang auf ihn zu – verzweifelt, wütend, unvollendet.
„OHNE MICH GEHST DU NICHT! “
Andy fiel rücklings in den Riss – und die Welt verschwand.
Er erwachte.
Aber nicht in seinem Schlafzimmer.
Nicht in seinem Haus.
Über ihm flackerte ein fremdes Licht, unruhig und unberechenbar. Unter ihm spürte er kalten Stein. Langsam richtete er sich auf. Der Raum war ihm unbekannt, ein Ort, den weder Licht noch Schatten je berührt hatten.
Doch er war nicht allein. Hinter ihm hörte er leises Atmen. Ein Umriss zeichnete sich ab – jemand oder etwas beobachtete ihn. Aus der Dunkelheit drang eine Stimme, kaum mehr als ein Flüstern:
„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende… Andy. “
Das Erste, was Andy wahrnahm, war Stille. Keine friedliche Stille wie in einer schlafenden Nacht. Keine Ruhe wie im Schweigen eines Waldes. Es war eine Stille, die sich anfühlte wie ein angehaltener Atem – als wüsste die Welt selbst nicht, ob sie noch existierte.
Er öffnete die Augen. Über ihm schwebte ein fahles, flackerndes Licht, das keinen Schatten warf. Es war weder warm noch kalt, sondern schien vergessen zu haben, wie man leuchtet.
Der Boden unter seinen Händen bestand aus grauem Stein – glatt, doch lebendig, als würde er pulsieren. Ein Ton lag in der Luft, kaum hörbar, wie ein dünner, vibrierender Faden.
Und dann hörte er es: Atmen. Nicht sein eigenes.
„Ich weiß, dass du wach bist“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Langsam, mit zitterndem Atem, drehte sich Andy um. Im Halbdunkel stand eine Gestalt, weder Licht noch Schatten. Sie wirkte klarer, menschlicher. Ein Mann – oder etwas, das einem Mann ähnelte. Sein Körper schien aus Glas geformt, gefüllt mit schimmerndem Nebel, der ständig die Farbe wechselte.
Manchmal grau. Manchmal silbern. Manchmal wie eine Erinnerung. Sein Gesicht war deutlich, doch nicht greifbar. Ein Gesicht, das sich jeder Beschreibung entzog, als würden Worte daran scheitern.
„Wer … bist du? “, flüsterte Andy.
Der Mann lächelte. Sanft, müde.
„Ich bin der, der wartet. “
Andy schluckte.
„Worauf? “
Der Mann trat näher. Seine Schritte klangen, als gingen sie nicht über Stein, sondern über Zeit.
„Auf dich, Andy. “
Er streckte die Hand aus, und die Wände ringsum begannen sich zu bewegen. Sie zerfielen wie Staub im Wind, drehten sich, formten neue Strukturen, als folgten sie einem unsichtbaren Lied. Andy begriff:
Dieser Raum gehorchte nicht der Physik. Nicht der Logik. Er gehorchte Geschichten.
„Wo bin ich? “, fragte Andy, obwohl er die Antwort ahnte.
Der Mann zeigte auf die Wände, die nun durchsichtig waren. Dahinter schwebten unzählige Bilder – Szenen, die Andy kannte. Szenen, die er geschrieben hatte. Und Szenen, die er nie zu Ende erzählt hatte.
„Dies ist der Raum zwischen den Welten“, sagte der Mann.
„Der Ort, an dem alle unvollendeten Geschichten warten. “
Andys Herz zog sich zusammen.
„Ich … habe euch erschaffen? Euch alle? “
Der Mann schüttelte sanft den Kopf.
„Geschichten existieren, bevor sie geschrieben werden. Du hast uns nur gefunden. Uns Worte gegeben. Uns geöffnet. “
Ein kalter Hauch strich über Andys Haut.
„Warum bin ich hier? “, fragte Andy.
„Weil du eine Tür geöffnet hast, die du nie schließen wolltest“, antwortete der
Mann. „Schatten und Licht gehören zusammen. Doch du hast nur die Dunkelheit geweckt. “
Er lächelte traurig. „Und das Licht gebeten, dich zu schützen. “
Hinter den Wänden bewegten sich Bilder. Der Schatten, wie Andy ihn kannte. Das Licht, das ihn gerettet hatte. Und jetzt– diese dritte Gestalt.
„Was bist du? “, fragte Andy und trat einen Schritt zurück.
Der Mann neigte den Kopf, als lausche er in sich hinein.
„Ich bin das, was zwischen euch lebt. Zwischen Schatten und Licht. Ich bin Entscheidung. Richtung. Absicht. “
Andy verstand nicht. Der Mann sah ihn ruhig an.
„Ich bin der Teil deiner Geschichte, den du nie geschrieben hast. Ich bin der Wille. Die Kraft, die entscheidet, ob Dunkelheit zerstört oder Licht geschaffen wird. “
Ein Schauer durchfuhr Andy.
„Bist du das Ende? “
„Nein“, sagte der Mann leise. „Ich bin die Wahl. “
In der Ferne klirrte Glas. Eine Wand riss auf – schwärzer als der Schatten selbst.
„Er kommt“, flüsterte der Mann.
Andy hielt den Atem an.
Aus dem Riss quoll kalter Nebel, der wie Finger durch den Raum tastete. Stimmen flüsterten darin, unverständlich, voller Wut, Schmerz und… Hunger.
Der Schatten.
„Er sucht dich“, sagte der Mann. „Er braucht dich. Ohne dich kann er nicht existieren. Doch wenn er dich bekommt…“
Er schwieg. Er musste es nicht aussprechen.
Andy wusste: Der Schatten würde ihn zerstören – und durch ihn den Weg in die echte Welt finden.
„Was soll ich tun? “, rief Andy verzweifelt.
Der Mann trat näher, legte ihm die Hand auf die Stirn. Ein warmer Wind durchströmte Andy.
„Du musst die Geschichte vollenden. Aber nicht hier. Nicht im Traum. Du musst zurück. “
„Ich kann nicht zurück! Ich bin gefallen! “
„Nein. “ Die Stimme des Mannes wurde fest. „Du wurdest gerufen. Von uns. Von deinem eigenen Werk. Du musst entscheiden, Andy: Willst du die Geschichte beenden – oder dich in ihr verlieren? “
Der Raum bebte. Der Riss wuchs. Ein heulender Klang erfüllte die Luft, und reinste Schwärze drängte hindurch. Der Schatten.
Der Mann packte Andy an den Schultern.
„Hör zu! Es bleibt kaum Zeit. Das Licht hat dir Kraft gegeben. Ich gebe dir Klarheit. Aber der Weg hinaus…“
Er zeigte nach oben.
Andy blickte hinauf:
Über ihm öffnete sich ein Kreis aus weißem Licht – dünn, flackernd, schwach. Ein Loch im Himmel.
„Das ist dein Weg zurück. “
„Und du? “, fragte Andy.
Der Mann lächelte ein letztes Mal.
„Meine Zeit kommt erst, wenn du gewählt hast. “
Der Schatten brüllte.
Eine wurzelartige Hand packte Andys Bein.
Der Mann stieß ihn nach oben.
„GEH! “
Das Licht riss Andy empor – Wind, Stimmen, Atem – bis alles verschwand.
Andy fuhr in seinem Bett hoch. Kein Schweiß, keine Panik. Nur das Nachbeben eines Sturzes – und eines Aufstiegs. Auf dem Nachttisch lag etwas, das vorher nicht da gewesen war:
Ein Blatt Papier. Leer, doch warm, als hätte es jemand gerade hingelegt. Auf der Rückseite stand ein Satz:
„Du musst wählen, Andy. “
Tief in seinem Kopf flüsterte eine Stimme – weder Licht noch Schatten:
„Der letzte Teil beginnt erst. “
Der Morgen brach kalt über ihn herein, als hätte die Welt über Nacht an Farbe verloren. Andy saß aufrecht im Bett, der Atem flach, die Hände zitternd – nicht vor Angst, sondern vor Gewissheit. Das Blatt Papier lag noch immer dort. Es war warm, pulsierte, als schlüge ein Herz darin. Darunter stand der Satz, der alles veränderte:
„Nun wählen, Andy. “
Er hob das Papier vorsichtig auf. Für einen Moment glaubte er, Stimmen zu hören – leise, kaum greifbar. Stimmen von Wesen, die auf ihn warteten.
Licht. Schatten. Und die Wahl selbst.
Langsam stand Andy auf, als könnte jede Bewegung die Wirklichkeit verschieben. Er ging zum Schreibtisch. Der Stift lag bereit. Er hatte ihn nicht dort hingelegt. Als seine Finger ihn berührten, vibrierte die Luft.
Die Welt hielt den Atem an – so still, wie nur Welten sind, die auf ihre Geburt warten.
Bevor Andy den Stift ansetzte, geschah es.
Ein Knistern. Ein Schimmer. Ein Riss in der Luft, direkt vor ihm – als hätte jemand die Realität aufgeschlitzt.
Aus der Spalte quoll Nebel. Kalt, doch seltsam vertraut. Und aus diesem Nebel trat die Lichtgestalt. Geschwächt, flimmernd, als hätte sie einen großen Kampf hinter sich.
„Andy…“, flüsterte sie.
„Er hat dich gefunden. “
Die Wände seines Zimmers bebten. Möbel zitterten. Das Glas im Fenster bekam feine Risse. Der Schatten war da.
Ein zweiter Spalt öffnete sich. Tiefschwarz, verschlingend. Dunkelheit quoll hervor, zäh wie lebendes Pech, formte sich, wuchs – bis die vertraute Gestalt des Schattens vor ihm stand.
Doch er war größer geworden. Stärker. Unvollendet, aber mächtiger als je zuvor.
„Du glaubtest, entkommen zu können“, sagte der Schatten, seine Stimme ein Chor aus tausend Flüstern im kalten Wind.
„Aber du gehörst mir. Deine Angst nährt mich. Dein Schweigen macht mich stärker. “
Die Lichtgestalt trat zwischen Andy und die Dunkelheit.
„Er ist nicht allein. “
„Er war niemals allein“, rief eine dritte Stimme.
Silbriger Nebel stieg aus dem Boden auf – der Mann aus dem Zwischenraum. Die Wahl.
Er wirkte durchlässiger als zuvor, fast durchsichtig, als hätte der Schatten ihn geschwächt.
„Andy“, sagte er.
„Dies ist der Moment. Es gibt kein Zurück und kein Weiter. Nur Entscheidung. “
Der Schatten stieß einen wütenden Laut aus.
„DIE GESCHICHTE GEHÖRT MIR! “
„Nein“, flüsterte das Licht.
„Sie gehört ihm. “
Der Raum tobte im Chaos. Schatten krochen über den Boden, Lichtfäden spannten sich wie Netze in die Luft. Die Wände knackten, als wollten sie bersten. Die Wirklichkeit begann zu reißen.
Andy umklammerte den Stift. Ein winziges Ding – und doch schwerer als die Welt.
„Du musst schreiben“, sagte die Lichtgestalt.
„Du musst entscheiden“, sagte der Mann der Wahl.
„DU MUSST AUFGEBEN“, raunte der Schatten.
Andy starrte auf das leere Blatt. Darauf würde stehen, wer überlebt. Was bleibt. Was vergeht.
Doch als der Schatten erneut nach ihm griff – schneller, wütender, verzweifelter – geschah das Unerwartete. Der Stift begann von selbst zu schreiben. Andy hielt ihn zwar, doch die Bewegung war nicht seine. Worte flossen aufs Papier, als hätten sie immer dort gestanden:
„Jede Geschichte kennt einen Ursprung. Aber nicht jeder Ursprung kennt sein Ende. “
Die Lichtgestalt keuchte.
„Nein, das ist nicht—“
Der Mann der Wahl fuhr herum, seine glasartige Gestalt flackerte.
„Andy! Hör auf ihn! Der Schatten schreibt durch dich! “
Doch Andy konnte nicht aufhören. Er war gefesselt – nicht körperlich, sondern von einer Macht, die tief in ihm lag. Einer Macht, die er selbst erschaffen hatte.
„DU BIST MEINE FEDER“, schrie der Schatten.
„DEINE FURCHT IST TINTE! “
Und Andy begriff. Es war nie nur Angst gewesen. Es war Bindung. Schöpfer und Geschöpf. Autor und Schatten. Der eine unvollendet, der andere unvollständig.
Mit letzter Kraft riss Andy die Kontrolle zurück. Der Stift zitterte, das Blatt bebte, die Worte verstummten.
Alle drei starrten ihn an. Das Licht – hoffnungsvoll. Die Wahl – gespannt. Der Schatten – rasend vor Zorn.
Andy atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Monaten – frei.
„Ich schreibe nicht für dich“, sagte er leise zum Schatten.
„Und auch nicht für euch. “
Der Mann der Wahl nickte sanft.
„Für wen dann? “
Andy setzte den Stift an. Die Welt schien den Atem anzuhalten.
„Für mich“, flüsterte er.
Mit ruhiger Hand begann er zu schreiben. Nicht über Kampf. Nicht über Tod. Nicht über Sieg oder Niederlage. Sondern über Wahrheit.
Zeile für Zeile schrieb er:
„Der Schatten gehört zu mir, wie das Licht zu mir gehört. Sie kämpfen nicht. Sie warten darauf, eins zu werden. “
Der Schatten schrie – ein Laut voller Schmerz, unbeschreiblich. Die Lichtgestalt sank auf die Knie, erschöpft. Der Mann der Wahl schloss die Augen.
Andy schrieb weiter:
„Ich nehme euch beide an. Angst und Hoffnung. Dunkelheit und Licht. Keine Geschichte existiert ohne beides. “
Die Welt bebte – das Zimmer, die Risse, die Wesen. Der Schatten löste sich auf, nicht in Qual, sondern in etwas Weichem, Dunklem, Friedlichem. Das Licht verglomm, wie ein letzter, langer Atem. Sie verschmolzen. Zu einer Gestalt. Weder dunkel noch hell. Sondern ganz.
Der Mann der Wahl trat zurück. Sein Körper wirkte klarer als je zuvor.
„Du hast gewählt“, sagte er.
„Nicht Licht. Nicht Schatten. Sondern Ganzheit. “
Die verschmolzene Gestalt trat zu Andy. Sie sah aus wie ein Mensch. Wie ein Spiegel seiner selbst – mit Augen aus Nacht und einer Stimme aus Morgen.
„Wir sind deine Geschichte.
Und wir sind frei. “
Sie neigten den Kopf. Und verschwanden.
Der Raum wurde still. Die Luft klar. Das Papier vor ihm war vollgeschrieben – und warm. Doch es pulsierte nicht mehr.
Er stand auf, ging zum Fenster und öffnete es.
Die Welt draußen war dieselbe – und doch anders. Hell. Wahr. Ganz.
Zum ersten Mal fühlte Andy Frieden. Kein Schatten lastete mehr auf seiner Seele. Kein Licht brannte sie aus. Beides war da, in ihm, vereint.
Er sah das Blatt ein letztes Mal an, faltete es und legte es in die Schublade seines Schreibtisches.
Schloss sie. Ein Ende. Ein echtes.
Er setzte sich, atmete und begann eine neue Geschichte. Nicht, um etwas zu überwinden. Nicht, um jemanden zu retten. Sondern einfach, um zu schreiben. So, wie es immer hätte sein sollen. Dies war das Ende. Nicht der Dunkelheit. Nicht des Lichts. Sondern seiner Angst.
Und der Anfang seines Lebens.
**Schlusswort**
Jeder Mensch trägt Dunkelheit in sich – und Licht. Erst wenn wir beides nicht länger bekämpfen, sondern als Teil unseres Weges annehmen, wird aus Furcht Stärke, aus Chaos Klarheit, aus Schatten ein Anfang.
Denn keine Geschichte endet wirklich. Sie wandelt sich. So wie wir.
Kurzgeschichte aus Simmering
Andreas Kmeth
(a Simmeringer Gschichdldrucka, wi´ra im biachl schdeht)